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Vismanns Graphien: Trachten

I.

1.

Die Betrachtung ist keine Beobachtung. Die Beobachtung ist reserviert: zuerst dem Protokoll Bielefelder Welten, die dazu nämlich eine ausgefeilte Theorie der Beobachtung erster und zweiter Ordnung entwickelt und in Geschichten und Theorie der Ausdifferenzierung eingearbeitet hat. Die Betrachtung hängt an einer Kosmologie, die ich mit dem Namen Warburgs assoziiere. Das heißt, dass das betrachtende und trachtende Wesen ein aufsitzendes, phantasiebegabtes Wesen ist, dessen Erfahrung und Wahrnehmung ihm unter anderem durch die Augen und die Hände schießen. In welche Richtung? In mehr als zwei, soviel dürfte feststehen. Die Betrachtung ist doppelt artikuliert, was an ihr berührt, reizt und Kontakt aufnimmt, das kann auf anderen Bahnen zu Thema werden als das, was an ihr dirigiert, auf- und vorzeichnet. Die Betrachtung macht das alles mit, alles, was dem Wesen durchschiesst.

Wenn die Beobachtung dasjenige ist, das einer bestimmten Weise der Wahrnehmung und Erfahrung attraktiv geworden ist, nämlich einer solchen, deren Leitprinzip lautet, vom Wahrgenommen getrennt zu sein und einen Abstand zu halten, wenn die Beobachtung auf diese Weise auch ein Dogma großer Trennung stützt, dann nimmt die Geschichte der Betrachtung wohl einen anderen Verlauf.

In die Betrachtung, die im Folgenden auf unvollendbare Weise zum Gegenstand wird, soll also auch das Wesen involviert sein, das Aby Warburg als polares Wesen vorstellt – und dessen Polen er unter anderem Augen und Hand und daraus entwickelt den „Greifmenschen und das Begreifen“ zuordnet. In einer Einleitung zu den Werken von Aby Warburg sprechen Sigrid Weigel und Martin Treml von Warburgs Interesse am „affekt- und ritualbegabten Wesen“, auch das: Phantasiebegabung, dank höherer und niederer Sinne, durch Körper und Geister. Das Wesen bildet sich was ein, es fühlt sich was ein, es stellt sich was vor. Betrachtung findet statt.

Die Betrachtung kann mit einem mimetischen Verfahren einhergehen, das seine Stationen begleitet. Sie kann etwas ahmen, vor ihrem Gegenstand oder nach ihrem Gegenstand. Die Grimms nennen es ein Visieren. Die Betrachtung ritzt, skribbelt, sie benennt, sie rückt an, rückt auf den Leib und dorthin, wo das Denken stattfinden soll, auf dem Acker, in der Straße, in der Hand, den Füßen und dem Knie, und wenn es nicht mehr im Knie, Magen oder Herz stattfindet, dann die Betrachtung zum Kopf steigen, dann wieder herab und zurück dahin, wo sie sein soll. Die Betrachtung operiert auch, und das wird nicht einmal Nebenbeschäftigung zu dem sein, was Kommunikation sein soll. Sie involviert Tafeln unterschiedlicher Größe, dazu noch Tafeln beider Art, wenn man nämlich vom Begriff tabula picta ausgeht und unter einer Tafel sowohl das Operationsfeld, die Unterlage, Situierung oder den Träger [sic!] eines Bildes meint als auch dasjenige, was dem Träger aufsitzt oder aufliegt und als Bild dem Imago, der Idee und dem Ikonischen zugeschlagen wird. Von der Betrachtung ist etwas ins Sprichwort gegangen: Der Mensch tracht, Gott lacht. Die Betrachtung reisst, das wird im Kontext einer Bild- und Rechtswissenschaft immer dann eine Rolle spielen, wenn die Doppelgängerei zwischen Recht und Riss auflebt oder wenn die Doppelgängerei zwischen Recht und Ritus auflebt, oder die zwischen Recht und Ritzen, oder zwischen Recht und Regen. Überhaupt: Wo Rechtswissenschaft auf appartion science trifft, da kommt man um Betrachtung nicht herum.

