
Brunelleschi nachahmen (Florenz, 2018)
I.
Florenz ist eine der Städte. Florenz ist eine jener Städte, wegen derer die Rhetorik die archäologische Fundgrube juridischer Kulturtechniken ist.
In dieser Stadt (es war einmal ein Stadtstaat) schreibt zum Beispiel Leon Battista Alberti De Pictura.1 Das ist einer der Texte, die für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken als kanonische Texte zu gelten haben. In solchen Texten sind bau- und bildtechnische sowie rechtliche Überlegungen verschlungen, verhäkelt und verkettet.Sie befassen sich unter anderem mit Techniken, die dabei kooperieren, dasjenige wahrzunehmen, was Recht sein soll. Darum hat ein Autor (wenn auch ohne systemtheoretischen Kontext) einmal von einem versteckten System vor den Systemen des 19. Jahrhunderts geschrieben. 2 Eins behauptet wohl niemand: Dass Albertis Arbeiten die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme, Sinne oder Medien belegen oder nahelegen würden.3 Weder Recht, Moral, Wissenschaft, Religion, Kunst und Politik, noch Auge, Hand und Zunge werden als ausdifferenziert betrachtet, auch nicht das Bild, der Bau und der Text, nicht einmal der Buchstabe, die Zahl, das Zeichen, der Körper und der Leib.
Sie sind auch nicht alle eins. Differenzieren lassen sie sich prima, aber schon in einer kleinen Anzahl von verstellenden, übersetzenden oder übertragenden Operationen kommt man in dem Florenz Albertis von einem zum anderem, ohne dass eine Ausdifferenzierung auch nur bemerkt, beklagt oder eingefordert würde oder daß sich jemand darüber verwundern würde, dass sich das eine in das andere verwandeln lässt. In diesem Florenz kursieren (eher als Fragmentierungsgeschichten) Erzählungen dazu, dass zu einem Zeitpunkt zwei Medien entstanden seien. Ein viel kommentiertes Beispiel ist Giorgio Vasaris Legende, nach der Buchdruck und Bildapparat aus einem Bette aufgestanden seien. Er sagt es anders (u.a. italienisch), ich übersetze es bewußt mit Referenz zu Jacob Grimm, denn früher oder später will ich auf Recht und Letter, also auch Literatur zu sprechen kommen.4 Sie seien zum selben Zeitpunkt entstanden: davon will Vasari etwas wissen. Das ist jener Vasari, der auch das Wort Renaissance in die Welt gesetzt hat, in seiner italienischen Fassung. So nennt er nämlich diesen Zeitpunkt, eine Wiedergeburtszeit. Älter ist der Mythos, dass Architektur und Alphabet in einem Augenblick entstanden seien, aber auch der erfreut sich in der Renaissance noch daran, weitergetragen zu werden.5 Zwischen zwei Medien wird dasselbe (das Selbe) oder das Geteilte akzentuiert, nicht der Bruch. Um den Vorsprung bestimmter Medientechniken wird gestritten, im Rahmen des Wettstreites der Künste und mit dem Antrieb der Nachahmung, aber nicht mit der Idee der Ausdifferenzierung. Der Streit um Vorsprung läuft nicht auf der Linie einer Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Da kommt er zwar auch vor, aber auch innerhalb unterschiedener Medientechniken wird um Vorsprung durch Technik gestritten. Diagnosen sind ja ohnehin nichts, auf dem man sich ausruhen könnte. Ohne Netzwerktheorie hat ohnehin alles mit allem und alles mit nichts zu tun, nur nicht von selbst. Ein florentinisches Persönlichkeitsideal ist der Höfling, der überall mitreden kann, solange er es nicht verbissen oder aufdringlich tut. Ein anderes ist der sog. uomo universale. Das Ideal ist nicht ein durch seinen Kompetenzbereich bestimmter und vernunftasketisch limitierter Fachmann, der wissen soll, wie man der Ausdifferenzierung der Gesellschaft gerecht wird und der darum durch seine Maßhaltung (in ihrem Rahmen) auch unumstritten anerkannt sein soll. Florenz ist eine Stadt, der man nachsagen kann, was einige Autoren heute digital operierenden Geräten nachsagen, nämlich Universalmaschine zu sein. Salopp gesagt: Florenz verwurstet, was es in die Finger kriegt. Lessings Laokoon war noch nicht geschrieben. Was war noch? Niemand hat die Absicht, deutsch-akademische Systemphilosophie aufzubauen.
Die florentinische Anordnung hat insoweit, trivial zu sagen, wenig mit Kant und Hegel, Max Weber und Niklas Luhmann zu tun. Sie hat mit antiker römischer Literatur, etwa mit Ovid, Horaz, Cicero und Quintilian zu tun. Diese Anordnung ist das rhetorische Ensemble. Ein Motto liefert Horaz mit dem Satz Ut pictura poiesis. Die Anordnung ist voll von dem, was Carsten-Peter Warncke die sichtbaren Worte und die sprechenden Bilder genannt hat. Die Anordnung ist ‚heterotopisch‘, wenn auch nicht unbedingt in dem Sinne, den Foucault diesem Begriff gegeben hat. Man geht durch vermengte, überlagernde Orte und über Kreuzungen. Sucht man aus dem systembesessenen 19. oder 20. Jahrhundert einen Juristen und Gesellschaftstheoretiker, der eine passende Beschreibung für die kulturtechnischen Konditionen dieses Florenz anbietet, dann käme mir zuerst Gabriel Tarde mit seinem Buch über die Gesetze der Imitation in den Sinn. Hier in Florenz arbeitet Alberti zur Architektur (entwirft zum Beispiel die Fassade für St. Maria Novella) und zum Bild, schreibt also um 1435 De Pictura. Schreibt er De Iure hier? Bin mir nicht sicher, müsste ich nachschauen. Das architektonische Hauptwerk Albertis, St. Andrea, steht in Mantua. De Re Aedificatoria, Albertis Manual für die Architektur, wird in Rom geschrieben. Aber Mantua und Rom sind auch zwei solcher Städte. Deren Ambition ist auch, sich zu verbessern, also zu wiederholen, das heißt auch so, dass man einmal römischer als Rom, dann wieder nicht so römisch wie Rom ist. Dort in Florenz schreibt Aby Warburg um 1900 die ersten Texte, die explizit Recht und Bild betreffen und die auch zu Lebzeiten veröffentlicht werden. Die handeln kunsthistorisch von der Hauptkapelle der Tornabuoni in St. Maria Novella und von der Kapelle der Sassetti in Santa Trinita. Rechtshistorisch betreffen sie das Patronatsrecht, das Erbrecht und Künstlerverträge. Rechtstheoretisch betreffen sie schließlich das zu ihrem Entstehungszeitpunkt diskutierte ‚Bildrecht‘ (in der deutschen Version des Persönlichkeitsrechts und des Rechts am eigenen Bild).
Florenz ist von den Städten (die allesamt Stätten der Koextension von Recht und Stadt sind und mit der Leitunterscheidung zwischen Staat und Gesellschaft oder gar mit dem Leitbild der Autonomie dürr und schräg beschrieben sind) diejenige Stadt, die man wohl als erstes mit einem besonderen Merkmal dieser Fundgrube assoziiert, nämlich mit dem Umstand, dass sich dort Renaissance-Effekte entwickelt haben.6
Das lässt sich unter anderem so verstehen: Das Wissen wird mit der Vorstellung und der Technik der Wiederholung, in dem Fall der Wiederholung eines entfernten, antiken Wissens assoziiert. Das Wissen wird im Renaissance-Effekt also umwegig, kann aber gerade so auch noch praktischer werden. Die umwegige Rückbindung wird auch nicht unbedingt als Behinderung, sondern eher als komplikationsreicher Zugewinn an Handlungsoptionen verstanden. Salopp gesagt: Die Wiederholung ist mühsam, aber es kann sich lohnen. Die Künstlerlegenden, die davon erzählen, wie mühelos einzelne etwas ohne jedes Hilfsmittel hinbekamen, wissen um die Mühen und die Hilfsmittelchen. Kunst macht eben nicht nur im Witz, sondern tatsächlich viel Arbeit. Die Kunst der Vergütung, Gutmachung, Veredlung sowie des Passenden und Passierenden, also dasjenige, was wir heute auch Recht, Gerechtigkeit und Rechtswissenschaft nennen, sowieso.
Das Wissen wird über diese Wiederholung und ihre Renaissance-Effekte aber auch nochmal, das arbeitet Aby Warburg heraus, zu einem „pendelnden“ oder „schwingenden“ Wissen, also in weiterer Hinsicht zu einem Wissen des Distanzschaffens, das mit naher und kleiner sowie mit großer und weiter Entfernung zu tun hat (und dementsprechend stratifiziert und skaliert wahrnehmbar ist). Auf Tafel 79 führt Warburg das sogar noch einmal im Kommentar zu den Lateranverträgen und zur Gründung eines neuen römischen Staates vor, indem er die linke Seite der Tafel einer großen und weiten Entfernung (Rom sowie alte Jahrhunderte) und die rechte Seite einer kleinen und nahen Entfernung (Hamburg, Entstehungszeitpunkt) reserviert. Beide Seiten trennt er durch einen Stab oder eine Achse (mit Cornelia Vismann aka Bianca Lanz: Lanze) aus Bildern, auf denen man Züge bzw. Ziehende sieht. Die Achse beginnt oben mit dem ca. 1897 entstandenen Foto japanischer und somit ziemlich östlicher Schauspieler (Mimen, engl. actor), die eine Seppuku-Zeremonie nachstellen und endet unten mit den Bildern von Soldaten des alten Stato della Chiesa, die in Formation und in einem Bogen auf der Linie marschieren, auf der die Grenze des neuen Stato della Citta del Vaticano liegt. Warburg vergisst auch nicht den Hinweis auf die Skalierung und wählt die Darstellung der Pathosformel einer Querela (d.i. Noiseuse, schöne Querulantin, Begehrende oder Klägerin) vor einer Skala (einer Treppe, ganz links im Bild). Ganz rechts steht ein Haufen Männer auf einer Treppe.

Römische Situationen, links in großer zeitlicher und räumlicher Entfernung, rechts in kleiner zeitlicher und räumlicher Entfernung, dazwischen die Achse oder der Stab mit den Bildern der Züge/ Ziehenden oder Tragenden und Trachtenden (das Bild des Wagens verdeckt das Cover eines Buches über die Trachten der Soldaten). Warburg bringt etwas von dem vor, was als draft, drawing, drought, Tragen, Trachten, Ziehen, portare, Trainieren oder Zug durch Rom ging, dort verkehrte, nach Rom pendelte und so noch in jenem Dokument nachlebt, das auf Italienisch patto (Pakt, auch Griff), auf Englisch treaty (auch Behandlung/ Händel) und auf Deutsch Traktat oder Vertrag bezeichnet wird. Das ist der graphische Zug.
Der Umweg (Bruno Latour wird später von detour und daedalion sprechen) führt nicht unbedingt über antike, fremdartige Texte einer Sprache, von der es heute im Unterricht heißt, sie sei tot, auch wenn die Sprache nachlebt und das Sprechen auch gegenwärtig noch etwas von dem mitzieht, was durch Rom ging, dort verkehrte und nach Rom pendelte. Der Umweg führt aber wie gesagt nicht nur über die Sprache und das Sprechen. Er führt auch über die Wiederholung stummer Routinen und über das sprachlose Nachbilden von (technischen) Objekten. Man gräbt zum Beispiel etwas aus, müssen ja nicht gleich der Laokoon oder gar der Atlas von Farnese sein, und lernt an der Betrachtung dieses Objektes, wie man dieses Objekt selbst herstellen kann. Man rekonstruiert Vorbilder, die keine Texte und nicht sprachlich formuliert sein müssen. Man muss nicht die Wendung gegen den Text zum Leitbild der Kulturtechnikforschung erheben, um an dem zu forschen, was vor Texten oder über Texte hinaus noch so vorkommt, wo Recht und Stadt koextensiv sind. Ein Punkt dieser Forschung ist die Wendung auch so (dazu hier Bredekamp und Krämer). 7 Das Reverse-Engineering ist insoweit auch ein Renaissance-Effekt. Wer jetzt den Computer auseinanderbaut, der in China hergestellt, über das Internet bestellt und vom Paketdienst geliefert wurde, und diesen Computer dann wieder zusammenbaut, um danach nicht nur weiterschreiben und Bilder posten zu können, sondern zur Not auch jenes Gerät reparieren zu können, das an den Gedanken ‚mitschreibt‘ (Nietzsche), der operiert insoweit florentinisch. Anders gesagt: Nach 1945 findet man wohl die meisten, erstaunlichsten und erfolgreichsten Florentiner in Korea, Japan und China. Sie lächeln höflich anteilnehmend, wenn Europäer von der Kreativität und dem Ideenreichtum erzählen, die besonders europäische Wesen auszeichnen sollen. Wer im Restaurant etwas isst und dann daheim nachkocht, der operiert schon florentinisch, das sage ich jetzt so wegen des Umstandes, dass Florenz zum ersten und populärsten Beispiel einer Renaissance-Stadt wurde.
