
1.
Die Wahrheiten, nach denen wir in so weiter Ferne suchen, hätten nur dann einen Wert, behauptet Claude Lévi-Strauss, wenn sie von Schlacke befreit wären. Er und Recife sind entweder nie richtig Freunde geworden oder man liest davon nichts in ‚Traurige Tropen‘. Mehr noch: da scheint, wenn Lévi-Strauss im Verlauf des Buches über diese Stadt redet, ein Pariser die Nase zu rümpfen, und das, wo er doch aus Brüssel kommt. Immerhin ist ihm Recife in diesem Buch ‚bemerkenswerter‘ als seine Frau Dina. Die kommt in dem Buch nämlich nur einmal, Recife immerhin mehrfach vor. Man hat das gegen ihn verwendet. Allerdings: alles, was man sagt, kann gegen einen verwendet werden, dazu noch das, was man nicht sagt. Dina kommt ihm nur ein einziges mal vor und blieb ihm einzig, obwohl er später nochmal heiratete, so kann man es ja auch sehen.
‚Traurige Tropen‘ ist eines der Bücher, die als Weltliteratur gehandelt werden, dazu eines, das von der Rechtswissenschaft mit einzelnen Passagen ausgebeutet, rezipiert und verwendet wird. Gibt es mehrere von solchen Büchern? Ja. Trotzdem bleibt so etwas auch ein Vereinzeltes und eine Vereinzelung. Das Buch stammt aus der Feder eines Schreibers mit durchschnittlichem Berufsbezeichnungsverbrauch: als Jurist/ Rechtswissenschaftler, Lehrer, Philosoph, Ethnologe und Anthropologe wird er bezeichnet, die Berufe decken sich teilweise, teilweise ergibt eins das andere. So viele, wie man hier auf den ersten Blick zählen kann, waren es nun auch wieder nicht. Darum ist sein Berufsbezeichungsverbrauch auch nur durchschnittlich und nicht so hoch wie bei Aby Warburg.
2.
Um seine These zur Bewertung der Wahrheit plausibel zu machen, kommt Lévi-Strauss auf die Hauptstadt der Schiff- und Lichtbrüchigen zu sprechen:
Gewiß kann man eine sechsmonatige Reise voller Entbehrungen und tödlicher Langeweile auf sich nehmen, um einen unbekannten Mythos, eine neue Heiratsregel oder eine vollständige Liste von Clan-Namen zu sammeln (was wenige Tage, manchmal nur wenige Stunden in Anspruch nimmt). Doch verdient eine armselige Erinnerung wie folgende: ‚Morgens um 5.30 Uhr legten wir in Recife an, während die Möwen kreischten und eine Schar von Händlern, die Südfrüchte anboten, sich um das Schiff drängten [sic!]‘, daß ich die Feder in die Hand nehme und sie festhalte?
Das ist eine Frage nach Aufwand und Ertrag, wie sie sich alltäglich, auf Forschungsreisen und im Studium, jederzeit stellen kann. Fragen, die gestellt werden, sind auch Fragen, die beantwortet werden sollen, zwar nicht immer, aber im Rahmen von Anfängerübungen schon. Die Antwort ist hier einfach: ja, denn so landet der Satz aus den Notizen später in Traurige Tropen, zwar erst auf der zweiten Seite des Texte, markiert dort aber den Moment, in dem es mit ihnen so richtig losgeht. Vorher war Transport oder Tourismus, jetzt beginnt die Arbeit. Das Buch hat sich gelohnt, sogar nicht nur gelohnt. Die Reise, auf der dieser Satz aufgabengemäß geschrieben wurde, wurde auch belohnt. Der Arbeitgeber und Dienstherr des Dienstreisenden Lévi-Strauss könnte bei späten Erscheinung des Buches sogar verlockt gewesen sein, anzumerken, dass hier nichts klargestellt werden musste oder gar zu verhandeln war. Forschungsberichte sind für Gastprofessoren Pflicht, auch wenn sie erst Jahre später veröffentlicht werden und vorher ihre Sätze notiert auf Zetteln in Kästen liegen, um andere Sätze zu produzieren. Klar verdient der Satz, wenn, weil und indem er aufgeschrieben wird. Später hat Luhmann einmal mit anderen, kürzeren und doch auch berühmten Worten gesagt, sein Forschungsprojekt würde (nicht sechs Monate, sondern) 30 Jahre lang dauern und erzeuge ‚keine‘ Kosten. Das muss ironisch gemeint oder ein Missverstehen sein. On top kommt, dass Traurige Tropen sich bis heute gut verkauft, Bestseller war und Dauerseller bis heute ist. Der Satz verdient, das ist eindeutig.
3.