Die Betrachtung geht nicht nur im Medium des Sinns auf. Sie operiert auch lettristisch, d.i. DADA, surreal, traumhaft, physikalisch, elektrisch und chemisch, bleiern und steinern, wüst und wirbelnd, schlingend und verhäkelnd. Die Betrachtung lässt nicht nur das Leben zu. Sie lebt nicht nur und ist nicht nur lebendig. Sie operiert auch im Un- und Anorganischen, da, wo kein Blut mehr zirkuliert und kein Atem geht. Über Beobachtungen erster und zweiter Ordnung ist viel gesagt, darüber wird auch viel gearbeitet. Das gibt Freiraum, die Betrachtung zu betrachten, also einem anderen als durch Beobachtung verfahrenden Erfahren nachzugehen. An der Betrachtung interessiert, was daran Trachten ist und was daran Trachten sind. Die Tracht: ein Wesen, das trachtet und trachten lässt. Das Trachten: ein Vorgang, der Subjekte, Objekte, Aktion und Passion durchzieht.

Eine These: Vismanns Graphien tauchen im Kontext ihrer Geschichte und Theorie des Akt und der Akten sowie im Kontext ihrer Überlegungen zu Phryne und den Gewandstudien auf in Form von Trachten und mit der Technik des Trachtens auf. In den Passagen zu Phryne und Blanche und den anderen, beschichteten Wesen (deren Fotos Vismann in der Edition von 2001 nicht zeigt) stecken Elemente einer Geschichte und Theorie der Trachten und des Trachtens. Das ist bei Cornelia Vismann die Geschichte und Theorie eines Begehrens, das durch das Subjekt, durch das Objekt, durch die Handlung, die Aktionen und Passionen geht. Das ist die Geschichte und Theorie eines Strebens, das durch Linienzüge und ‚Beschichtung‘ geht. Wir lesen Cornelia Vismann mit den Augen, mit denen wir auch Aby Warburg lesen. Wir greifen mit den Händen zu ihren Texten, mit denen wir auch zu Aby Warburgs Texten greifen, die selben Händen blättern dort die einen Bilder, da die anderen Bilder auf und zu. Die selben Augen streifen durch Vismanns Schreiben, die durch durch Warburgs Schreiben streifen. Es gibt ein Interesse, das erstens das Interesse an einer Bild- und Rechtswissenschaft ist und zweitens ein Interesse an der Geschichte und Theorie eines Rechts, das nicht ausdifferenziert, nicht stabil oder stabilierend ist, sondern das unbeständig ist. Wir gehen kleinen und unbeständigen Assoziationen nach. Wir schnuppern und fingern an unruhigen Objekten, wir schielen nach beunruhigenden Objekten.

Der führt doch was im Schilde. Notitia dignitatum, das ist übersetzt ‚Verkehrskunde‘ oder ‚Kundenverkehr‘; hier mit dreifachem Bild des Samson, einem römischen Tor und den Türflügel des Tempels von Gaza-Stadt.

2.

Warburgs Bild- und Rechtswissenschaft führt in der Moderne ein Interesse fort, dass er in Begriffen, Vorstellungen und Bildern der Verleibung und Einverleibung fasst. Das ist u.a. das Interesse an jenen phantasiebegabten, aufsitzenden, dabei auch unbeständig ausschlagenden Wesen, die man u.a. anthropovague Wesen nennen kann. Diese Wesen können sich auf der Innenseite des Anthropologischen und auf der Aussenseite des Anthropologischen aufhalten, kurz gesagt: in Episoden können es Menschen sein, in anderen Episoden keine Menschen, mehr noch, nämlich nicht nur ex-negativo bestimmt: In Episoden können diese Wesen Menschen sein, in anderen Episoden Nymphen oder Flussgötter, Dämonen, Geweide, Geister oder Himmelskörper.

Warburgs Wissenschaft hängt mit einer Frage zusammen, nämlich der Frage, wo er selbst beginnt, wo er aufhört – und wo dann Anderes, belebt oder unbelebt, anfängt und wo das aufhört. Das Vertrauen, mit dem Luhmann auf den Witz von Leib der Systemtheorie souverän reagiert hat, das dürfte Warburg fehlen (vielleicht hat Luhmann auch nur im Walde gesungen). Was Leib hat und was keinen Leib hat, was dem Leib assoziiert ist und was ihm nicht assoziiert ist, das ist bei Warburg unsicher – und eine der Triebfedern seiner Wissenschaft.

