

Mit Ricardo Spindola, einem Mitglied der Forschungsgruppe Letter, oder: Objekte, die lassen, mit Bruno Lima und Julius Schwarzwälder organisieren wir Reading Vismann 2.
Am 23.07. treffen wir uns wieder (diesmal schon um 14.00 Uhr) und Pratyush Kumar wird einen Impuls geben. Jedes mal sammelt sich teils live und in Farbe, teils über Zoom, eine fantastische Gruppe (sagt man so, man könnte aber auch ein Häufchen bis Haufen sagen) um die Lektüre Vismanns.
Im Vorwort der Medien der Rechtsprechung beschreiben Markus Krajewski und Alexandra Kemmerer eine Art Gegenbild zu dem Bild, das einen Rechtswissenschaftler zeigt, der sich über frühere oder aufkommende Beschränktheit, Einkapselung oder Fragmentierung beklagt. Das ist das einfache und treffende Bild von Cornelia Vismann, das ich u.a. mit ihrer Küche in Frankfurt verbinde.
Krajewski und Kemmerer erwähnen nämlich Vismanns unstillbare Lust (sie sagen: Freude) am Stiften immer neuer unkonventioneller Gesprächszusammenhänge. Sie schreiben stiften (condere/ condo), sicherlich meinen sie auch condio. Gastlichkeit als Methode, weil’s quasi auf Haufenbildung als Strukturprinzip hinausläuft. Vermute ich. Wenn Vismann in ‚Kulturtechnik und Souveränität‘ an Stellen dieses seltsam meistzitierten Aufsatzes von allem möglichen, nur nicht von Kulturtechnik und Souveränität, spricht, sondern statt dessen von Verkettungen, in denen jeder Schritt oder jeder Move einer Instituierung auch derjenige einer Substituierung ist, dann sehe ich sie in der Küche sitzen, Balthasar kocht und öffnet den Wein. Jetzt geht es los, nicht tragisch, komödiantisch. Markus Krajewski habe ich zwar nicht in dieser Küche kennen gelernt, sondern ca. 60 Minuten vor Eintritt in diese Küche, als er bei mir auftauchte, weil Vismann ihn bei mir untergebracht wissen wollte, aber nur, um dann eben mit ihm unverzüglich (d.i. ohne schuldhaftes Zögern) in ihrer Küche aufzutauchen.
In einer Wissenschaft, die an manchen Stellen doch Wert darauf legt, unverwechselbar und unaustauschbar, einzigartig zu sein und nichts durcheinanderzubringen, sondern Meinungen exakt zu ermitteln und dem Meinungshaber zurechnen zu können, genau zu wissen, was an welcher Stelle sitzt, die weiter davon träumt alle Adressen und den Sitz und die Stelle und die Passage und den Raum und die Zeit eines Wissens exakt lokalisieren zu können und die schließlich beim Lokalisieren eben nicht an fröhliche Küchentische und Wein und Verwechslung und Austauschmanöver und Barbetrieb oder Kneipe oder Disco denkt, da mag das eine gewisse Nervosität erzeugen, genauer gesagt eine Ungeduld, sobald etwas davon in die Arbeit schwappt oder gar in die Methode. Markus Krajewski wird seit dem immer wieder mit Markus Krajewski verwechselt. Er ist inzwischen Baseler, also aus der Welthauptstadt des Cordon bleu, das dort im Gasthaus inzwischen ca. 50 SFr kosten dürfte und sich trotzdem der Herr Professor leisten und gönnen kann. Immer wieder verwechselt, immer wieder erstaunt darüber, wieviel Geld Juristen angeboten wird, um irgendwo nicht gerade exzessiv witzige Vorträge zu halten. Das muss ich nicht erwähnen. Eventuell darf ich es gar nicht. Das ergibt sich auf jeden Fall aus dem Zusammenhang.
