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Vor dem Bild

I.

Wo Bilder Gründe erhalten, da ist das Wissen um den Grund der Bilder Bild- und Rechtswissenschaft. Man kann die Dinge ja sehr unterschiedlich erhalten, wie jenen Alexander zum Beispiel, der aus Makedonien stammte und weit in der Ferne in Honig eingelegt wurde, damit man ihn unversehrt nach Hause bringen kann. Man kann die Dinge so erhalten, wie eine Konservendose Spam erhält. Man kann sie so erhalten wie einen Kuss oder wie Post, auch solche, die nicht für einen bestimmt ist. Manchmal erhält man, was andere Leute einem geben: einen Auftrag oder ein Paket zum Beispiel. Manchmal erhält man das, was sonst verkommt, also seine Qualität verliert, zum Beispiel Fleisch oder das Bild des Königs.

Bilder erhalten erstens auf jede Weise und zweitens alle möglichen Gründe. Auch in Bezug auf die Gründe sind die Möglichkeiten nämlich zahlreich. Es kann sich um Begründungen, um Grundlagen, um Rechtfertigungen, um Einwendungen gegen Darstellungsverbote oder auch um Papier, Holz, Haut, Leinwand oder eine Wand handeln. Malgründe sind auch Gründe und auch an ihnen muss man Rechte haben, ein Besitzrecht, ein Nutzungsrecht oder gleich Eigentum. Bilder legitimieren und werden legitimiert, das ist vielleicht das erste, was einem einfällt, wenn man an Bild- und Rechtswissenschaft denkt. Man gibt Bilder in Auftrag, sorgt für einen Grund dafür, dass sie überhaupt hergestellt werden. Man kauft ein Haus, um eine Wand zu haben, an der man wenigstens einen kleinen Teil der neuen Jahresproduktion von Gerhard-Richter-Bildern aufhängen kann, oder aber man erwirbt bei den Dominikaner in Florenz ein Patronatsrecht, um eine Kapelle in St. Maria Novella in Florenz gestalten zu dürfen. Der Grundhunger ist unersättlich,die Bild- und Rechtswissenschaft hat viel zu tun

Accademia di Venezia, 2025

II.

Man kann für das 20. Jahrhundert zwei Anordnungen ausmachen (den Begriff der Anordnung übernehme ich von Cornelia Vismann). Das ist die Anordnung Legendre und die Anordnung Warburg. Die Anordnung Legendre geht mit Bildern und Gründen einher, deren Erfindung legendär bei Plinius dem Älteren geschildert wird. Danach hat die Tochter eines Töpfers (des Töpfers Butades sagen ein paar Leute) die Zeichnung erfunden. Sie hat die Zeichnung aus dem Anlaß heraus erfunden, dass ihr Geliebter in die Ferne zog. Aus dem Distanzschaffen ein Distanzschaffen: Sie ergriff die Gelegenheit, warf mittels Lampe den Schatten ihres Geliebten auf eine Wand und zeichnete den Umriss um diesen Schatten. Falls nun der Mann oder die Liebe verloren geht (vielleicht zieht er in den Krieg, wird ermordet oder zum Mörder oderaber er zieht in fremde Hafenstädte und wird untreu), dann hat sie immer noch das Bild des geliebten Mannes; dieses Bild bleibt treu und ohne Mord. Das Bild hat einen einfachen Grund: es soll die Abwesenheit und den Abgrund des Menschen überbrücken, bewältigen und meistern. Mir scheint, dass von dieser Erfindung der Zeichenkunst oder Schildkunst ein Echo in dem steckt, was Pierre Legendre meint, wenn er sagt, dass das Dogma das Bild sei.

Die Anordnung Warburg ist eine andere. Nach ihm wurden Bilder erfunden, als die Leute den Kopf hoben, bei wolkenlosem Himmel in die Sterne schauten und darin Sternbilder sahen, um zu wissen, wo sie gerade sind, wie spät es ist, in welche Richtung man sich orientieren kann und wie man die Zeit planen kann. Was steht dringlich an, was kann warten? In welche Richtung müsste ich mich wenden, wenn ich hierhin, ich welche Richtung, wenn ich dahin will? Bilder haben bei Aby Warburg den Grund, Worte geben und nehmen zu können, Bilder geben und nehmen zu können, sich orientieren, Angelegenheiten händeln und handeln zu können. Hoffentlich kurz und einfach gesagt: Bilder sollen Bewegung und Regung operationalisieren. Sind sind auch Regungen, also spricht Warburg von Zügen, die trainiert werden sollen. Hoffentlich kurz und einfach gesagt: Warburg geht es um Züge, die gezogen werden sollen, um Verträge, die vertragen werden sollen und um Handlungen, die gehändelt werden sollen.

Im Moment bin ich Team Warburg. Aber obwohl ich im Moment Team Warburg bin, heißt das nicht, dass ich Legendres Perspektiven falsch finde. Manchmal hat man Löcher im Leben, zum Beispiel hat man ein Morden mitgemacht oder einen Verlust und da ist dann das Loch eine Nummer zu groß für einen, da ist es monumental, immer wieder schluckt es einen. Dann gilt es, im Leben zu bleiben und dem Tod keine Gründe zu geben. Dann gibt es keine Probleme mit Orientierung und Zeitplanung (schon weil man dann eventuell zur Bewegung nicht fähig ist), sondern Probleme mit dem Abgrund. Und dann ist es auch gut, dass das Team Legendre zur Not parat steht. Legendre bringt immerhin manchmal auch was durcheinander, verwechselt was (wie etwas Andreas Alciatus mit einem Haufen Zetteln oder aber Gothofredus‘ Übersetzungen mit römischem Recht schlechthin). Diese Verwechslungen haben Vorteile. Der Einwand liegt nahe, dass Warburg aber doch viel besser verwechselt. Der ist kaum zu entkräften. Aber durch die Verwechslungen, die dem Legendre passieren (und die Werner Hamacher auch einmal aufgegabelt hat) und wegen des Pathos, an dem Legendre festhält, ist denkbar, dass er Komödiant von größerem Ausmaße als Aby Warburg ist, nämlich von danteskem Ausmaß.

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