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Todschick in Venedig

1.

Wir geben für diejenigen, die in den letzten Jahren erfolgreich an der Geschichte-und-Theorie-WG in Sils Maria teilgenommen haben einen Meisterkurs in Literaturverfotografierung. Bücher werden gestellt, Hotelzimmer und Essen werden bezahlt. Kamera, Bleistift und Zettel müssen von den Teilnehmern mitgebracht werden. Anmeldung im Büro.

Exkursion ist exzessive Rekursion: weitscheifig geht’s mal wieder zu.

***

2.

1995 herum war es soweit. Kommunikation war nicht mehr der letzte Schrei. 5 Jahre zuvor wurde dem Marx-und-Engels-Zentrum auf der Gathe in Wuppertal der Geldhahn endgültig zugedreht. Genau so lange wurden auch schon keine Jesus-Center mehr gegründet. Das waren einmal Orte für ideale Kommunikationsbedingungen und eine offene Gesellschaft, aber nicht für ihre Feinde. Dort durfte man zum Beispiel ausreden. Vielleicht war die neue Frankfurter Schule und der Spott von Traxler oder Henscheid Schuld, vielleicht doch Helmut Kohl, vielleicht auch die vielen, die die Chance zum Ausreden nutzen wollten, es auch taten, aber nichts zu sagen hatten. Auf jeden Fall war Kommunikation nicht mehr der letzte Schrei. Jetzt waren es Medien. Ab jetzt gab es auch Internet auf die Art, mit der es etwas wirklich gibt, also ‚umme Ecke‘ und leicht zu haben. Die Habermas-Luhmann-Debatte, war jetzt plötzlich ‚was war’n das nochmal?‘. Eins war cool: die Leute wußten endlich, was den Unterschied zwischen Kittler und Luhmann ausmacht. Das Marx-und-Engels-Zentrum hielt dicht; aber Buchramschläden eröffneten.

Zumindest mir der erste Klassiker dieser Situation (erste Hälfte der Neunziger Jahre in Westdeutschland), vielleicht sogar der Klassiker dieser Situation schlechthin war das Buch Venedig oder Die Macht der Phantasie. Die Serinissima – ein Modell für Europa von Lars Cassio Karbe. Die Situation ist also die gewesen: eine Kreuzung aus Zeit und Raum, die zufällig durch Wuppertal zog und auf der es wimmelte, ohne zur Ruhe zu kommen. Das Buch basierte nämlich auf einer Habilitation, die Karbe am legendären Fachbereich 5 an der BUGH in Wuppertal eingereicht hatte. Das war der Fachbereich, in den man alle die Fächer packte, die sonst in keinen Bereich passen würden. Verschiedene Fächer wurden da also gelehrt, unter anderem Drucktechnik und Kommunikationsdesign. Im Sprachgebrauch sagte man damals, Karbe hätte seine Arbeit bei Bazon Brock eingereicht. Das so zu sagen war nicht nur nicht unbedingt falsch, es stimmte sogar und war treffend. Der war in der Situation nämlich das, was man einen starken Dekan nennt und in § 27 HochschulgesetzNRW seinen positivrechtlichen Niederschlag selbstverständlich so gefunden hatte, dass Bazon bis heute darauf beharrt, diese Vorschrift sei erst dank und durch ihn zum Gesetz geworden. Brock hat sich garantiert dann auch für diese Arbeit stark gemacht, wie man so schön sagt. So ist er eben.

Wie Situationen so sind, wußte ich in der Situation wenig bis nichts davon. Nur eins war in der Situation nicht zu übersehen: eine unermessliche Anzahl von Exemplaren dieses Buches über Venedig werden 1995 unverzüglich verramscht. Ob jetzt am Buchramschladen am Rathausplatz in Wuppertal-Elberfeld oder aber in dem Buchramschladen neben der Zentrale von Walther König in Köln, auch in München, Hamburg oder Nürnberg lagen sie überall auf den Tischen, die im Sommer draußen vor dem Schaufenster standen, ohne dass diese Tische auf relevante Weise verwüstet oder dort geklaut wurde. Da lag also das erst wenige Monate zuvor im Diederichs Verlag erschienene Buch fein säuberlich gestapelt und ordentlich verschweisst. Das Exemplar wurde, wenn ich mich recht erinnere, für 10 Mark angeboten. Ich habe gleich zugeschlagen, mein Exemplar später an Rolf Hengesbach weitergeben und mir jetzt, d.i. 2025, noch einmal aus gegebenem Anlass bei Booklooker ein Exemplar für inzwischen 1,89 Euro gekauft.

Bilder teilen, 2025

3.

Inzwischen ist viel passiert. Im Einzelnen:

Ein Jahr später als 1995, also zumindest im Frühjahr 1996, tauche ich über Umwege bei Bazon auf. Karbe ist ein Privatgelehrter. Eines Tages steht er wiederum im sogenannten Wendehammer vor dem Haus meiner Eltern. Wendehammer sind planerisch entstandene Einrichtungen, die in den sechziger Jahren an Stadträndern zwar aus dem Nichts, aber mit guten Gründen auftauchten. Die Städte wucherten. Auf dem Land der Bauern wurden Siedlungen gebaut. Zum Beispiel auf Hügeln, wo vorher Milchkühe grasten, davon sprechen wir in diesem Fall. Dieses Land gehörte einst dem Bauern Henning. Der hat es in den Sechziger Jahren weitgehend verkauft, seinen Kleinhof hat er am Fuss des Hügels behalten, da wo der Bach läuft und viel Moos ist. Seitdem ist er noch kleinerer Kleinbauer und die Altersvorsorge ist jetzt Geld auf dem Konto, liegt hoffentlich anständig verzinst herum, die Kinder sind selbstständig in anderen Berufen und nehmen ihn nicht aus. Ein paar Kühe und Hühner hat er bis in Achtziger, genug, dass er den neuen Nachbarn noch frische Milch und Eier verkaufen kann, vor allem also, damit seine Frau und er noch was zu tun haben und nicht gleich eingehen in die Ewigkeit. Die Siedlungen bestanden und bestehen immer noch aus Flachdachbungalows und kleinen Garagen, und weil den Leuten da wohl vieles eckig erschien, legte man wenigstens die Straßen in Schleifen und sanften Kurven an. Manche Wege waren Sackgassen. Damit die Sackgasse nicht auch wieder eckig wird, erfand man dort den sog. Wendehammer. Das ist ein Stück Straße, das nur zum Wenden gebaut wird. Die Straße wurde kurz vor Schluss einfach breiter und tropfenförmig. Drumherum wurden in erster Reihe Garagen errichtet oder Vorgärten angelegt, dann kamen die Bungalows. Einmal also, das muss jetzt aber schon 1999 gewesen sein, stand Lars Cassio Karbe da, ohne Auto. Man muss nicht schizoid sein, um eine gewisse Neugier zu entwickeln, warum er, den ich jetzt schon einmal im Büro von Brock gesehen hatte und dessen schlacksige Erscheinung mit ihrer Gelehrtenpatina sich mir gleich eingeprägt hatte, plötzlich hier steht. Es stellt sich raus, dass er ein naher Verwandter der Nachbarn ist. Karbe ist also Privatgelehrter im Umfeld von Bazon Brock; der beschafft ihm nach der Habilitation sogenannte Lehraufträge, eine sehr bürgerliche Angelegenheit, die aber dogmatisch nicht so richtig ins bürgerliche Recht passt und darum am besten (wie so vieles) als Rechtsverhältnis sui generis begriffen wird. Die Lehraufträge bringen so wenig Geld ein, dass man besser bei Freunden oder Verwandten übernachtet, um irgendwie die Verluste überschaubar im Griff zu haben. Er kennt mich als Assistent von Brock und ist auch erstaunt, mich dort im Wendehammer zu treffen, auch ohne Auto, denn ich komme gerade aus dem Garten. Dass er überrascht ist, das überrascht mich wiederum nicht. Brock wohnt zwar auch so, aber die Assistenten, das Gefolge und die, die man inzwischen Follower nennt, sind klassische Innenstadtbewohner, Szeneviertel, Exemplar Boros zum Beispiel. Das sind die Jahre, in denen die Situationen auch Lage und die Lagen wiederum cool sind, aber nicht in solchen Siedlungen. Die Stimmung kippt erst später wieder und nur wegen Wolfgang Herrndorf und Wolfgang Tillmanns. Der eine Wolfgang bestellt die literarischen Voraussetzungen dafür, der andere die fotografischen. SIe kommen auch aus solchen Zonen, deren Ähnlichkeiten aber, das sei eingeräumt, ohnehin lasch ist. Erst dann, also zu spät, waren diese Siedlungen endlich cool, denn der Begriff cool war da schon nicht mehr angesagt.

Schau mal Mutti: Touristen! (2025)

Ich ergreife im Wendehammer die Gelegenheit und erzähle ihm, dass ich vor ein paar Jahren sein Buch über Venedig gekauft und gelesen habe. In dieser Situation weiß ich noch nichts davon, dass ich sein Buch eines Tages für den Klassiker einer besonderen Situation 1995, nämlich der Kreuzung aus Zeit, Raum, Ramsch, Venedigliteratur und Wuppertal halten werde, aber gelesen habe ich es. Er freut sich.

Noch einmal, ein drittes und letztes Mal habe ich ihn gesehen. Die Szene ist in München, es ist 2002. Burda organisierte die Vorlesungsreihe Icon Turn in München; ich war Teil einer parallel laufenden und ebenfalls von Burda geförderten bildwissenschaftlichen Forschungsgruppe. An einem Abend sprach entweder Kittler oder Brock, auf jeden Fall habe ich Thomas Vesting mitgenommen – und da vor dem Audimax steht wieder Lars Cassio Karbe vor mir. Wieder mal Wendehammer, also jetzt anders, jetzt ikonisch, metaphorisch oder einfach bildlich gemeint. Er habe seinen Lebensmittelpunkt in München, sagt er versichernd bis leicht pompös, also auf die typische Weise der Unbeständigen. Er fragt, was ich denn jetzt so machen würde. Ich sei jetzt Öffentlichrechtler in Augsburg und kann es leicht erklären: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Er, dessen Beziehung zur Unbeständigkeit nicht allein durch Faszination erklärt werden muss und die sich auch anders als in Spezialwissen über Venedig hätte niederschlagen können (das macht das Buch von 1995 erstens mehr als deutlich und zweitens noch lange kommentierungswürdig), der versteht es leicht.

Ich schaue mir jetzt, dort vor dem Audimax, beide in einem kurzen Augenblick und für alle Mal zum Vergleich an: Lars Karbe und Thomas Vesting. Im Körperbau zu verwechseln. Manieristen hätten beide sehr gerne und sehr gut portraitiert, sie sind so stilvoll gestreckt. Die Gesten sind auf ebenfalls verwechselbare Weise sanft auslaufend; der Karbe hat langes Haar in Wellen, Frisur Frauenschwarm. Vesting hat kurzes Haar, die Frisur ist zuverlässig. Karbes Erscheinung hat zu der Zeit noch mehr Patina angesetzt, die Manschetten sind abgewetzt wie Teppiche in Pensionen mit gutem Ruf. In dem Augenblick sieht man Karbe mehr das Treiben, dem Vesting mehr die saubere Disziplin und die unbedingte Pflichterfüllung an. Beide wissen um ihre Erscheinung, Vesting hat es zuletzt in seinem Buch zu Transformationen der Subjektivität bewiesen, als er Gainsboroughs Bildnis von William Wade in den Text platziert hat. Der verwechselbare Körper und die ebenso verwechselbaren Gesten legen in diesem Augenblick nur eins nahe, nämlich dass beide, Karbe und Vesting, aus einem Bestreiten heraus (auf-)gewachsen sind und sich wie alle behaupten müssen. Mehr muss eine Verwechslung auch nicht parat halten, mehr muss ein Augenblick nicht zeigen, mehr muss ein Vergleich nicht nahelegen.