Die Zuversicht, das eigene und relevante Wesen sei aus dem Fleisch ausgestiegen und das Wissen habe im Texte seine Verfassung gefunden, der gesellschaftliche Körper haben sich vom politischen Körper deutlich abgetrennt, die Sicherheit, mit der juridische Bildtechniken entweder als Reste papistisch-archaischer, römischer oder kontinental-europäischer Vergangenheit von anglo-sächsischer Zukunft unterschieden werden oder zu Leitbildern des asketischen Agendasettings („der schmale Staat“) gestutzt werden, die geht Aby Warburg ab. Der Glaube, Rockefellers ‚Standard Oil‘ sei auf bisher unbekannte Weise komplex, damit wesentlich komplexer als alle bekannten römischen Assoziationen zuvor, und dieser Konzern bringe darum neue Bilder in fragmentierten Welten hervor, der geht Aby Warburg ab. Die Idee, bisher habe niemand die Künstlichkeit der Person so richtig verstanden und der Druck in der Anerkennung neuer Personen sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt geborsten, die kann sich in dem nicht sicher halten, dem die Frage nach dem Leib und der Verleibung seit der Antike so dringlich ist wie dem Warburg. Warburgs Denken ist ohnehin unbeständig und dazu noch ein Denken der Unbeständigkeit. Das, was so manche Leute als Ausgangspunkt moderner, bürgerlicher Subjektivität fixieren, den WASP, das durchgeht Warburg u.a. auf der Hochzeit seines Bruders Paul, und husch geht’s weiter zu den Hopi, um mehr zu erfahren. Von den Stationen rechtstheoretischen Denkens, die gegenwärtig in Deutschland die Lage bestimmen wollen, weicht Warburg ab: trivial und trotzdem nicht unwichtig zu sagen. Wir vergleichen Äpfel und Birnen, weil es sonst keiner tut.

Cornelia Vismann mit den Augen und den Händen zu betrachten, mit denen man auch Aby Warburg betrachtet, ist durch eins vorkonditioniert, nämlich durch ihren Abstand von der protestantischen Ideologie und ihrer Fixierung auf den pastoralen Vater, der das Machen, die Höflichkeit und den Ordnungssinn in die Welt gebracht haben soll. Hinzu kommt bei Vismann eine Faszination für das Römische (ihrer Schreibweise nach: das römische), die nicht nur eine Faszination für das Nachleben der Antike und die Archäologie dessen ist, was angeblich erst jüngst und in der Moderne aufgetaucht sein soll. Das ist auch eine Faszination für die Koextension von Recht und Stadt/ Stätten oder: rhetorischen Ensemblen.

3.

Der Mensch, so notiert Warburg im Mai 1923, besitzt niemals ein bestimmtes Recht, nämlich das Recht zu sagen, dass sich sein Vitalgefühl mit dem ganzen Umfang der in seiner Persönlichkeit vorgehenden Veränderung decke. Als Aby Warburg dieses kleine Rechtspassage während seiner Zeit in Kreuzlingen notiert, da hat er schon eine Geschichte und Theorie des Umfangs entwickelt, er spricht von Umfangsbestimmung. Er hat auch schon eine Geschichte und Theorie des Deckens, der Deckung und Decken entwickelt, die schon lange auch Geschichte und Theorie des Trachtens und der Tracht ist. Lange schon meint: seit Abschluss seiner Arbeit an Botticelli. Mehr noch: die Aufmerksamkeit, die er da am bewegten Beiwerk entwickelt, an flatternder Kleidung und flatternden Haaren ist schon Teil dieser Geschichte und diese Theorie. Sie macht sich an der Frage nach der Verleibung und an der Frage nach einer ‚Beschichtung‘ fest. Das, was den Menschen verleibt oder aber was der Mensch , das ist darin dasjenige, was ihn ‚beschichtet‘ und was er ‚beschichtet‘, ihm darin nicht nur Kontur, Unterscheidung nach Äußerem und Innerem, sondern auch bewegt und bewegend verkehrende Kontur/ Umschreibung in Geschichte gibt. Etwas am Menschen deckt sich nicht mit ihm, etwas am Menschen ragt raus.

In seiner Dissertation zu Boticelli beginnt Warburg über das und die Trachten nachzudenken. Dann kommen die Zettel, der Haufen Zettel, den Aby Warburg exakt nach dem Gespräch mit dem Rechtsvergleicher Sally George Melchior im Sommer 1896 in ein Buch übertragen lässt, weil er, so die These, durch die Amerikareise und die kleine Kreuzfahrt mit Melchior den Schub bekommen hat, in den Zetteln ein neues Buch zu sehen. Nennen wie den Gegenstand wolkig vorübergehend und jetzt schon sonnig so: Recht und Regen, um den Doppelgänger herauszupicken, das es immerhin ins Regieren geschafft hat.

