
Vismanns Graphien sind der an- und aufregende Gegenstand ihrer Bild- und Rechtswissenschaft. Im Titel ein Buch über Akten handelt das Buch von den Akten auch von Graphien aller Art, das heißt von (Linien-)Zügen und Trachten.
Im Titel ein Buch vom Griechenland handelt die beiden Passagen, die Vismann dort über Phyrne und über Gewandstudien geschrieben hat, auch von Graphien aller Art. Die Graphien aller Art, das sind Choreographien, Biographien, Kinemotographien, Geographien, Historiographien, Ikonographien, Psychographien, es sind Skizzen und Notizen, die im Alltag den Alltag verwalten oder eben verwalten, was verwaltet werden soll. dieser Graphien reichen aus dem Reich des Schreitens, des Tanzes, des Reigens und der Geste in das reich der Zeichnung, der Schrift und des Bildes. Diese Graphien bilden Trachten, sie sind auch Träger eines Trachtens, eines Begehrens, das rastert, mustert, um- und abschreibt, an- auf- und regt.
Kurz gesagt: Graphien aller Art trachten. In Graphien gehen die Trachten mit dem Trachten einher. So geben sie dem Menschen, seinen Stätten, seinen Verhältnissen und seinen Zeiten und seinen Welt Kontur und der Kontur Restitution, ein Nachleben. So geben sie Kontur, so nehmen sie Kontur, so weiß man noch was von Babylon und weiß noch was von Berlin, etwa dasjenige, was dort passt oder passiert und dasjenigem was dort weder passt noch passiert. Diese Graphien reissen, entwerfen das eine und verwerfen das andere. Bestehen sie? Haben die Züge Bestand? Der Mensch tracht, Gott lacht. Auch der Mensch Graphie, auch er kommt als Tracht in Betracht, Phryne ist ja selber eine von denen und in Phrynes Tuch und Trachten involviert. An allen Enden römischer Register kommen Trachten vor, alle Register trachten: die Personen, die Dinge und die Handlungen tun’s. An allen Enden der Grammatik kommen sie vor, kommt‘ vor: Die Subjekte, Objekte und Werben trachten und lassen trachten.
Begrifflich fast Vismann das Trachten im Wort „Übertragung“ relativ direkt, indirekter im Begriff der Speicherung (ein Kassieren/ Laden und Kanzeln, das mit Mantelungen/ Bekleidung einhergeht), vereinzelt im Begriff des Tilgens (wie in vertilgen/ verzehren). Vismann Geschichte und Theorie der Graphien handelt von juridischen Kulturtechniken, wie sie mit und ohne Juristen, mit und ohne Recht vorkommen und damit Teil einer Welt sind, in der kooperiert wird. Sie entwickelt die Vorstellung über exemplarische Modelle, deren Formen und Operationen sich überlappen, so das eine Zählung dieser Modelle umstritten bleiben wird. Steckt darin ein Modell, sind es zwei, drei, vier oder fünf Modelle? Steck ein vierfacher Sinn für Graphien drin? Sind es fünf? Sechs oder sieben Sinne? Ich stütze mich auf folgende exemplarische Modelle, die aus den beiden erwähnten Büchern stammen: die vaguen Linien aus den Schreibstunden der Nambikwara, das zwielichtig und wechselhaft bestehende, kursierende Material der Notitia Dignitatum, Kafkas Saum, das Pomerium (die vorgeschobene und unterbrochene Linie Roms), das Ideogramm der Kanzleien und Phyrnes Tuch. Vismanns Graphien setzen sich aus Elementen unetrschiedlicher Register zusammen, sie involvieren wie schon erwähnt (juristisch gesprochen) Personen, Dinge und Handlungen, grammatikalisch gesprochen involvieren sie Subjekte, Objekte und Verben.
Die Formen und Operationen dieser Graphien überlappen sich zwar, bleiben aber im und am Detail. Die Graphien sind sonderbar und seltsam, aber doch kommen sie damit auf, dass man an ihnen etwas erkennen kann, das man von anderswo anders kennt. Ab und zu tauchen sie sogar vor den Spezialisten für das Allgemeine und Universelle so auf, als wären sie noch nie erfahren worden, niemand habe etwas von ihnen erfahren, als gleiche diesen Graphien nichts und als fielen sie aus allem, was in der Welt seine Stellen und Zeiten hat. Und sie ähneln doch. An den vaguen Linien der Nambikwara gibt sich auf den ersten Blick kein Latein, kein Rom und nichts Bekanntes zu erkennen, auf viele Blicke hin gibt sich an ihnen nichts Entsprechendes zu erkennen. Vismann erkennt an ihnen aber das, was nicht nur im Titel Latein ist, nämlich die Ähnlichkeit mit der Notitia Dignitatum, den spätantiken Listen römischer Verwaltung. Kafkas Saum lässt die vorgeschobene und unterbrochene Linie Roms wiedererkennen. Das Ideogramm der Kanzleien lässt Albertis und Dürers velum wiedererkennen. Phrynes Tuch alles das und doch sonderbar, nirgends zum Allgemeinen aufgerichtet und zum bleibenden Fundament taugend. Vismanns Graphien sind auf eine Welt in und an anima ausgerichtet, also eine Welt, deren Übersetzung bis heute nicht aufhört, immer wieder neue Übersetzungen zu verlangen, die Vorschläge dafür machen sollen, wovon etwa Aristoteles‘ De anima seit der Antike handeln soll. Von Seelen? Von Tricks und Filmen? Von Kristallisierung oder von gebildeten Instanzen? Von Umfangbestimmung? Vom Teiler? Von dem, was Greifen und ergriffen sein kann?