Noch etwas ist passiert, ganz besonders im Einzelnen. Dass Karbe gestorben ist und sein Sterben wie so oft nicht leicht war, das hat mir unsere Nachbarin wieder ein paar Jahre später erzählt. Man oh man konnte ich damals nicht einmal sagen. Das konnte mir damals nur durch den Kopf schießen. Gut, dass ich es nicht gesagt habe. Denn wie sein Sterben zu erzählen ist, oder: wie das zu erzählen wäre, darüber hat sich einer der Begriffe gestülpt, der rechtswissenschaftlich ja doch auch eine gewisse Bedeutung besitzt. Das ist der Begriff des Bürgerlichen.

Kenn‘ ich schon, war ich schon (diesmal in Venedig), 2025

4.

Venedig ist eine der Städte. Karbe gehörte zu denen, die Venedig für ein Laboratorium der Moderne hielten. Zwischendurch und sehr lange war Venedig eine Republik, grundsätzlich nach Art der italienischen Stadtstaaten, die für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken so interessant sind, weil dort so viele archäologische Fundgruben sich finden. Es gibt Leute, zu denen zähle ich mich, die glauben, dass den berühmten Institutionen, also einem Lehrtext zum römischen Recht von Gaius und einem Lehrtext zur Rhetorik von Quintilian eines vorausging und dass beide Texte aus einem heraus geschrieben wurden: das ist das Gewimmel der Stadt. Den Begriffen und Sätzen dieser Institutionen gehen sichtbare Bauten, Gesten, Formeln, Infrastrukturen, stumme oder laute Szenen vor, die von Gaius und Quintilian in einer Hinsicht leicht zu protokollieren, also nur aufzuschreiben waren: Sie alle waren schon Protokolle, Routinen, Verfahren und Technik. Die Stadt war schon in Form, bevor ihre Formen in Form von Lehrsätzen für angehende Juristen oder Redner aufgeschrieben wurden. Gaius und Quintilian erfinden nichts; künstlich oder fiktiv ist die Stadt auch schon ohne die beiden, denn sie ist technisch gebildet und nur in Form vorliegend. Seit den sechziger Jahren, ich datiere das auf die Zeit, in der Heiner Mühlmanns Arbeit über Leon Battista Alberti und Michael Baxandalls Arbeit über Giotto and the Orators entstehen, gibt es auch eine Sekundärliteratur, die sich damit befasst, wie in diesen Städten Recht und Rechte wahrnehmbar wurden, seitdem sich in solchen Städten Renaissance-Effekte entwickelt haben, die Städte sich also an entfernten Versionen ihrer selbst orientierten und wiederherstellen wollten . Man entdeckte um 1970 herum die Regeln vor der Erfindung der Autonomie und Ausdifferenzierung wieder, quasi exakt im Moment der Erfindungen Luhmanns. An diese Sekundärliteratur hat Cornelia Vismann nicht immer direkt angeschlossen teilweise aber doch und ihre Texte zeugen auch so deutlich von der Faszination für diese italienischen Städte. Es gibt einen Text von ihr zu Bologna und zu dem, was ein Diskurs ist. Peter Berz erzählt auch eine fantastische und aufschlussreiche Geschichte davon, wie Cornelia ihn einmal spontan aus der Freiburger Innenstadt heraus in einen Zug zerrte, um über Nacht nach Rom zu fahren, weil man da, wie Cornelia erstaunt war, erklären zu müssen, auf einer Verkehrsinsel begraben „den gnomon“ gefunden habe, also natürlich sofort hin müsse, um das zu sehen. Und es gibt die vielen Texte, in denen sie auf den Linienzug eingeht, dem Leon Battista Alberti in seinem Lehrbuch zur Architektur eine ‚Spitzenrolle‘ eingeräumt hat, nämlich dem pomerium, also der ‚ziemlich gründlichen Linie‘, mit der Städte gegründet werden sollten. Venedig ist zwar eine Stadt nach Art der italienischen Stadtstaaten. Unter diesen Stadtstaaten ist Venedig aber die einzige Stadt, die auf Sandbänken und so wie jene Bauten entstand, die man in Brasilien heute Palafito nicht nur nennt, sondern auch noch baut. In Deutschland nennt man sie Pfahlbauten, also anders als in Brasilien. Anders als in Brasilien baut man sie auch nicht mehr. Ich verstehe es irgendwie. Die Palafitos von Recife sind die Zonen, in die selbst ich mich nicht mehr getraut habe, selbst in euphorischen oder hypomanischen Phasen nicht, und das heißt jetzt wirklich viel. So, auf Sandbänken und mit einer schrecklichen Seite, ist Venedig nicht nur entstanden; das ist auch zum bleibenden Mythos Venedigs geworden. Pinault hat da jetzt seine Sammlungen. Am ehesten spielt vielleicht Venedig die Vorreiterrolle für Amsterdam, Antwerpen, London, New York und Hongkong, die krassen Hafenstädte, die das Moderne auf das Treiben, die Wellen und Wogen verpflichten. Der Witz ist nur: solche Orte brauchen keine Vorreiter, Venedig brauchte auch keinen. Die Städte verpflichten die Moderne auch auf den bei Karbe zum Zitat geronnenen Grundsatz, keine Grundsätze zu haben. Venedig ist also die Stadt, deren Gründer nicht nur, wie so oft, der späteren Legende nach Flüchtlinge waren. Ihre Bewohner blieben auch verdächtig. Karbe zitierte 1995 in seinem Buch eine maßgebliche Stelle dieses Verdachtes, wenn auch nicht korrekt, denn trotz doppelter Anführungszeichen paraphrasierte er etwas und gab die Literaturstelle nicht an. Er schrieb einfach, ich zitiere von Seite 11, dass Venedigs Bewohner schon deswegen verdächtig gewesen seien, „weil sie nicht pflügten, nicht säten, noch ernteten“. Wie gesagt, seine Beziehung zu Unbeständigkeit hätte sich auch anders als in Spezialwissen über Venedig niederschlagen können, aber so ging’s auch.