Florenz wiederholt freilich die Wiederholung nur. Keile zum Beispiel wiederholte man auch früher an anderen Orten schon. Renaissance-Effekt meint insoweit nur: Man kopiert. Man schreibt ab. Man baut nach, man bildet nach. Man findet irgendwo in einer Bibliothek ein älteres Rezept und kocht es nach. Man zeichnet und malt ab. Jemand macht Musik, man pfeift mit. Man macht mit eigener Hand, was mit fremder Hand schon gemacht wurde.8 Man liest im Corpus Iuris Civilis und übernimmt davon etwas für das BGB. Gute Kunst muss verbessert werden? Renaissance! Idee und Kopie stehen hier nicht im Gegensatz. Nachahmung ist ebenfalls eine (oft sogar sehr gute) Idee. Die Kopie kann doppelte Mimesis sein und dabei mindere und höhere Versionen einschließen.9 Doppelte Mimesis: Man wiederholt die Form und etwas anderes als die Form, ihren Bezug.
Das heißt unter anderem auch, dass der Text und die Stadt, die Theorie und die Praxis, auch die Praxis stummer Routinen, nicht mit dem Stempel versehen werden, ausdifferenziert zu sein. Architektur und Text, Recht und Rhetorik: nicht ausdifferenziert. Recht und Rhetorik kreuzen, sie cruisen sogar und zapfen einander ihre Begehren ab, sie treiben assoziiert, getrennt und durch Austauschmanöver durch die Stadt.
Unterstellen wir einmal, wir führen jenen Prozeß vor, der die Leistungsfähigkeit der Zentralperspektive beweisen sollte, ahmen also Brunelleschis Experiment nach, dass er irgendwann nach 1412 und vor 1425 zwischen dem Tor des Domes und dem Baptisterium vorgeführt hat. Wir können es auch tun. Florenz ist nicht unendlich weit und ewig groß entfernt. Einmal habe ich es schon gemacht. Das Bild oben ist am Morgen vor einer Tagung entstanden, die Carolin Behrman 2018 im Rahmen der Forschungsgruppe zum Nomos des Bildes am Max-Planck-Institut in Florenz organisiert hatte. Ein typisches Richter-Element ist mir ins Bild geraten, verwischter Kleinlaster. Aber davon kann man absehen, im übrigen ist das Bild schon ok so. Es ist ein Produkt der Nachahmung.
Man muss früh aufstehen und schnell sein, wenn man das Experiment nachahmen will, weil an der Stelle heute nichts stehen darf oder nichts stehen kann. Solange diese Stelle vor dem Tor des Domes [sic! Wir ahmen also Brunelleschi und K. in einem Augenblick nach] und der Platz leer sind, ist diese Stelle mit einem Band abgesperrt und wird von Kameras überwacht. Dieses Band habe ich im Moment der Belichtung schon überschritten und somit gegen die Vorschriften verstoßen. So musste es kommen, man muss es nicht als Ironie, nicht als Treppenwitz der Geschichte begreifen: Die Polizei nutzt die Inventionen der Zentralperspektive, den optischen Apparat, Computer und Windows. Nach ungefähr drei bis vier Minuten kommen darum zahlreiche Polizisten mit Wagen und schweren Waffen, die einen dann entweder festnehmen oder zumindest vom Ort abführen wollen. Wir leben, was die Konfliktgeschichte angeht, inzwischen im touristischen Zeitalter (wieder bestätigt sich der Eindruck, an einen Ort zu spät und dann gekommen zu sein, als er sich in Abwicklung befindet, vor allem aber Teil jener Störfaktoren zu sein, die man mitschleppt). Die Polizei kommt also. Man sollte nicht nur ein festes Stativ und einen leistungsfähigen Apparat, sondern auch eine gute Rechtfertigung mitbringen. Insoweit hat sich seit dem 15. Jahrhundert aber auch rein gar nichts geändert.
Das Stativ steht an einer Stelle, an der Brunelleschi gestanden haben muss und K. gestanden haben kann, bevor er wegen seines Termines mit dem italienischen Geschäftsfreund der Bank (Kommen wir ins Geschäft?) den Dom dann doch betrat. Wir ahmen etwas nach, das ist die stumme Routine der Wiederholung. Das ist auch ein Beispiel doppelter Mimesis, einschließlich minderer Mimesis. Der Apparat kopiert den Blick und produziert dann ein Bild, das die natürliche Situation vor Ort nachbilden soll. Ich vollziehe also 2018 mit den Hilfsmitteln, die mir zur Verfügung stehen, ein Re-Enactment, nämlich Brunelleschis legendäre Vorführung der Zentralperspektive , dazu noch ein bisschen Literaturverfotografierung.10
Zur Methode der Forschung über die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken gehört die Nachahmung, das Nachmachen solcher Techniken und die Nachbildung von Objekten. Mein Augenmerk liegt auf graphischen Techniken, also ahme ich sie nach. Das macht die juristische Methode auch. Klausuren und die Übungen mit den Gutachten sind das Training, ein spezifisches Schreiben nachzumachen. Die Forschung zu den juridischen Kulturtechniken besteht bei mir aber nicht nur darin, zu lesen und zu schreiben, sondern auch zu protokollieren, zu skizzieren, zu skribbeln, zu zeichnen, zu fotografieren und zu filmen, zu reden, vorzuführen, zu betrachten. Könnte ich mehr als das Basic des C64 programmieren, würde ich auch das tun. Könnte ich Platinen löten, wie das legendär Kittler in seinen Vorlesungen getan haben soll, würde ich auch das tun. Noch Choreographien können, sollen auch nachgeahmt werden. Spaziergänge, Benjamins Flanieren in Moskau 1926, das ihn unter anderem zu Vorführung des Filmes ‚Nach dem Gesetz‘ führt: Nachahmen! Tverskaja hoch, Tverskaja runter, Tverskaja auf, Tverskaja ab, Tverskaja hin, Tverskaja her.
Die Ausweitung der graphischen Zone habe ich mir nicht ausgedacht, das habe ich auch an der Universität gelernt, erst in Passau und St. Petersburg bei den sog. Übungen vor Originalen und später in Wuppertal bei Brocks archäologischen Stadtspaziergängen. Man übt noch die Versprachlichung, also den Umgang mit Objekten und Situationen, die stumm oder sprachlos sind und den Umstand, dass sie trotzdem besprochen, also zum Sprechen gebracht werden können. Kelsen schreibt in seiner Reinen Rechtslehre eine witzige Passage, die wie jeder guter Witz so plausibel ist, wie eine schöne Seifenblase, und das, obschon Kelsen an der Stelle vermutlich gar keinen Witz machen will, er ist auch so geistreich. Die Blume teile sich nicht mit, der Mord aber tue es (ich muss den genauen Wortlaut nachschlagen, später): Zwischen einer sprachlosen Welt faktischen Seins und einer symbolischen Welt des Normativen zieht Kelsen an der Stelle eine ihn leitende Grenze, die man im Umgang mit juridischen Kulturtechniken überspringt oder: kreuzt. Das eine bringt man zum Sprechen, das andere lässt man verstummen. Das eine macht man sichtbar, das andere unsichtbar. Man macht wahrnehmbar, indem man wahrnimmt und nimmt in Übungen wahr. Nicht nur mit Blumen ist das möglich, sogar mit Texten. Sind Texte nämlich einmal geschrieben oder abgedruckt, dann heißt das nicht, dass damit das, was ihren Ausschnitt der Sprache bilden soll vollständig oder nur überhaupt gegenwärtig ist. Liegt ein Text vor, dann kann aus ihm heraus zum Sprechen gebracht werden, was er sagen soll. Aus ihm heraus kann man verstummen lassen, was er nicht sagen soll. Man ertrinkt in keinem Text, sogar dem längsten Text nicht. Man kann auch am kleinsten Text etwas überlesen und abschalten. Auch ein Bild ist nicht mit dem zu verwechseln, was an Sichtbarkeit gegenwärtig sein soll. Bilder müssen betrachtet, geblickt oder gesichtet werden. Insoweit unterscheiden sie sich nicht von einem Wald, einem Autounfall, einem Tatort oder einer Hauptversammlung der Aktionäre der Deutschen Bank. Bilder werden durch Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ausgezeichnet, Texte werden durch Sprache und Sprachlosigkeit getragen. Die Zentralperspektive ist nur ein Beispiel für eine Bildtechnik, die historisch wegen ihrer Leistung, etwas sichtbar zu machen, so gelobt wird, wie sie genau dafür angegriffen und als zwanghafte Verstellung und Fixierung eines reduzierten, tunnelartigen Blickes kritisiert wird. Brunelleschi wollte mit seiner Vorführung des Experimentes eventuell beweisen, welche der beiden Perspektiven auf die Zentralperspektiven wahr und richtig ist (aber das ist nicht sicher, ob er das wollte). Ich will es auf jeden Fall nicht, ich will die Technik erforschen, lernen und lehren, Bilder bestreiten, also auch aufbringen zu können. Ich kann also die Technik händeln wollen, einmal die eine, einmal die andere Meinung erscheinen zu lassen. Heute Zentralperspektive, morgen David Hockney, übermorgen Echolot, dann den Tag Computertomographie.
Das Buch Bildregeln von 2009 macht das teilweise ebenso: es entfaltet unterschiedliche Vorstellungen, die in der juristischen Literatur über Bilder kursieren als Muster (Hilfsmittel der Musterung) und löst den Konflikt nicht auf, es wickelt den Streit auf und ab. Das ist eine Arbeit zur Geschichte und Theorie des Bilderstreites – weil man Bilder bestreiten muss, zumindest dann, wenn man sie wahrnehmen will. Was die Wahrheit des Bildes ist? Es kann gut sein, dass man diese Wahrheit schuldet, wie Derrida für die Malerei akzentuiert. Ob Bilder mehr oder weniger Bedeutung(en) als Worte haben? Ob ein Bild schneller oder langsamer als ein Wort wirkt, ob es beweglicher oder unbeweglicher als ein Wort ist? Ob man eher an Bildern als an Worten etwas verwechselt? Ob Begriffe stabiler sind als Bilder? Ich bin dem Renteneintritt jetzt näher als dem Berufsbeginn. Aber vielleicht ergibt sich doch noch das Wunder, dass ich die kursierenden Streitigkeiten, die mich an die Literatur von Jonathan Swift erinnern, irgendwann zugunsten der Wahrheit schlichten kann. Solange das nicht der Fall ist, schaukel ich mit.
Die Zentralperspektive: Nachahmen, um Bilder bestreiten, also Bilder auch aufbringen zu können. Nachahmen, was dieser Perspektive auch dank Brunelleschis Verfahrens den Namen costruzione legittima eingebracht haben soll, also: Brunelleschi nachahmen. Die Rechtwissenschaft ist seit ihren Anfängen auch eine Bildwissenschaft. Dogmatik ist auch eine Techik, etwas zu mustern und mustern zu lassen, etwas zu erfahren oder erfahren zu lassen, etwas wahrzunehmen oder wahrnehmen zu lassen, etwas auszüben oder ausüben zu lassen. Die Forschung und Lehre zu den juridischen Kulturtechniken gibt diese Tradition der Dogmatik nicht leichtfertig auf, nur weil eine Handvoll wirkmächtiger und tonangebender Verstopfer und Abratgeber einem sagen, Dogmatik sei in Wirklichkeit aber die systematische Auslegung von Rechtssätzen – und wenn man sich an diese Definition nicht halte, dann bekäme man keinen Job an der deutschen Universität. Ahmt man Brunelleschis Experiment nach, ist keine der Operationen systematisch ausdifferenziert. Nicht einmal die mathematischen, bildlichen und schriftlichen Operationen sind ausdifferenziert. Nicht einmal was daran Recht sein soll. Nicht einmal die Kunst. Nicht einmal die Politik. Nicht einmal Amen, das heißt: einmal nicht Amen (Dante, wiederholt von Pier Paolo Pasolini in La Divinia Mimesis (1975).11 Die Wiederholung kreist mimetisch und rekursiv, das schliesst mindere und exzessive Versionen ein.