Diese Graphien tragen energeia/ enargeia. Ihre Verfahren stellen nicht unbedingt etwas vor Augen, das ist sogar unwahrscheinlich oder nicht das, was sie ausmacht. Und tun die Graphien das doch mal, dann befristet. Unbedingt laden sie etwas vor Augen, manchmal kippen sie etwas vor Augen, manchmal wenden oder kehren sie etwas vor Augen. Alle diese Graphien haben Zug, mit ihnen geht es windig und meteorologisch zu. Dauernd stehen sie für anderes, kein Wunder, dass man sie nicht in die erste Reihe der Repräsentation lässt. Wenn Helge Schneider aka Doktor Hasenbein keine Zeitung liesst, weil ja doch jeden Tag was anderes drin steht, dann wird er von Vismanns Graphien erst recht die Finger lassen. Manchmal scheint es mir (vielleicht träume ich) als habe Mommsen seinem ‚ersten Schüler‘ die Edition der Notitia Dignitatum überlassen, um vom Flimmer des zwielichten Materials nicht beschattet zu werden. Dass Vismann auf das zwielichte Material zugreift und die Notitia Dignitatum gleich den Nambikara zum Schoß gibt, das konditioniert schon, was ihhre Graphien, also was ihre geschichte und Theorie der Graphie ausmacht: ein durchgehendes Sprießen; sie widersteht der Versuchung, die Notitia Dignitatum als Werk von Andreas Alciatus und des anbrechenden Buchdrucks neu zu erfinden, wie es Goodrich und Legendre gemacht haben und dananch von einigen Bild- und Rechtswissenschaftlerm fleissig kopiert und übernommen wurde.
Die vaguen Linien sind alghoritmisch wie die Listen der Digmata, wie die Karten Roms und wie die Zeichnungen bürokratischer Tafelaufstellungen der Notitia Dignitatum. Sie legen Routen/ Routinen in der doppelten Artikulation jeden Protokolls, also nach- und vorzeichnend, vor und nachzeichnend. Kein Wunder, dass sich die vaguen Linien in den tropen und römische Akten ähneln, denn in den Akten sind auch haufenweise vague Linien zu finden. Mit der Assoziation, die Vismann zwischen der einen Graphie und der anderen Graphie herstellt ist es Zeit den Titel dieser römischen Akte und den Titel der Kapitels aus den Traurigen Tropen noch einmal zu übersetzen: Notitia Digniatum meint in dieser Assoziation Verkehrskunde oder Kundenverkehr (keine Sorge, ich habe Wörterbücher und Archive in der Hinterhand, falls keiner dieser Übersetzung von Notitia Dignitatum Glauben und Vertrauen schenken will). Schreibstunde meint Bürozeit. Die Wahrheit bleibt treibend und graphisch, am Amazonas und in Rom.
Kafkas Saum ist sperrig/ sperrend und durchlässig, wie das Ideogramm der Kanzleien. Das Ideogramm der Kanzleien ist schleierhaft (ein velum) und perspektivierend wie das Tuch der Phryne. Vismann beschreibt das, was diese Graphien leisten mit einem set von Begriffen: sie cancellieren (sagen wir so: sie kanzeln), und das ist nach einem der frühen englischsprachigen Texte, die Vismann in Law&Critique veröffentlicht hat, eine Technik, Chancen zu lancieren und damit Affinitäten von Law und Love auffällig zu machen. Die Graphien lassen begehren, lassen verlangen, lassen reichen. Die Graphien kassieren (machen Kasse und Gasse), sie laden. Sie kooperieren bei Handreichungen und bilden damit Elemente von Manualen und Manipulationen. Sie instituieren händelnde und handelnde Wesen auf ihren Wegen, etwa sich als Person, Mensch, Subjekt, zum Beispiel als Häuptling der Nambikwara oder als freie Hetäre, also Römer oder Autorin zu behaupten. Sie sind dabei beteiligt, die Welt künstlich, kunstvoll und technisch ein- und auszurichten. Sie bilden oder bauen mit. Sie kooperieren bei dem, was Aby Warburg Distanzschaffen nennt. Man kann auch vom Distanzschiffen sprechen, sollte das im Hinblick auf die tropischen Wellenlinien und in unruhiger Anbetracht aller Auf- und Abzüge, die dieser Graphien leisten, auch tun.