Otherfie macht auch Mist (2025)

Karbe war auch einer von denen, die Venedig nicht nur für ein Laboratorium der Moderne halten und damit die Entstehung der Moderne nicht unbedingt mit der Reformation, dem protestantischen Kapitalismus und den nordalpinen Hafenstädten sowie dem transatlantischen Handelsverkehr verbinden. Eher das Lager Sombart Vater, nicht Max Weber, wie gesagt Frisur Frauenschwarm. Auch hielt er Venedig für die Stadt, an der das Ökonomiekonzept der Nische entstanden sei. Venedig, die zwielichtige Stadt schlechthin, auch weil mit ihr der Anfang der Moderne auf das Jahr 697 und darin auf den Moment datiert werden muss, als es jemandem einfiel, nicht nur Pfähle in den Sand zu schlagen, sondern darauf auch zu bauen und das ganze Republik zu nennen. Karbes These lautete erstens, dass dort Information zum Produktionsfaktor wurde und die Information alle in Venedig entstandenen Kulturtechniken maßgeblich geformt hätte. Zweitens sei das maßgebliche Medium dieser Stadt ein Informationssystem zwischen, ich zitiere:Telefax und Pontifex gewesen, nämlich die Relazione. Relazione?

Aha, ich habe es ja gesagt: Venedig ist eine der Städte, die man kennen sollte, wenn man sich für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken interessiert. Relazione waren diplomatische Schreiben, die zur Geschichte desjenigen Schreibens gehören, das auch heute noch ein wichtiger Bestandtteil der juristischen Ausbildung ist, der sogenannten Relation. Kurz gesagt ist das ein Schreiben, das seine Widerlegung durchgeht, also jede Meinung hat, Position und Gegenposition ausspielt und den Sinn für die Stellen zu schärfen versucht, an denen die Bodenlosigkeit sich sammelt und nicht mehr abfliesst, wie es sonst so schön da funktioniert, wo Texte mit Selbstverständlichkeit flüssig geschrieben erscheinen. Das sind stockende Stellen. Das sind die Stellen, denen man heute im Verfahren dadurch beizukommen versucht, in dem man dort entweder Beweis erhebt oder endlich was entscheidet, denn da hören Gründe auf, zu wirken. Bei den Relaziones in Venedig waren das die Passagen, wo klar werden sollte, dass es da richtig, nämlich luxuriös gefährlich wird.

Karbes Buch ist mit Interesse und wacher bis ungeduldiger Neugier für Rechtsgeschichte und Kulturtechnik geschrieben, auch wenn das nicht seine eigentlichen Themen sind, das Thema ist ja nur Venedig. Die Relazione, also das spezifisch venzianische diplomatische Schreiben, hebt er aber ebenso hervor wie die Collegenza-Verträge (quasi die Vorläufer dessen, was Ladeur in kalifornischen Garagen verortet). Er kommt auch auf die sogenannten Correzioni zu sprechen, eine Verfassungspraxis der Fall-zu-Fall-Entscheidung, die man mit einem Begriff, den meines Erachtens Karl-Heinz Ladeur geprägt hat, Adhocokratie nennen kann, auch wenn Ladeur so eine Praxis als Albtraum von Dogmatik erscheint und diese Praxis zwar wenig festgestellt hat, aber trotzdem Teil einer Republik war, die immerhin 1000 Jahre Republik war. Venedig war kontrafaktisch, wenn auch nicht, um etwas zu stabilisieren, sondern um sich wenigstens in der Unbeständigkeit orientieren zu können, was bei rauskommt, weiß man eh erst hinterher.

Arbeiter verlassen eine Fabrik. Diesmal ist’s das Arsenale (Giacomo Franco, 1610)

5.