In den Fotoapparat ist die Technik der Perspektive, einschließlich ihrer Theorie und Geschichte schon, das soll angemerkt werden, wie Bruno Latour sagt: eingefaltet. Das Nachmachen wird einem mit so einem Apparat ziemlich leicht gemacht, wenn auch nicht völlig mühelos, vor allem nicht, wenn man ein soganntes Tilt-Shift-Objektiv verwendet, um die Architekturlinien so auszurichten, wie es die Zentralperspektive verlangt und vertikale Linien nicht stürzen zu lassen. Latour nennt so einen Apparat darum auch eine black-box (zur Figur der black box und ihrer ’scheinbaren Undurchschaubarkeit‘ zuletzt Markus Krajewski hier am Beispiel von Algorithmen).12 Man holt sich entfernte Konditionen ins Boot. Sogar den vielkommentierten Streit zwischen Erwin Panofksy (Zentralperspektive als symbolische Form) und Pawel Florenskij (Die umgekehrte oder rückkehrende Perspektive) holt man sich ins Boot. Ernst Machs Vortrag zu der Frage, warum der Mensch zwei Augen habe (1866), den holt man sich dank und durch diese Einfaltungen ins Boot, so wie man sich die Produktionsbedingungen des Apparates ins Boot holt. Latour sagt in seinem Buch zur Fabrikation des Rechts weiter, nur die Technik, aber nicht das Recht würde sich auf diese Weise falten, denn das Recht sei weiterhin nur Text und die ‚am wenigsten technische Existenzweise‘. Das sehe u.a. ich anders. Und es faltet sich nämlich doch, das Recht. Und es gibt doch eine Technik vor dem technologischen Zeitalter, deren Name ist Dogmatik. Aber ich unterscheide dazu auch noch juristische Methoden und juridische Kulturtechniken.

In den Apparat, der japanisch-bildungsbürglich-witzigerweise CANON heißt (ein Witz, der auch dem Pierre Legendre und dem Gerard Caillat schon aufgefallen ist, weshalb sie in ihrem Film über die Fabrikation des abendländischen Menschen ein paar Touristen zeigen, die mit einer CANON die Fassade von St. Peter in Rom ablichten) ist der Prozeß der Zentralperspektive so eingefaltet, wie die in den Jahren nach Brunelleschis Experiment entstandenen Texte von Leon Battista Alberti oder Piero della Francesca über die Technik der Bildgebung. Der kanonische Apparat beantwortet u.a. folgende Frage: Was soll man von dieser Situation halten? Juristisch spezieller: Was soll man vom Recht halten? Er beantwortet diese Frage durch ‚Scheidekünste‘, also durch Operationen, die alles trennen, assoziieren und durch Austausch manövrieren können. Der vor kurzem von mir in einem anderen Text erwähnte Text von Pierre Legendre über die Gesellschaft als Text ist mit seinen Passagen zu dem Bild der Geißelung Christi und zu dem Riss, der dank und durch ein Bild ‚gehen soll‘, so einem Apparat eingefaltet.13 Das muss man nicht wissen, nicht explizieren, es sind Implikationen der Kulturtechnik. Man muss dafür keine Verantwortung übernehmen. Aber ich denke schon, dass man so eine Verantwortung vertragen würde und sich dazu frei verhalten könnte. Das gilt auch für jenen Apparat, der Text ist.
Es gibt Leute, die den Begriff des Humanismus unbedingt an die ausgebildete Fähigkeit binden, lateinische und altgriechische Texte zu lesen. Ich gehöre nicht dazu, weil ich erstens weder Latinum noch Graecum besitze (nur einen Rechner und einen Zugang zu google translate und zu perseus.tufts.edu) und weil ich zweitens auch das Vermögen, stumme Routinen nachzuahmen und das Vermögen, von einem stummen Objekt aus die Technik der Her- und Darstellung nachahmen zu können, zu den Dingen zähle, die von der Rhetorik gelehrt werden und die man zum Kern der Renaissance-Effekte und damit auch des Humanismus zählen muss. Der Orator oder der Rhetor: das ist keiner, der nur redet. Den Begriff Rhetor mit Redner zu übersetzen, ist eine technische Leistung, ein Hilfsmittel, eine Abkürzung, wem es helft, der soll es tun. Die Übersetzung kann andere Wege nutzen. der Rhetor wird dann zum Sprecher, etwas dann, wenn man darunter einen Fürsprecher oder Stellvertreter oder Berater, von mir aus auch einen Mimen verstehen will (der Mime wäre dann jemand, der sich in der mimetischen Schau für Andere und Anderes auf’s Spiel setzt). Rhetorik ist der Name eines ziemlich weitläufigen Bündels von Techniken. Es gibt Leute, die behaupten über das Rhetorische hinaus, man könne das Recht schreiben, aber man könne es nicht fotografieren. Ich gehöre nicht einmal zu denen, schon wegen § 22 KUG nicht. Weder die Rhetorik noch das Recht binde ich an eine leitende oder exklusive Technik. Der Blitz und der Donner einer Energie der Übertragung schlagen mir dafür zu häufig zu.
Ich verpflichte also die Rhetorik nicht darauf, in Sprache aufzugehen und sich im Sprechen zu vollziehen. Ich halte es mit Archäologinnen wie Nadja Koch, die darauf insistieren, dass den Begriffen aus der Texten der Rhetorik die Städte und ihre Objekte vorausgingen. Ich halte es auch mit dem Credo der Kulturtechnikforschung, das Thomas Macho in der Formulierung gefasst hat, dass das Zählen älter als sie Zahl und das Schreiben älter als die Schrift sei. Kulturtechniken sind, so Macho, älter als die Begriffe, die sie herbringen. Sie sind darum aber nicht das Eigentliche der Begriffe, sie sind zwar älter, aber in gewisser Hinsicht auch kleiner, schwächer oder weicher, subtiler, frivoler, niedriger, vulgärer, karnevalesker (auch frühlingshafter) oder burlesker als der Begriff. Die Techniken kooperieren doch, nicht mehr und nicht weniger. Weil ich den Humanismus zwar unbedingt an rhetorische Institutionen binde, aber nicht unbedingt an die ausgebildete Fähigkeit, lateinische und altgriechische Texte zu lesen, zu schreiben und die Grenzen der Sprache zu kennen, sehe ich zwischen Humanismus und Posthumanismus zwar einen Unterschied, aber nicht unbedingt einen großen Unterschied. Da, wo die Rhetorik die archäologische Fundgrube juridischer Kulturtechniken ist und Rhetorik Techniken der Bildgebung oder der Nachbildung stummer oder technischer Objekte einschliesst, auch jene, an denen Artisten wie Massaccio, Brunelleschi und Alberti gearbeitet haben, da ist es möglich, dass der Humanismus und der Posthumanismus in der Form nach identisch oder aber dasselbe oder das Selbe [ich schreibe es jetzt mal so] sind. Dass man etwas unterscheiden kann, das heißt nicht, dass es nicht dasselbe oder das Selbe ist. Man kann ja sogar das Recht unterscheiden und es ist doch dasselbe.
Für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken haben Bilder und Bilderstreit eine spezielle Bedeutung: dort kreuzen sich sämtliche Unterscheidungen, die im übrigen das Dogma der großen Trennung tragen, nicht nur die Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit oder diejenige zwischen Sprache und Bild oder die Unterscheidung zwischen höheren Wesen (die die Sprache dank Alphabetisierung systematisch und unter Wissen ihrer Grenze beherrschen und vernünftig sein sollen) einerseits und niederen Wesen (die stumm sein, die Vernunft nicht beherrschen und weder System noch Grenzen kennen sollen) anderseits. Auch die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine wird im Bestreiten der Bilder gekreuzt. Überhaupt werden alle Unterscheidungen gekreuzt, nicht nur diejenigen, die das Dogma der großen Trennung tragen. Die kulturtechnische Wiederholung kreist rekursiv und mimetisch; wo die Grenze der Selbstreferenz liegt und wo diejenige der Referenz liegt, das kreist mit, nicht unscharf oder unbestimmt. Das ist und wird nicht offen, das war und bleibt nicht verschlossen. Das ist in der Wiederholung unbeständig mal so, mal so. Opak und zyklisch würde ich dieses Kreisen nicht gleich nennen (wegen Warburg und der Rhetorik würde ich es elliptisch nennen), aber die beiden Begriffe treffen schon einiges, Schüttpelz verwendet sie in Passagen zur Rhetorik.14
Die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ist mir eine diagonale Wissenschaft, die wenig dafür taugt, noch einmal mit anderen Mitteln einem Vorsprung hervorragender westlicher, östlicher, südlicher oder nördlicher Wesen nachzugehen. Will man noch einmal demjenigen nachgehen, was dem Westen einen Vorsprung gesichert und ihn vor allen anderen Wesen bereichert und angereichert haben soll (sei es, um den Westen weiterhin zu sichern oder ihn zu beschuldigen), dann gibt es andere Wissenschaften, die das viel besser auf den Punkt bringen können als eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Das (beides, also sowohl sie Sicherung als auch die Beschuldigung des Westens) kann man von mir aus tun, man kann an die Idee glauben, der Westen sei ein großer Verantworter und Täter. Ins Denken des Allgemeinen passt viel, auch dafür wäre noch Platz. Mich interessiert diese Fixierung auf den Westen aber nicht, schon gar nicht als Ziel meiner Forschung. Allerdings braucht man auch dann noch, wenn man das westlich wesentliche Wissen sichern oder beschuldigen will, juridische Kulturtechniken, um die Sonderstellung in Bezug auf die Taten und ihre Tatkraft plausibel zu machen. Also braucht man auch dann auch dann noch Statistiken, Tafeln, Listen, Tabellen und muss überzeugend schreiben und plausible Bilder liefern können. Ich will also nicht sagen, dass die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken neutral, brav, friedlich und unschuldig wie Bambi dem Klopfer im Walde ist. Sie ist m.E. nur zu schwach, zu vorläufig, nämlich zu verwechselbar und austauschbar, von mir aus auch zu korrupt, um eine große Trennung mit hinreichendem Nachdruck auf den Punkt zu bringen. Juridische Kulturtechniken können Unterscheidungen groß machen. Sie können stratifizieren und skalieren. Sie machen das künstlich, d.i. technisch, fiktiv, kontrafaktisch und… kreuzend. Und was groß gemacht werden kann, das kann auch wieder klein gemacht werden. Was getrennt wird, kann auch assoziiert und im Austausch manövriert werden, weil schon das kleinste Element einer juridischen Kulturtechnik, die Operation (nicht unbedingt Kommunikation), als Trennung, Assoziation und Austauschmanöver beschrieben werden kann. Sprich: Keine Trennung, die nicht auch Assoziation und auch Austauschmanöver ist. Keine Assoziation, die nicht auch Trennung und Austauschmanöver ist. Keine Austauschmanöver, das nicht auch Trennung und Assoziation ist. Dazu kommt, worauf Warburg insistiert: dass alle diese Techniken über Wanderstraßen gependelt und zwischen Osten und Westen, Süden und Norden verkehrt sind. Es soll nicht geleugnet werden, dass die Phantasien und der Fleiß in der Suche nach Referenzen, mit denen Wissenschafter einen entscheidenen Bruch datieren und lokalisieren, wirkmächtig sind und sie immer wieder Belege auffahren, die zeigen sollen, wie ihr Protestantismus, ihr Römisches oder ihr Menschliches den entscheidenden Vorsprung zur Geschichte oder die evolutionäre Errungenschaft möglicher Verhältnisse gebracht hätte. Das entsprechendes Vorgehen kehrt die Frage nach dem Nebenbuhler um. Besser im Engadin wandern oder aber: Geld sparen für eindrucksschindende Blumensträuße, Einladungen zur Oper und Restaurant, als so eine Wissenschaft zu betreiben.