Wie komme ich auf die These zur Entschlackung und die Notizen zu Reife? Sie haben mit Anfängen zu tun und ich lehre anzufangen, indem ich seit einiger Zeit Anfängerübungen für alle und keinen Juristen mache. Eine Anfängerübung zur Geschichte und Theorie des Rechts, die davon ausgeht, dass die allgemeine Rechtslehre in einem Satz gefasst und so auch entschlackt werden kann (‚Die Rechtswissenschaft soll zu allen und allem was sagen und sich von allen und allem was sagen lassen‘), kann vor dem Gesetz anfangen. Sie muss nicht mit juristischer Literatur beginnen. Man kann mit Anfängen anfangen, zum Beispiel dem Anfang von Traurige Tropen oder Les Lances du Crepuscule von Philipp Descola, das wäre dann auch ein Titel vor seiner Übersetzung ins Deutsche und kein Satz, aber immerhin ein Titel, der schon auf dem Cover das Buches auftaucht, bevor man den ersten Satz eines Buches liest.
Fängt man statt mit Forschungsreisen mit dem Daheimgebliebenen, z.B. der Entstehung des griechischen (Rechts-)Denkens oder ab urbe condita an, oder fängt man damit an, wie Theorie und Geschichtsschreibung in näherer Umgebung angefangen haben sollen, oder aber fängt man damit an, was gegenwärtig in Geschichte und Theorie gelten, Stand der Wissenschaft und auf der Höhe der Zeit sein soll, ist es auch gut, es hat sich eine Zeit lang mindestens bewährt, wenn auch nicht überall. Gut kann es sein, gespannt und geladen anzufangen, eventuell wird sich was auf die, die man zu Juristen machen soll, übertragen.
4.
Am Anfang war Verschiedenes (sogar Entferntes, das teilweise seit dem weggekommen scheint), fast so wie in Luhmanns Vorstellung von Kommunikation in ihrer listenförmigen Form, in der das Wort Variation am Anfang steht, dann steht in der Mitte Selektion und schließlich manchmal Retention, manchmal Stabilisierung.
Eine Mittel der Stabilisierung ist zum Beispiel ein Kanon, eine Ausgabe, Reihe und Liste kanonischer Literatur und klassischer Autoren. Ein Kanon der Literaturen, die man gelesen haben sollte, wenn man einmal etwas vom Recht (zum Beispiel, aber nicht notwendigerweise: Rechtswissenschaft) studiert hat und sich in dem Zusammenhang mit Geschichte, Philosophie und Theorie befasst hat, ist unter Druck geraten. Der Weltverkehr, auch unter Wissenschaftlern und Juristen, ist daran beteiligt, dass es manchmal heißt, man könne die dafür notwendige Übersicht nicht mehr leisten und haben. Soviele stimmen, so viele Stimmen. Das, was Lesen sein soll, geht derweil vorüber. Das Lesen kann ein Lesen von Büchern und Zeitschriften sein, es kann ein Lesen von Bildern und Lichtspiel, Städten, Umgebungen, Plänen, Programmcodes, Spuren, Weintrauben, Gesichtern und Notationen sein oder sogar, wie es bei Walter Benjamin heißt, ein Lesen dessen, was noch nicht geschrieben steht (oder was auch geschrieben immer noch nicht steht). Lesen kann Stellenlektüre sein, auch jene Technik, die Harun Maye in einer Studie zur Geschichte und Theorie der Kulturtechnik Lesen als Zappen bezeichnet und dem Durchlesen einen sprunghaften Sinn gibt. Lesen kann scrollen und sich an die unerbittliche Präsenz vom timelines halten. Viel lesen muss nicht heißen, viele Texte zu lesen, einer kann reichen, wenn man ihn auf viele unterschiedliche Weisen liest. Da geraten Kanon und Literaturlisten schon mal unter Druck.
Der Anfang von Traurige Tropen gibt ein Beispiel für die Unterscheidung zwischen Rechtswissenschaft und Ethnologie/ Anthropologie sowie dafür, dass eine Wissenschaft, wenn sie sich einen Gegenstand (etwa Heiratsregeln) angeeignet hat, ihn immer noch mit anderen Wissenschaften und anderem Wissen teilen muss. Ein Kanon gerät unter Druck, aber da, aus dem Druck, kommt er auch her, dort gerät er oder gar nicht. Manchmal sagen Leute, etwas sei unscharf, vieldeutig, problematisch und umstritten, komplex und kompliziert, darum könnten sie nichts dazu sagen. In solchen Fällen soll man es tun, dann muss man es manchmal auch tun, nämlich wenn man gefragt wird, sich einem Fragen stellen und man (sich) beraten will. Sogar Heisenbergs Unschärferelation hat uns eine Formel (und später eine pointierte Anwaltsszene im Kino gebracht). Na dann schaffen wir bestimmt Entsprechendes. Wir üben schon mal, zu kanonisieren.
