Wozu Anthropofagie?

Wozu Anthropofagie?

1.

„Wozu Anthropofagie?“ ist der Name eines kleineren Forschungsprojektes. Es ist dem größeren Forschungsprojekt ‚Warburgs Staatstafeln‘ verbunden, daraus ist es sogar entstanden. Es ist aber auch dem größeren Projekt ‚Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken‘ verbunden. Schließlich ist es einem kleineren Projekt verbunden nämlich dem Projekt „Was wissen wir vom Mord“?

Ausgangspunkt des Projektes ist die These, dass man die Anthropofagie über juridische Kulturtechniken beschreiben kann. Das heißt, dass sie selbst über Techniken verfügt, die dabei kooperieren, Recht und Rechte wahrzunehmen. Diese Techniken werden erstens als mindere, niedrige, schwache oder subtile Techniken verstanden. Und zweitens werden sie als Techniken verstanden, die schlingen, zehren, speisen, füttern oder verkehren und allesamt ein Begehren wiederholen. Drittens werden sie als Techniken verstanden, die den Menschen bilden und animieren. Sie instituieren und werden instituiert, insofern wird die Anthropofagie als Institution verstanden. Die Anthropofagie kann den Menschen bilden oder ein Menschenbild reproduzieren, es wird ein besonderer Mensch sein. Sie kann Gesellschaft bilden, sie wird besonders sein. Die Technik der Anthropofagie kann dabei kooperieren, zu personifizieren und Subjekte zu machen. Sie kooperiert dabei Verwandschaften und Affinitäten zu bilden. Sie kann auch den Mörder machen.

2.

In dem Projekt wird die Anthropofagie als eine juridische Kulturtechnik definiert, die vague/ vogue ist. Das ist eine technische Definition, die der Übersetzung bedarf, schon weil die anthropofagen Techniken auch das Sprechen betreffen, aber nicht nur das Sprechen. Die Anthropofagie hat eine begriffliche und eine metaphorische Dimension – und so reicht sie ins Sprechen und darüber hinaus, in die Bilder und darüber hinaus. Die Anthropofagie geht nicht in einem Begriff auf, schon gar nicht im Begriff einer Sprache, die nationalisiert ist. Das heißt, dass sogar das, was an der Anthropofagie ein Fressen ist, erstens nicht im Fressen aufgeht und zweitens getan wird, um etwas anders zu tun als zu Fressen. Darüber hinaus ist die Anthropofagie aber nicht nur ein Fressen, sondern auch ein Verzehren, das wiederum ein Verkehren und Begehren ist. Die Anthropofagie ist ein Verschlingen, das ein Verknoten und Verketten ist. Sie ist ein Wellen und Wüsten, das ein Winden und Wirbeln ist. Sie ist ein Kreisen, das ein Kreischen, Kreuzen, Kräuseln oder Kreten ist. Too much too soon? This is a teaser, Geduld!

Wie in allen Projekten zu juridischen Kulturtechniken so betrachte ich auch die Anthropofagie als eine juridische Kulturtechnik, die durch Rom ging, dort verkehrte und nach Rom pendelte. Rom wird dabei als historische zufällige Referenz ausgewählt, schlicht aus Gründen der Materialfülle. Rom wird aussserdem als Kreuzung, Verkehrsknotenpunkt, mithin selbst als Schlinge eines geographischen und historiographischen Gebietes ausgewählt, für das Warburg den mehrfach sinnvollen Begriff Mittelmeerbecken gewählt hat. Das Mittelmeerbecken ist ein Pool, durch den Verkehr von Osten nach Westen und von Süden nach Norden und zurück zog, zieht und ziehen wird. Rom ist Trainstation/ Trainingsstation, Bahnhof wechselnder Größe, an dem Züge anhalten und abgefahren werden. Beim Pool ist an Pole zu denken, bedenke die Anthropofagie und Dein Denken beginnt zu schlingen. Warburg hat beim Begriff des Beckens vermutlich auch die Assoziation, mit der Europa in der Antike mit chthonischen, lebensspendenden und -speisenden Figuren assoziiert wurde.

Ein Teil des Projektes widmet sich Aby Warburgs Geschichte und Theorie zum Verzehren des Gottes… und des Menschen. Es soll sich aber von dem Bezug auf Warburg lösen und allgemeiner an einer Geschichte und Theorie der Anthropofagie mitarbeiten und aus Sicht einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken den Milieus anthropovaguer und anthropolarer Wesen nachgehen.

Mit Ricardo Spindola habe wir dazu 2023 einen kleinen Workshop organisiert und Panu Minkinnen eingladen. 2025 haben wir mit Melanie Merlin de Andrade und Bruno Limo einen größeren Workshop organisiert, zu dem Claude Imbert, Luciana Vila Boas, Laura Rivas Gagliardi und wieder Ricardo Spindola zu uns gestossen sind.

Unter dem Gesetz, also auf diesem Blog findet man dazu schon Material. Das Projekt läuft weiter.