Ach, noch was: Nur weil etwas nicht expliziert wird, heißt das nicht, dass es nicht gewußt wird. Mich überzeugen auch die kursierenden Argumente zu den Medien des Rechts nicht, die unterstellen, dass der Rechtswissenschaft solange etwas fehlen würde, solange durch Staatsexamen qualifizierte Juristen in ihren Büchern nicht explizit wiederholen würden, was Autoren ohne Staatsexamen schon an andere Stelle expliziert haben, solange also staatlich qualifizierte Rechtswissenschaftler nicht auch nochmal schreiben, was jene nicht staatliche qualifizierten Wissenschaftler vom Recht schreiben, die von Staatsrechtslehrern mit zweifelhafter Großzügigkeit als Nachbarwissenschaftler bezeichnet werden (vgl. hier). Damit Rechtswissenschaftler auch Bild- und Medienwissenschaftler sind, müssen sie nicht allgemein explizieren, was ein Bild oder was ein Medium ist. Es reicht, wenn sie implizit Bilder und Medien aufbringen und bestreiten, um damit zu wissen, was Recht sein soll. Soviel Verantwortung sollten sie durchaus noch verkraften können. Es ist ein Rätsel, warum man Argumente für die Öffnung und Bewegung der Rechtswissenschaft entwickeln sollte, wo die Öffnungen und Bewegungen doch ohnehin laufend passieren, so, wie das Stocken, die Schließungen und der (Still-)Stand. Und der Anti-Juridismus ist so alt wie der Juridismus.
Die Idee, dass etwas von einem staatlich qualifizierten Juristen expliziert werden muss, um Rechtswissenschaft sein zu können, ist mir eine der seltsamsten Nebenwirkungen der Bessenheit, mit denen inbesondere deutsche Rechtswissenschaftler darauf insistieren, eine ganz besonders eigene Wissenschaft und ein epistemisches Monopol mit eigenen Methoden zu betreiben. Dieses Selbstvertrauen in Aneignung, das ist erstaunlich, da muss ich doch einige Komplexe haben. Aby Warburg ist Rechtswissenschaftler, das kann ich allerings beweisen, die Technik händele ich auch. Ohne Rollenstatus: Die rhetorischen Institutionen sind Gegenstand der Rechtswissenschaft, auch wenn Quintilian weder das erste noch das zweite Staatsexamen besaß. Ich unterscheide auch verschiedene Wissenschaften, aber, und das ist wohl erwartbar, nicht unbedingt groß. Der Unterschied zwischen einem Fachmann für belgisches Mietrecht und einem für indisches Familienrecht kann meines Erachtens größer sein als der zwischen einem Rechts- und einem Literaturwissenschaftler. Schon der Unterschied zwischen einem Anwalt und einem Richter kann größer sein als der zwischen Aby Warburg und Sally George Melchior. Ich glaube, dass Niklas Luhmann wegen seines Gebrauchs des Wortes Anschlussfähigkeit und wegen der Erfindung des Wortes Ausdifferenzierung (unnötig) viele Jahrhunderte im Purgatorium geseift und abgeschrubbt wird. Jetzt haben wir nämlich den Salat und müssens uns Sonntagabends Talkshows anhören, in denen sich die Teilnehmer mit der triumphierenden Bemerkung unterbrechen, man müsse das, was gerade angerissen wurde, jetzt aber mal ausdifferenzieren. Jetzt haben wir den Salat, dass auf deutschen Tagungen immer wieder nach Anschlussfähigkeit gefragt wird und ich jedes mal mit dem abgestandenen Kalauer kommen muss, dass wenn schon Österreich anschlussfähig war, wir das bestimmt auch schaffen.
Was das jetzt zuviel auf einmal, was das mal wieder too much, too soon? Na dann. Im Einzelnen:
II.

Was sind aus Sicht einer Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken rhetorische Institutionen und womit fangen sie an?
Die Antwort ist in Bezug auf den Anfang einfach: Mit der Wiederholung eines graphischen Zuges fangen sie an. Im Anfang der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken war nicht unbedingt der logos, nicht unbedingt das Wort. Der Anfang war auch nicht unbedingt bei Gott, nicht unbedingt im ersten Satz des Anaxagoras. Im Anfang war auch nicht unbedingt das (modern gesprochen) Bla oder (antik gesagt) Bar. Im Anfang der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik war unbedingt die Wiederholung eines graphischen Zuges und dieser Zug war erstens eine Form, durch die Regung ging, zweitens war er die Einheit der Differenz von (a) auf und ab und (b) hin und her und (c) Aktion und Passion. Am Anfang war eins unbedingt: etwas trahierte, und das auch noch sowohl kontrahierend als auch distrahierend.
Echoing in my mind. Ich werde einfach mal wieder persönlich.
Wann hatte ich im Kontext der Literaturen zu juridischen Kulturtechniken das erste mal unbändiges Herzklopfen? Wann zog sich mein Herzmuskel in diesem Kontext das erste mal deutlich zusammen und auseinander? Wann pumpte es das erste mal? Das weiß ich noch genau. Die Erinnerung an den Anfang der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ist insoweit wie der Anfang der großen Liebe, die man einmal erlebt. Man kann es genau nacherzählen und hat das passende Bild wie jetzt im Kopf.
Das sitze also ich im Winter 2000/2001 als immer noch frisch zugelassener Anwalt im Luisencafe in Wuppertal und lese (wie junge Anwälte damals gesagt hätten: proaktiv) Passagen aus dem Aktenbuch von Cornelia Vismann. Auf Seite 30 ist es dann soweit. Es geht um Kafkas Kanzleien, um Italienkontakt und die Verabredung, die K. mit dem Geschäfsfreund der Bank an einem regenreichen Tag um 10 Uhr morgens im Dom hatte (Wann sonst? Wozu sonst? Mit wem sonst? Wo sonst? fragt der Warburgianer, dem der Zusammenhang in gequantelter Zeit deutlich wird. Der 11. Februar 1929 war doch auch regenreich).
In diesem Kommentar zu Kafkas Vor dem Gesetz schreibt Vismann von einem erstens römischen und zweitens ziemlich gründlichen Linienzug. Dieser Linienzug hat eine technische Bezeichnung, er wird pomerium genannt, Alberti schreibt in De Re Aedificatoria einiges dazu. Man kann in bezug auf diesen Linienzug auch von einem Protokoll sprechen. Es ist das Protokoll, mit dem lt. einiger Quellen antiker Literatur römische Städte gegründet werden sollen. Der Mythos sagt, dass Rom selbst so gegründet wurde. Die Beschreibung sind in der antiken Literatur detailliert und vielfältig. Man bezeichnet Alberti auch deswegen als Humanisten, weil er in seinem Manual zur Architektur einige Details dieser antiken Literatur kenntnisreich wiedergibt, wie etwa den Umstand, dass ein Ochse und eine Kuh den Pflug ziehen müssen und auch noch bestimmt wird, welches Geschlecht auf der Aussenseite und welches Geschlecht auf der Innenseits des Kreises laufen muss (ich müsste jetzt wieder nachschauen).
Theodor Mommsen (der mit dem Literaturnobelpreis!) nennt diesen Linienzug vorgeschoben. Das ist preiswürdig formuliert! Das macht Mommsen zwar nicht unbedingt, weil er sagen will, dass diese Linie etwas nur künstlich machen, die natürlichen Verhältnisse durch artifizielle Verhältnisse ersetzen und damit auch ein Stück weit etwas vortäuschen würden (obwohl der Linienzug alles das auch macht). Aber das macht ja nichts, die Formulierung ist auch unabhängig von Mommsens Intentionen preiswürdig, weil sie auch ohne seine Intentionen die Vorstellung des Künstlichen mitschleppt. Der Preisträger soll ja auch vom Preis überrascht werden, muss also um seine Preiswürdigkeit nicht wissen. Mommsen nennt diese Linie vorgeschoben, weil sie schon in und an Rom selbst historisch wiederholt und dabei mit kleinerem und größerem Umfang vorkam, auch preiswürdig! Dieser graphische Linienzug bildet Wellenlinien, wie in den Schreibstunden der Nambikwara, dazu aber noch wie Wellenlinien, die sich im Wasser bilden, wenn ein Junge einen Stein ins Wasser wird, um der Welt „ihre spröde Fremdheit zu nehmen“ (so Hegel in seiner Vorlesung zur Ästhetik) oder wenigstens ihr etwas Fremdes zu entnehmen. So soll es sein: Als künstlich nicht das verstehen, was in Wirklichkeit und der Natur nicht vorkäme, sondern dasjenige als künstlich verstehen, was sich und etwas anderes in Formen oder im Formen mimetisch und rekursiv wiederholt und dabei ‚kreuzt‘, wie die kräuselnde und kreisende Wasseroberfläche, die gerade einen Stein geschluckt hat. Mimetisch und rekursiv, konfrafaktisch und kreuzend: damit ist gemeint, das die Formen sich und etwas anders als sich wiederholen; die Grenzen ihrer Referenz und die ihrer Selbstreferenz kreisen unbeständig mit. Die Grimms notieren dazu in ihrem Wörterbuch das Verb kreten. In Mommsens Formulierung, dass die Linie vorgeschoben sei, steckt die Vorstellung, die ich vom Fiktiven und Künstlichen habe und die nicht darauf ruht, ausgedacht und das Andere der Realität oder der Natur zu sein. Diese Vorstellung hängt an dem, was kontrafaktisch ist: das ist mimetisch, rekursiv und mit beidem kreuzend. In diesem Fall sind die Wellenlinien auch die Linien von Wällen.

Titelblatt der Edition der Notitia Dignitatum mit Druckersignet, das u.a. ein ‚römisches Tor‘ und damit eine Wiederholung des pomerium zeigt, Lyon 1608
Diese Wellenlinien kreisen. Cornelia Vismann schreibt in dem Aktenbuch über einen Vorgang, mit dessen kunsthistorischer Bedeutung ich mich im Studium auseinandersetzen musste. Triumphbögen gehören zum Grundstudium. Sie wiederholen das römische Stadttor, das wiederholt das pomerium. Von dessen rechtshistorischer Bedeutung hatte ich damals ansatzweise durch die Arbeiten des Kunsthistorikers Heiner Mühlmann, vor allem seine Vorträge erfahren. Der Linienzug zeichnet den Umriss einer römischen Stadt und dabei markiert er auch die Stellen, an denen die Stadttore stehen sollen. Deren kunsthistorische Bedeutung wird ganz besonders bei Leon Battista Alberti, und das sowohl in seinen Texten als auch in seinen Bauten deutlich, auf grelle Weise in der Fassade von St. Andrea in Mantau. Die wiederholt das Stadtor, weil einer der Ideen bei Alberti lautet, dass alle Toren und Türen in größerer oder kleiner Entfernung dieses Stadttor wiederholen. In der Architekturordnung hat das Stadttor bei Alberti (nicht nur bei ihm), den höchsten Wert. Dieses Tor schließt alle anderen Toren und Türen ein. Man kann dieses Tor als die souveräne Architektur bezeichnen (und gibt dem Begriff der Souveränität dann keinen allgemeinen Sinn, aber einen speziellen). Bevor mein Herz wegen Vismanns Passage so wild oszillierte, klopfte, hoppelte oder hüpfte, tat es alles das auch wegen der römischen Stadttore. Das Herz klopft freilich auch so, aber die Frequenz änderte sich aus Anlaß der Betrachtung eines Tors, einer Tür oder eines Fenster. Es klopfte und hoppelte in wahrnehmbarer Frequenz (das ist auch Pathologie: angestoßene Selbstbetrachtung) dank der Art und Weise, mit der Triumphbögen, die Fassaden von Tempeln, Kirchen, erhaben-säkularer Architektur und schließlich noch Chorschranken dieses Stadttor mit mal größerer, mal kleiner Entfernung, also auch mal größerer Ähnlichkeit (und kleinerer Unähnlichkeit) oder kleinerer Ähnlichkeit (und großer Unähnlichkeit) wiederholten. Seitdem mich Heiner Mühlmann aus einer Luhmann-Lektüre und einer Beschäftigung mit dem Kalkül der Formen heraus auf diese elliptisch kreisende (nicht unbedingt zyklische, nicht unbedingt opake, das aber auch) Wiederholung aufmerksam gemacht hatte, war ich von diesem Kreisen mindestens fasziniert, wenn nicht sogar besessen. Aus der Abstraktion des systemtheoretischen Formenkalküls ging es in vorliegende Städte und Architekturen. Mühlmann hatte seit den sechziger Jahren die rhetorischen Institutionen betrachtet, die an dem, was man jetzt normative Regime nennt, Muster oder ‚decorum‘ sind. Mit dem nach Warburg ’schizoiden‘ Blick auf dieses Kreisen mustere ich Städte. Ich mache gerne mal ein Führung durch Recife oder Frankfurt um dort diese Muster vorzuführen, denn man findet sie in allen Städten, deren Architektur Renaissance-Effekte aufweist und deren Recht mit einem Recht zu tun hat, das durch Rom ging, dort verkehrte und nach Rom pendelte. Immer dann, wenn sich im Alltag die Frage stellt, ob man ins Geschäft kommt, wiederholt sich eine kleine und (mit Marietta Auer formuliert) recht harmonische, auf jeden Fall römische Frage, während die Herzen klopfen: Abbiamo un accordo? Man soll nur nicht glauben, dass etwas daran beständig ist. Es ist unbeständig (mit Luhmann geschrieben: vague; mit Vismann geschrieben: vagierend), alles daran, zumindest alles, was daran Trennung, Assoziation und Austauschmanöver und somit die Operation juridischer Kulturtechnik und Wiederholung von Begehren ist.


