



Das neue Mittwochsseminar, Frankfurt 2025
1.
‚Science at the bar‘ hat momentan mit ausgesucht limitierten Zugänglichkeiten zu tun. Sie sind mit dem technischen Begriff der Emergenz belegt. Emergenz, so lautet eine These, kann man sich als größeren oder kleineren Bahnhof vorstellen. Das ist der Name einer Stelle, an der Züge halten und abgefahren werden. Hoffentlich anspruchsvoller gesagt ist Emergenz der Name eines Risses, an dem etwas erscheint und etwas entfernt wird, etwas auf- und abtaucht. Wem es hilft, kann sich Emergenz als Entwurf und Verwerfung vorstellen.
Wo Emergenz ist, dort leuchten die (Notausgangs-)Schilder, da findet ein klammer Verkehr statt. Emergenz ist der Name der Klamm, einer phobischen Stelle.
2.
In einem Text zur Soziologischen Aufklärung mit dem Titel „Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen“ stellt Luhmann vier Begriffe seiner Theoriebildung (System, Evolution, Kommunikation, Reflexivität) vor, die man als Grundbegriffe verstehen könnte, wenn Luhmann dort nicht schreiben würde, dass die Isolation dieser Begriffe (ein Element ihrer Definition) sich in Auflösung befinden würde.
Begriffe tauchen auf und ab, sie werden verwendet, ausgetauscht, übersetzt. Ein Begriff, der das auch macht, das ist derjenige der Emergenz. Sein Auftauchen war eine Übersetzung. Er ist einer der Begriffe, die unter anderem auch sagen, was ihnen passiert. Der Begriff ist erschienen, aufgetaucht, emporgestiegen und, wie man im Englischen sagt, it surfaced. Ab einem bestimmten Zeitpunkt motivierte der Begriff von selbst seinen Gebrauch. Der Begriff hat dann hier und da Karriere gemacht. Für die Rechtstheorie ist hier zuerst die Systemtheorie zu nennen. Wo Emergenz ist, da ist Schichtung, da ist etwas weiter oben und etwas anderes weiter unten. Da ist etwas von etwas anderem bedeckt, es hat etwas anderes über sich. Das ist Surface, gesichtet und geschichtet. Da sitzt etwas etwas anderem auf, es hat etwas anderes unter sich. In einem jüngeren Text schreibt Gunther Teubner Schichtungen und verwendet die Unterscheidung zwischen ‚basalen Systemen‘ und ‚emergenten Systemen‘. Wo Gunther Teubner nach Substraten forscht, da forsche ich zu juridischen Kulturtechniken.
3.
Im systemtheoretischen Kontext ist der Begriff der Emergenz dem Begriff des Systems assoziiert. Wenn etwas emergiert (das ist in der Schichtung quasi das aktuell ‚höchste‘), soll es selbstständig werden oder aber aus sich heraus eine Dynamik entwickeln, die nicht auf seine Elemente zurückgeführt werden kann. Was emergent ist, soll dann einen poietischen Effekt haben (das macht was). Was emergent ist, hat den Motor angeworfen und ist geladen. Der Begriff der Emergenz ist in der Systemtheorie dem Begriff des Selbst assoziiert und u.a. in die Unterscheidung zwischen selbst/fremd involviert. Der poietische Effekt wird teilweise Autopoiesis genannt.
Im neuen Mittwochsseminar wurde ein Text von Gunther Teubner gelsen. Teubner spricht nicht nur von Emergenz, er spricht auch von Personifizierung. Der Titel des Textes lautet ‚Emergenz und Personifizierung‘, das ‚und‘ muss in jeder denkbaren Hinsicht gelesen werden. Es gibt Verkettungen, in denen der Begriff der Emergenz denjenigen der Person übersetzt. Der Begriff der Maske ist so ein Verkettung.