Von klein auf mit der zwielichtigen Eigenschaft ausgestattet, Sachen durcheinanderzubringen oder zu verwechseln, schon weil ich etwas, was mit sich selbst identisch ist, nie erkenne, Leute also dann nicht wiedererkenne, wenn sie es sind, aber sofort erkenne, wenn jemand auf der anderen Seite der Welt oder sogar etwas völlig anderes als der Mensch eine entfernte Ähnlichkeit zu ihnen besitzt, muss ich zugeben, dass ich mich in dieser Küche nicht nur zuhause gefühlt habe, sondern auch erst in dem Alter, in dem man dem Renteneintritt näher als dem ersten Arbeitstag ist, erstaunt festgestellt habe, dass andere wohl anders ticken. Ob die Gesprächszusammenhänge damals wirklich so unkonventionell waren? Kann ich schlecht beurteilen, vielleicht liegt es daran, dass das eigene Gedächtnis stolz oder kurz ist. Keiner will im Wahnsinn leben, alle wollen Alltag. Fröhlich war es, das kann man wohl sagen.
Krajewski und Kemmerer erwähnen noch, sie seien an ganz unterschiedlichen Orten der Kartographie ihrer Denk- und Lebenswelten Vismanns Freunde und Kollegen geworden. Das kann man gar nicht genug betonen: dass Vismann zu denen gehörte, die Aby Warburg mit dem Begriff des Pendlers ehrt und die von den Leuten in Sils Maria mit dem Begriff ils Randulins geehrt werden: Schwalben oder Randulierer. Das sind Leute, die alleine keinen Sommer machen. Aber sie kommen wie der Sommer, als Sommer kommen sie.
Eine der Folgen von Medien der Rechtsprechung war, dass wir nach Cornelias Tod 2010 erst vier Jahre lang in Weimar, dann in Basel und später auch in Frankfurt Lehrveranstaltungen unter dem Titel Prozeßbeobachtung angeboten haben. Im Seminarraum wurde juristische Literatur zu Gerichten und Verfahren sowie das Genre der Prozeßbeobachtung gelesen, es wurden aber auch Filme zum Gegenstand wie z.B. Marcel Ophüls Hotel Terminus (ein Film, der über Jahre hinweg den Prozeß um Klaus Barbie beobachtet hat). Zweites wichtiges Element war, Prozeße zu beobachten. Das war fröhliche Wissenschaft. Bevor Opa Fabian wieder anfängt, vom Krieg zu erzählen, überlasse ich die Diskussion heute lieber Ricardo, Bruno und Julius und den übrigen Teilnehmern.
Es gibt eine Stelle in den Passagen, die wir heute lesen und in der es um Instituierung und Substituierung geht, die man mit dem Satz Ich habe getötet (der die Übersetzung eines Titels einer Kurzgeschichte von Michail Bulgakow ist) assoziieren kann. Vismann erwähnt den ‚Mord‘, den Luis Althusser an Hélène Rytmann begangen hat. Mit ‚Mord‘ meine ich einerseits die Tötung, anderseits die Vernichtung einer Referenz. Vismann erwähnt einen Schreibzwang, auf dem Althussers Text Die Zukunft hat Zeit basieren würde. Dieser Schreibzwang assoziiert sie mit einer Anklage, die das Ding im Schreiber und seine Sache ist. Was Vismann hier zusammenführt, Schreiben und ‚Morden‘ , müsste man einmal mit Rupert Gaderers Arbeit über Querulanz vergleichen. Die Passagen der erste 37 Seiten sind, nicht schön formuliert, kapriziös, schön formuliert: ein Capriccio, darunter würde ich ein dichtes, voltenreiches bis geballtes, ungebundenes Treiben verstehen. Hier will jemand wechseln.
Der Hinweis auf Schreibzwang und Mord, an dem mir insofern schon etwas dran scheint, weil mir Ich habe getötet in den Sinn kommt (sagt man so, um zu kaschieren, dass der Satz längst da ist), aber auch im Hinblick drauf, dass schon Assoziationen mit Legendre aufkommen, der reizt mich. Brutal formuliert Madame die Geschichte an der Stelle, an die sie schreibt, Louis Althusser habe seine Ehefrau getötet. Luis Althusser hat Hélène Rytmann getötet, seine Ehefrau sagt man zwar so, aber so brutal muss man es ja nicht sagen, sanfter kann man es nicht sagen, man kann es flacher sagen, indem man den Satz mit dem einen Namen anfängt und mit anderen Namen aufhört. Ich bin schon mitten im Thema, das Vismann u.a. als Unterscheidung zwischen Theather und Agon gefasst hat und in Kette der Instituierungen und Substuierungen irgendwann/ irgendwo die Unterscheidung zwischen Symmetrie und Asymmetrie oder aber den Begriff des Diagonalen austauschen könnte.