Nicht alle Leute warten, wenn sie vom pomerium hören, auf Pommes.
Links: Anhang 1 zu den Lateranverträgen mit einem Umriss des 1929 neu gegründeten Staates der Stadt Vatikan. Rechts: Foto von einem Tisch im Warburg Archiv mit dem dem Tagebuch der KBW, einem Foto der Agentur L.U.C.E. sowie einem Zeitungsausschnitt, den Warburg aus Rom mitbrachte und der mit der Zeichnung zu dem Anhang 1 der Lateranverträge illustriert ist. Man muss zwar nicht, man kann in Anbetracht des Materials auf Pommes warten, wenn man unter Pommes Himmels- oder Erdfrüchte versteht.
2000 lese ich also irgendwo in Wuppertal im Aktenbuch von einer Autorin und vermute ab da, dass sie diese Obsession mit dem pomerium teilt. Da ist eine Kollegin, die verbindet die Referenzstruktur des Rechts mit der Abfolge von Toren, Türen und Fenstern. Sie assoziiert amazonische Wellenlinien mit römischen Schildzeichen, mit dem Ideogramm der Kanzleien (dem Sperrzeichen), mit einem Saum Kafkas und mit Albertis velum (dem Schleier der Zentralperspektive, dessen Modell in der gelöcherten Scheibe angelegt ist, die Brunelleschis für sein Experiment verwendete). Vor allem aber fokussiert Vismann jenen Bereich am römischen Recht, den eine Reihe von Kollegen schon deswegen nicht zum römischen Recht zählen, weil er dem Recht nicht eigen sei, nicht ausdifferenziert oder autonom sei. Stehen ja keine Sätze des Prätors drin; nichts von dem, was den Stolz einiger deutscher Juristen ausmacht, wenn sie sich als römische Juristen präsentieren. Das ist der Bereich der Akten und Kalender, der Landvermesser und Computisten zum Beispiel. Das sind Listen, die Übergaben begleiten, die Wanderndes( zum Beispiel ils Randolins) begleiten, zum Beispiel den Lauf der Wege, Generationen, Waren und Himmelskörper. Das ist, was Unterlagen einschliessen, auch im nachdrücklichen Sinne, denn Unterlagen sind weniger als Lage. Für eine Lage sind sie zu unruhig. Dann sind es schon eher Situationen (mit Situationisten wie Roberto Ohrt gedacht). Das sind Blätter, keine Bücher. Das ist das, was beim Windstoß flattert und mit dem die Ameisen auf ihren Wegen abhauen, das ist nämlich durchgehend saisonal und bleibt meteorologisch bedingt.
Was daran ab urbe condita ist, bezieht sich auf dasjenige condita, das englisch mit seasoning oder dressing übersetzt wird (condimentum/ condire/ condio). Das ist das, was an Rom insoweit ziemlich, aber nicht total gründlich ist. Es ist auf messbare oder missend, begehrend und begehrbar (auch auf klagende und beklagende) Weise reizend oder gereizt. Das ist dasjenige des brasilianisches raizes do brasil, was daran Rasen oder Reiz ist, von mir aus auch Wurzel, wenn die Wurzel saisonal bleibt. Wenn man mit Angemessenheit dasjenige meint, das auf eine reizvolle Weise durchgeht oder passiert, dann kann man von mir aus auch von einem Sinn für Angemessenheit sprechen. Akten und Kalender sind dasjenige, was unterhalb der Schwelle des Rechts liegt und dennoch dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen. Die rhetorischen Institutionen, deren Begriffe allesamt eher Schwung als festen Griff haben und die darum in begriffsgeschichtlichen Fassungen leicht austrocknen, die berühren diesen Bereich auch (!) mit dem Formel decorum. Akten mustern, was passiert oder was durchgeht (und insoweit dezent ist). Diese Akten haben eine passionierte Seite, die in der Formulierung Akte nicht verschwindet, sie wird allenfalls überdeckt. Akten agieren nicht nur, ihnen passiert was, sie können sogar etwas (er-)leiden, sogar alles das, was durch Rom geht, kann Akten passieren. Man kann sie sogar abfackeln oder in den Tiber schmeissen. Sie sind ziemlich gründlich und ziemlich mächtig – und das Ziemliche hat mit Scheiden, Schichten, Messen, Missen, Skalieren und Mustern zu tun. Will Vismann sagen, dass die Akten die eigentliche Souveräne und Herrscher Roms seien? Nein. Die Akten verwalten zwar, sind aber nicht verfasst, ihnen fehlt zum Beispiel die Autorenfunktion. Sie haben dafür aber Schreiber, Protokollanten, (Proto-)Notare und (Staats)-Sekretäre wie diejenigen, die Aby Warburg auf Tafel 78 seines Atlas zeigt.
Die Passagen, die man im Aktenbuch zum pomerium findet und die mir mit ihrem Denken des graphischen Zuges auch deswegen einen ersten Baustein für Überlegungen über rhetorische Instiutionen liefern, weil das die Passagen sind, in denen Vismann vom Instituieren („Instituierung“) schreibt, die sind einer Kafkalektüre, Schullektüre schlechthin, verschlungen. Dieser Autorin scheint Kafka nicht aussergewöhnlich. Er ist nicht besonders kafkaesk, eher schon normal. Vismann liefert keinen Grund zur Annahme, dass Kafka ein schlechter Jurist war oder dass seine juristische Tätigkeit sich durch exklusives Unbehagen auszeichnet. Es kann durchaus sein, dass Kafka sich am Recht stört und er etwas davon nicht will. Aber Kafka stört sich sicher auch an Liebe, Essen, Wetter, Stadt, Menschen, Tieren und Literatur und will nicht alles davon. Vismann liefert keinen Grund für die Annahme, dass Kafka aus dem Recht in die Literatur geflüchtet sei, schon gar keinen Grund zur Annahme, dass seine Beschäftigung bei der Versicherungsanstalt und seine damit zusammenhängende Freisttellung vom Militärdienst und von Kriegsteilnahme auf Klüngel und Protektion beruhte, wie andere Kollegen das in ihrer Kafka-Interpretation (unverschämterweise!) nahelegen. Kafka war der Versicherungsanstalt unabdingbar, das legt sie nahe. Ja sicher, was denn sonst? Wo die Normen so kreisen, wie sie bei Vismann oder Kafka oder in den Wiederholungen römischer Städte kreisen, da kommt man ohnehin weder ins Recht rein noch raus. Man kann auch gar nicht in die Literatur flüchten, denn erstens zieht das Recht mit und zweitens sind die Zeiten nicht nur in Dänemark aus den Fugen. Die Frau, die so etwas schreibt, die muss mir eine Wahlverwandte sein, das denke ich mir damals, denke ich mir heute.
Diesen Linienzug nenne ich Graphie (auch wegen der Arbeiten von Thomas Hensel, der den Begriff Graphie in seinen Arbeiten zu Aby Warburg so überzeugend hervorgehoben hat). In der Antrittsvorlesung zum Scheiden komme ich darum auch auf jene rhetorische Institution zu sprechen, die den rhetorischen Institutionen ihren Namen gegeben hat, also auf Quintilians Manual für den Stellvertreter – und dort auf die Passagen, in denen es darum geht, wie man Kinder an die juridische Kulturtechnik des Schreibens heranführt. Nicht das Reden und die Sprache, nicht der angeblich systematisch leitende und ausdifferenzierende Unterschied zwischen Schriflichkeit und Mündlichkeit, schon gar nicht ein kategorialer Unterschied zwischen Text und Bild fasziniert mich an den rhetorischen Institutionen. Mir zieht der Zug: der graphische Zug und seine Wiederholungen.
Echoing in my mind. Man zieht eine Linie auf einer Wachstafel, die Kinder ziehen diese Linie nach. Auch das wiederholt noch etwas vom pomerium, denn die Kinder, von denen Quintilian mit den Worten Helmut Rahns schreibt, ihre Hand bliebe in der Furche, sind römische Kinder, die sind vom Kreis dieser ziemlich gründlichen Linie eingeschlossen. Der Einwand liegt nahe, dass die eine Linie zur Schrift und zur Sprache gehört, die andere aber zu schriftlosen und sprachlosen, allenfalls noch bildlichen oder graphischen Kulturtechniken und dass darum die Inhalte schon auf fundamental andere Ebene lägen. Allein ist mir die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt weder zentral, noch leitend. Ich arbeite zu Formen, die Formen wiederholen. Ich arbeite auch nicht kommunikationswisswenschaftlich, ich arbeite zu Operationen, die etwas wiederholen, die sich wiederholen und die wiederholt werden. Ich arbeite ausserdem zu Kontrafakturen, die Kreuzungen sind. Da wird schon mal Bild zu Text und Text zu Fleisch und Fleisch zu einem Sitz und der Sitz zu einer Welt und die Welt zu einem Moment und der Moment zu einem Schwupps. Da wird man schon mal zu dies oder das. Da wird überhaupt etwas mal zu dies, mal zu das. Dadurch geht nichts an Schärfe und Bestimmtheit der Welt verloren. Das sind phantastische und auch surreale Vorstellungen. Why not? Das Recht, an dem ich forsche, ist das Recht eines aufsitzenden und ausschlagenden Wesens, das auch mit Illusionen eine, wenn auch limitierte und unsichere, Zukunft hat. Seine Instiutionen sind abstrakt betrachtet dasjenige, was eine Zeit mehr oder weniger anspruchsvoll durchhalten, also warten oder erwarten lässt. Konkret sind es Anleitungstexte, Manuale, Übungen (vor Originalen!), Formularsammlungen, Musterbücher, Vorbilder, Modelle und Training (Züge, die routiniert bis algorithmisch ziehen sollen).
Vismann bezieht diesen graphischen Linienzug unter anderem (u.a.)auf das Begehren und das Begehren wiederum unter anderem (u.a.) auf Texte von Deleuze und Guattari. Mit Vismann und anderen glaube ich auch, dass das Begehren technisch ist, also artifiziell. Man erwirbt, lernt und raffiniert es mit der Zeit (das geht sehr schnell!). Mehr noch: Begehren kann man nicht nur mit (dank und durch) juristische Methoden. Das Begehren selbst ist eine juridische Kulturtechnik, man macht’s nämlich mit und ohne Recht. Das „u.a.“ soll betont werden. Wenn Vismanns Wissenschaft zu den Wissenschaften von der normativen Kraft des Kontrafaktischen, also zu den Wissenschaften des Als-ob zählt, dann, weil das Wissenschaften eines vielgradig bestimmten sowohl-als-auch sind.
Die Referenzen, die Vismann im Aktenbuch zur Kritik der Psychoanalyse bei Deleuze und Guattari knüpft, sie müssen nicht unbedingt exklusive und einzigartige Referenzen sein. Das Beispiel des pomerium hat Vismann umtrieben, keine große Überraschung, denn der graphische Zug zieht nicht nur, er treibt auch. Sie kommt in ihren Texten wiederholt auf das pomerium zu sprechen. Zuletzt ganz kurz und knapp in dem Bewerbungsvortrag, den sie für die Stelle in Weimar gehalten hat, der unter dem Titel Kulturtechnik und Souveränität veröffentlicht wurde und der sich inzwischen zu einer Art Schlagreferenz entwickelt hat, es ist der meistzitierte Aufsatz von Vismann geworden – und der ’schlechstzitierte‘. Ich empfehle unbedingt, zu diesem Text nicht nur das Aktenbuch zu lesen. Insbesondere empfehle ich, dazu den Text zu lesen, den sie für Werner Hamacher geschrieben hat und in dem Sammelband Babel erschienen ist. DieserText handelt von römischen Bildungs-Institutionen, vom Instituieren, vom Bilden als Kulturtechnik. Vismann schreibt nicht nur über etwas, dessen Gelingen daran hängt, zweimal vorzukommen. Ihr eigenes Schreiben kommt auch mindestens zweimal vor. Die geringste Anzahl von Texten, die man von Vismann gelesen haben und dann zitieren sollte? Mindestens zwei. Vismann gehört zu den Autorinnen, die selbst schon so viel hergeben, dass man sie erstmal mit ihnen selbst vergleichen muss, bevor man sie mit anderen vergleicht. Bevor man sie mit Kittler vergleicht, lohnt es sich, sie mit ihr zu vergleichen und dann zu lesen, wie sie mit Kulturtechnik und Souveränität eine Institution anschreibt, in dem Fall auch eine Prüfungskommission an einer Universität, an der sie sich eine Stelle erhofft. Und wie schreibt sie eine feierliche Gesellschaft an, in dem Fall eine Gesellschaft, die Hamachers Geburtstag feiert? Einmal an Rom, das andere mal an römische Bildung (römisch auch der Titel des letzte Heftes, dass sie in der Zeitschrift Tumult für Verkehrswissenschaften verantwortet hat).
