Wir werden in einem Schloss sein. Wir zeigen/ wir schauen dann Thomas Heises Film „Das Haus“ von 1984 und es wird sein, als schauten wir uns um und zurück.

1.

Die Filmstills stammen aus den Eröffnungssequenzen des Films. Die Auswahl orientiert sich an den Kameraeinstellungen: pro Einstellung ein Still. Die Eröffnung führt zum Gegenstand des Films, zu dem, was an anderer Stelle the subiect, der Inhalt, das Ding, das Objekt oder aber, das hatten wir ja schon, der Gegenstand des Films genannt wird. Das ist ein Haus/ das Haus oder schlicht: Haus ist das. Das ist verschachtelt, geschichtet, verschlungen und mitten drin ein weiteres, explizit kafkaeskes Objekt, ein Paternoster. In jüngerer Zeit spricht man von objektorientierten Wissenschaften, also auch von objektorientierter Rechtswissenschaft. Dieser Film bietet etwas davon an, also sowohl Objektorientierung als auch Rechtswissenschaft, genauer gesagt: Wissen von der Verwaltung und vom Verwaltungsrecht, dazu noch Wissen vom Haus, dazu noch von einem Wissen, das gebaut/ gebildet ist und sogar haust, auch wenn dieses Wissen dann weiterhin versprochen ist und vorerst nicht zur Verfügung steht, wie die Räume in diesem Fall. Das ist ein Film von jenem Wissen der Verwaltung, das auch vis und dazu noch visuell und Vision ist.

Nur weil eine Wissenschaft objektorientiert ist und dann an Dingen, Sachen, Gegenständen oder Objekten hängt und interessiert ist , heißt das nicht, dass diese Wissenschaft nicht mehr an Ideen, Begriffen, Sprache, Text, Diskurs hängt. Ein Objekt zu finden, das nicht durch den Begriff gegangen ist, in das keine Sprache, nichts Symbolisches ode Imaginäres hineinragt, wird schwer sein, ist aber auch nicht Ziel der Objektorientierung, der wir in diesem Film begegnen. Nur weil der Film objektorientiert ist, lässt er die Subjekte nicht verschwinden, er lässt sie weiterhin auftreten.

Das Objekt, um das es in diesem Film geht, ist Haus und Haus ist Bau, building und Bild, sogar Gestell und Architektur, Fassade und Raum, Szene und Film. Die Eröffnung des Films führt uns ein Haus vor, das Berolinahaus am Alexanderplatz. Die Eröffnung führt uns auch durch Ikonographie und Bildung: Michelangelos Szene von der Schöpfung Adams blitzt in jener Sequenz auf, die zeigt, wie an Pfingstmontag süße Phantasien im Raum stehen und Pralinen vergeben werden; mit der Tischgemeinschaft sieht man etwas von der Kommunikation, in der auch da noch Kommunion stecken kann, wo sie in Ostberliner Amtstuben stattfindet. Man sieht Uhren, Kalender, Akten, Tafeln und Kartographie, also etwas von den Folgen der Notitia Dignitatum und des Kalenders des Filocalus, also Folgen Roms und mal wieder sieht man was vom Nachleben und Fortleben der Antike. Man sieht erotische Anbändelung abends am Alexanderplatz, wo damals West und Ost kurzfristig Kontakt aufnahmen, ohne gleich zusammenwachsen zu lassen, was zusammen gehört. In drei oder vier Tagen, im Verlauf von drei oder vier Tagen, (Samstag), Sonntag, Montag, Dienstag, wird der Film eröffnet. Der Zuschauer, ein Theoretiker, wird in den Gegenstand eingeführt und ins Haus geführt, ins Berloninahaus am Alexanderplatz. Dann zuerst: Abteilung Wohnungspolitik, danach Abt. Soziales, Abt. Inneres, Standesamt. Es geht auf verschlungenen Wegen rekursiv zu.

Diesen Film zeigen/ schauen wir am 8.9.2025 in Schloss R. Dorthin wird sich Abteilung Rechtstheorie eine zeitlang zurückziehen: hinter clousseauisches Gemäuer. Wir werden in Klausur gehen und uns zur Lese-, Schreib- und Diskutierretraite aufhalten. Keine Sorge, das ist ein Betriebsausflug.