In seinem Buch zur Textualität des Rechts spricht Karl-Heinz Ladeur von zwei Entwicklungen desjenigen Rechts, das er griechisch-römisch nennt.1 Nach Ladeur gibt es eine Entwicklung , die er mit einer sprachlichen Gemeinschaft und ihrer religiös bestimmten Ordnung assoziiert. Daneben verlaufe eine „andere Trajektorie“ (das übersetzen wir vorläufig mit Linienzug, Träger oder Tracht). Diese andere Trajektorie habe mit der zuerst erwähnten Entwicklung des Recht „nur wenig zu tun“. Sie hat damit zu tun, aber nur wenig (das wird uns noch beschäftigen). Um diese andere Trajektorie zu beschreiben, greift Ladeur auf die Formulierung zurück, dass das Recht in der Antike ein Produkt der Stadt gewesen sei. Vom Produkt der Stadt spricht er „im Sinne einer Organisationsform“. Diese Organisationsform oder aber das Produkt der Stadt unterscheide sich von einer auf Einheit angelegten religiösen Ordnung und ihrer Sprache. In diesem Kontext kommt Ladeur zwar nicht auf Cornelia Vismann zu sprechen, die mit ihren Ausführungen zu Linienzügen seit ihren Arbeiten zu den Akten ein m.E. hilfreiches Angebot gemacht hat, eine andere Trajektorie zu beschreiben. Aber immerhin kommt Ladeur auf einen Autor zu sprechen, der sich in seinen rechtshistorischen und rechtstheoretischen Überlegungen an Cornelia Vismann orientiert hat. Ladeur kommt also nicht auf das Aktenbuch oder eine der Passagen zu sprechen, in denen Cornelia Vismann am Beispiel des Pomerium ihre eigensinnige Vorstellung davon präsentiert, wie in der Wiederholung von Linienzügen eine von ihr sogenannte Referenzstruktur liegt, die das Begehren organisiert (ihm Form verleiht) oder anders gesagt die Organisationsform des Begehrens bildet. Ladeur macht einen ‚kleinen Umweg ‚über Friedrich Kittler und dessen Text Die Stadt ist ein Medium. Die Strukturen und Netze einer Stadt „erlaubten die Herausbildung historisch wandelbarer transsubjektiver Konstellationen“ schreibt Ladeur im Rückgriff auf Kittler. So ein Satz wird uns noch lange beschäftigen, wenn wir mehr über dies zwei Entwicklungen oder aber eine Teilung wissen wollen, mit der Recht und Rechte wahrnehmbar werden. Kittler ist eine Referenz für Ladeur, um auf die Stadt zu verweisen. Im Vokabular alter medienrechtlicher Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes könnte man sagen, dass Ladeur an dieser Stelle die These vertritt, dass die Stadt Medium und Faktor des Rechts sei.

Kinder, das ist die ideale Stadt! (2025)

Eine Stadt ist musterhaft und musternd, sie ist selbst ein Protokoll und die hat Protokolle. Die italienischen Städte sind für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken so interessant, weil man dort auf exemplarische Weise auf archäologische Fundgruben zahlreicher Kulturtechniken trifft. Aby Warburg, der im Sommer 1896 nach seiner Rückkehr aus Amerika beschließt, seine kunsthistorische Forschung zu einer bildwissenschaftlichen Forschung zu erweitern und damit auch rechtswissenschaftlich zu arbeiten, fährt zum Abschluss dieses Projektes (also 32 Jahre später) nach Rom, einer dieser Städte, zumal in die Stadt, die einem Recht Namen verliehen hat, dem römischen Recht. 33 Jahre später, also 1929 legt er mit einem Material, das er in dieser Stadt gesammelt hat, die beiden Tafeln an, die in der finalen Version des Mnemosyneatlas auch die beiden letzten Tafeln bilden. Er müsste quasi zum Schluss nochmal in diese musterhafte Stadt.

Ladeur behauptet in seinem Text, die poststrukturalistische Lesart würde Stadtmuster auf die Wiederholung stets gleicher Gewaltverhältnisse reduzieren. An dieser Stelle fehlt keine Fussnote. Es gibt dafür nämlich keine Referenz. In seinem Rückgriff auf Kulturtechnikforschung ist Ladeur zwar offener und großzügiger als Thomas Vesting, aber er ist auch von der Vorstellung überzeugt, dass es ein Kollektiv von Poststrukturalisten gäbe, die etwas reduzieren würden und in dem es wohl so etwas wie eine herrschende Meinung oder ein dominantes Verhältnis gäbe. Um das evident zu machen, reduziert Ladeur seine Behauptungen, also lässt er einfach Fussnoten weg. Mehr Reduktion geht kaum, außer man lässt die These selbst weg. Vielleicht ist es ja gar keine These, sondern eine technische Definition? Diese Methode nennt Ladeur auf jeden Fall nonchalant ‚being reckless‘. Das Vorgehen ist ein bisschen bedauernswert, aber nicht total bedauernswert. So kommt zwar kein Gespräch zwischen den Forschungen zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken einerseits und deutscher Staatsrechtslehre anderseits zustande. Muss aber auch nicht sein. Die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken im allgemeinen kann ja auch lesen, was ihr dringlich zu lesen scheint. Und was Staatsrechtslehrer so schreiben, das liest die Forschung ohnehin, insoweit braucht es kein Gespräch. Und soweit es mich betrifft bin ich mir zur Not auch einfach selbst Staatsrechtslehrer genug und kann gerne auch Selbstgespräche führen. Es macht allenfalls einen schwachen Eindruck, wenn Autoren wiederholt beklagen, etwas würde fehlen und nicht getan, blockiert oder reduziert und sie gleichzeitig nicht die Forschung wahrnehmen, wo doch eventuell getan wird, was sie vermissen. Oder wenn sie sagen, etwas würde vernachlässigt, sich selbst aber auch nicht drum kümmern. Diese Kritik erhebe ich nicht nur gegenüber Ladeur, sondern auch gegenüber Thomas Vesting, der mit nicht nur vergleichbarer, sondern gleicher Geste in einem Text zu den Kulturtechniken des Rechts und insbesondere zu Vismann herumgefuchtelt hat, und das, wo er sonst so sanft auslaufende Gesten hat. Mein Vorschlag: Wenn man zum Beispiel an Foucault das Heterarchische vermisst, dann sollte man eventuell einmal versuchen, die Texte von Foucault heterarchisch zu lesen. Vielleicht kann man einfach mal davon ausgehen, dass Foucault sich widersprechen und mal dies, mal das sagen kann, Launen hat und vorübergehende, saisonale Interessen. Vielleicht mal mit dem Foucault Pariser Nächte befassen. Wenn man Klugheit in einem Text vermisst, sollte man einmal versuchen, einen Text klug zu lesen. Wenn man Vismann vorwirft, zu kurz zu greifen, dann sollte man eventuell die Kollegin einmal nicht verkürzen und dazu noch sagen, das sei mutig. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen: dass dann in all‘ den Buchstaben und klammen Sendungen das auftaucht, was man sucht, seien es auch historisch wandelbare transubjektive Konstellationen, also zum Beispiel Sternenbilder oder, in Aby Warburgs Sinne, das Gedärm auf dem Tisch. Die Formel für solche Situationen wie die, in der Autoren beklagen, andere hätten ihre Welt bisher reduziert, es gelte aber, diese Welt endlich freizusetzen, die lautet für mich: melancholischer Diskurs.