Bild- und Rechtswissenschaft, Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken; hier: Cornelia Vismann auf acht Seiten, aus: Babel, S. 380-388. Auf der ersten Seite der Hinweis auf eine und die rhetorische Institution, auf Quintilians Manual. Vismann dreht hier einen Spieß, oder wie sie vielleicht gesagt hätte, eine Lanze um. Nicht Quintilian steht ihr dafür, alles zu bereden oder zum Gegenstand der Wiederholung zu machen. Gaius steht ihr dafür ein.
Dass Kulturtechnik und Souveränität in der nationalen und internationalen Szene so einen durchschlagenden Erfolg hat, liegt unter anderem daran, dass der Text auf Deutsch und Englisch vorliegt. Dieser so vielzitierte Text ist kein Manifest, das ist ein Bewerbungsvortrag; alles in an ihm ist Wiederholung, vieles was dort auftaucht liest man in anderen Texten Vismann ausführlicher. Hier schaukelt sie etwas auf, hier spitzt sie etwas zu, sie will an eine Stelle. So taucht schon im Titel die Souveränität auf. Hier bringt sie noch einmal die Formel über das Medium, das Objekt, das Subjekt, die Verben und das Austauschmanöver. Hier kommt sie auch nochmal auf den Zug des Pflugs (plough, Plaue, pilav, plov, also pflügen-plauen-häufen (d.i. Häufchen machen oder aber Haufenbildung als Strukturprinzip) zu sprechen, diesmal nicht in der Ausführlichkeit der Passagen aus dem Aktenbuch.
In dem Text für Hamacher schreibt sie in Bezug auf eine Bewegung der Bildung von Akzentuierung. Das ist der Tonfall der Nymphen, sie pointieren, wenn sie schwingen. Das nimmt der Vismann nicht ihre Meinungsstärke. In dem, was wir meinen, kommt uns ohnehin keiner zur Hilfe. Indem was wir begehren, da vielleicht schon. Hauptfrage von Vismann ist insoweit nicht die Frage nach der Macht. Sie hat das, was bei ihr durchgehende Frage sein kann, in dem mit Kittler geschriebenen Buch Vom Griechenland mit einer Formel auf dem Cover so vorgebracht: Wie kommt es, dass die Leute in Europa nicht die Liebe wissen, sondern das Wissen lieben? In dem zweiten Text, dem für Hamacher, schreibt sie von einer Begehrenskette. Das ist das Thema ihre Antrittsvorlesung zu dem, was das Schöne am Recht sein soll. Der Text für Hamacher ist ein Text aus der Kritischen Theorie Frankfurter Schule Abteilung Benjamin. Der Jurist also wird mit seiner Dissertation zitiert, der Alexander Kluge heisst und dessen bild- und rechtswissenschaftliche Arbeit bewegte Bilder einschliesst. Die Frankfurter Schule, Abteilung Nicht-Benjamin verkürzt in ihren Lektüren Vismann auf eine zumindest mir gräßliche Weise und meint noch, es sei mutig. 2010 heißt es noch, da gäbe es einen Kreis, wir (2010 übernehme ich die Stelle, die zwei Jahre lang Vismann vertrat für die nächsten vier Jahre, darum also wir) würden alles vorschnell mit der Macht fusionieren, man selber halte die Distanz. Ab da werden die Lesarten immer gräßlicher, das war also noch die beste unter den schlimmen Versionen. Von Anfang an geht es Vismann auch um’s Instituieren und darum, etwas wahrnehmen und ausüben zu können, auch aktiv. Wenn das Macht ist, ist das nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht unbedingt gut. Fusionieren? Schlechte Lektüre. Kulturtechnikforschung sei vorschnell? That’s just the trouble! (Nina Simone). Die Lesart hat sich mehr und mehr aufgeschaukelt, auch nach der Wende des Kollegen hin zum Interesse an der institutionellen Macht. Ich schaukel mit. Eins wird mir deutlich: Zur Kritischen Theorie Frankfurter Schule Abteilung Nicht-Benjamin gehöre ich nicht.
Das Begehren, von dem Vismann im Aktenbuch schreibt, muss nicht das Begehren der Psychoanalyse sein und es muss darum auch nicht an das Geschlecht oder den Sexualtrieb, schon gar nicht an ein operativ geschlossenes und ausdifferenziertes Rechtssystem gebunden sein. Die Operationen sind immer ziemlich gründlich. Sie gehen aus, wenn sie zum Beispiel durch die Stadt gehen. Ein Ausflug ins Pastorale ist auch ein Ausgang, denn er führt durch das Tor und über den Linienzug jenes pomerium, das man auch mit dem Begriff assoziiert, den Bereich post oder aber pro moerium (Mauern oder Wälle) zu bezeichnen. Aus, aus, aus, die Differenzierung ist aus. Ist Deutschland oder auch nur irgendwas aus Deutschland darum Weltmeister? Kann mal passieren, aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel; insoweit geht nichts aus. Ich lese heute das Begehren auch mit der Brille Aby Warburgs, also auch als ein Verkehren und, wie Gertrude Bing formuliert hat, als ein „Verzehren„. Das ist eine unbeständige Regung, die durch Form geht und die zwar vague ist, die aber vague ist, weil sie wellt und wogt, deren Vagheit aber nicht unscharf oder unbestimmt ist. Das Begehren, das auch das Vague ist, das ist wie die Meeresoberfläche und wie alles, was im Feld der Meteorologie liegt. Vismanns Gegenstand ist wie die Wolke, die man „immer weiß“ und die „sehr weiß und ungeheuer oben“ (Berthold Brecht) ist. Nichts daran ist unscharf und unbestimmt, alles daran ist unbeständig.
Noch das kleinste Detail sitzt zu jedem kleinen Zeitpunkt exakt an seiner Stelle und ist zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort scharf und bestimmt. Das ist meteorologisch. Thomas Hobbes beschreibt die Meteorologie auf seiner ramistischen Klapptafel im Leviathan als ’subiect‘ passierender (vorübergehender) Körper, die zu säumigen Zeiten auftauchen und zu säumigen Zeiten abtauchen (sometimes). Ihre Erscheinung ist darum zwar umwegig bis schwer zu berechnen oder bleibt sogar (aber dann auch nur) notorisch unberechenbar, aber nicht unbestimmt oder unscharf. So lese ich das Begehren, von dem Vismann im Aktenbuch schreibt heute. Ich kann nicht nur nicht ausschließen, dass Cornelia Vismann damals mit den Passagen zum pomerium schon mehr im Sinn hatte, als sie dann in Fußnoten zu Deleuze und Guattari fixiert hat. Wie Schüttpelz habe aber auch ich den Eindruck, dass die Lektüre dieses Buches nach 25 Jahren noch besser ist als vor 25 Jahren. Es sei denn, man verkürzt die Lektüre so, wie Thomas Vesting das nach 25 Jahren tut. Ich halte es sogar für hochwahrscheinlich, das Vismann mehr als Literaturreferenzen im Sinne hatte, weil ich schlicht davon ausgehe, dass es uns allen so geht: Wir schreiben was, fixieren was, hoffen (vergeblich) auf Unterstützung durch andere Autoren, und es ist ein vorübergehender Ausschnitt unseren Denkens, dessen unbeständige Seite bei jedem vorkommt (auch wenn nicht alle sich für diese unbeständige Seite so interessieren wie aus gegebenem Anlaß ich).
Das Aktenbuch entfaltet eine episoden- und stationsreiche Geschichte und Theorie des graphischen Linienzuges. Das Ideogramm der Kanzleien oder Kafkas Saum: auch das sind Weiterführungen zur Wiederholung des graphischen Zuges, von dem ich denke, dass er ein (mehr noch: das Element) von Vismanns Denken ausmachte. Vielleicht ist es ein pornographischer Zug? We’ll know it, when we see it. Die Passagen in dem Buch Vom Griechenland setzen das Aktenbuch zwar nicht unmittelbar, aber unverzüglich und in einem Zug fort. Ich lese Vismann also als Historikerin und Theoretikerin der Fiktionen, die inzwischen (!) den Namen Roms tragen und dabei als Historikerin und Theoretikerin eines Tragens, das durch die Wiederholung graphischer Züge geht, also dem Tragen und Trachten bei Aby Warburg affin bis verwandt ist. Vismann schreibt fort von den Koextensionen von Stadt und Gesetz (auch Recht), sie schreibt dort von jenem portare, das mir in Warburgs Notizen aus Kreuzlingen wieder auftaucht, wenn er dort von Tragen, Trachten und Tragik schreibt oder wenn er römisches Recht mit Griffen und Händel assoziiert, denn das macht Vismann ja auch. Wie Siegert sehe ich Vismanns Schreiben dabei von einer Doppelbewegung angetrieben, die durch das Große und das Kleine geht. Siegert beschriebt das Vorgehen, so: so primordial wie möglich zuzugreifen und dann zu dekonstruieren, das ist treffend, aber keine abschließende Beschreibung. Diese Doppelbewegung kann auch demjenigen affin sein, was Warburg als Polarität beschreibt, d.h. es kann auch eine Weise der Melancholie oder eine Gefolgschaft zum römischen Kalender sein. Diese Doppelbewegung kann sogar jenes auf-und-ab sein, das ich mir vorstelle, wenn ich in Quintilians Insitutionen alle die Passagen lese, die zum Subtilen hin, zum Sublimen hin und zwischendurch dann zum Medium hin geschrieben sind. Aber ich weiß: andere lesen sie völlig anders, unter anderem als automatisches Echo oder treue Schülerin Kittlers, als dogmatische Schülerin Foucaults, als strikte Vertreterin eines technischen Determinismus, sogar als eine, die nicht fähig war, sich auf die Phänomenlogie eines modernen Subjektes einzulassen (so mal wieder Frankfurter Kollege, wer sonst?) oder als eine, deren zentrale Idee gewesen wäre, dass die Subjekte Objekte und die Objekte Subjekte seien und man zur Beschreibung von Kulturtechniken am besten Verben gebrauchen würde. Ah ja, super Idee das! Fabian, Notizbuch, Bleistift, Exzerpt. Gehirn. Gedächtnis. Nicht Lethe. Abfalleimer auch nicht. Tür zu. Fenster auf. Lunge 1. Lunge 1. Lunge 3. Und wenn der Rabbi, dann alle Chassidim.
Ich stelle mir das sogar so vor: mein im Winter Wuppertals wild wucherndes Herz wiederholt nochmal den graphischen Zug, den Vismann wiederholte und den davor und danach noch viele andere wiederholten. Die Wogen, das sind wir doch zum Teil selbst (Jacob Burkhardt). Das Trahieren wiederholt, auch sich. Das Begehren reproduziert artifiziell, fiktiv und kontrafaktisch, mimetisch und rekursiv kreuzend, auch sich. Eine Furche im Acker übersetzt sich Bauen, ins Bilden, ins Schreiben und ins Herzklopfen; das ist ein Teil jener Energie der Übertragung, für die ich mich interessiere, wenn ich zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken forsche. Das ist, wie gesagt, auch eine phantastische, wohl auch surreale Vorstellung. Why not?

Lampe muss vergessen werden, Pommes müssen gegessen werden.