Die Maske, die den Begriff Person erhalten hat, ist ein Objekt römischer, juridischer Kulturtechnik. Sie wird einem Antlitz, Gesicht oder einem Körper aufgesetzt, hat in der Regel zwei oder drei Öffnungen: zwei für die Augen und eine für den Mund. Es gibt Leute, die diese Öffnungen für Bohrungen oder aber für bohrend halten. Dank dieser Öffnungen wird ein Blick eingerichtet, der trifft, und zwar diejenigen, die die Maske sehen (das ist nicht der Träger). Die Maske blickt. Es ist dazu gekommen, sie mit dem Klang, der Stimme und dem Sprechen zu assoziieren. Weil das Sprechen im übertragenen Sinne stattfindet, soll es mir recht sein, im übrigen orientiere ich mich an Horaz, an sprechenden Bildern und sichtbaren Worten. Die Maske perspektiviert und macht insoweit etwas, was auch das velum (Albertis bildgebende Technik des Schleiers) machen soll. Personifizieren und Perspektivieren sind teils affine, teils verwandte juridische Kulturtechniken (und müssen nicht in eins gesetzt werden). Sie richten etwas ein und etwas aus, eben auch das, was mit Stimme und was mit Blick assoziiert wird. Insoweit instituieren sie. In der Antike sind die Maske und die bildgebende Technik des Schleiers unter anderem in der Totenmaske und dem ius imaginum assoziiert. Wenn Emergenz und Personifizierung „weit entfernte Phänomene sind“, dann ist das Verhältnis plastisch, archäologisch und über ein Distanzschaffen zu erschließen, in dem Antike nachlebt. Das gilt freilich nicht im Allgemeinen, sondern nur für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken, die im Geiste Warburgs und Vismanns operiert und das tut, weil ihr ohnehin alles entfernt und dazu noch unbeständig erscheint.
4.
In seinem Text schreibt Gunther Teubner, Emergenz und Personifizierung seien weit entfernte Phänomene. In einer beweglichen Welt sind Entfernungsangaben limitiert zuverlässig, das Maß der Entfernung kann sich schnell ändern. Sein Text ist selbst ein Beispiel dafür, beides nun in kleine Entfernung zu rücken. Personifizierung erscheint hier als Moglichkeit, auf Emergenz zu reagieren.
Technik ist Kooperation, Kooperation besteht aus mehreren Operationen. Manche schlafen abends mit dem Bett ein und wachen morgens mit dem Wecker auf, sie essen mit den Eiern und braten mit der Pfanne, der Steckdose, weit entfernten Atomkraftwerke oder näher entfernten Kohlekraftwerken oder sogar einer Solaranlage auf dem Dach. Sie menschen mit der Person. Es gibt dazu Umrechnungstabellen, wie wie viele Sklaven man heute bräuchte, um ohne die technischen Errungenschaften der letzten 300 Jahre seinen menschenwürdigen Lebensstandard als Person zu halten. Ich bräuchte umgerechnet 73 Männer und 77 Frauen, vermutlich sogar mehr, satt bleibe ich nie lange. Der Mensch will was, unter Umständen kann er es oder er kann es haben. Das alles und noch viel mehr ist erstaunlich dicht eingesickert in den Begriff der Person und bildet dort den Bodensatz der Gründe. Man solle wirbeln hieß es jüngst, aber wir tun es sowieso.
5.
Die Diskussion um Anteile am Status der Person wird in Bezug auf eine Reihe von Phänomenen geführt: Sind Sklaven vielleicht doch Personen? Sind Frauen Personen? Sind Hunde Personen? Sind Juden Personen? Sind Maschinen, Apparate oder Algorithmen Personen? Sind Gesellschaften Personen? Ist die Kirche eine Person? ist die Gemeinde ein Person? ist die Kurie eine Person? Ist der heilige Stuhl eine Person? Kann man eine Person aus Personen erzeugen, ohne Kinder zu zeugen? Können Personen aus Personen bestehen?