Dass sich hier ein wissenschaftlicher Gegenstand durch die Elemente des Tanzes, des römischen Rechts, der Meteorologie (Gewitter/Regen) und der Bilder zusammensetzt, quer zu den Legenden von Ausdifferenzierung und Anschlussfähigkeit, das mag einer Bielfelder Welt seltsam erscheinen. Das Material liegt vor aber, man muss nur den Linienzügen nachgehen.

Reden schneiden: This Heini even wrote it out in numbers.

Wie, Trachten? Ach so, sie meinen das Tuch, das Textil (das velum), die (gelungene) Wäsche, das Kleidende, Schmückende/ Deckende und dabei Form, die im Zug ist: Verträgliches im Wechsel der Saison und durch die Wetter hindurch. Sie meinen das Raster und das Muster. Sie meinen die Belege, durch die Regen geht. Sie meinen die anthropologische Beschichtung und ihr Wirken im Geschichte. Meinen Sie doch, oder?

4.

Vismanns Texte Vor ihren Richtern nackt und Gewandstudien erscheinen 2001, also nahezu gleichzeitig mit dem Buch über die Akten. Sie erscheinen in einem Buch, das Pierre Klossowski gewidmet ist (und dem eine Schlangetafeln als Signet vorangestellt ist). Klossowski ist Kommentator des ‚ersten Baseler Archäologen‘, nämlich Kommentator von Johann Jacob Bachofen (ich sage das vorsichtshalber, falls keine Verbindung mit Rechtstheorie und Rechtsgeschichte gesehen wird). Ausserdem ist Klossowski der Autor von dem Buch zu den Gesetzen der Gastfreundschaft, in dem sich eine ausgefeilte Geschichte und Theorie des Bildregimes findet, die Friedrich Balke auf scharfe und eindringliche Weise rekonstruiert hat (dazu unter den Schlagworten Lucretia und Recht am eigenen Bild mehr). Dem Klossowski, der 2001 gestorben ist, widmet Cornelia ihre Überlegungen. Das ist ein Text der Erinnerung, der nicht auf Verinnerlichung setzt. Wie bei Vismann üblich, ist nahezu alles Instituierende in dem Text auch Substitution.

Durch die Hand großer Männer wird Cornelia Vismanns Name ab und zu durch den Platzhalter Kittlerkreis oder Umkreis von Kittler oder Michel Foucault ersetzt, ein Frankfurter Kollege aus dem Ladeurkindergarten und aus der Vosskuhlesandkastengruppe hat sich hier prominent hervorgetan. Wir bleiben dabei Cornelia Vismann einfach mal Cornelia Vismann zu nennen und nicht durch Papanamen zu ersetzen. Aber wir nehmen die Anregung auf und nennen die Jungs, die vom Kittlerkreis sprechen, jetzt Ladeurkindergarten und Vosskuhlesandkastengruppe. Aus dem lustig getauften Kittlerkreis selbst heisst es einmal, dass dieses Buch eigentlich ein Buch von Kittler und Siegert hätte werden sollen. Madame V. muss sich zuerst hineingeschmuggelt haben in den angestammten Zirkel und dort, wie ein Kuckuckskind, das gewichtige Siegertkücken hinausgeschupst haben, sagt ein Hauptzeuge so (Nebenzeuge: FS). Nun handeln beide Texte unter anderem von Figuren, die Frauen sein und mit Trachten einhergehen sollen. Die eine heisst Phryne, die andere Blanche. Dann handelt sie noch von Figuren, von denen man nicht gleich weiß, was sie sindm auch wenn sie die Geschlechter teilen.

Ich spreche in Bezug auf Phyrne und Blanche mit Bedacht von Figur/ figura: etwas daran ist nämlich inquiet/ disquiet object oder slide, selbst da, wo die Figuren auch Subjekte, Personen und Menschen fassen. Etwas daran ist frequentiell und sequentiell, etwas daran ist Episode; etwas daran akzentuiert anhand von Trennung und Assoziation das Austauschmanöver, einen Wechsel, darum also figura (wie bei dem, was rennt/ rinnt, reisst und regt etc.) Vismann schreibt sich in einen Linie ein, setzt sich auf einen Linienzug, der von Carl Friedrich von Savigny abgezweigt ist und dann über Das Mutterecht von Bachofen, über Jacob Burkhardt und Friedrich Nietzsche zu Walter Benjamin, Pierre Klossowski und Roger Caillois führt. Man lese einmal, was im Ladeurkindergarten und in der Vosskuhlesandkastengruppe über diesen Linienzug geschrieben wird (geht schnell vorüber!).

