römisch, ein Gerücht

1.

In den römischen Institutionen, das heißt in Quintilians Manual, einer der archäologischen Fundgruben juridischer Kulturtechniken, heisst es, dass die Satyre die einzig römische Erfindung sei. Das ist ein Gerücht, man weiß nicht sicher, ob das stimmt. Das ist ein Gerücht, aber immerhin normatives Material: das ist das Zeug des Konjunktivs und damit auch dessen, was sein oder gewesen sein soll.

Das Gerücht hat die Substanz, die auch Gerüche und alle die Dinge und Wesen haben, die reizend, gereizt und ndch kleiner als Staub, mithin Schwebeteilchen oder meteorologische Objekte sind. Kommt ein Gericht aus der Küche, dann ist es auch so ein Gericht dem Gerücht affin. Oder sogar verwandt. Die Engländer sprechen in Bezug auf Reiz der Schwebeteilchen von seasoning, dressing oder tempering, also von einem Vorgang, der auch im Vorübergehen anhalten kann und auf elementare Weise Zeiträumen assoziiert bleibt. Auch so ein Vorgang kann gründlich sein, auch wenn die Formulierung dann ein schräges Bild liefert. Gerüchte, so sagen einige, würden nicht riechen, sie würden rüffeln. Das Wort habe nämlich einst Gerüft gelautet und es sei weiten Teilen der Leute fremd geblieben. Man sagt, die Leute hätten das Wort Gerüft lieber ersetzt, sogar das Wort Gerücht sei von dieser Bewegung erfasst worden, auch dies Wort habe man ersetzen wollen. In Basel, da, wo das Rheinknie ist und später Johann Jacob Bachofen eine ganze Rechtsgeschichte aufbaut, die im nachdrücklichen und doppelten Sinne gerüchteweise sein soll, da habe man 1523 noch eine Lutherbibel gedruckt, in der man das Wort Gerücht durch Geschrei ersetzt habe, weil man wie gesagt mit dem Gerücht und dem Gerüft fremdelte, beide nicht so recht in den Mund nehmen wollte. Manche sagen heute noch lieber Gerede: das Gerücht sei nichts als Gerede. Der Rüffel ist eine Riechorgan, das länger oder kürzer und mehr oder weniger Rückschlüsse auf das, was ist, ermöglichen soll, sagt man. Manche nennen ihn Rüssel.

Was saisonal ist, und das sind der Satyr und Satire, solange sie Gerücht bleiben, das ist auf Achse. Solange etwas auf Achse ist, bleibt es polarisiert, wie die Jahreszeiten, die kreisend kommen und gehen. Die Saisons kreisten elliptisch durch die Zeiträume, die kürzer und länger als Mondphasen und Sonnenjahre sein können. Sie gehen dabei auf und ab. Der Satyr ist mit der Satire auf Achse, da ist ein Wagen. Sie riskieren dies und das, gefährden das und dies. Sie nehmen einen mit. Sie sind anziehend, auch wenn sie mit Druck auftauchen. Sie gehen vorüber und halten doch zu etwas an. Sie gehen auch auf und ab.

Kommen das Gerücht, das Gericht oder die Gerüche an der Satire, am Satyr, satirisch oder saturiert auf , dann speisen und füttern sie etwas. Sie stillen auch etwas, aber kein Bedürnis, nicht lange. Durch ihr Stillen, das auf Englisch nur zeitlich bedingt und auch wegen der Satire und Satyre satisfaction, unbedingt aber tacit zu nennen wäre, hört nichts von dem auf, was dieses Stillen hervorgebracht hat. Das Gegenteil ist eher der Fall. Die Satyre und Satire gehören zum Gefolge des Dionysos, sie alle haben etwas Saturnalisches: Was satt ist, ist ihnen nie perfekt und erledigt. Sie bleiben unersättlich.

Der Appetit kommt beim Essen, das Begehren bei den Referenzen. Immerhin ist die Lex Satyrica kanonisches Recht geworden. Dieses Gesetz ist das komische Gesetz, das too moch, too soon und insoweit bald, bolisch und geballt ist. Unter diesem Gesetz liegt der Akzent auf occassio und Akzident, seine Gerechtigkeit ist der Zufall, der Unfall, der Beifall und der Fall. Das ist das Gesetz einer unbeständigen Äußerung.

2.

Ein Haufen Blätter liegt vor, wie Laub, rasch‘ geschrieben und weiter raschelnd. Bevor ich mich mit den Lateranverträgen und der Gründung eines neuen römischen Staates befasst habe, habe ich mich einmal mit den römischen Verträgen, der Verfassung Europas (erinnert sich noch jemand) und der Bildverwaltung befasst.

Die Blätter sind in dem Heft erschienen, das Vismann römisch genannt hat und der Verlag auf dem Cover Römisch bezeichnet hat. Das musste aber auch passieren, diese Verwechslung zwischen r und R, zwischen kleinem und großem Buchstaben. E pistola est. Quid est epistola? Tacitus nuntius. Es ist dasjenige Wissen römisch, das tacit knowledge ist und darum den Begriffen vorgeht und unterliegt.

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