Zur Anfängerübung bietet es sich auch an, damit anzufangen, was ein Veranstalter vormacht, sich und anderen. Das heißt auch, dass noch die Literaturliste für eine Übung auch einen Schuss Subjektivität, Perspektive und Idiosynkrasie verträgt, vor allem dann, wenn man darauf zielt, diese Schüsse Besonderheit ins Vormachende zu bringen. Auf die Liste könnte Literatur der Anthropologie, auch weil es sich hierbei um eine der Wissenschaften handelt, die in der Moderne mit der Rechtswissenschaft kooperieren. Traurige Tropen könnte auf die Liste, weil der Reisebericht in der Hauptstadt der Schiffbrüchigen losgeht und weil im späteren Verlauf noch einmal etwas davon erzählt wird, was man mit Schrift (so u.a. Derrida) oder Wellenlinien (so Vismann) alles so anfangen, zum Beispiel lancieren kann.
Wenn man eine Übung zur Geschichte und Theorie des Rechts mit Anfangspassagen trauriger Tropen beginnt, kann man lange noch nicht auch überall und letztlich nirgends beginnen. Erstmal geht es nur im Hafen trauriger Tropen bei Möwengeschrei morgens um 5.30 Uhr und nur, um diese Situation zu mustern, in ihr Referenzen zu wittern und zu fassen. Da ist die (etwas versteckte) Referenz des Schiffbruches, die deutliche Referenz Morgenstimmung und Sonnenaufgang, die deutliche Referenz der Landung, die der Kolonialisierung. Der Schreiber kommt in Fahrt zur Welt, die Welt in Fahrt zum Schreiber, da ist die Referenz Weltmachung oder Globalisierung. Nicht zu überhören ist die Referenz eines Möwengeschreis, mit dem die Vögel dem Anthropologen in einer Sprachkrise (er-)scheinen. Ob er oder die Möwen darunter (mehr) leiden, ist noch ungewiss. Immerhin kündigt ihr Geschrei das an, was dem Helden erst im Hafen und später dann in unterer Hälfte beider Amerikas begegnen kann, nämlich die Kreuzung aus Information und Krach, die er sucht, schon weil er dafür belohnt wird.
Fängt man also mit diesem konkreten Anfang an, kann man es sicher erstmal nur mit so einem Anfang. Und selbst wenn später dann der Fall wäre, dass man aber auch an allen anderen Orten und zu allen anderen Zeiten mit den Grundlagen des Rechts oder anfangen kann (Variation also wie in Luhmanns Liste , aber nicht zuerst, sondern zuletzt auftauchen würde während am Anfang noch Stabilisierung /Retention war), wenn der Anfang später überall und noch im Nichts stattfinden könnte, dann wäre es auch nicht schlecht. Nicht in der Perspektive, die ich empfehle. Immer dann, wenn etwas anfängt, fängt ohnehin auch das Recht an, schon weil anzufangen eine juridische Kulturtechnik ist, an der früher oder später das Recht aufkreuzt. Ich empfehle, etwas vorzuschieben, nämlich die Grenzen von Recht und Rechtswissenschaft in Bereiche und Phasen zu bringen, in denen man unten und früh, (wie) bei Aurora ist.
Die Geschichte und Theorie des Rechts ist etwas, manche sehen darin eine Grundlage, andere eine Situation. Dazu kann man arbeiten, schreiben, forschen oder lehren, egal wie hoch der Berufsbezeichnungverbrauch dabei ist und egal wie hoch der Satz dann verdient. Ob etwas juristische Literatur ist oder nicht, ob die Literatur naheliegend, fernliegend, umwegig oder abwegig erscheint, das sind Unterschiede, die immer einen Unterschied machen können, auch nur einen Unterschied und danach keinen mehr. Nichts ist von selbst mit allem verbunden, nichts ist von selbst unterschieden. Bruno Latour hat in einem Buch über den Conseil d‘ Etat von seiner Faszination für eine Institution erzählt, die alles mit allem verbinden, alles von allem trennen und alles mit allem austauschen kann. Er nennt das Porösität, vergleicht sie mit Spitzen ( auch Textilien, Kleidung und Trachten), wie man sie dort trifft, wo der diskrete Charme bürgerlicher Denkräume sich noch über Tischdecken sichtbar und in Unterwäsche unsichtbar verbreitet.
Wenn sich der Wert der Wahrheit im Laufe der Anfängerübung tatsächlich entschlackt zeigt, nicht entkleidet oder nackt oder rein oder von Eis befreit, dann mit solchen Konditionen.

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