Die Figuren, von denen Vismann schreibt, sind ‚übertrumpfte‘ Figuren, archäologisch bedeckte Figuren. Das sind Figuren in Schichten, über die sich andere Schichten gelegt haben sollen. Das sind Figuren einer sedimentären Geschichte, Figuren seismischer Aktivität und seismischer Passionen. Erloschene Vulkane? In Bielefeld vielleicht, hier nicht: hier sind auch die Grund- und Unterlagen der Rechtsgeschichte und Rechtstheorie noch meteorologische Grund- und Unterlagen, auch das Vulkanische ist schließlich Gegenstand der Meteorologie. Höhlenausgang ist hier noch Terra Ronca.

Rechtsgeschichte und Rechtstheorie mögen etwas tragen, aber dieses Tragen wird ein Trachten (und das auch noch in Trachten) – zumindest mit den Linienzügen Vismannscher Graphie. Die erste Figur dieser Kosmologie ist die Hetäre Phryne. Vismann hat im Aktenbuch den Lininezug als Begehren an folgenden Modellen entwickelt: an den vaguen Linien der Nambikwara, an den Tabellen der Notitia Dignitatum (die teilweise mit den Tabellen der Schildzeichen von Tabellen von Uniformen/ Trachten bilden), mit Kafkas Saum und Schirm, mit dem schleierartigen Raster des Ideogramms der Kanzleien (das dem Tuch/ Textil entspricht). Vor dem Hintergrund dieser Modelle lese ich den Text über Phryne und die Gewandstudien.

Das heißt, dass ich das Gewand der Phyrne und das Gewand der Blanche (so heißt die Patientin auf dem Gemälde, das den Namen von Dr. Charcot trägt) als Objekt vaguer Linien, als Objekt der Notitia Dignitatum, als kafkaesken Saum/ Schirm und schließlich als Ideogramm der Kanzleien lese. Im Aktenbuch schreibt sie über Graphien/ Linienzüge, deren Tragen ein Trachten ist; im Buch vom Griechenland arbeitet sie noch deutlicher heraus, dass etwas drinsteckt, was Körper, Leib, Person, Subjekt und Mensch ‚haben‘ kann. Ich gehe davon aus, dass die vier Modelle aus dem Aktenbuch und das Modell aus dem Buch vom Griechenland ähnlich sind, verwandt oder affin sein können. Alle Modelle fasse ich im Begriff Vismanns Graphie, alle fasse ich im Begriff Linienzug, alle fasse ich im Begriff Trachten. Dass die Rechtswissenschaft, die mit dem Begriff, dem Bild, der Metapher, dem Medium und dem Text schon monumentale Vorstellungen auffährt, mit denen die exemplarischen Modelle Vismanns und die Konzepte von Graphie, Linienzug und Trachten in gweisser Hinsicht rivalisieren oder konkurrieren, das ist wohl selbstverständlich. Selbstverständlich dürfe auch sein, dass niemand, dem der Begriff und die Metapher des Begriffes, die Metapher oder der Begriff der Metapher und die Texte zu dem, was Texte sedin sollen, genügen, sich mit Graphien, Linienzügen und Trachten befassen muss. Wem Graphien keine Frage stellen, der muss sich nicht damit befassen.

Es gibt einen kleinen Unterschied zu dem Zugriff auf Medien und Kukturtechniken, den der Ladeurkindergarten oder die Vosskuhlesandkastentruppe leistet. So fragen zwei aus dem Verein in einem Buch einmal, warum Juristen so wenig zu bestimmten Themen lesen würden. Warum lesen Rechtswissenschaftler so wenig Literaturwissernschaft oder so wenig Schriftwissenschaft? Einer von ihnen unterscheidet dabei Aussenseiter, die von der Innenseite des Rechts schreiben würde, da gäbe es „inzwischen“ viele (ich denke, er meint: seit Jahrhunderten); aber es gäbe so wenige Insider, die sich mit Schrift und Literatur befassen würden, das sei ein Mangel. Kulturwissenschaftler würden über Recht schreiben, Rechtswissenschaftler aber nicht über Kultur. Der wundert er sich über die Kollegen und ich über ihm. Warum sollen sie, wenn die Kulturwissenschaftler das schon übernommen haben? Muss etwas nicht nur geschrieben werden, sondern auch an allen Stellen erscheinen? Muss die Unterscheidung zwischen Kultur- und Rechtswissenschaft leitend bleiben? Nö, wieso auch.

