By

Treppenszene

1.

Wir gehen ins Museum. Und nicht nur das. Wir gehen auch im Museum.

Accademia di Venezia, 2025

2.

Wir nennen Betrachtung (nicht Beobachtung), was Zeit, Raum und mindestens zwei Körper verlangt, von denen wiederum mindestens einer bewegt sein soll. Die Traktion (Kontraktion und Distraktion) zwischen diesen beiden Körpern, die nennen wir Betrachtung, sie ist eine zügige Form. Der andere Körper kann auch eine Bildfläche sein, auch die definieren wir als Körper (man kann sich Josef Marionis Malerei zum Beispiel im Landesmuseum in Wiesbaden anschauen; er arbeitet das Körperliche der Bildfläche scharf heraus). Die Betrachtung ist auch eine Kulturtechnik, eine Weise des (Über-)Tragens und Trachtens, das wiederum eine Weise des Regelns, Regens, Richtens, Reissens (des Planens und Entwerfens) ist. Betrachtung ist ein Protokoll. Wir gehen davon aus, dass die Betrachtung eine juridische Kulturtechnik ist und hoffen, dass wir mit dieser These etwas anfangen können.

Im Werbetext der Theorie des Bildbetrachtens von Johannes Grave („Bild und Zeit“) heisst es, bei der Betrachtung von Bildern werde dem Faktor Zeit meist keine besondere Bedeutung beigemessen. Im Text wiederholt sich noch einmal paar mal ein ähnliches Motiv: es wird behauptet, bisher fehle eine umfassende Theorie der Betrachtung (und dafür geht soviel Platz drauf, der dann leider für umfassende Betrachtungen fehlt). Das sagt man übrigens häufig so. Diese Diskursregel hat sich so eingeschlichen, wie die Phrasen von der Bücher- und Bilderflut und die von einem Turn. Staatsrechtslehrer (Leute wie mindestens ich) sagen über den Gegenstand ihres Textes immer wieder, diesem Gegenstand würde bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt, um dann ein Buch mit ca. 400 Seiten (davon 25 Literaturverzeichnis) und z.B. 678 Fußnoten folgen zu lassen, die alle sehr genau die neu entdeckte Aufmerksamkeit und den 200. Turn mit den Verweisen belegen, die sie seit Jahren schon zitierten. Ist halt so. Trotz des Werbetextes, indem also steht, dem Faktor Betrachtungszeit sei meist keine besondere Bedeutung beigemessen.v ist Graves Buch ‚Bild und Zeit‘ lesenswert, eine wunderbare Einführung und eine Art Handbuch mit gutem Überblick. Man erkennt schon am braven Befolgen dieser Diskursregel, dass das Buch auf eine Einführung oder eine Art Handbuch hinausläuft. Diese Diskursregel hängt wohl auch an einem melancholischen Diskurs.

Hinterlasse einen Kommentar