
1.
Die Leserin ist von einer Reihe von Objekten umstellt. Den Brief in der Hand hat sie das Fenster vor sich. Das Fenster, das sie vor sich hat, ist aufgeklappt und zeigt sich klar und deutlich als Klappobjekt und Polobjekt. Mit so einem Objekt lässt sich zum Beispiel händeln (operationalisieren), dass es nachts kalt und dunkel und tagsüber warm und hell ist, weil die Erde sich um eine Achse dreht, also ebenfalls ein Polobjekt ist. Mit ihm lässt sich händeln, dass einem manchmal die Atmosphäre zu stickig und manchmal zu windig ist. Fenster lassen sich öffnen und schließen. Neben den Uhren, den Türen, dem Kompaß und dem Globus ist das Fenster eines der gebräuchlichsten Polobjekte im Alltag. Mit Uhren (heute: Handys) und Türen zusammen gibt es kaum ein Polobjekt, das häufiger genutzt wird. Klappstühle gibt es auch oft, aber nicht so oft wie Fenster, Türen und Uhren.
Sie hat den Brief und das Fenster vor sich. Das Fenster ist (wie der Brief) aufgeklappt. An einer Seite des Fensters sind zwei Scharniere angebracht, die zwar an der Seite liegen, aber für die Funktion des Fensters zentral sind. Wir betrachten die Linie, auf der die Scharniere angebracht sind, als eine Falte. Das Fenster besteht auch aus unerbittlichem Glas, das aber wenigstens nach Art des velums und der Tabellen gerastert ist und so die Welt vor dem Fenster mustern lässt. Der Brief ist aufgeklappt wie das Fenster und wie das Fenster hat er Falten. Es kann angenommen werden, dass es Ähnlichkeiten, Affinitäten und vielleicht sogar Verwandtschaften zwischen dem Brief und dem Fenster gibt.
Die Leserin spiegelt sich im unerbittlichen Glas, dessen Maler zu allererst und wesentlich unerbittlicher als Vermeer Vermeers Vorgänger Jacobus Vrel war (dem Maler solcher Ereignisse, die zu Unzeiten passierten und seitdem ihre Menschen bis in den Traum verfolgen und niemals loslassen).
Neben der Briefleserin (nicht vor ihr) ein Bett (von dem manche sagen, es sei Norm) oder eine Tafel (teils mit aufgehäuftem, faltigen Tuch und teils glatt gestrichen und wie ausgebügelt), darauf ein Teller, schräg, und – verrutscht- Obst; ein Stuhl und ein Bild, das wiederum einen kleinen, beflügelten Knaben mit einem Bogen zeigt. Das ist Amor. Schon im Rücken der Leserin: der Vorhang, der freundlicherweise zur Seite geschoben wurde, aber ohnehin nicht so unerbittlich wie das Glas ist, auch wenn Vermeer dieses Glas nicht so unerbittlich zeigt, wie das sein Vorgänger Jacobus Vrel tat.
2.
Es gibt Methoden, zu klären, was Letter(n) sind. Im Deutschen sind es die Letter(n), in einer anderen Sprache the letter. Das ist ein Gegenstand, der gekrümmt sein kann, weil der Gegenstand mal so/mal so vorkommt. Schon Buchstaben und Briefe können Letter(n) sein. Der Gegenstand kann insofern gebogen sein oder eine Biegung, kann abbiegen und immer noch sein, was er ist. Er kann gekrümmt sei. Eine Methode, zu klären, was Letter sind, ist es, solche Biegen und Krümmungen mitzumachen.