Kleiner Unterschied noch dazu: Man kann auch einmal ruhig davon ausgehen, dass alle immer exakt soviel wissen, wie sie wissen müssen. Zumindest muss man sich nicht zum Stellvertreter mangelnden Wissens anderer machen. Wenn einem was wichtig ist, dann kann schon reichen, dass man tut. Die Jungs, die sich über einen Mangel an Medien- und Kulturwissenschaft im Recht beklagen, sind selbst äußerst sparsam und äußerst selektiv in ihrem Zugriff. Wer von der Öffnung der Rechtswissenschaft säuselt und davon singt, das Wissen solle beweglicher werden, das ist und bleibt der Türsteher. Sein Gesang bleibt ein Fuchteln und Wedeln mit der Tür. Wer darauf reinfällt, bekommt die Tür vor die Nase gehauen. Die Frage, warum Literatur nicht überall auftaucht ist ganz einfach zu beantworten: weil sie nicht überall gebraucht wird. Es macht soviel Sinn, sich über ein Mangel an Schrifttheorie im Staatsrecht zu beklagen wie es Sinn macht, Verfassungsrechtlern vorzuwerfen, sich nicht hinreichend mit indischem Mietrecht, besonderem Strafrecht oder schweizerischem Kommunalrecht zu befassen. In den Passagen dieser Klage wird noch einmal deutlich, dass der Diskurs der Fragmentierung einer der Totalität war, ist und bleibt (was wohl schon bei Rainer Maria Rilke und bei Joseg Adolf Schmoll gen. Eisenwerth hinreichend deutlich klar gemacht wurde). Was auch deutlich wird: Die Geschichte der Melancholie ist auch für die Rechtswissenschaft nicht vorbei; das Gute an diesen Passagen ist bei aller heuchelnden oder zumindest hechelnden Einstellung doch, dass sie melancholisch sind und missen, was sie haben. Bilder sind zu bestreiten, sie sind aufzubringen; darin unterscheiden sie sich nicht von dem, was Schrift, Begriff, Metapher, Text oder Geste sein soll. Ausserhalb des Rechts wiederholt sich alles von dem, was im Recht bestritten wird. Innerhalb des Recht wiederholt sich alles von dem, was außerhalb des Rechts bestritten wird.

Vismanns Graphien lese ich nicht als Teil einer Wissenschaft, die mehr Bewegung und mehr Öffnung einfordert. Die Passagen zu Phryne und Blanche zählen zu Kritiken an Floskeln, die ich noch dem Begriff des Antijuridismus zuschlagen würde (obschon der Begriff bei Legendre, der ihn geprägt hat in eine andere Richtung geht). Der Begriff des Antijuridismus ist nicht nur der Begriff eines Rechts, das aus dem Gesetz und der Form aussteigen will, sondern auch der Begriff eines Rechts, das aus der Regung und dem Regen aussteigen will und dafür mit Geschichte von altem Starrsinn und neuer Beweglichkeit, alter Verschlossenheit und neuer Öffnung kommt.

Was in den Unterwelten oder auch, Vismann schreibt von Akten, in den Unterlagen ist, das ist ein Begehrensding. Was unter dem Gesetz ist, das ein Begehrensding. Was minor ist, ist das, was sich als Begehrensding zeigt. Dieses Begehrensding bahnt sich in veschiedensten Verkleidungen einen Weg. So schreibt Vismann am Anfang von Text über die Gewandtstudien von dem, was Trachten ausmacht. andres gemacht: die Tracht und das Trachten, das sind ‚Begehrensdinge‘ in Vismanns Wortwahl. Dieses Wort tausche ich mit Hintergedanken gegen das Wort Trachten aus, nämlich dem Hintgedanken, Affinitäten zwischen Warburg einerseits und Vismann andererseits nachzugehen. An beiden wird etwas gegen den Strich gelesen werden. Vismann nimmt mit ihren beiden Texten Institutionen und Stätten des systematischsten aller Jahrhunderte in den Blick, nämlich das Gericht und die Universität. Vom Ding trennt sie sich dabei, aber nicht groß – und nicht ohne sich gleichzeitig mit dem Ding zu assoziieren und im Austausch zu manövrieren. Weiber, Wahrheit und Wißbegier, so Vismann, bildeten schon immer ein Kartell. Das Weib, das Vismann dort schreibt, ist eine vague Figur, wellend, wogend und wippend nämlich. Dieses Weib surft, es ist eines der ausschlagenden Wesen, dessen Ausschlagen auf und ab geht. Vague am Weib ist auch das Wüste (das Weib hat den corpus quasi vas), aber nicht leer und unbestimmt ist es, dabei äußerst präzise – das ist die Bahn von der Vismann schreibt, der Zug. Das Wesen kommt in Frequenzen dem Subjekt, in Frequenzen dem Objekt näher – es zieht durch das Schreiben, das Autorin und Gegenstand assoziiert. Vismann schreibt vom Stoff der Leidenschaften, vom Deckmantel Antike – und von denen, die vom Faltenwurf und Drapierungen etwas wissen wollen (etwa von denen, die wissen wollen, wie sie das jetzt alles meint, wohin dieser Text führt oder wen er verführt).