Positiv gewendet: Es ist wahr, schön und gut, dass Ladeur so viel begehrt und gar nicht genug bekommen kann vom Poststrukturalismus. Vielleicht habe ich jetzt übertrieben, aber die Melancholie würde ich eher genießen als sie zu bekämpfen, es bleibt einem letztlich keine andere Wahl. Trotz aller Enttäuschung, die Ladeur von der Gemeinschaft der Poststrukturalisten erfährt, liest er doch auch weiterhin mehr poststrukturalistische Autoren, als man ahnte, dass es sie überhaupt gibt. Er liest vermutlich sogar mehr poststrukturalistische Autoren als diejenigen, die sich als deren Bewunderer geben (für mich kann ich sagen, so ist’s). Ladeurs Klugheit liegt da, wo sie häufig, oft bis immer liegt: in seinem Begehren.

Signs at the bar (2025)

Meine Gegenthese zu Ladeurs Poststrukturalismusthese lautet, dass Cornelia Vismanns Geschichte und Theorie graphischer Linienzüge eine Geschichte und Theorie der Wiederholung parat hält, diese Wiederholung aber mit Rekursion, Begehren und Mimesis zu tun hat. Ihr Schreiben ist wild und wuchernd, das ist wie Venedig. Wer die Wellenlinien des Chefs der Nambikwara mit der notitia dignitatum assoziiert und wer das Ideogramm der Kanzleien mir dem Gewand assoziiert, das Hypereides der Phryne vom Leib reisst, der hat reiche Vorstellungen davon, was die ziemlich gründlichen Linien des Rechts sind.

Die Kulturtechnikforschung hat ihre d.h. Vismanns Interessen, u.a. an Körpertechniken, Kooperation und an dem weiterverfolgt, was Mimesis genannt wird und sie tut es gerade wegen der doofen und denkfaulen Kritik, die typischerweise aus der Frankfurter Staatsrechtslehre an Vismann erfolgte (typisch im Sinne einer Bemerkung, die Luhmann einmal treffend über Frankfurter Kollegen machte). Ich verfolge dieses Interesse an Bildern, Protokollen und Kalendern, also an allem dem, was man (minore) Graphie, Linienzüge, von mir aus auch Trajektorien (Ladeur) oder aber cercle (Hermitte/ Napoli) nennen und unter dem Gesetz oder unterhalb der Schwelle des Rechts registrieren kann, weiter. Ausserdem: Wenn Vismann den Linienzug als Akt der Stadtgründung beschreibt, dann beschreibt sie eine Gründung der Stadt im Sinne beider Genitive. Warum Ladeur in seinen Rezeptionen Vismann umgeht, das bleibt sein Geheimnis, zumal er alles und jeden, nur nicht sie zu lesen scheint. Ein weiterer Vorschlag an Ladeur lautet, die Idee zwei Entwicklungen einerseits nicht fallen zu lassen, aber eventuell noch anders zu gestalten. Wie genau er sie gestaltet, ist freilich eine komplexe Frage, wie anders der Vorschlag wäre, ist also völlig offen. Eventuell ist sogar das, was ich hier im Ton der Kritik an Ladeur schreibe, tatsächlich eine Form euphorischer Zustimmung. Der Verdacht steht damit sogar im Raum, dass dasjenige, was dem Ladeur die Poststrukturalisten sind, mir die deutschen Staatsrechtslehrer sind: Projektionsfigur für alles das (Sämtliches!), was ich doof finde und mit dem ich meiner fundamentalen Enttäuschung Brennstoff zuführen kann.

ven, vena (Wasserkanal/ Ader), venia, Venus: Venedig ist eine der Städte. Sie spielt in der Geschichte und Theorie Os eine Rolle. Der Hauptverkehrsweg schlängelt sich so (s) durch den Umkreis der Stadt (O).

Rein vorsorglich würde ich ihm vorschlagen, die Unterscheidung dieser beiden von ihm erwähnten Entwicklungen nicht auf die Linie der Unterscheidung zwischen Sprache und Stummheit und nicht auf die Linie der Unterscheidung zwischen Religion und Säkularisierung zu legen. Bloß nicht dem Dogma großer Trennung folgen, denn dieses Dogma braucht keine schlauen Texte, es wirkt auch so. Die Leute, egal woher sie stammen, glauben sowieso daran, dass es da, wo sie herkommen, das beste Brot und die schlimmste Bürokratie gibt. Ich würde auch vorschlagen, die eigenen Formulierungen besonders wichtig zu nehmen. Noch einmal zurück zum Anfang: Ladeur hatte behauptet, die eine Entwicklung habe mit der anderen Entwicklung „nur wenig zu tun“. Man kann ja auch sagen: Zwar nur wenig, aber immerhin wenig! Das ist ja schon mal was. Das heißt, dass ich das Verhältnis dieser beiden Entwicklungen nicht als perfekte Auftrennung oder Ausdifferenzierung beschreiben würde. Die Grenzen des Rechts laufen mitten durch das Recht, die Grenzen eines Bildes laufen mitten durch das Bild, die Grenzen einer Stadt laufen mitten durch die Stadt, die Grenzen des Sprechens und Schreibens laufen mitten durch das Sprechen und Schreiben. Das Verhältnis zwischen der einen Entwicklung (die Ladeur mit einer sprachlich gestifteten Gemeinschaft und ihrer religiös bestimmten Ordnung assoziiert) und der anderen Trajektorie (die Ladeur mit dem Produkt der Stadt) assoziiert, dieses Verhältnis ist eins, das bestritten und aufgebracht werden kann, mehr noch: es muss bestritten und aufgebracht werden, sonst verhält sich hier nichts. Ich glaube, dass dieses Verhältnis auch rekursiv und dazu noch stratifiziert ist, das zu erläutern braucht viel Zeit und Raum. Präzise beschrieben werden kann so ein Verhältnis, so scheint mir, vor allem in solchen Studien, die man als Fallstudien, Feldstudien oder in Details ausbreiten würde. Die Angebote, die die Kulturtechnikforschung den Rechtswissenschaftler dafür macht, das sind zum einen, darauf haben insbesondere Erhard Schüttpelz und Bernhard Siegert insistiert, bei solchen Studien das auszubreiten, was in der Literatur Operationsketten genannt wird. Meine These lautet sogar, dass Aby Warburg mit den beiden letzten Tafeln seines Atlas genau das getan hat, er hat Details zu der Gründung einer Stadt auf einer Tafel ausgebreitet. Nicht zu Venedig, aber immerhin zu Rom. Dass er sich zu Rom geäußert hat , kann man beklagen und sagen, er reduziere die Bild- und Rechtsgeschichte insoweit auf die Lateranverträge und auf die Verhältnisse in einer einzelnen Stadt. Man kann aber statt dessen einfach mal nach Venedig fahren, sich dort solange aufhalten, wie Warburg mit Bing in Rom, so fleissig Protokolle sammeln und dann mit Venedig machen, was Warburg mit Rom gemacht hat.