Einer hat seine Kritik an Cornelia Vismann unter anderem daran aufgehängt, dass der common sense bei einer Furche im Acker zuerst an Kartoffeln denken würde (der schreibt es anders). Wenn ich mich recht erinnere, dann schreibt er etwas von praktischen Fragen der Ernährung, als ob der Leser bei der Lektüre der Passagen zu dem pomerium zuerst anfangen würde, auf Pommes zu warten. Das kann durchaus sein, und es ist gar nichts schlimmes daran, auf Pommes oder andere Kartoffelgerichte, etwa Kroketten oder Reibekuchen, Rösti oder Gschwellti zu warten. Dass ein Frankfurter Kollege so etwas schreibt, das überrascht mich auch nicht mehr. Mir leuchtet nur nicht ein, warum das ein Maßstab für einem Umgang mit rhetorischen Institutionen, für die Bild- und Rechtswissenschaft und für die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken sein soll. Meine Replik geht nicht in die Richtung, jetzt noch einmal raffinierten Hochschulsinn gegen gemeine Sinne (nur diesmal anders herum) auszuspielen. Viel einfacher: das eine schließt das andere doch nicht aus. Wir haben es mit ausschlagenden Wesen zu tun, deren Begehren auch Hunger und mal größer, mal kleiner sein kann. Sie können ja sogar satt und immer noch Satyre sein. Wenn Autoren über ein Detail schreiben, wirkt das oft groß. Aber damit machen sie das Detail nicht unbedingt groß (diesem Irrtum erliegt Ladeur auch öfters mal). Was das Größte und Vordringliche an der Ackerfurche ist, das wissen wohl Bauern am besten.

Kulturtechnisch betrachtet teilen Bilder und Fußballspiele unter anderem eins: Nach dem Bild ist vor dem Bild und nach dem Spiel ist vor dem Spiel (Hamburg, 2016)
III.
In meiner Perspektive beschreibt man die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken auf den Linienzügen ihrer Wiederholungen. Das heiß, dass ich nicht auf das Allgemeine ziele, auch das Allgemeine wird allenfalls in Versionen einer Wiederholung zum Gegenstand meiner Forschung.
In einem der Texte, in denen Vismann ihre Vorstellung vom Instituieren entfaltet, schreibt sie, das gelungene Gründungen immer zweimal vorkämen. Gründe sind verdoppelt, zu zweit, (ent-)zwei mindestens. Sie sind ein Effekt der Paarbildung und Schichtung. Das gilt auch für rhetorische Institutionen. In der Forschung zu den juridischen Kulturtechniken werden die rhetorischen Institutionen in ihren Wiederholungen zum Gegenstand. Vismann beschreibt diese Wiederholung mit einer Doppelbewegung: einerseits so primordial wie möglich, so groß wie möglich. Anderseits beschreibt sie ihre Gegenstände zerstreuut über kleine Details, die nicht groß und nicht von selbst, schon gar nicht beständig zusammenhängen. Die amazonischen Wellenlinien, die Bildlisten der notitia dignitatum, Kafkas Saum, das Ideogramm der Kanzleien, Phryne vor dem Areopag, Albertis velum: lauter kleine zerstreute Details, lauter Akte(n) in kleinen Formen. Siegert beschreibt diesen Teil der Doppelbewegung als Dekonstruktion, von mir aus, aber man soll dann nicht gleich den Derrida in Vismann suchen.
Das Verfahren, Schreiber wie Vismann als beständige Vertreter einer sogenannten Meinung zu behandeln, und dann wie eine Schachfigur in der Schriftsätzlichkeit einer im besten Fall destillierten Auseinandersetzung zu behandeln, das beschreibt Bruno Latour als die eigentliche Existenzweise des Rechts, und er nennt diese Technik die Signatur, also die Bindung von Personen an Aussagen. Selbst wenn das ein hervorragendes Merkmal juristischer Methoden ist (ich will nicht leugnen, dass dieses Verfahren der Repräsentation von Stimmen, Denken, Wollen, Begehren und Wissen erstens wichtig und zweitens auch sinnvoll sein kann) würde ich das zu allem dem zählen, was die Eigenheiten des Rechts bestimmen soll und darüber auch zu dem zählen soll, was das Recht vielleicht im Allgemeinen zusammenhält. Aber wie gesagt: ich forsche nicht an dem, was dem Recht eigen sein soll, ich forsche zu dem, was kooperiert. Meine Forschung gilt der Wiederholung – und damit der Zerstreuung, deren kleinster Vorgang trahiert, also zur selben Zeit kontrahiert und distrahiert. Die Verdoppelung verdoppelt sich, die Entzweiung entzweit sich. Es ist wie im Materialismus. Etwas wird in dem Augenblick ein letztes, jüngstes und kleinstes Element, wenn seine Spaltbarkeit ansteht. Das gilt nicht nur für Atome, Proteine oder Individuuen, es gilt auch für alles, was zum Objekt oder zum Subjekt jener Kulturtechnikforschung wird, die auf den Linien und an den Linien der Wiederholung arbeitet.
Rhetorische Institutionen kommen durch die Wiederholung zweimal vor, sogar in großen und kleinen, hohen und niedrigen Versionen. Sie haben mindestens zwei Pole. Sie kommen, wie Warburgs Tafeln und wie dasjenige, was in den Quellen des römischen Rechts mit dem Begriff tabula picta zu fantastischen Kommentare über Verkehrsfähigkeiten verführt, durch Unterlage und Auflage vor. Sie sind stratifiziert und stratifizieren, sie sind skaliert und skalieren, sie sind differenziert und differenzieren, sie sind gemessen und messen. Sie sind gemustert und mustern. Sie sind Operationsketten auf Operationsfeldern.
Ich lese Vismann nicht als Historikerin und Theoretikerin einer Macht, die die einen haben und die den anderen darum fehlt. Ich lese sie nicht als Analytikerin einer Macht, die Schwache unterwirft und Gewaltigen zukommt. Das gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Personen, es gilt auch im Verhältnis zwischen den Personen und den Dingen oder den Subjekten und den Objekten. Ich lese ihr Aktenbuch nicht als Geschichte und Theorie einer Arretierung von Akten, Aktionen, Aktivitäten und Aktanten. Das Buch handelt an jeder Stelle auch von Passionen und Pathos (in speziellem Sinne, auch im Sinne angestoßener Selbstbetrachtung).
Die Passagen zum Phryne-Akt stellen sich der Frage nach der Macht auf eine Weise , die Warburgs Fassung des Problems affin bis verwandt ist. Warburg fasst die Frage, die mir am Phryne-Akt auftaucht, als Frage nach der Melancholie, als Geschichte der Fortuna (im Sinne von Valérie Hayaert ist Fortuna eine Lady Justice) und des Atlas. Das ist die Frage nach der „Welt im Rücken“ (Thomas Melle). Das ist die Frage nach der Polarität, also danach, wie man Aktion und Passion ins Verhältnis setzt. Warburg fasst diese Frage auch als Frage nach einem mehrfachen Pendelsinn, nämlich einem Pendeln, das durch Raum und Zeit, Assoziationen (auch: Gesellschaft, Verkörperung und Verleibte, sic!) sowie Falten (auch: Psyche!) geht. Dazu schreibt er noch im Sommer 1929, also zu dem Zeitpunkt, als er vor allem mit zwei Dingen befasst ist, nämlich mit den Staatstafeln und der römischen Kurie einerseits und mit der Vorbereitung der Kuratoriumssitzung, die der KBW für die Zeit nach seinem Tod eine gesicherte rechtliche Grundlage geben soll, den Text: Vor dem Kuratorium (das Kafkaglöckchen bimmelt wieder!).15
Das Distanzschaffen, das Warburg in diesem Text sowie dem Einleitungstext zum Atlas als juridische Kulturtechnik hervorhebt (denn es operationalisiert Differenz durch Form, die Norm sein soll), legt die Distanz, die es schafft, nicht zurück. Das Distanzschaffen ist nicht einseitig vergrößernd. Auch der Abstand zu Rom und Antike wird nicht einfach größer in Zeit und Raum. Er kann auch kleiner werden. Der Abstand zu Rom und Antike wird durch das Distanzschaffen nicht unbedingt noch mehr entfernt oder ‚entfernter‘, er kann auch weniger entfernt werden. Das ist ein Distanzschaffen, das Entfernung vergrößert und verkleinert, es kann auch dazu führen, dass dasjenige, zu dem Distanz geschafft wird, einem durch’s Herz geht und dort sowohl Herz und Verstand bricht. Es kann das Entfernen sein, von dem Heidegger 1926 in Sein und Zeit schreibt, dass es die Ferne schwinden macht. Noch den Bruch, noch das totale Schwinden hat Warburg erfahren, mit der Erfahrung arbeitet er in der Annahme, dass er nicht geheilt ist, dass er aber zur Pathologie Routine und hoffentlich Umgang einwickeln kann. Warburg assoziiert dabei räumlich, zeitlich, gesellschaftliche und psychische ‚Messungen‘ mit hohen/ großen und niederen/kleinen Werten. Von einem feststehenden und systematisch gedachten Maß wie Meter oder Sekunden das sind, würde ich allenfalls dann sprechen, wenn das Modell der schwarzen Tafel, auf der Warburg seine Bilder arrangiert, so ein Maß wäre. Warburg misst auf jeden Fall. Dieses Pendeln führt auch von Aktion zu Passion und von Passion zu Aktion. Was Warburg macht, das ist Vismanns Umgang mit der Ambiguität des Phryne-Aktes affin bis verwandt. Was Vismann macht, das ist Warburg affin bis verwandt. Das heißt freilich nicht, dass eigentlich Warburg hinter Vismanns Denken steckt und sie seine Schülerin wäre. Wenn es jemandem hilft, von Warburgkreis zu sprechen, kann er das aber gerne machen. Rein vorsorglich: Hinter Warburg steckt kein Warburg, gute Schüler sollen das wissen. Warburg hat niemanden hinter sich, er hat die Welt im Rücken. Vismann hat die Welt im Rücken.
Phryne kann die Figur einer Aktion sein, sie kann (bis in Pathologie hinein) die Figur einer Passion sein. Sie kann das Subjekt und die Person, sie kann das Objekt und das Ding sein. Das Bild, das Vismann in den Text Vor ihren Richtern nackt setzt, die Hamburger Version der Phryne (oben sieht man sie als ansteckendes Vorbild einer Museumsbesucherin, die damit freilich auch zum epidemischen Vorbild wird) zeigt also eine Pathosformel: die Geste und damit die Form einer Frau, durch die Regung geht und die in dieser Form als Subjekt oder als Objekt dieser Geste wahrnehmbar ist. Pathosformel ist, was mit seinem Ausschlagen wiederholt wird; die Geste von Phryne wird wiederholt, also ist das eine Pathosformel. Der graphische Zug kann auch choreographisch sei; Verleibung zieht auch. Da kann durchaus auch Verköperung und Repräsentation stattfinden, aber eben auch Verleibung und Symptom. Die Ambiguität geht Vismann durch. In ihrem Text ist Phryne nicht unbedingt das Opfer des Hypereides oder der Richter. Sie ist nicht unbedingt die Täterin der Aktion. Das Verhältnis wird nicht aufgelöst, vor allem nicht mit dem Status eines Subjektes oder Status eines Objektes arretiert. Die Pathosformel reproduziert ein Begehren, Verkehren oder Verzehren. In dem Aktenbuch spricht Vismann in Bezug auf die Regung des graphischen Zuges von einem Vagieren. Das meint an der Stelle nicht eine Unbestimmtheit oder Unschärfe, es meint die regende Form, die das Begehren, Verkehren und Verzehren reproduziert. Das ist auch das meteorologische Regenreich, das man vielleicht loswerden will, wenn man Artikel zum Rechtsbegriff schreibt, wie im Wörterbuch der Unübersetzbarkeiten, das von Barbara Cassin herausgegeben wurde (oft schreibt man etwas, um etwas loszuwerden und schreibt dann genau das, was man loswerden will). In dem Artikel dieses Wörterbuches wird noch einmal (wie üblich) versichert, dass der Rechtsbegriff mit Direktion und Regierung, vielleicht auch mit regula, Regie und Regimen, aber nicht mit Regen und Rinnen zu tun hätte und davon nicht abgleitet werden könnte. Das ist doch das Komische und Witzige an Institutionen, dass sie sich verwechseln können und es nicht so sehen müssen. Das ist wohl der Modus vom Verlangen, etwas loszuwerden, und der Modus von solchen Wörterbüchern, die Begriffe feststellen wollen und nicht die meteorologische Kondition von Zeichenoperationen durchgehen (lassen) wollen. Und trotzdem gibt es Warburg und Vismann. Sogar Luhmann gibt es trotzdem. Ganz sicher hatte der einen scharfen Sinn für das, was er auf einem seiner Zettel eine vague Assoziation nennt und was an dem hängt, dass Recht und Regen sogar begrifflich affin bis verwandt sein können. Dass er das Recht als kontrafaktisch stabilisierte Verhaltenserwartung (d.i. faktisch unbeständige Enttäuschungsabwicklung) beschrieben hat, kürzt die Zeit, die er im Purgatorium zu verbringen hat, um ein paar Jahrhunderte ab. Fragen Sie nicht mich, fragen Sie Vergil oder Dante nach Details.