Ich habe die Ehre, den Film für das Abendprogramm am Montag auswählen zu dürfen (Montag für Montag Montage) und habe mich für Thomas Heises Film Das Haus entschieden. Die Gründe werden im Verlauf ihrer Nennung mehr, nicht weniger, es müssen rutschige oder triefende Gründe sein. Mit jedem Grund, den ich nenne, fallen mir noch drei weitere Gründe ein, diesen Film zu zeigen. Meine Begeisterung ist Kaskade. Heise ist ein Meister aus Deutschland, in dem Fall des Dokumentarfilms. Der Film stammt aus einer jener untergegangenen Welten, von denen man, wenn man Mitte 50 ist, schon mindestens zwei hinter sich hat, weil dieser Film aus einer Stadt kommt und für Städte gilt, dass alle zwanzig Jahre gerufen werden soll: Die Stadt ist tot, lang‘ lebe die Stadt.

Städte sind verdoppelte Welten, die alle zwanzig Jahre den Tod erfahren, alle zwanzig Jahre sind die ausgetauscht. Der Film handelt von einer Szene, die man in der Rechtswissenschaft gerne über die Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft beschreibt. Der Film könnte insoweit Ladeur füttern und alle die füttern, die von Ladeur gefüttert werden, auch wenn er mal nicht den Staat gegen die Gesellschaft stellt. Aber der Film zeigt etwas anderes, etwas, das von der Formel Staat vs. Gesellschaft unkenntlich gemacht oder grotesk verzerrt wird, nämlich die Koextension von Recht und Stadt.

Der Film von Thomas Heise führt das Echo vor, das Verwaltung ist, aber nicht nur Verwaltung ist, weil alles, was Echo ist, sich über Elemente zeigt, die für etwas anderes stehen oder anstelle anderer Elemente stehen oder anders stehen. Der Film zeigt Verwaltung als kreisendes Echo. Er zeigt etwas von dem Recht, in dem jedes Element Übersetzung eines anderen Elementes ist. Alles hat und ist Nachhall und Nachstellung. Heise dokumentiert schlicht mit dem Blick dafür, dass der Alltag auf eine Weise eingerichtet und ausgerichtet ist, die gut auf den Begriff künstlicher Welt verzichtet kann, auch auf die Begriffe Fiktion und Technik.

Den Film habe ich über Manuela Klaut und Rembert Hueser kennengelernt, denen ich für die Vorstellung ganz herzlich danke.

2.

Ich muss abgedriftet sein. Wir zeigen und schauen das erste Kapitel aus der Abteilung Wohnungspolitik. Gesichter haben in kombinierter Weise Geschichte und Mode. Wir sind im Jahre 1984, außerhalb des Bildes und an anderem Ort: meine Pubertät zieht an, das ist das letzte Jahr, in das meine Kindheit reicht. Die jungen Frauen, die in der Abteilung Wohnungspolitik sitzen, haben das Gesicht meiner Schwester und ihrer Klassenkameradinnen. Die haben 1984 Abitur gemacht und hätten, wenn es nicht in Wuppertal gewesen wäre, auch auf diesem Amt Anträge stellen können. Happy Station von Funfun war in der Hitparade, aber nicht hier. Es braucht soviel Zeit, wie auf dem Amt wegen der Kürze nicht nennenswert ist, dass die Szene auftaucht, die sich in meinen Kopf eingehakt hat, sie stammt aus dem Gespräch zwischen der herausragenden, petriesken Beamtin und der Medizinstudentin. Sie, die Studentin, verstummt manchmal, manchmal ist sie gleich stumm; statt zu einer Antwort anzuheben schiebt sie ein Lächeln auf den Tisch und ihr Gesicht weiß dabei die Stellen, an denen es müde ist, von denen, an denen es wach ist, scharf konturiert zu unterscheiden.

Teilweise nochmal in Worten, groß und nöselnd:

Noch also ist nicht 1989, noch ist Versprechen. Ab 89 könnte sich an der Situation etwas ändern. Geballt ist der Alltag, in dem mehr als seine Gegenwart sitzt, weniger aber auch. Vorsprung zum dritten Kapitel:

Ach, es geht um’s Trachten, den Humor der Götter und um eine Welt, in der nach einem Wort von Alexej Yurchak alles für immer ist, bis es nicht mehr ist.

Da steht Wasser auf dem Tisch! Das muss the germanness of german academia sein. Thomas Heise und Nicolaus Müller Schöll, Frankfurt 2017/ Foto: FS

Previous/Next

Hinterlasse einen Kommentar