Na also, geht doch! (2025)

6.

Lars Cassio Karbe hat sein Buch über Venedig mit einer Passage begonnen, die von einer anderen Stadt oder aber anderen Stätte erzählt. Der Move ist vertraut. Fritz Schulz hat zum Beispiel die Isolation Roms an einem Satz der Vorsokratiker, dem ersten Satz des Anaxagoras festgemacht. Dass Moses ein Ägypter war, das ist mehr als ein vertrauter Move, das ist quasi schon ein alter Hut. Karbe lässt das Buch über die Stadt Venedig mit einer minoischen Stadt beginnen. Er lässt das Buch mit einer minoischen Stätte beginnen, die man entweder Labyrinth oder aber deadalion nennen kann. Karbe schreibt das Buch in einer Situation, die er wohl mit Friedrich Kittler geteilt hat, zumindest widmet Kittler die erste Abbildung in seinem schon erwähnten Text über die Stadt, einem Plan der minoischen Stadt Gournia. Karbes These lautete, in Venedig sei die Information zum Produktionsfaktor geworden. Kittlers These lautete: Was Passantenaugen wie Wucherung oder Entropie vorkomme, das sei Technologie und heiße Information. Mir kommt’s vor wie Muster, lauter Muster, lauter Kreuzungen. Diese Sadt ist gekrümmter Raum, wenn nicht in Königsberg oder St. Petersburg, dann hätte hier Graphentheorie und Mengenlehre erfunden werden müssen, sogar Georg Cantor hätte hier unauffällig leben können. Fünf Jahre, nachdem Gutenberg beginnt, in Mainz Bücher zu drucken, entstehen die ersten Verlage in Venedig, die Zahlen schnellen nicht in Mainz, sondern in Venedig spektakulär an. Johannes von Speyer und Nicolaus Jenson hatten die Technik nicht nur aus Mainz mitgebracht, sondern verfeinert und verbessert, schreibt Karbe. Erstpublikation: Ciceros Briefe, 100 Exemplare, dann nach 8 Wochen Zweitauflage 600 Exemplare, dann ist das Buchdruckwesen bald schon, neben dem Schiffsbau und der Produktion von Segeltuch oder Leinwand, der wichtigste Industriezweig. 113 Buchdruckereien produzieren das dreifache dessen, was in Florenz, Rom und Mailand zusammen produziert wird. Die besten Verbindungen in den Osten haben die frühsten und besten Papierkenntnisse gebracht, im Umland liegen jetzt die Papiermühlen; Aldus Manutius beginnt hier in Venedig auf Octavbuchgröße zu drucken, also im Manteltaschenformat, er ist auch der erste, der Griechen als Lektoren einstellt und griechische Manuskripte mit Übersetzung druckt; Itas und Türken kommen eh erst später. Bald schon zog die Stadt auch Pietro Aretino an, und dann, ab 1652 gab es ja auch das Florian mit dem Kaffee und dem Zucker. Dass eine zwielichtige Stadt eine Stadt des Geredes wird, das Gerüchte und laufend launisches Schreiben hier nicht als bedrohliches Bedeutungsscheitern, sondern Produktionsfaktor gesehen wird, das assoziiert man wieder mit dem Gründungsmythos: die Stadt treibt und driftet eben. Sie ist ja ausserdem noch künstlich und technisch, indem sie umwegig ist.

7.

Kulturtechnikforschung kursiert exzessiv, wir sind also mal wieder auf Exkursion. Wir haben uns Verona angeschaut und die Stelle gesucht, an der Niebuhr 1816 endlich mal ein Exemplar von Gaius` Institutionen gefunden hat. Wurde ja auch langsam Zeit, dass man endlich mal was Gründliches zu lesen bekommt. 1700 Jahre reden so viele von denen, die durch Rom gingen, dort verkehrten und nach Rom pendelten von diesem Text und wie wichtig er sei. Niebuhr findet endlich 1816 mal eine umfangreiche Abschrift, die zwar auch erst mehrere hundert Jahre nach dem Moment entstand, als Gaius starb und in der es auch noch Lücken gibt. Aber immerhin hat man ihn jetzt mal umfangreich, diesen Text. Immerhin! Das Neue ist mal wieder (lange bevor Boris Groys das so gesagt hat) das andere Alte, also gibt’s ab 1816 immerhin die alte Version von Gaius zu lesen. Die Avantgarde, so sagt das Onkel Bazon, ist jene Bewegung, die uns zwingt, unsere Vergangenheit neu zu bewerten – und was Niebuhr damals machte, das war Avantgarde. Wir wollen uns Niebuhr zum Zeitgenossen und zu zeitgenössischen Theoretiker machen. Wir also hin.