Ich würde diese Methode, die mit einem Protokoll kleiner Verwechslungen einhergeht, als anthropologische Methode bezeichnen, allerdings auch für die Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken reklamieren. Diese Methode arbeitet sich mit kleinen Austauschmanövern voran und testet damit jeweils die Grenzen des Gegenstandes. Statt Letter gleich mit einem Buch oder mit Grönland, einem Rechenzentrum, dem Menschen oder einen Schwarm Vögel zu vergleichen, vergleicht man Letter mit etwas, was Letter plus oder minus einem winzigen Detail ist. Ist ein Brief immer noch ein Brief, wenn ein bisschen Schokolade im Fingerabdruck daran klebt? Wieviel Süssigkeit muss darüber geschüttet werden, bis ein Brief kein Brief mehr ist? Wieviel Buchstaben kann ich hinzufügen, bis der Brief kein Brief mehr ist? Wieviel Buchstaben kann ich wegnehmen? Wieviel kann ich mir am Buchstaben sparen, bis er keiner mehr ist?
3.
Das Bild von Vermeer bietet an, die Frage nach dem Wesen der Letter(n) im Umkreis der Sachen zu stellen, die die Briefleserin umstellen. Wo liegt der Unterschied zwischen Letter und Fenster? Wie unterscheiden sich Letter und Stuhl? Wie kann man Letter und Bild auseinanderhalten? Wie unterscheidet man Letter und Bett? Letter und Tafel? Wie unterscheidet man Letter und Vorhang? Was situiert das Subjekt so, dass dieses Subjekt nicht in der Konstruktion verschalt, sondern einer Briefleserin im Umkreis von Sachen und am Rand einer städtischen Immobilie (kurz vor der Wand und dem Fenster zur Straße) einen Platz nach Art des Interieurs einräumt? Sie ist Briefleserin, dank und durch das Milieu dieses Umkreises.
Die anthropologische Lehre sagt, dass alles das, was hier vorkommt, auch da vorkommt, nur in anderer Reihenfolge. Es gibt wahrscheinlich (höchstwahrscheinlich sogar) Gesellschaften, in denen Letter auch Betten, auch Stühle, auch Fenster, auch Tafeln, auch Bild sind. Es wird Unterschiede geben, die in der einen Gesellschaft einen Unterschied machen (a difference, that makes a difference), in der anderen aber nicht. Letter wären danach von anderen Sachen zwar getrennt, aber nicht unbedingt groß getrennt – und die Trennung geht wie immer mit einem Wechsel und einer Assoziation einher.
Diese Gesellschaften müssen gar nicht weit entfernt liegen, exotisch oder tropisch sein. Im römischen Recht bezeichnet tabula picta etwas, was Brief, Tafel und Bild (auch Pinnwand könnte man sagen, tut es aber kaum) sein kann und genau das tun kann, was auch dieses Fenster tut oder was das Bett oder der Teller tut. The letter tells something, indem er es teilt, das machen Teller aber auch. Kulturtechnisch betrachtet ist Letter ein Brief dank und durch Operationsketten, die man analytisch in Trennungen, Assoziationen und Austauschmanöver zerlegen kann. Die Letter sind dadurch aber auch dem assoziiert, von dem sie getrennt sind und sie sind dank und durch Austauschmanöver, durch Subsituierung und Instituierung, das was sie sind, obschon sie etwas anderes sein könnten und obschon sie weiterhin etwas für etwas anderes sind.
Kleiner Schluckauf im Gefüge (kleines Beben wie dasjenige, das dieses bunte Obst hat rutschen lassen) und die Letter sind Fenster, zum Beispiel zur Seele eines Schreibers oder sie sind jetzt Stuhl (oder im Namen des heiligen Stuhls geschrieben) und schlicht Sitz eines unverrückten, jetzt normalen und nicht mehr verrückbaren Wissens, Fühlens und Denkens, und dann sie sind eine Tafel (ein Operationsfeld der Teilung) und ein Bild (das etwas sichten lässt und von Unsichtbarkeit gefüttert ist) und ein Bett (Norm und Ruheplatz oder aber die reguläre Stätte für ein Auf-und-ab, das vom Begehren gesteuert wird und nicht Schreiben, sondern auch Sex, Teilung der Geschlechter, Choreographie nackter Leiber oder Geschlechtsverkehr heißen kann).