Man spricht teilweise vorsorglich von natürlichen Personen, bringt ihnen aber ebenso vorsorglich bei, ihre Schnürsenkel zu binden, sich morgens zu kleiden und abend auszuziehen, ordentlich auf Stühlen an Tischen zu sitzen und schickt sie, instituiert zu werden. Bei der Begriffsverwendung ist man großzügig, sogar Arnold Schönberg gewährt man den Begriff der natürlichen Person (falls es mal um seine Kunstfreiheit geht oder aber für alle Fälle). Die Raffinesse und die hochgezüchteten Fiktionen killen nicht, das haben sie schon bei der Matthäus-Passion nicht getan. Das mag umstritten sein, mir aber herrscht diese Meinung.
6.
Warburg beschäftigt sich auch mit der Frage nach der Person. Auf den Staatstafeln gibt es genug Anläße dafür, weil die katholische Kirche eine erstaunliche Anzahl von füreinander stehenden Personen aufhäuft. Der heilige Stuhl, der Staat der Stadt Vatikan, der Kardinal Staatssekretär Pietro Gasparri, Papst Pius XI: auf langen, verzweigten Fluren begegnet man Personen, die Referenzen für Personen bilden, und das Bild der Hierachie oder eines Punktes, auf den das Sprechen und Schreiben hinausläuft und schließlich seinen Stand findet funktioniert am besten im Begnügen mit dem Bild. Denkt man drüber nach und verfolgt die Details, wird es barock und man landet, wenn nicht bei einem komplizierten Text von Gunther Teubner über Emergenz, dann bei Gottfried Wilhelm Leibniz, auf jeden Fall in Falten. Und auch dann ist es noch am besten und auch dann landet man vorübergehend.
7.
Es gibt die Idee, dass die Moderne sich fragmentiert hat und dennoch, oder gerade deshalb, eine Komplexität entwickelt hat, die eine grundsätzlich neue Modellierung der Welt verlange. Angeblich soll der moderne Konzern wesentlich komplexer sein als die katholische Kirche, darum müssten für diesen Konzern neue Modelle her, neue Bilder und Begriffe zu Beispiel. Manchmal genügen dann in den Unzugänglichkeiten auch neue Hinterstiegen, Personaleingänge und Zufuhren, wie etwa im Fall von Teubners Vorschlag, die Entfernung zwischen Emergenz und Personifizierung zu verkleinern. Auf jeden Fall ist man in Rom 1929 bereit, einen heiligen Stuhl als Vertragspartner zu akzeptieren oder aber im Namen des heiligen Stuhls auf einem nicht-heiligen Stuhl Platz zu nehmen, um mit dem Mörder Matteotis Benito Mussolini etwas zu beschließen, das aus vier Teilen besteht. Diese vier Teile nennt man liebsten nur im Italienischen Patti , weil das erstens nicht so nach Pakt klingt und zweitens so schön nach Patti klingt und an LaBelle und Smith erinnert. Im Deutschen nennt man sie Verträge. Wäre die Welt nicht so verschleiert, dann wäre sie wohl auch nicht so schön, wie es im Himmel niemals seien kann.
8.
Die Dichte der Phantasie, in der man und aus der man heraus eine Wissenschaft ausgesondert hat, die man Rechtswissenschaft nennt, die kann man auch Kontingenz oder wiederum Dichtung nennen. Sie ist zu jedem Zeitpunkt erstaunlich gewesen. Bei der gegenwärtigen Diskussion um Subjektivierung und darum, wer und was den Status einer Person erhalten soll, hechel ich treuhündisch händelnd hinterher. Das liegt eventuell daran, dass ich nicht standhaft an Fragmentierung oder Vermehrung glaube und mich im übrigen leicht von entfernten Vergangenheiten ablenken lasse. Nicht anders als möglich war die Welt, auch ihre passierte Version. So scheint’s weiterhin. Nicht anders als artifiziell ist das Distanzschaffen. Die juridischen Kulturtechniken, mit denen ich mich beschäftige, die sind in die Produktion und Reproduktion von Welten involviert, die sich durch den Status des Natürlichen und den Status des Wirklichen nicht verfestigen.
Na dann, das geht so durch den Kopf. Jetzt aber ist es Zeit, Teubners Text genauer zu lesen und sich auf die Diskussion einzulassen.

Hinterlasse einen Kommentar