Chthonischer Ball

Unterirdisch!

Das Polobjekt ist, wie etwa ein Sarkophag, ein vagues Objekt. Auf diesem hier verkehrt Europa, in dem es aufgestellt wird. Holbein nähert die Figur Europas der Ikonographie an, in der die Umrisse des Kontinents mit den Umrissen einer Frau, Königin und Mutter ähnlich gemacht werden.

1.

Zuletzt war das 1930, also zur Hochphase der brasilianischen Anthropofagie und nahe am Zeitpunkt, an dem Aby Warburg seine beiden Staatstafeln fertig sortiert hatte, als der deutsche Staatsrechtslehrer Hermann Jahrreiss mit seinem Atlas und seinen Tafeln zum System des Verfassungsrechts eine alte Idee restituierte, nämlich die Idee, dass der Kontinent mit Namen Europa einen Menschen spiegeln würde, und zwar schon dadurch, dass die Umrisse dieser Geographie (die Küstenlinie oder das Litoral) dem Umriss eines anthropomorphen Wesens ähnele. Europas Riss sei von Symmetrie gezeichnet, Europa habe eine Mitte, das sei eine Linie, die er auch als Falte, Achse und, wegen der Ähnlichkeit zum aufgestellten Tier Mensch, Rückgrat bezeichnete. In Jahrreiss‘ Bild von Europa lebt Antike nach, darin steckt ein Rest Chthonismus und Mythos.

Europa bestehe aus zwei Körperhälften, so Jahrreiss. Jahrreiss betrieb Mimesis oder besser gesagt: Mimikry, er griff in die Schubladen einer Welt, die Georges Didi-Huberman am Paradox der Phasmiden beschrieben hat. Dass das Recht darin involviert ist, ähnlich zu machen, Ahnen zu machen, das ist den Rechtsordnungen vertraut, die am Dogma der Ebenbildlichkeit feilen, also auch mit Menschenbildern, Persönlichkeitsidealen und Formen des Subjekts arbeiten. Aber entweder hat Jahrreiss zu tief in die Schublade von Madame Medusa et Cie gegriffen oder etwas lädt und schiebt ihn dahin, von Europa als aufgestellter Frau und Regina ergriffen zu sein. Er kennt die Ikonographie, kennt sie doch, oder? Glaubt er, er sei der erste, dem sich im Umriss des Erdfleckens Europa, Regina und Phasmide zeigt? Das Paradox der Phasmiden: Nur das erscheint, so Georges Didi-Huberman, was sich zuvor verbergen konnte. Jahrreiss zeichnet Europa in einer Institution, einem Manual, einem Lehrbuch für das Staatsexamen – und gibt noch einmal zu zeigen, dass es keine Rechtswissenschaft ohne apparition science gibt. Mitten drin im Ähnlichen, da das, was Didi-Huberman den Dämon des Unähnlichen nennt.

Abtrittsvorlesung, aus gegebenem Anlaß regulär um 90 Grad gedreht.

Jahrreiss schreibt seinen Entwurf Europas in eine ikonographische Reihe ein, weist die Referenzen dieser Ikonographie aber nicht aus. Man erkennt diese Ikonographie an einem einfachen Merkmal: sie zeichnet sich dadurch aus, dass die iberische Halbinsel auf der Fläche oben liegt (an dem Ort, der im Verlauf der frühen Neuzeit dem Norden reserviert wird), nicht, wie sonst üblich, auf der linken Seite der Tafel, die dem Westen reserviert ist.

Das Zitat und die Referenz sind zwei unterschiediche Dinge. Jahrreiss arbeitet nicht im Reich der Zitate, er arbeitet im Reich der Referenzen. Sie müssen nicht expliziert werden, streng genommen geht auch gar nicht, weil jede Explikation die Implikation antreibt. Anders als Zitate, die erstens Ausschnitte sortierter und ‚autorisierter‘ Quellen sind und die zweitens durchaus vom Triumph der Ausdifferenzierung zehren können, sind Referenzen Teil dessen, was Ino Augsberg in einem Buch zu Recht und Literatur eine Verfaltung nennt. Streng genommen ist jede Referenz eine Hyperreferenz und ihr Ausdruck ist eine widerständige Tautologie. Jahrreiss muss historische Vorbilder, die keine Zitate dafür aber Referenzen sind, nicht ausweisen, auch deswegen nicht, weil das ikonographische Talent ein Symptom ist, das an anderen Stellen als Schize, Schizophrenie, Schizographie oder aber, dank und durch Emil Kraeplin, in milderem Licht seiner kanonischen Nosographie als modernisierte Version der Melancholie, nämlich als manisch-depressive Bildung beschrieben wird.