2.
In dem von Marcus Twellmann höflich und elegant geschriebenen Vorwort zu dem Buch Wissen, wie Recht ist wird von dem Autor ein ‚kontrafaktischer Kraftvektor‘ erwähnt, den er an dieser Stelle einer Anthropologie der Modernen zurechnet, und zwar der Anthropologie der Modernen bei Bruno Latour. Da spitz ich die Augen und mach die Ohren groß auf. Es gibt nämlich eine Geschichte und Theorie zur normativen Kraft des Kontrafaktischen, deren Helden für mich Aby Warburg (eh!), Gabriel Tarde, Yan Thomas und Cornelia Vismann wären (um bei der üblichen Vierzahl zu bleiben). Twellmann befasst sich im Vorwort zu dem Buch über Latour mit meinen Helden, so denke ich, wenn er dort einen kontrafaktischen Kraftvektor erwähnt. Twellmann schreibt zwar das Vorwort zu einem Buch über Latour, aber die Menschen verhalten sich zu den Menschen ja auch mimetisch. Es ist ja nicht nur so, dass in einem Medium immer ein anderes Medium steckt. Oft bis immer stecken in Menschen auch andere Menschen. In Latour stecken meine Helden, so denke ich mir. Vismann ist eine dieser Heldinnen, von der oft gesagt wird, sie stecke in anderen Menschen und andere Menschen würden in ihr stecken. Sie ist meine Heldin, weil sie etwas von dem Wissen weiß, das visuell und mit vis ausgetattet ist, das insoweit bildgebend und bildnehm effektiv ist. Sie ist eine Wissenschaftlerin des Fiktiven, Kontrafaktischen, der Einbildungskraft, der Ideen und Phantasien.
Was ist insoweit der Gegenstand von Vismann Wissenschaft? Die Fiktionszucht, die Fiktionsblühten und die Fiktionsfrüchtchen. Wozu? Weil der Mensch ein von Natur aus phantasiebegabtes und aufsitzendes Wesen ist, das auch mit Illusionen eine, wenn auch unsichere und limitierte Zukunft hat. Der Mensch kann asymptomatisch leben, also leben, als ob er überleben würde. Da gilt es einerseits, sich auf das Instituieren einzulassen, auf die Intelligenz und die Welten, die schon künstlich sind, bevor sie dann durch Computer laufen. Das Einlassen ist in diesem Fall der Name von Institutionen, die einen mehr oder weniger anspruchvoll die Zeit durchhalten, mithin warten oder erwarten lassen. Es gilt, Institutionen mitzumachen, mit Aktionen und Passionen. Insoweit gehört nichts abgeschafft (allenfalls gehören manche Texte und Bilder lebenslänglich aufgehängt). Insofern gehört nichts herbeigeschafft, weil es schon genug Dinge gibt, die es nicht gibt.
In eben dem Vorwort, das schon erwähnt wurde, sagt Twellmann aber auch, was dazu gehört, Institutionen mitzumachen. Nämlich sie zu verjüngen. Wenn das überhaupt gelingen sollte, dann wohl nur, wenn man im Alter voll zugreift, sich noch das Älteste schnappt und wenn nötig erstmal die Erde umgräbt um das Sedimentierungsgeschichte zu registrieren, hier und da die Archen der Institutionen auszubuddeln. Wenn verjüngt werden soll, dann reicht es nicht, sich nur die jüngeren oder jüngsten Teile zu schnappen, denn die sind ja schon jünger bis jüngst und müssen weniger bis gar nicht verjüngt werden. Dem Ältesten sollte man sich widmen und mit allen Mitteln anrücken. Daraus leite ich einen Teil des Zaubers Vismann her, die tut’s. Ist ein bisschen wie bei Hans Belting, dessen Zauber im Wissen zum zeitgenössischen Bilderstreit auch davon lebte, dass er so einen byzantinischen Blick hatte. Dass es in Vismanns Werk eine Doppelbewegung gibt, die einerseits so primordial (sagen wir so: so groß und entfernt und weit und hoch) wie möglich ansetzt, andererseits den ‚Helferlein‘, also dem kleinen, niedrigen, minoren, schwachen, frivolen oder subtilen Mitteln, das ist wiederholt angemerkt worden, besonders gut in dem Editiorial, das Siegert ihr einmal gewidmet hat.