Die beiden Texte zeigt nicht nur Gewänder und ihre Körper, sie bedecken sie auch (aus mindestens ökonomischem Kalkül). Im Text von Phryne und Blanche stecken also eine Reihen von anderen Bildern, die Vismann aufruft und denen sie damit Text und Schrift überwirft. Das sind die untem folgenden Bilder, die Schleierfotographien und Drapierstudien von Gaetan Clerambault (einem der Lehrer Lacans). Schon die Passagen über Phyrne und Blanche muss als als Forsetzung der Modelle aus dem Aktenbuch lesen: Das sind Passagen über den Akt, den Vismann Aktenakt, aber auch Schreibakt nennt – und denn man auch als Bild- und Tafelakt entziffern kann. Die Fortführung einer Geschichte und Theorie des Akt und der Akte durch die Figur der Phyrne ist schon häufig kommentiert worden; die Passagen zu Clerambault führen weiter, was Vismann im Aktenbuch an Kafkas Saum und am scrinium (Schrein/ Schirm/ Schrank(e) entwickelt hat, nämlich eine kleine Geschichte und Theorie des Saums und des Säumens, die sie hier an Knoten/ Schlingen weiterführt, nämlich an der Praxis ‚leicht lösbarer Ligaturen‘. Hegel, Burkhardt und Clerambault sind von einem Merkmal antiker Gewänder besonders fanziniert, daran erinnert sie, nämlich am Ungenähnten oder Gesäumten (einer Operation, die Assoziation, Trennung und Austauschmanöver in sich erhält und darin Ligatur und Lösung ist; das ist ein Modell loser Kopplung, das Vismann vom Dispositiv des antiken Bundes macht, einer freien Assoziation, die so leicht eingegangen werden kann, wie sie gelöst werden kann). Wer hat Angst vom Schleier? Die Vismann nicht, haben die Albertianer ja auch nicht, Dürer auch nicht, warum also sollte sie mit den phobischen Reflexen reagieren, die man im Ladeurkindergarten wahrnimmt, wenn es dort um Schleier und jene Zonen geht, die nicht zum Westen fähig sein sollen? Hoffentlich witzig, wie dieser Garten heute Vismann liest und Passagen ihres Werkes kommentiert, als ginge es darum, sich Strohhalme zu schnappen. Ich generalisiere mal wieder, dem römischen Kalender folgend, im wütenden Zug, in Wirklichkeit gilt Mangold: Kennst Du einen, kennst Du einen.

3.

Ist sie schon fertig? Nein, sie ist noch nicht fertig. Kommt noch einiges. Der nächste Schritt: Heuzey, Bieber, Maysenbug.

Das Wesen, das den Platz des Dogmas der Ebenbildlichkeit einnimmt, organisiert seine Ähnlichkeit auch darin, bekleidet und darin betrachtet, dazu auch tragend und trachtend zu sein. Vismanns Bild- und Rechtswissenschaft zielt auch auf das Menschenbild und seine Assoziationen. Sie nimmt mit den beiden Gemälden, die sich zur Illustrierung der Texte ausgewählt hat, Formen des Subjekts, der Person oder des Menschen in Blick, die im Zug sein sollen. In dem Buch hat sie dabei eine Doppelseite gestaltet, zwei Gemälde aus dem systematischsten aller Jahrhunderte zu einem Kreis, genauer gesagt zu einer Ellipse angeordnet. Man kann sich gut Vorstellung, dass die Zuschauer im Bild Theoretiker sind, Beobachter wohl auch. Charcot (mit Assistent und Schwester) und Hypereides, Blanche und Phryne sind diejenigen, die das Trachten/ die Trachten/ die Betrachtung aufbringen. Charcot lässt Blache aufstellen, wie ein slide, wieso wie? An Blanche gleitet das Gewand tatsächlich ab; sie folgt dem Schlitterprotokoll, die Form ist im Zug passioniert dargestellt. Hypereides in der Version, die Gerome aufgreift, macht die Form im Zug zum aktiven Motiv des Bildes. Vismann fokussiert das Menschenbild über ein Denken des Außen, dessen Form im Zug ist.

