the making of sils maria/ ova da fedacla

November I (2025)

1.

In der Gegend sprechen sie Rumauntsch, genauer gesagt Puter.

Rumauntsch ist eine autochthone Sprache, Puter heißt der Dialekt. Bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde Rumauntsch/ Puter vornehmlich gesprochen. Flurnamen, Rezepte und Einkaufslisten wurden im Alltag in Rumauntsch/ Puter wohl auch geschrieben. Bis weit in die Moderne hinein blieb Puter aber vor allem mündlich tradiert. Es gab kein Wörterbuch, keine Grammatik, die das Sprechen so systematisiert haben, wie man das bei Sprachen macht, die Institutionen und Manuale haben.

Rumauntsch/ Puter ist bis dahin also vornehmlich im Sprechen geblieben. Sprechen ist ein minderes Tun, das ist etwas anderes als Hochsprache. Man nimmt im minderen Tun des Sprechens mehr von den Austauschmanövern, den Wechseln und Verwechslungen, den Ab- und Aufweichungen, Verhärtungen und Zuspitzungen wahr. Das Sprechen ist deutlich vague und darin noch präzise. Die Sprache hingegen ist systematisiert und in der Abstraktion oft auch unbestimmter als des Sprechen. Man spricht von Hochsprachen, und das Rumauntsch/ Puter hatte diesen Status nicht. In Hochsprachen nimmt man mehr von den sauberen und vollzogenen Trennungen wahr. Dass die Differenzierung aus sei, das ist eine Vorstellung, die leicht fällt, wenn es Bücher und Fußgängerzonen gibt, die einen datierte Auflage und die anderen eine regelmäßige Straßenreinigung haben. Ob es eine weitere, aktualisierte Auflage gibt oder ob was vorübergehend verstellt wurde, das kann man in beiden Fällen nämlich nicht wissen. Mit datierten Auflagen und regelmäßiger Reinigung kommt der Eindruck auf, den manche Juristen von der Dogmatik haben, nämlich dass sie die Dinge feststellen würde.

Die These lautet, dass man am minderen Machen noch mehr Details und noch Präziseres von den Regungen des Distanzschaffens betrachten. Mit diesem Distanzschaffen gingen Letter und Tafeln durch Rom und verkehrten dort. Nach Rom pendelten sie, diese kleinen Elemente und Operationsfelder der Kulturtechniken, an deren juridischer Seite ich forsche. Warburg übernimmt von dem Junggrammatiker Osthoff eine These, die in eine andere, aber ähnliche Richtung geht: Bei Superlativen und starken Erregungen greifen die Sprecher auf entfernte Sprachen zurück. Das assoziiert Warburg mit seiner Theorie der Pathosformel: Ginge es darum, starke Erregung zu zeichnen, dann würden die Zeichner auf entfernte, nämlich antike Formeln zurückgreifen. Deutsche Teenies haben die Tendenz, love statt liebe auf die Bänke und die Plastikkästen der Stadtwerke zu kritzeln. Sie schaffen damit auch Distanz.

Das mindere Sprechen ist Sprechen in kleiner Entfernung, da wird jede noch so lichte oder klamme Regung wahrnehmbar. Die Hochsprachen und weit entfernte Sprachen geben den Eindruck, sie stünden fest.

November II (2025)

2.

Es gibt Zweigstellen, an denen Wörter, Begriffe und Bilder auftauchen, die dort eine Entwicklung in unterschiedliche Richtungen nehmen, schon weil sie und alle ihre Elemente aus unterschiedlichen Richtungen gekommen sind. Schon die Striche und Punkte, schon die Laute tun es. Wörter und Begriffe sind an diesen Zweigstellen nicht nur mehrdeutig, sie werden dort selbst zu Scharnieren und zu Kreuzungen, an denen und in denen das Sprechen und Schreiben sich wendet und windet. Auch die Bilder sind davon betroffen. Eine Entwicklung, die eben noch akustisch verlief, verläuft ab dieser Zweigstelle graphisch, was eben noch sinngemäß eine Linie bildete springt hier in die nackte Form oder ins Geräusch. Wechsel und Verwechslung sind hier in allem identisch. Im Wort verstellt sich ohnehin jedes Mal etwas vom Wort, früher oder später wird es ein anderes oder etwas anders als ein Wort. Im Bild verstellt sich was vom Bild. Selbst die Striche und die Laute verutschen. Die Verstellung mag in Zeitlupe vor sich gehen, man nimmt es nicht wahr und doch passiert es. Es gibt an den Zweigstellen deutliche Verwechslungen und Verdoppelungen, wie etwa die nusch nusch-cata, die Muskatnuss oder noce moscata, an der das Sprechen etwas von noise/ information nächtlich bis dämmernd wahrnehmbar macht. Man spricht hier nicht nur Puter. Im 19. Jahrhundert, so hat es Ugo Bivetti der Geschichtensammlerin Daniela Kuhn für ihr Buch zu den Lebensgeschichten aus Sils Maria erzählt, hätten die Leute aus dem Bergell ‚das ganze Tal (gemeint ist das Fextal) innert weniger Jahre‘ aufgekauft.1 Sein Großvater schlug 1877 zu, seitdem besitzt die Familie die Maiensäss, von der es zum letzten Hotel des Tales und dann in die typische Stille am Endstück eines Trogtals nicht mehr weit ist. Ehrlich gesagt sind es nur noch ein paar Schritte, aber man wird hier so ungeduldig, endlich dort zu sein, dass man ins Offensichtliche hinein den Gedanken ausformuliert, es sei nicht mehr weit. Nur noch ein Schritt ist es und doch sagt man sich noch, gleich gleich sei man da, so saugt das Trogtal. Die haben ihr Bergaiot und ihr Bargaiot, also die beiden Sprachen aus dem oberen und dem unteren Tel des Bergells mitgebracht. Die Sprachen wuchern hier wie Blaubeeren an Südhängen, ich meine die kleinen, fast schrumpeligen. Man weiß an den Zweigstellen gar nicht, wieviele Sprachen einer in einem Augenblick gerade spricht.

Die Leute sprechen, auch wenn sie sich versprechen oder wenn sie (sich) etwas versprechen. Ova ist ein Quellbach, kein weibliches Ei, aber doch ein Ursprung. Eau heißt hier einerseits nicht Wasser oder O, aber ich, also doch auch O und ich, wenn ich bin, weil ich summe (also begehre oder verkehre und damit nach Heraklit tue, was alle tun, nämlich renne, rinne, reige, rege, richte, reiche und reiher). Küche und Flur sind neben den „Nachtlokalen“ die regsamsten Sprechorte. Die Energier der Übertragung läuft manchmal graphisch, springt dann aber an einer Zweigstelle ins Akustische und läuft dann dort weiter; manchmal ist es anders herum. Manchmal läuft sie auf einer Spur, die von den Leuten im Feld des Inhalts oder der Semantik regoistriert wird, dann springt die Energie der Übertragung aber auf physische Bahnen, und umgekehrt passiert das auch. Um einen Sinn für die Unbeständigkeit zu entwickeln, hilft es, melancholisch talentiert oder gleich ein professioneller Polar- und Polloiforscher zu sein; es hilft auch, die Küchen und die Nachtlokale oder einfach Seitentäler zu besuchen.

  1. Daniela Kuhn, Zwischen Stall und Hotel. 15 Lebensgeschichten aus dem Engadin, Zürich 2012, S. 118 ↩︎

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