Diese Doppelbewegung läuft wohl auch über etwas, was kontrafaktischer Kraftvektor in den Arbeiten bei Vismann sein kann, nämlich dort, wo sie über Institutionen nicht schreibt, ohne zur selben Zeit über Substitutionen zu schreiben. Rechtsprechen findet statt, hier zielt Vismann auf ein Sprechen, das der Stätte Kontrafaktur ist, so wie die Stätte dem Sprechen Kontrafaktur ist. Sprechen und Stätte, so scheint es mir, sind Julius Schwarzwälder Thema, ganz wunderbar welche sorgfältigen und sensiblen Beobachtungen er da immer macht. Ich mische mich trotzdem mal ein: Die Kreuzung aus Instituieren und Substituieren, die ich als Einforderung einer diagonalen Wissenschaft verstehen würde und mit Vismanns Kunst assoziieren würde, neue operable Unterscheidungen zu treffen und zwar genau da, wo die Theorie ihre Ununterscheidbarkeit nachgewiesen hat, das wäre für mich der kontrafaktische Kraftvektor als Methode. Das ist freilich nicht das, was Twellmann meint, der über Strukturen spricht, nicht über Methoden. Aber die Überlegung ist, ob man, vielleicht sogar nach Art der Imitation, Methoden auf Strukturen ausrichten kann.


3.
Die für mich entscheidenden Passagen aus dem Vorwort von Das Recht und seine Mittel (2012) von Cornelia Vismann sind nicht die anfänglichen Hinweise auf das Schattendasein, das eine bestimmte Wissenschaft geführt haben soll. Der Hinweis auf das Schattendasein wird dort leicht verstellt, indem dieses Schattendasein einem anderen Wissen beigestellt wird, nämlich dem einer umfassenden Erforschung. Umfassende Erforschung hier, Schattendasein da: Diese Positionierungen verschalen leicht, auch wenn es nicht falsch ist, Positionen zu unterscheiden und die Unterscheidungen, auch weil sie mit Stratifikation in Form von Gewichtungen einhergeht, durchaus ein Gegenstand dessen ist, was man unter Geschichte und Theorie der juridischen Kulturtechniken verstehen kann.
Aber leicht, allzu leicht rutschen solche an sich sinnvollen Beistellungen wie die zwischen dem Schattendasein und der umfassenden Erforschung in das Raster einer floskelhaften Begriffsfront, nämlich dann, wenn diese Positionen als Gegensätze verstanden werden, die auseinandersortiert vorkämen, wie h.M. und m.M. auseinandersortiert vorkommen sollen. In der Floskel ist das entsetzlich schriftsätzlich, ein abgegriffener Trick, den alle durchschauen, aber mitmachen, weil man die Kollegen so wenig enttäuschen will, wie die Kinder ihre Eltern und die Eltern ihre Kinder nicht enttäuschen wollen und darum alle Parteien den Bohei mit dem Weihnachtsmann mitspielen.
Liest man den Einstieg in das Vorwort zu Das Recht und seine Mittel wie einen Schriftsatz vor Gericht, der einem die Übermacht der gegnerischen Partei und der sich weiter dann selbst als Schäfchen oder Lamm oder kühl distanzierten Beobachter vorführt, dann ist das Vorwort falsch geschrieben und wird zum Text, der lebenslänglich aufgehängt gehört. Der Witz von Vismanns Aktenbuch liegt darin, dass sich seit Babylon Aktenberge türmen und schon im Zweistromland das ganze Wissen eher zuviel als zuwenig wird. Das Positive am Positivismus ist, dass er aus der Fülle schöpft und dabei noch aus der Luft, die wir geatmet haben und die um die Früheren gewesen ist.