Holbein nähert sich 1533 mit seinem Gemälde der beiden geschickten Falter und Flatterer Jean de Dinteville und Georges de Selve dieser Ikonographie an, hält aber noch Abstand. Er tappt sich an die Ikonographie heran, und das unter der Orientierung an der Anthropofagie. Der chthonische Ball tanzt noch, das Reigen hält an. Die titanische Zeit Saturns ist hier noch nicht von olympischen Zeiten abgelöst und aufgelöst worden. Die Zeit der Anthropofagie ist hier noch nicht von der Zeit der Anthropologie ab- und aufgelöst worden. Man wird das selbe über die Zeit von Hermann Jahrreiss sagen müssen.

2.

Im 19. Jahrhundert bringt Johann Jacob Bachofen das Chthonische, d.i. das Unterirdische als Begriff und Vorstellung einer Bild- und Rechtswissenschaft auf, deren Archäologie bei ihm mit der Idee einhergeht, dass ältere Schichten der Geschichte nicht abgelöst und damit auch nicht aufgelöst werden (er definiert es noch weiter, aber das will ich hier außen vor lassen). Damit eröffnet der erste Baseler Archäologie eine Reihe von Überlegungen dazu, was im Zeitgenössischen eine Verbindung zu entfernten, unter Umständen weit entfernten Zeiten pflegt. Das Zeitgenössische kann sich vom Gegenwärtigen dadurch unterscheiden, dass es eine Verbindung zu entfernten Zeiten pflegt (vgl. Zeitgenössiche Verfassungtheorie) . Ist die Gegenwart schon dadurch synchronisiert, dass alles an ihr zur gleichen Zeit gegenwärtig ist, ist das Zeitgenössische nicht durch Gegenwart synchronisiert. Das Zeitgenössische kann unzeitgemäss, diachronisch, asynchron und polychronisch sein, sprich: mit Ungleichzeitigkeiten auftreten. Das Zeitgenössische hat mit Zeiten zu tun, die selbe Zeiten, aber nicht gleiche Zeiten sind.

Das Zeitgenössische ist nicht das Gegenwärtige, es hat sogar Platz für säumige Zeiten, wie jene Zeiten, die Thomas Hobbes im Leviathan „sometimes“ nennt und meteorologisch qualifiziert, weil sie schwebende Zeiten sind, auf eine vorbeigehende Weise auf- und abtauchen, anschwellen und abschwellen, vague und vogue erscheinen (und damit der festen Grundlage des Gegenwärtigen entbehren), schwer zu berechnen oder notorisch unkalkulierbar bleiben. Das Zeitgenössische ist ein Phänomen von Mitzeiten, Mischzeiten und kooperierenden Zeiten. Die Zeit, die zur Zeit kooperieren kann, kann eine weit entfernte Zeit sein. Etwas als zeitgenössisch zu bezeichnen, verlangt, die Relationen zu benennen, Welche Zeit kooperiert hier an welcher Zeit? Mitten in der Moderne ein Nachleben der Antike, so wie Aby Warburg davon spricht? Das wäre ein Phänomen von Zeitgenossenschaft. Aby Warburg spiegelt sich in Sassetti? Dann ist der 1866 in Hamburg geborene Aby Warburg ein Zeitgenosse des Bankers, der 1421 in Florenz geboren wurde. Wenn eine Beziehung zwischen der Zeit, die auf der Höhe sein soll, mit einer Zeit besteht, die unterirdisch ist, dann soll das eine zeitgenössische Beziehung sein. Das ist eine Zeit, die gehändelt wurden muss, also bestritten und aufgebracht werden muss, ohne Aktion und Passion wird diese Zeit nicht existieren. Zeitgenössisch zu sein ist kein Qualitätsmerkmal. Das ist Kennzeichen einer Relation. Mehr noch: das ist Hinweis auf Referenzen. Und, wir sind im Bereich der Bild- und Rechtswissenschaft, auf mimetische Verhältnisse. Jahrreiss ist ein Zeitgenosse der Cosmographen, die im Erdflecken die Regina Europa nachzeichnen, er ist ein Zeitgenosse Holbeins. Er ahmt Cosmographen nach, einen Berufszweig, der um 1930 für ausgestorben gehalten wurde.

3.