Im Bereich der Begriffe läuft die Methode auch so. Man stellt die Letter neben the litter (die Sänfte, den Wurf, den Streu), neben die Leiter (Sprossen, Direktoren, Transporter), neben den Luther, den Latour und neben den Ladeur (zumindest neben das, was in und mit ihrem Namen geschrieben ist und auch sitzt), neben das Luder und den Loden, neben das Leid und neben das Leder, neben den Laden und die Lady, neben lado (Gasse), neben Laute und neben Lieder, neben das Literarische und neben das Litoral, neben litus und litura, neben eine Latte und neben latte (Milch) und Lotte, Lotto und Lot, neben Retter, Vetter, better, netter. Wo man schon beim Loden ist, kann man auch den Hoden des Widders daneben stellen, der in der Rhetorica ad Herennium als Beispiel für Bilder (imagines) genannt wird. Im Allgemeinen bleibt man allgemein. Mit kleinen Wechseln, ihren jeweiligen Perspektiven und Parallaxen wird es in Details (und nur da) schärfer, und das sind Details, die so abstrakt wie konkret sind, weil es Züge sind, deren Entzug im Auftauchen schon läuft, den Zug durchzieht und bis ins Abtauchen anhält.
Who is afraid of details? Alle diejenigen, die die Methode kleiner Verwechslungen für Wahnsinn halten und die diese Methode darum lieber lassen, dafür aber im Lexikon nachschauen. Das geht ja auch, ist nur eine andere Methode und führt darum nur zu anderen Ergebnissen. Dann ist Letter nicht das, was Tafel oder Stuhl oder Fenster oder Bild oder Bett oder Vorhang ist, dann ist Letter = Letter und nichts als Letter, streng genommen nicht einmal Buchstabe und auch kein Brief, weil dann nur Buchstaben Buchstaben und nur Briefe Briefe sind.
Diese Methode kleiner Verwechslungen ist an den Stellen scharf, die für die Kulturtechnikforschung besonders interessant sind – und das sind kleine, niedere, schwache, minore, kurze Stellen und immer wieder Details. Die Methode eines Protokolls aus Substituierungen und Instituierungen soll nicht die Erklärung, man wolle nicht auf Ontologie hereinfallen und nichts essentialisieren, mal wieder frisch und neu auftischen. Sag es vorsorglich, auch wenn niemand auf die Idee gekommen wäre. Was an Ontologie so schlimm sein soll, ist der Kulturtechnikforschung nicht ganz klar, lieber nutzt sie Ontologie nach Maßgabe der Fragestellungen, Siegert spricht insoweit zum Beispiel von operativen Ontologien.
Die Melancholiker (u.a. sind darunter Warburgianer) arbeiten ohnehin so. Sie sind nicht bloß entfremdete Charaktere, sie sind auch metabolisierende und metaphorisierende, übersetzende und übertragende Charaktere, die vom Wechsel manchmal Schub und manchmal Druck erfahren. Manchmal reisst die Melancholiker die Kontraktion mit, manchmal die Distraktion und an manchen Tagen sogar beides zur selben Zeit. Dann drehen, wenden oder winden sie sich. Schaut man aus einer Entfernung auf sie, tanzen sie. Schaut man aus einer anderen Entfernung auf sie, scheuchen sie sich.
Bei Vermeer ist Letter etwas, was eine Leserin in der Hand hat und vor sich hat, während es zu den Dingen gehört, die sie umkreisen oder umstellen. Letter gehören zum Umkreis der Leserin, darin zu den Sachen, die sie teils vor sich,teils im Rücken hat und in kleinerer oder größerer Entfernung zum Fenster als zum Vorhang oder zum Bild oder zum Teller oder zum verrutschten Obst oder zum Bett oder zum Vorhang sich befinden. Letter umreißen die Leserin und sind passagenweise ihr Umriss.
Solltest Du, oh O, das lesen, bist Du diese Briefleserin und wirst schon wissen, was zu tun ist.

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