Die Passage, die mir aus diesem Vorwort wichtig ist und die ich so stehen lassen würde, das ist folgende Passage:
„Das Werk Vismanns dreht sich immer wieder um die Normativität und die Mittel, mit denen diese Normativität eingerichtet, übertragen und verarbeitet worden ist. Normativität erscheint hier weder als Effekt eines juristischen Willensaktes noch verortet im souveränen Beuwßtsein einer politischen Gemeinschaft. Vismanns Überlegungen zur Normativität kreisen um Institutionen und um einen Begriff, den sie aus der Psychoanalyse Jaques Lacans übernimmt, den Begriff der symbolischen Ordnung. Das Recht und die Medien werden in ihrer Forschung darum nicht als Pole oder entgegengesetze Koordinaten unterschiedlicher Kräfte gedacht. Hierhin unterscheidet sich ihre Forschung von einer ganzen Reihe anderer Ansätze zum Recht in der Gesellschaft. Die weit verbreiteten und geläufigen Gegenüberstellungen zwischen Rechtsform und politischer Handlungsfähigkeit, zwischen Staat und Gesellschaft oder zwischen Recht und Kultur tauchen in ihren Texten zwar gelegentlich auf. Die Autorin behält aber kritische Distanz zu diesen Unterscheidungen. Deren Spiel spielt sie nicht mit. Gegenüber den Begriffsfronten ihrer Zeit hat sie angemerkt, es gelte neue operable Unterscheidungen zu treffen, und zwar genau da, wo die Theorie ihre Ununterscheidbarkeit nachgewiesen hat. In diesem Sinne steht der Operator ‚und‘ zwischen Recht und Medien für eine Beziehung, die Cornelia Vismann in einem Text über Bilder als troubled relationship bezeichnet hat: Es ist ein Widerstreit, in dem nicht einfach das Recht die Medien reguliert, legalisiert und legitimiert. Die Aufgabe der Medien besteht nicht einfach darin, Recht zu reproduzieren. In der komplexen Beziehung gibt es vielmehr einen Austausch zwischen der Aktivität und der Passivität der Prozesse. Das Recht wird darin auch von den Medien mit Normativität versorgt, die Medien werden darin selbst vom Recht reproduziert. Diese abstrakten Konstellationen geht Vismann anhand dessen durch, was sie einmal die niederen Techniken genannt hat: Übersetzen, Protokollieren, Kommentieren sind nur ein kleiner Teil dieser Praxis, in welcher der Streit um’s Recht ausgetragen wird, auch so, wie man Zeitungen austrägt. Es ist die juridische Praxis einer medialen Zerstreuung, aus der ein normativer Text und seine randständigen Helfer immer aufs Neue hervorgehen.„
Das Vorwort wurde 2011 in Weimar geschrieben, also in der Welthauptstadt dessen, was sich selbst klassisch ist (et in weimar ego). Mei, war des sche. Im Sommer gab es Besuch. O kam, wir saßen auf einer Decke beim Picknick und haben uns Gedichte gesagt, dann fuhr O wieder mit dem Zug weg. Wie Passau ist Weimar auch ein bisschen Hanni und Nanni gewesen. So vermisse ich die idyllische Zeit. Und nicht nur das. Ich stecke auch noch drin: alles noch da, nichts kommt weg, alles ist entfernt. Und zur selben Zeit passiert alles das, was ich in entsprechendem Abstand (also in 14 Jahren) so vermisse, wie ich jetzt Weimar vermisse. Wo viel passiert, da produziert man viel Vermissen, zumindest die Melancholiker tun’s.
Von Polen und entgegengesetzen Kräften schreibt Vismann deutlich, auch wenn sie diese Kräfte nicht auf das Recht hier und etwas anderes als Recht da verteilt. Das würde ich so sagen, würde also auch die beiden Anordnungen, die Vismann im Buch über das Rechtsprechen als das Theatrale und das Agonale bezeichnet, als Pole, Kappen oder entgegengesetzte Kräfte verstehen (man müsste also überlegen, wie die beiden zueinander stehen und was sie als Anordnung genau sein sollen).
Ich glaube, dass das Theatrale und das Agonale nicht die beiden einzigen Anordnungen sind, an denen Vismann Entgegengesetztes oder Polarität wahrnimmt, auch wenn das Buch über die Rechtsprechung ihr einziges Buch ist, dem sie so eine bivisionistische Anordnung mitgegeben hat. Vismanns Denken erscheint mir so attraktiv, weil jede Form von Gegensatz, jeder Gegensatz, jede Spannung und jede Polarität durch die kleinsten Stellen läuft und damit durch das Selbe. Dass sie ein Fan von Klossowski oder Foucault war, das leuchtet mir ein, da muss man nur das Denken des Außen lesen. Hinter Vismanns Texten steht keine große Sortierung und Auflösung , nach denen das Gute ins Töpfchen und das Schlechte ins Kröpfchen müsste. Vismann orientiert auf das Problem hin, nicht von ihm weg.