Das Unterirdische ist ein Element von dem, was auch unter dem Gesetz ist und damit ein Element von dem, was der Begriff der juridischen Kulturtechniken aufgreifen soll, wenn er danach fragt, was unterhalb der Schwelle des Rechts liegen soll und dennoch dabei kooperiert, Recht wahrzunehmen. Inwiefern wurde der Mythos auch in der Moderne nicht vom Logos abgelöst und aufgelöst, inwiefern ist die mythologische und kosmographische Welt also nicht auf vollständig durchgezogene Weise zerbrochen (fragmentiert), sondern in Kontraktionen und Distraktionen disparat und zu selben Zeit parat geblieben, über ein Limit des Mythos hinweg vom Logos doch verschlungen worden und dem Logos doch verschlungen? Inwiefern lässt sich die Differenz zwischen Mythos und Logos also einerseits nicht leugnen, inwiefern genügt diese Differenz aber auch nicht?

Das Unterirdische ist ein Fall dessen, dem man nachgehen kann, in dem man den Kreuzungen des Rechts (vgl. Bildregeln, 2009) nachgeht. Es ist der Fall einer Geschichte, die geschichtet und beschichtet ist und in der Gleichzeitigkeit ein Gerücht bleibt, also immerhin normatives Material. Die Existenz des Unterirdischen ist der Rhetorik affin, die auch dem Ende der Rhetorik den juristischen Bilderstreit durchzieht, seine Existenz ist dem Ende der Kunst affin, die auch nach dem Ende der Kunst das Recht durchzieht. Das Unteriridsche ist ein Fall von dem, was Gabriel Tarde mit den Gesetzen der Imitation beschreibt, ein Fall von dem, was nicht ausdifferenziert wurde.

Das Beispiel von Hans Holbein und Hermann Jahrreiss habe ich auch aus dem Grund ausgewählt, um die Diskussion über das Unterirdische und das Nachleben der Antike auf eine Diskussion zu beziehen, die Maria Muhle in ihrem Buch zu mimetischen Milieus entfaltet hat. Muhle greift nämlich auf einen Begriff zurück, den auch Aby Warburg nutzt. Sie beschreibt die mimetischen Milieus und ihre Relationen und Referenz mit dem Begriff der Polarität und dem Begriff der Depolarisierung. Polarität stellt Muhle als Merkmal einer Relation und einer Referenz vor. Die Relation oder Referenz, die nach Maria Muhle mit Polarität und Depolarisierung einhergeht, ist weder als Abhängigkeit noch als kybernetisch systemerhaltende Schleife (Rekursion) hinreichend beschrieben. Diese Relation/ Referenz ist nämlich der Fall einer Bindung, die, so übersetze ich das, das ‚Distanzschaffen‚ in Aby Warburgs Sinne oder auch eine Technik im Sinne juridischer Kulturtechniken, also eine „Scheidekunst“ (Vom Scheiden, 2015) durchgegangen ist und damit Leitdifferenzen auch durchkreuzt. Daran differenziert sich nichts aus, darauf baut sich keine große Trennung auf. Die Vergrößerung der Trennung geht mit einer Verkleinerung einher. Soweit Thesen, erste Gedanken.

Maria Muhle entfaltet in ihrem Buch zu den mimetischen Milieus in aller Sorgfalt eine Diskussion, die erstens explizit, begriffsbedacht, und unter Anwesenden, nämlich einer überschaubaren Pariser Gruppe am Collège de Sociologie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geführt wurde. Caillois, Benjamin und Klossowski sind in Protagonisten dieser Diskussion. Spinnt man die Arbeit weiter, die Maria Muhle für den Begriff des mimetischen Milieus geleistet hat, um Bachofen oder Warburg oder gar die brasilianische Anthropofagie einzubeziehen, wird man (leider) anders, sagen wir: spekulativer (spiegelender? mimetisch anders?) vorgehen müssen. Man wird die Fragen schärfen müssen. Die gehen einerseits in Richtung des Verhältnis zwischen Anthropofagie und mimetischen Milieus: Wie visiert, imitiert und simuliert der Fresser? Wie der Gefressene? Wie ahmt die Verschlingende nach und was macht sie so zum Vorbild? Anderseits gehen die Fragen in Richtung Polarität: Wie verkehren die Verzehrenden? Wie begehren die Schlingenden?

Eine Antwort zu „Chthonischer Ball”.

  1. […] Der ‚Verzehr‘ konzentriert sich u.a. auf dem Objekt im Gemälde, das ich vor kurzem den chthonischen/ unterirdischen Ball genannt habe. Es sammelt sich also auf dem vaguen, bolischen Objekt, auf dem Polobjekt, das die […]

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