Vismann Graphien gehen mit Unbeständigkeit um und bleiben unbeständig, da trifft sie sich mit Warburg. Bei beiden geht Historiographie mit Vorstellungen von Geschichte einher, nach denen das, was Geschichte hat, sedimentär geschichtet ist. In Episoden, wie sie teilweise seit der Antike kreisen, sind die einen Stellen sediert, die anderen Stellen aufgerührt. Mit seismischen Aktivitäten und Passionen geht alles einher. Babylon kann jetzt wieder vorliegen, oder aber: der Fall sein, und das schon dann, wenn sich nur im Büro die Akten stapeln und auf den Schreibtischen haufenweise die Papiere liegen. Die Antike lebt nach.
Vismann Graphien sind also Linienzüge und Trachten. Sie bilden das taktvoll klopfende Herzstück ihrer Theorie des Akts und der Akten. Vismanns Graphien will ich als Trachten und Linienzüge beschreiben, unabhängig davon, ob sie Sprech-, Bild-, Rechts- oder Körperakten Form geben. Ich möchte die Graphie als Zug beschreiben: trait, train, trace oder treaty: Träger und Tracht. Vismanns Arbeiten werden üblicherweise als Beiträge zur Geschichte und Theorie des Akts und der Akten, der Medien und Kulturtechniken gelesen. Den Lektüren der vorbildlich exemplarischen Autorin will ich eine weitere Wendung geben und habe dabei ein zweites, ebenso exemplarischen Vorbild im Hinterkopf, nämlich Aby Warburg. Ich will ein Verhältnis zwischen den beiden akzentuieren. Vismann liefert eine Geschichte und Theorie der Graphien, deren Linienzüge Aby Warburg in seinen Notizen explizit als Trachten bezeichnet und als Trachten zeigt. Aby Warburg wiederum liefert eine Geschichte und Theorie der Tafeln, die akt- und aktenförmig sind und damit Elemente juridischer Kulturtechniken bilden. Vismann ist in ihrem Tun alles andere als alleine. In der Reihe der Staatsrechtslehrerinnern und Staatsrechtslehrer, das ist immerhin das Fach, mit dem auch ich mich („trotz allem“) akademisch aufstelle, geht keiner und keine so beharrlich und konsequent mit etwas um, das weder in reiner Aktivität noch in reiner Passivität aufgeht. Das ist schon ein Witz und eine Pointe des Aktenbuches, so, wie es ein witz und eine Pointe der Passagen zu Phyrne und den Gewandstudien ist. Andere, viele, gehen dem ebenfalles nach, man muss nur überfliegen, wen und was Sandro Zanetti in seiner Einleitung zu dem Sammelband Schreiben als Kulturtechnik alles aufzählt (selbstverständlich wird auch Levi-Strauss‘ Schreibstunde noch einmal gesammelt und gelesen, so wie in den Band Derrida wieder gesammelt und gelesen wird). Niemand aus der gegenwärtigen Disziplin geht den Kreuzungen so konsequent nach wie Vismann; Augsberg greift immerhin vieles auf, den Saum, die Gitterstäbe und spinnt daran im Komplex des protestantischen Bundes weiter. Aber schon die Nächsten regieren verschnupft oder verstockt, was mit Vismanns Abstand zur Geschichte und Theorie permanenter Reformation und der von ihr entwickelten und geglaubten Zivilisationsgeschichte des Westens zu tun haben kann. Zu den Reaktionen der ‚Frankfurter Schule‘ fällt mir ein, was Luhmann einst nach seiner Erfahrung in Frankfurt notierte. In Vismanns Graphien kreuzen Aktion und Passion, agency und Leidenschaft, Akt und Pathos, Aktivität und Pathologie, Agitation und Hingabe. Vismanns Graphien sind fragwürdig, glücklicherweise, oder: bolisch. Wenn einmal etas gelingt, ist sie mir ein Vorbild, vielleicht noch besser gesagt: eine Eiferfeld.
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In Wellen kehren die Züge auf, wie sie in den ersten Zeilen in Helga und Ulrich Raulffs Text vom 17. November 1977 wiederkehren und in Ino Augsbergs ersten Zeilen vom 17. November 1977 über Kassiber wiederkehren. Der Anfang eines Textes ist der Nullpunkt und die Kreislinie einer elliptischen und doch wiederkehrenden, vaguen, episodischen Operation. Soweit zu gehen, von Kommunikation oder gar ‚gelungener Kommunikation‘ zu sprechen, das muss man nicht. Wenn es einem so lieber ist, kann man es tun.
Der Anfang von Augsbergs Text Kassiber kassiert etwas, nämlich das, was ihm vorgeschrieben und vor ihm geschrieben ist. Er (ver-)tilgt seine Referenz. Die Antrittsvorlesung, man könnte diesbezüglich über Generalisierung nachdenken, ist in der Frequenz der Raster und Muster geschrieben, mit denen man haufenweise schreibt. Das Kassieren ist ein vagues Abschreiben, mit dem sich Sinn in der Drift/ im Treiben vermehrt und vermindert, vermindert und vermehrt. Jeder Anfang Anfängerübung, jeder Linienzug ein Training.



Haufen ist, was wir schreiben, Haufen, was wir lesen.

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