Und, wie war’s?

Sehen sie, man sieht nichts! Niebuhrs Wischkraft hat ihn so ergiebig gemacht. Über die nahezu vollständige Zerstörung des Codex hat Ulrich Manthe schon in seiner ergreifenden Einführung in die aktuelle zweisprachige Edition der Institutionen berichtet. Wir sparen uns hier also die hochmelancholischen Beweise, dass es die Institutionen wie immer gibt, weil sie entfernt sind. Inzwischen hat dieser Codex den Zustand der Gesetzestafeln, der Zwölf-Tafeln und der Tafel aus 2001. Er wurde Dank Niebuhrs Hilfe sorgfältig ‚verabschiedet‘, also in eine Entfernung gerückt, in der ihn nichts mehr berühren kann. Keine Fotos alter fleckiger Tierhäute. Keine Fotos und Filme aus Verona, statt dessen lieber eine Schweigeminute für die unansehnlichen Reste unserer Wissensproduktion. Wir haben in Tunnel oder Löcher, in kleine Objekte eines antik-abstrakten Expressionismus geblickt. Aber schee war’s scho, und nach Venedig ging’s ja sowieso noch, Ziel: die Marciana studieren. Wir sind extra gekommen, um uns Fra Mauros kreisförmige Weltkarte von 1459, Hadji Ahmeds herzförmige Weltkarte in dem Druck von 1559 und vor allem die Globen anzuschauen. Sowohl diese Karten als auch die Globen sind Polobjekte. Dassind nämlich Objekte, die in der Regel mit einer Lanze, einem Stab, einer Achse oder einem Scharnier ausgerüstet sind, manchmal kommen sie allerdings auch ohne diesen Zusatz aus. Auf jeden Fall sind das Objekte, die Drehungen, Wenden, Kippen und Kehren operationalisieren. Sie lassen Unbeständigkeit händeln und geben in der Unbeständigkeit Orientierung. Sie sind Hilfsmittel oder ‚Helferlein‘, sie helfen, in der Unbeständigkeit Worte zu nehmen und zu geben, Bilder zu nehmen und zu geben, sich und andere zu orientieren, Situationen zu händeln und zu handeln. Oft sind es Objekte der Landvermessung und der Zeitmessung; Meteorologen, Reisende und Berater nutzen sie; auch sog. fortune teller, also Kreditberater und Wahrsager nutzen sie. Fortuna wird oft selbst auf so einem Objekt dargestellt; der Atlas unter einem solchen Objekt, das ist dann auch ein bolisches Objekt. Globus, Uhr, Klappstuhl, Tür, Fenster, gnomon, Rute (Moses hat eine!): das alles sind bekannte Polobjekte. Sie operationalisieren Polarität und Polarisierung. Sie helfen dabei, damit umzugehen, dass sich etwas wendet, dreht, kehrt und kippt, also unbeständig ist. Sie stabilisieren nicht; wozu? Uhren ticken und drehen sich einfach mit und weiter, sie stellen die Zeit nicht fest, sie lassen sie vorübergehen und verwalten sie Zeit, indem sie die Zeit messen und zählen. Sie sind opportun. Um solche Objekte herum bildet sich eine reiche Geschichte des Wissens um Akte und Passionen (die Warburg als Geschichte der Polarität und der Melancholie begreift). In der Marciana hat man die vier wichtigsten Globen auf einen Boden gestellt, der den Grund mit dem Wirbel verbindet. Der Eindruck ist sensationell, das kann man nicht im Buch lesen. Der Analphabet der Zukunft wird übrigens nicht nur die Bildunkundige sein, das wir jemand sein, der bewegte Bilder nicht händeln kann.

Zwei Betrachter betreten die Marciana, aber wir üben Kamerafahrt (2025)
Wirbel und bildliches Tosen oder Tauschen (a.d.i. ‚venditio‘ ), hier verkehren die Leute (2025),
a. Wozu hat der Mensch zwei Augen?
Damit er schwerer vom Boot fällt.
b. Der Mensch ist ein Wesen, das sich an bestimmte Stellen begibt,
um von dort aus besser telefonieren zu können.
Dieses Wesen begehrt Distanz und Leib.

8.

Wie dem auch sei: Venedig war mal wieder trotzdem toll. Wer mehr zu Venedig lesen will: auf der Seite von engramma gucken, da haben Simona Arliotta und Camilla Pietrabissa eine Ausgabe zu elementaren Venedig herausgegegeben, da geht es auch um den Nebel, den wichtigen Nebel, natürlich um ziemlich gründliche Linien (und zwar die, die man in Hochwasserstädten an Häuserwänden findet, aber nur, wenn man nach oben schaut) und es geht ums Eintunken. Das Element Venedigs ist O eau.

Ob ich einmal wenigstens Karl-Heinz Ladeur dafür gewinnen kann, an einer Geschichte-und-Theorie-WG in Sils Maria teilzunehmen und von dort nach Italien abzuschweifen? A propos! Unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung sind, als ich aus Venedig zurückkomme, vom Amazonas zurück und sie haben großartige Geschichten zu erzählen.

Genug gelabert, jetzt endlich todschick in Venedig (2025)
  1. Karl-Heinz Ladeur, Die Textualität des Rechts. Zur poststrukturalistischen Kritik des Rechts, Weilerswist 2016, S. 130 ↩︎

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