Für einen Kampf um’s Recht braucht man nicht viel, ein Detail reicht, ein einziges und winziges, denn dort klappt der Kosmos auf und dort ist er zusammengefaltet. Man muss nicht erst bis zum Ende des Diesseits gehen, um ans Jenseits zu kommen. Die Falten sind längst gelegt, und das hochalpin. Und diese Falten haben schon lange ihre seismische Aktivität. Die Auseinandersetzung mit Vismann schwitzt aus vielen meiner Texte. Das hat mit dem Kampf zu tun , der mit der Entscheidung begonnen hatte, 2010 nach Weimar zu gehen, den Lehrstuhl für die Geschichte und Theorie der Kulturtechniken zu vertreten und trotzdem noch in der Rechtswissenschaft zu habilitieren, also zu habilitieren, als ich nicht nur mir einer neuen Wissenschaft angefangen habe, sondern in der auch gleich die großen Einführungsveranstaltungen übernommen habe. Das war Schnapsidee sowieso, aber offenen Auges und mit dem Risiko gewollt, auch bereit dafür. Aber so etwas gleicht darüber hinaus auch einem Ausstieg ohne Ausstieg. Im Buch Genesis wird vor solchen Verfahren gewarnt, man könnte in eine Salzsäule erstarren, wenn man ohne Ausstieg aussteigen würde. Da ist was dran. But a man has to do what a man has to do, and when it an erstarrung zur salzsäule is. Und wenn das, was man zu tun hat, mit dem Selben, dem Unbeständigen und der Polarität zu tun hat, dann muss man man eben aussteigen ohne auszusteigen. Dann muss man die Welt im Rücken haben. Das Beste daraus machen, je suis ein kristallines Stäbchen und hoffentlich Salzlanze denen, die Chipsletten mampfen.



4.
Was soll das Theater? Der Richter hege das Ding, schreibt Vismann im ersten Satz des Abschnittes, in dem sie die theatrale Anordnung vorstellt. Das Ding sei so zentral für die Rechtsprechung, dass nach ihm einst sogar die Stätte benannt wurde, an der Rechtsprechen statt findet. Die Stätte, an der Rechtsprechen statt finde, sei Thing genannt worden. Vismann spricht sogar, so primordial wie möglich, von einer genuin theatralen Dimension des Gerichthaltens. Die Dinge seien der Grund, dass das Gericht schlichtweg ein Theater sei. Was ist ein Ding?
Was im Streit ist, ist ein Ding. Das Ding ist das, was bestritten wird, was gehändelt wird, an ihm kommt der Händel vor. Das Ding, im Buch 2 eine Institution, weil an ihm das Sprechen ein- und ausgerichtet wird (das Sprechen seine Stätte findet), erscheint uns ein wenig wie die Substitution der Akte aus Buch 1. Alle Wissenschaftler, die was zu sagen haben, haben nur ein Problem und nur einziges Thema in ihrer Arbeit, das verfolgt sie und sie werden es nicht los.
Dieses Ding entzweie, es ist im Streit und erst im Streit, erst indem es bestritten wird, ist es. Das Ding kommt als ein polemischer Katalysator oder es ist eine polare Trajektorie, die distrahiert und kontrahiert und darum in seiner Entzweiung sammelt. Für jemanden, der Bild- und Rechtswissenschaft zusammendenkt, also gar nicht auf eine allgemeine Rechtslehre und nicht auf eine systematisch-umfassende Rechtstheorie zielt und der nicht auf eine umgreifende, globale oder gar universale Rechtsgeschichte zielt, sondern immer nur auf das, an dem und in dem Recht auch Bild ist, kommen die Ausführungen zu dem Ding wie gerufen. Wie anders als bestritten sollen Bilder und wie anders als bestritten sollen Rechte daherkommen? Juristen geben und nehmen Bilder, indem sie Bilder bestreiten; sie geben und nehmen Rechte, indem sie Recht bestreiten.