Das Wesen organisiert seine Ähnlichkeit nicht nur. Es bildet seine Ähnlichkeit auch durch das Unorganische, also jene unbelebten Zonen, die Aby Warburg als Zonen eines hantierenden Tieres mit den Begriffen von Tragik und Tracht beschreibt und als Operationsfelder seiner Vorstellung von Verleibung und Einverleibung begreift. Dort erfährt sich das anthopovague Wesen, daran erfährt man es. Nach Warburg beginnt die Zone mit den Haaren und Nägeln, die er insoweit als Gerät sieht.

Margarate Biebers Fotoband zu griechischer Kleidung: Letzte Stelle, eine Erwähnung, vor der Doppelseite mit den Gemälden von Phryne und Blanche ( Griechenland in Brandenburg).
Das erste Bild, wieder eine Erwähnung, nach der Doppelseite mit Blanche und Phryne, dazu noch das letzte Bild in Vismanns kleiner Geschichte und Theorie der Tracht und des Trachtens: Alfred von Meysenbugs Aufnahme des Busenattentats.

II.

Cornelia Vismann erste Texte (wir zählen zwei), die über die Gemälde von Pirodon und Gérô mit klassischen Objekten der Kunstgeschichte bebildert sind, geltem einem antiken Vorbild, durch das die Betrachtung geht. Phryne und Venus Aphrodite sind die zwei, schon verteilten und an höheren und niederen Stellen registrierten Namen dessen, was in und an der Antike Vorbild ist, indem sein Werden Betrachtung ist. Vismanns Bild- und Rechtswissenschaft ist eine abgezweigte Wissenschaft und sie ist von einem der Väter der deutschen Rechtswissenschaft, nämlich von Friedrich Carl von Savigny (dem sogetauften Begründer der historischen Rechtsschule), so abgezweigt, wie das der erste Baseler Archäologie, Johann Jacon Bachofen, getan hat. Wenn, wie jüngst behauptet wird, Savigny etwas in der deutschen Rechtswissenschaft blockiert haben soll, dann war es entweder so, dass Bachofen dagegen immun war – oder ist er selbst ein Block. Bachofen entwickelt eine Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, die nicht mit dem Vertrag, Schwur und der Urkunde, aucg nicht mit dem Vateropfer beginnt, sondern mit Anarchie und der Geschichte der Frauen. In dieser Rechtsgeschichte und Rechtstheorie sind Frauen und Bilder aus vielen Gründen affin, sie wären alle aufzuzählen.

Aby Warburg reicht 1891 eine Dissertation ein, die diesem antiken Vorbild gilt, also dem strandenen Wesen, der Göttin Venus Aphrodite, die Phryne nachgestellt haben soll. Warburg schreibt, dass die Antike ein Vorbild sei, das etwas verlange, nämlich gesteigerte äußere Bewegung. Die Antike ist schon lange verdoppelt, im doppelten Sinne schreibt auch Warburg von ihr. Sie erscheint da, wo sich Maler und Zeichner an Vorbildern ‚anlehnen‘, wenn sie äusserlich bewegtes Beiwerk, Gewandung und der Haare, darstellen. Die Antike ist, was Formel ist und Formel ist, dessen Verfahren die Wiederholung ist. Die Besucherin in der Kunsthalle in Hamburg versteht das Bild, sie stellt etwas nach. Norm ist hier, was Form ist und zur Wiederholung drängt. Das Vorbildliche daran ist die Bewegung, deren Steigerung mit Skalierung und Stratifikation einhergeht, also jene Bewegung, die auf- und abgehen kann. Warburg geht in seiner Dissertation den Verkettungen der Vorbilder protokollarisch minutiös nach, erstellt also ein Protokoll, das von Botticelli über Poliziano, Alberti, di Duccio hin zu antiken Objekten führt – unter anderem zu den vaguen Objekten, die man Sarkophage Objekte nennt, weil sie das Fleisch verschlingen sollen und zu Ovids Fasten, dem Kalender, von dem man höflich sagt, er sei ein Text. Sowohl Cornelia Vismann als auch Aby Warburg schreiben in den Passagen von einer Mimesis, die man mit Maria Muhle aus vielen Gründen eine mindere Mimesis nennen kann, sie wären alle aufzuzählen.

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