Kleiner Beitrag zum Distanzschaffen.
251. Im Scheiden. – Nicht darin wie eine Seele sich der anderen nähert, sondern wie sie sich von ihr entfernt, erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit der andern./ FN, Menschliches, Allzumenschliches II
I.





II.








III.











338.
Doppelgängerei der Natur: In mancher Naturgegend entdecken wir uns selber wieder; mit angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei- – Wie glücklich muss der sein können, welcher jene Empfindung gerade hier hat, in dieser beständigen sonnigen Octoberluft, in diesem schalkhaft glücklichen Spielen des Windzuges von früh bis Abend, in dieser reinsten Helle und mässigsten Kühle, in dem gesammten anmuthig ernsten Hügel-, Seen- und Waldcharakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller silbernen Farbtöne der Natur zu sein scheint: wie glücklich Der, welcher sagen kann: „es giebt gewiss viel Grösseres und Schöneres in der Natur, dieses aber ist mir innig und vertraut, blutsverwandt, ja noch mehr.“/ FN, Der Wanderer und sein Schatten.
295.
Et in Arcardia ego.- Ich sah hinunter, über Hügelwellen, gegen einen milchgrünen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Gräsern. Eine Heerde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kühe und Gruppen ferner, im schärfsten Abendlichte, neben dem Nadelgehölz; andere näher, dunkler; alles in Ruhe und Abendsättigung. Die Uhr zeigte gegen halb sechs. […] Links Felsenhänge und Schneefelder über breiten Waldgürteln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch über mir, im Schleier des Sonnenduftes schwimmend, – Alles groß, still und hell./ FN, Der Wanderer und sein Schatten.





In diesem Spätsommer hatte ich einen Tag zum Wandern, da bin ich zum Linienstudium in die Landschaft oberhalb des Inns zwischen Sils Maria und Silvaplana gelaufen und habe nebenbei Distanzschaffen (Warburg) trainiert. Das sind die Farben und Früchte der Schwelle zwischen Sommer und Herbst. 1000 Jahre sind die Engadiner mit Fleisch ins Veltlin herabgestiegen und mit Getreide wieder hochgestiegen, jetzt befindet sich vor unserem Haus und dem Inn das erste, kleine Getreidefeld. Die Gräser im Tal sind noch grellgrün, aber oben steigt aus ihnen schon das Rot auf und die Lerchen kippen ins Gelb, im Wald rollen die blaue Zapfen der Arven. Aus der Höhe betrachtet strecken sich die Berge südlich des Inns gotisch in die Höhe, Piz Margna wird süchtig mager. Die Verkürzung/ Stauchung durch den Blickwinkel derer, die im Tal stehen, fällt weg. In der Gegend um den Lej da la Tscheppa ist unser Kinderarzt (der von mir und meinen Geschwistern) um 1973 herum auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sein Skelett, Rucksack- und Sohlenreste wurden in der Zeit gefunden, als ich volljährig wurde. Weil Goscha einmal die These aufgestellt hat, ich würde im Alter irgendwann im Urwald, in der Wüste, in der Steppe oder im Sertão hinter dem Horizont verschwinden, statt in Heim oder Haus sitzend oder liegend zu vergehen, auch darum studiere ich solche Gegenden, vorsorglich. Kein Haus zur Sonne (Melle), Landschaft zur Sonne.
Kreativität ist jetzt nicht gerade mein vordringliches Interesse. Mein Interesse an Bildern ist eins an Technik, Artifizialität, Künstlichkeit und an dem Kreisen der Mimesis. Bei den Bildern kopiere ich, nämlich Bildkonzepte von Caspar David Friedrich. Das ist in den Linienzügen, der Komposition und im Kolorit weitgehend offensichtlich (teils sind die Fotos auf Skizzen bezogen), soll auch gar nicht kaschiert werden. Auf jedes Foto, das gezeigt wird, kommen viele Fotos, die nicht gezeigt werden.
Ich mache Bilder so, wie ich bei Musik mipfeife und in der Rechtswissenschaft mitschreibe. Ich erfinde grundsätzlich nichts. Friedrich übersetzt Landschaft in Forum/ Theater oder Bühne mit einem Charakter, den man politisch nennt, den man aber auch, mit Übersetzung, juridisch nennen kann.


Hinterlasse einen Kommentar