Das Ding wird bei Vismann zum Begriff einer unstillbaren, unbeständigen, widerständigen und insistierenden Angelegenheit. Höflicherweise unterstellt Vismann, dass es hier ein Gelingen gäbe, nämlich die Konversion des Dings in eine Sache. Das polemisch Durchsetzte namens Ding würde ansprechbar oder, ich übersetzte jetzt mit dem Vokabular aus der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik, die auch über Manuale und Insitutionen der Rhetorik und dort wieder über den Begriff des decorum und Techniken der Musterung läuft: adressierbar.
Das polemisch Durchsetzte/ eristisch Gestellte (eine polarisierende und polarisierte Stelle? Ein Poller, ein Bolide, ein Böller, ein bolischer Stab oder ein geballte Lanze? Eine Kappe? Eine Kippe? Ein Wirbel? Ein Tosen?) namens Ding, das wird adressierbar.
Eine These aus der Geschichte und Theorie der juridischen Kulturtechniken lautet, dass Polarisierung Adressierung ist und dass Adressierung Polarisierung ist, dass also beides zwei Seiten einer Medaille sind. Man dreht das Ding, eine Schraube. Das Ding zu beschreiben schraubt was hoch und raus, runter und rein. Danach kann man herzlich daran zweifeln, dass die Konversion in ein Ding gelingt und das Ding erfolgreich zu dem Ansprechbaren wird, indem es ansprechbar wird. Die Konversion zieht allenfalls einen Strich, einen Linienzug, eine Schwelle oder Theke oder aber eine Bar/ ein Barren ein. Vismann arbeitet insoweit mit einer weiteren Unterscheidung, der des Realen und der Symbolischen Ordnung. Ding und Sache sind insoweit im Selben, aber mit der Konversion wird das Ding das Reale daran und die Sache wird dasjenige daran, was in der symbolischen Ordnung registriert wird. Man kann sich dann gut fragen, was am Symbolischen denn in Ordnung sein soll, aber man kann auch nicht leugnen, dass sich die Welt besprechen und beschreiben lässt und man nicht total daneben liegt, wenn man den Hund einen Hund und das Haus ein Haus nennt.
Die Konversion: Die Übertragung eines stummen und grundsätzlich verstockten Ding in eine verhandelbare Sache. So primordial wie möglich setzt Vismann an – und völlig zu recht hat the next big Friedrich gleich nach der Sprechen vor dem Rechtsprechen gefragt. Immer rein in die Aporie, wo sonst sollten sich die Passagen bilden? Wo sonst ziselliert man Theorie? Vismanns Doppelbewegung ähnelt griechischen Verfahren, wenn das Verfahren sind, aus Tiefe oberflächlich zu sein. Sie lädt das Rechtsprechen äußert gastlich, äußert gesellig auf: als würde sie ausplaudern, wie Recht spricht und dabei verraten, was Rechtsprechung sein soll. Hier pandiert eine, let’s call her Cardea/ Carne.
Was ist ein Streit?
Eris, Polemos, Agon, polis/ polos/ polus/ Stadt oder Stadtlärm/ Krach/ noise/ noia/ Reiberei/ Gedrängel/ oder Entzweiung, Zwist, Händel, Kampf, Auseinandersetzung, Widerständigkeit, Insistenz, Widersprüchlichkeit, Polarität, Unbeständigkeit, Kampf, Multiperspektivität, Vagueheit und in Bezug auf das Bestreiten sogar die Bewältigung einer ökologischen oder ökonomischen Beziehung: das alles kann Streit sein.
Den Haushalt zu bestreiten kann dazu führen, dass der Haushalt Streit ist, auch im Vorort bei abbezahlem Bungalow mit glücklicher Kleinfamilie kann das sein, das Haushalt zwar kein Wort, aber ein Fall des Streits ist.
Vismann wird im nächsten Kapitel noch auf das Agonale zu sprechen kommen, das eine besondere Beziehung zu dem haben soll, was auch Streit ist. Hier ist der Streit aber im Ding, am Ding, durch das Ding und das Ding ist durch Streit und Vismann ordnet das der ersten der zwei Anordnungen zu, dem Theatralen, nicht dem Agonalen.
