
I.
Meine Forschung gilt grundsätzlich dem Verhältnis zwischen Recht und Bild sowie dem Verhältnis zwischen Rechts- und Bildwissenschaft. Die Methode, derer ich mich bediene wird als Kulturtechnikforschung (Vismann, 2010; Steinhauer, 2015) bezeichnet. Das heißt, dass ich mich mit der Operationalisierung von Differenz befasse, deren Elemente nach römischem Recht Personen, Dinge und Akte genannt werden. Die Operationen sind Trennungen, Assoziationen und Austauschmanöver. Sie sind auf Wiederholung angelegt, also spreche ich von Operationalisierung. So eine Wiederholung hat zwei Seiten, sie ist nämlich rekursiv und mimetisch. Juridische Kulturtechniken operieren kontrafaktisch und kreuzend. Das macht ihre Künstlichkeit oder Artifizialität aus.
In den juridischen Kulturtechniken hat das Recht nicht aufgehört, Technik oder Kunst zu sein und Antike nachleben zu lassen. Meine Vorstellung von Geschichte ist nicht die der Fragmentierung. Sie ist eine Vorstellungen von Kontraktionen und Distraktionen. Die Zeit und die Geschichten pendeln auch, wie die Reisenden und Rasenden, die Arbeiter und die Schwalben (ils Randulins) und schließlich wie alle Wesen, die ausschlagen.
In einem Teilprojekt dieser Forschung befasse ich mich mit einer Schlüsselfigur der Moderne im Übergang zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert: Aby Warburg. Der war nicht nur Kunsthistoriker, Kultur- und Bildwissenschaftler. Er war auch ein Banker, ein Rechtswissenschaftler und ‚Polarforscher‘ – alle Berufe hängen bei ihm zusammen und formieren einen eigenen wissenschaftlichen Gegenstand. Das Projekt beschäftigt sich mit diesen drei letztgenannten Berufen Warburgs. Es beschäftigt sich weiter mit dem so entwickelten Gegenstand: der sowohl als Recht als auch als Bild bezeichnet werden kann.
Zwischen 1896 und 1929 entsteht in mehreren Schüben eine Wissenschaft vom Recht und vom Bild, in der Recht und Bild weder ausdifferenziert noch stabil oder stabilisierend sind. Warburg interessiert sich für ein polares und polarisiertes Recht, also ein Recht, durch das eine Bewegung geht, in der Kehren, Kippen, Wendungen und Drehungen vorkommen – und das in Form von Bildern erscheint. Recht heißt in dem Sinne auch Regung/ Regie, meint als auch Bewegungen, die durch Bilder gehen. Warburg rekonstruiert die Geschichte des Rechts nicht als Geschichte der Lehrsätze, der Gesetzbücher, Vertragsinhalte oder Entscheidungen, sondern als Geschichte der Kalender, Akte(n), Formeln, Protokolle, derjenigen Kulturtechnik, die er ‚Distanzschaffen‘ und ‚Verleibung‘ nennt und zu denen präzise Vorstellungen über reisende und pendelnde Symbolisierungen entwickelt. Vor allem befasst er sich mit der Wiederholung graphischer Züge. Der Vertrag, das ist für ihn zuerst so eine Wiederholung eines graphischen Zuges.
Warburgs Begriff ‚Distanzschaffen‘ erinnert Juristen vielleicht an Iherings Idee der Rechtswissenschaft als einer Scheidekunst. Der Begriff der Verleibung erinnert vielleicht an Begriffe der Korporation, Verkörperung und Stellvertretung. Warburg verbindet mit dem Distanzschaffen aber keine Theorie der Abstraktion, der Isolierung und einer fortschreitenden Differenzierung, sondern eine Theorie unbeständigen oder meteorologischen Rechts. Den Begriff der ‚Verleibung‘ legt er nicht in der Tradition der Repräsentation an, er legt ihn symptomatisch an. 1929 legt Warburg mit zwei Tafeln aus dem Bildatlas, an dem er seit 1924 arbeitet, ein Ergebnis seiner Forschung vor. Diese zwei Tafeln gelten den Lateranverträgen sowie Mussolinis Versuchen, internationale Kreditwürdigkeit zu erlangen. Das Projekt stellt die Geschichte und Theorie dieser Tafeln vor und entwickelt die These, dass diese Tafeln sowohl die Summa als auch ein Manual von Warburgs Bild- und Rechtswissenschaft sind.
Eine Ausstellung ist entstanden, die ich im Herbst 2023 mit Roberto Ohrt im Achten Salon in Hamburg kuratiert habe. Auf ihr haben wir noch einmal Tafel C und 77 bis 79 in Originalgröße rekonstruiert und dazu noch das römische Bildmaterial gezeigt, aus dem sich Warburg bedient und an dem er seine Technik entwickelt hat. Wir haben römische Akten, Kalender und Illustrierte und Filme der Agentur Luce aus Rom gezeigt. Warburg bedient sich bei den Illustrierten und beim Kino, das ist bekannt. Wir haben die exakten Referenzen aus den Archiv herausgesucht, die insbesondere auf Tafel 78 eine Rolle spielen, nicht nur als Materiallieferanten, sondern auch als Vorgaben für die Montage und Komposition der Tafel.
Eine erste Publikation ist bereits in Buchform erscheinen. In der Reihe Bildfäden ist ein Band zu Kleinen Formen erscheinen, dort habe ich einen kurzen Text über Warburgs Falten publiziert. Im übrigen findet man auf dem tumblr noch unter dem #Warburgs Staatstafeln meine Zettel – die dort so etwas wie ein Making-Of dokumentieren, also das Forschungsprojekt mit seinen Irrungen, Wirrungen, Sackgassen, Resets, Fluchten, Fluren und Fluchen vorführen. Forschung muss nicht teflonisiert sein, das Zweifelhafte muss an ihr nicht abperlen oder spurenlos abrutschen. Der Forscher kann auch äußerst umstritten sein. Es dürfen sogar Zweifel an seiner Seriösität und seiner Normalität aufkommen. Es kann durchaus in Betracht kommen, dass seine Forschung pathologisch ist. Man mag so etwas fürchten, es gibt sicher auch zahlreiche Methoden und Verfahren, zu etwas zu verhindern und statt dessen in der Öffentlichkeit unumstritten, sogar ministrabel, als Verfassungsrichter vorstellbar und am besten noch präsidial zu erscheinen. Es ist aber gar nicht so schlimm, wenn es anders kommt. So etwas ist sogar Teil meines Persönlichkeitsideal als Wissenschaftler, das insoweit dem zwielichtige Projektemacher (Krajweski) und Polarforscher entspricht.
Ach ja, die Bildwelten des Wissens, das ist ein Organ der Berliner Kulturtechnikforschung, haben im 21. Heft einen Aufsatz von mir veröffentlicht, der ebenfalls erste Forschungsergebnisse präsentiert, nämlich u.a. neue Archivfunde, Neuzuschreibungen fürTafel 78 und Vorschläge zu gewechselten Perspektiven auf Tafe 78 und Tafel 79. Kurz gesagt: meine These ist, dass Warburg beide Tafeln mit einem strengen Protokoll der Betrachtung erstellt. Mehr folgt.