Der Streit, der in der theatralen Anordnung erscheint, der ist ins Verhältnis zu allem dem zu setzen, was in der agonalen Anordnung Streit sein kann, damit das, was der Streit sein soll, nicht strittig bleiben soll. Aber wenn der Streit strittig bleiben soll und strittig bleiben soll, was Streit ist, dann kann das Verhältnis des Streites zu Eris, Agon, Polemos, polos, polus, polis, Stadt,Stadtlärm, noise/ noia, Krach, Gedrängel, Entzweiung, Zwist, Händel, Kampf, Auseinandersetzung, Widerständigkeit, Insistenz, Widersprüchlichkeit, Polarität, Unbeständigkeit, Multiperspektivität, Vagueheit auch ein strittiges Verhältnis bleiben. Nochmal: Vismann setzt so primordial wie möglich an, da holt man sich was ein. Sie hat Ideen, darauf wollen wir uns einlassen.
Man kann den Abschnitt noch einmal anders angehen, nicht vom Begriff des Dings, der Sache und des Streit her. Sondern vom Begriff des Hegens und Einrichtens (das sie dem Urteilen gegenüber stellt). Der Begriff des Hegens ist mir auffällig in seiner Exponiertheit, diese Stellung geht nämlich auch damit einher, dass er wie auf einer Klippe aus dem Text heraussteht und dabei über gewisse Abstände verbunden mit dem übrigen Text ist. Der Begriff der Inszenierung scheint dem Begriff Hegen nahe zu kommen, so lese ich zumindest den ersten Abschnitt auf Seite 22. Hegen wäre danach eine Technik, etwas zur Wahrnehmung, zur Erfahrung kommen zu lassen, etwas sich entfalten zu lassen, sich aber auch involvieren zu lassen. Der Begriff des Hegens ist wohl einer der seltsameren Begriffe dieses Abschnittes, nicht nur weil Hegen und Theater zusammengeführt werden. Klar, Carl Hegemann war damals Dramaturg an der Volksbühne und wirbelte mit Schlingensief alles durch und Vismann hatte eine kleine Tochter, also jemanden, bei dem man wie in Bezug auf Goldfische, Schafe, Geheimnisse und Großmütter eher ans Hegen denkt als bei dem Ding, das im Streit und vor Gericht sein soll. Das, also der Hegemann und die Milena, würde was erklären, immerhin Assoziationen, aber so würde noch geheimnisvoller, was es mit dem Hegen auf sich hat.
Ein Feuer wird gehegt, eine mehr oder weniger freundliche Atmosphäre und ein grausamer Verdacht wird gehegt: Wie geht dieses Hegen, wenn es das Hegen eines Dings ist, das im Streit ist? Die immerhin etwas kürzere Verbindungen zur Technik der Erfahrung und Technik der Wahrnehmung, die man Inszenierung nennt (in-Szene-setzen oder eventuell sogar vor-Augen-laden) und die immerhin leicht verkleinerte Entfernung zwischen Hegen und Inszenieren , die lese ich daraus, dass Vismann über beides im Zeichen des Untergehenden und Untergegangenen schreibt: Die Dingheber habe man eingespart und durch urteilende Richter ersetzt; das Zeremoniell sei gekürzt worden. Weil das Theatrale auch mit Techniken der Maskierung (und damit der Einrichtung von Bild, Blick oder Schirm) sowie wie Techniken der Erfahrung und Wahrnehmung (etwa der Musterung) assoziiert wird, lese ich das Hegen einmal ganz direkt als sorgfältiges Erfahren und sorgsames Wahrnehmen. Das Ding zu hegen meint dann, es zu sorgfältig zu erfahren und sorgsam wahrzunehmen: es zu kuratiert, es auftreten zu lassen und es betrachten und dabei auch gehen zu lassen.
Man gerät aber bei der Lektüre laufend an die Bande eines Operationsfeldes namens Disziplin oder Literatur oder sogar Wissenschaft. Wir sind freilich nur an einem Anfang des Textes, zumal einem Anfang, der im Stil für Vismann doch eher unytpisch ist, zumindest wenn wir den Anfang von Akten für einen typischen Vismannanfang halten: Der greift aus dem Material heraus und kommt nicht gleich mit einem Schema, das die Vorstellung vom Theatralen und Agonalen auch ist.




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