Warburg ist Vismann affin oder verwandt, weil für ihn Recht und Regen affin bis verwandt sind. Das Gespräch, dass er im Sommer 1896 mit Sally George auf einer Kreuzfahrt über römisches Recht und die mancipatio führt und mit dem seine rechtswissenschaftliche Forschung anhebt, das führt er im Anschluß seiner Forschung zum Schlangenritual, also zu einer Choreographie, die Fruchtbarkeit und Meteorologie händeln soll: Klimagerechtigkeit in kleinen und regenden Formen. Das Distanzschaffen kann ein Distanzschiffen sein.
Die Affinität und die Verwandtschaft zwischen Vismanns Umgang mit dem graphischen Zug und Warburgs Umgang mit dem graphischen Zug bestehen nicht von selbst, sie sind nicht einmal beständig. Sie ziehen durch die Wiederholung und durch die Betrachtung. Ich bin in diese Affinität und Verwandtschaft involviert, denn ich wiederhole sie hier und jetzt, aber auch das ist nicht beständig. Was das Allgemeine an Warburg ist, was das Allgemeine an Vismann ist, dazu müssen andere arbeiten, ich schaffe das nicht. Ich weiß nicht einmal, was das Allgemeine an mir ist und ob ich morgen noch tue, was ich heute tue.
Aus manchen Kommentaren über Vismann dröhnt mir die Vergeblichkeit ihres Tuns, das ist arg deprimierend. Mir führt die staatsrechtliche Lesart, die Vesting vorgeschlagen hat und die Vismann auf das hin liest, was an ihr in Wirklichkeit Kittler, Foucault und die Unfähigkeit zur Akzeptanz der „Phänomenalität der Subjektivität“ sein soll, in Sackgassen, aber das sagt ja selbst am besten. Vestings Lesart ist scharf und grob zugleich, das gelingt ihm leicht, weil Sätze herausschneidet und als eindeutige Aussagen und Belege präsentiert, wie das Staatsanwälte besser nicht können. Die Suche nach dominanten Stimmen in der Kulturtechnikforschung (von der auch Rüdiger Campe in einigen Passagen angetrieben scheint), die ist mir a bisserl hmpf, so dass ich aus dem Text wegkippe, wenn ich irgendwo wieder lesen muss, wo gerade wieder eine Meinung stecke , die dazu noch seit den 80er Jahren oder wann auch immer im Vordringen befindlich oder zunehmend bestimmend sei, wer mit welchem Inhalt eine dominante Ansicht repräsentieren würde und wer oder was angeblich übergangen würde.
Wenn Institutionen abrichten und man sich an Abrichtung stört, dann sollte man sich drehen, ab da richten sie aus. Das ist wie mit dem Zug. Stört er, wendet man sich, ab da drückt’s. Und die (Klein-)Laster machen es verkehrt, et vice versa. Warum Vesting Vismann, deren Habilitation er immerhin begutachtet hat und die Schulze-Fielitz darum auf seiner Klapptafel zum Mikrokosmos der Staatsrechtslehre an entsprechender Stelle ins genealogische Geäst einträgt, sie trotz seines Sackgasseneindrucks so liest, wie er sie liest, ist eines der Rätsel , die in Städten wie Florenz vorkommen.
Hat man den Eindruck, dass irgendwo in einem Text (dank und durch einen Text) ein Subjekt ins Verschwinden gebracht würde, dann sollte man, wie die Katzen das tun, ein bisschen mit dem Kopf wedeln und mit der Parallaxe experimentieren, vielleicht ein bisschen die Augen drehen. Sehr hilfreich ist Ino Augsbergs telephonisch verwendete Pathosformel. Sie lautet stets, wenn ich ihn anrufe und einem Gedanken teste: Ja, aber umgekehrt würde ich sagen. Also einfach mal die gerade hingeschrieben Aussagen umkehren und testen, wie der Text dann klingt. Dann taucht das Subjekt in der Regel rasch wieder auf. Eines der kreativen und erfinderischen Subjekte in den Texten von Vismann könnte nämlich Cornelia Vismann selbst gewesen sein. Eine derer, die ihre subjektiven Rechte fantastisch ausgenutzt hat, könnte sie gewesen sein. Gaius kann auch eines dieser bei Vismann verbleibenden Subjekte gewesen sein, Vismann begeistert sich an ihm und für ihn von den ersten bis zu den letzten Texten, weil Gaius den Dingen einen Namen gab und dabei kreativ und erfinderisch war. Vismanns Texte triefen von Begeisterung für andere, spezielle Subjekte. Noch ein paar Subjekte würden mir einfallen, sogar moderne Subjekte, nicht nur Kafka. In Vismanns Küche wimmelten im Alltag diese Subjekte, war eigentlich immer großzügiges open house, Balthasar am Herd. Darum Kulturtechnikforschung: Nicht bloß auf den Text, die Signatur und die Repräsentation von Meinungen achten. Auch mal auf die Küche achten. Wie Siegert einmal gesagt sagt: Nicht bloß auf die Zeichen achten, sondern auch auf die Zeichenoperationen. In den Verwendungen entdeckt man die Wendungen, oft sogar alle Seiten davon.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.
Die Details sind das, was nicht bloß schnuppe, vielleicht aber Sternschnuppe und Bolide, auf jeden Fall das Material und damit heilig ist.

Es ist nicht unbedingt der Regen, es ist nicht unbedingt der Sonnenschein. Es ist nicht unbedingt die Sonne, es ist nicht unbedingt der Mond. Es ist nicht unbedingt der Tag und das Wachen, es ist nicht unbedingt die Nacht und der Traum.
Es ist unbedingt das Ziehen einer Linie, das Welten produziert. Zumindest zu den Konditionen juridischer Kulturtechnik. Wo Form ist, da ist Norm. Wo Normen sind, da kann die Welt sich kippen, drehen und wenden. Wo ein graphischer Zug ist, da ist Gestaltung.
IV.
Das Interesse an rhetorischen Institutionen ist bei mir dem Interesse an der Kulturtechnikforschung verbunden, das dürfte deutlich sein.
Meine Angebot wäre also, Kulturtechnikforschung nicht als etwas zu betrachten, das eine juristische, politische und damit konstituierte Form hat. Ich würde also nicht versuchen, eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern zu identifizieren und zu fragen, wer und was diese Gruppe konstituiert hat. Ich würde nicht, wie Campe und Vesting es tun, nach dominanten Führern, Leitern , Begriffen und Ansichten innerhalb dieser Gruppe suchen. Ich würde nicht den Kopf suchen, der die Ideen hatte und dann diejenigen suchen, die seine Ideen haben anwenden wollen, so wie Campe das zu Kittler und Vismann macht. Ich vermute, dass die Suche nach einem Technikbegriff, der wie ein Gesetz bestimmend wäre (und dazu noch entweder in der Antike oder der Moderne über hunderte Jahre hinweg gehalten hätte) zwar wieder etwas über Wissenschaft als Beherrschungsform sagt, auch ein bisschen (wenn auch wenig) über Wissen und Kulturtechnik. Aus der Institutionalisierungsphase dieser Forschung gibt es allerdings auch schon genug Texte, die diesen konstitutiven Anspruch erheben, auch auf englisch und sogar mit kleinen Protokollpassagen, die mitteilen, wer bei Gründungsmomenten dabei war und wer nicht. Selbst wenn ich wieder nach einer konstituierten Gruppe, nach ihren Köpfen und nach ihren gesetzesadäquaten Begriffen suchen würde, dann würde ich mich allerdings nicht allein auf (Platz 1) Kittler und (Platz 2) Siegert und (Platz 3) Vismann stürzen, wie Vesting das tut (aber will er das weiterhin tun, soll er mich in Zukunft ruhig zu diesem verschworenen Grüppchen neben dem Treppchen auf Platz 4 dazuzählen). Zumindest würde ich aus dem deutschsprachigen Raum wenigstens auch die Berliner Zweige und die unzähligen Anstöße der Siegener, etwa die Arbeiten von Schüttpelz und die ‚Baseler Archäologen‘ berücksichtigen. In Finnland lässt Panu Minkkinen juridische Kulturtechnikforschung blühen (allerings auch mit deutlicher Suche nach Strukturen, in denen Lehrer Schüler haben und unter seltsamer Auslassung von Vismanns Umgang mit dem Phryne-Akt). In Brasilien lässt Ricardo Spindola, der jüngst auch das Aktenbuch übersetzt hat, die Kulturtechnikforschung auf eine Weise aufblühen, die mir noch viel überzeugender ist, nämlich glücklicherweise ohne Repräsentationsfilter, ohne Rekonstruktion von Lehrer-Schülerinnen-Netzwerken, nämlich in der Arbeit an Akten selbst und in Verfahren, in denen ungesichert ist, wer und was exakt beteiligt ist: Sind es Personen oder Dinge? Sind es Menschen oder Tiere? Die Arbeit von Spindola ist elementar, er hat es teilweise mit Objekten zu tun, die als Akten erst einmal lesbar gemacht werden müssen. Das ist Kulturtechnikforschung at its best, nicht die Methode, die mit Vismann umgeht, wie Michael Stolleis es täte. Spindola arbeitet wortwörtlich at the margins, nicht dadurch, dass er Derrida zitiert, sondern dadurch, dass er das, was er tut, in Arraias tut: Quilombolagebiet. Er nimmt Vismann schlicht beim Wort.
Weiter würde ich also zur Kulturtechnikforschung nicht nur die Autorinnen und Autoren zählen, die explizit von Kulturtechnikforschung und German Media Theory sprechen. Kulturtechnikforschung ist nicht nur da drin, wo Kulturtechnikforschung drauf steht. Eine These lautet insoweit, dass man mal wieder Aby Warburg, der ohnehin diesen großen Berufsbezeichnungsverbrauch hat, als einen Kulturtechnikforscher betrachten sollte. Marietta Auers Buch zum Zählen, zur Harmonie (Recht harmonisch), das mit der rhetorischen Erzählung von Scipios Traum beginnt und mit einem anderen Traum endet? Kulturtechnikforschung. Man kann unbefangen sein, Akte(n) gegeben genug Denkraum, graphische Züge geben genug Denkraum; Operationsketten und Operationsfelder geben genug Denkraum.
Ich würde die Forscherinnen und Forscher nicht nur als Autorinnen und Autoren behandeln, die eine Meinung innerhalb einer Gruppe repräsentieren würden. Ich würde also Vismann nicht als jemanden lesen, die im Alltag lauter Texte produziert hat, die dann allerdings ihre eigene Mindermeinung und insoweit nicht zu berücksichtigen seien und die dann am Ende ihres Lebens mit Kulturtechnik und Souveränität einen Text geschrieben hätte, der ihre eigene herrschende Meinung souverän konstituieren würde und der insoweit repräsentativ für das Gesamtwerk stehen könnte. Ich würde nicht nur darauf achten, was die Leute schreiben, sondern wie sie es tun, ich würde sogar versuchen, darauf zu achten, was an ihrem Schreiben kooperiert.
Warum würde ich das alles nicht tun? Das ist als eine Hoffnung gesagt, ich hoffe, dass ich das nicht tue. Wegen der Phänomene. Ich würde die anregenden Ausführungen, die man in Kulturtechniken über Praxis, Verkettung, Zerstreuung, Rekursion und Mimesis und Wissensproduktion mit und ohne Autoren- und Repräsentationsfunktion findet, wenigstens ansatzweise aufgreifen, mich insoweit von der Forschung und von Kulturtechniken wenigstens minimal anstecken lassen anstatt sie so zu lesen, wie man seit gefühlt 1000 Jahren auch Texte von Staatsrechtslehrern liest, nämlich mit dem großen Repräsentationsfilter. Ich würde scientia und die Kulturtechnik Skifahren zusammendenken (begrifflich sind beide ohnehin verwandt) und dann vom Genuß des Kontrollverlustes aus, den man im flow am Hang erlebt, das Wort Entmächtigung lesen, das Vismann hier und da verwendet. Vismanns Begeisterung für die ecriture automatique dürfte ja auch nicht völlig isoliert in ihren Texten sitzen. In der Verwendung entbergen sich die Wendungen. Welche Methode also? Mitmachen, nachahmen und so tun, als ob man selbst Kulturtechnikforscher sei.
- Leon Battista Alberti, De Pictura (dt. Die Malkunst), Darmstadt 2000 ↩︎
- So Heiner Mühlmann in: Leon Battista Alberti. Ästhetische Theorie der Renaissance, Bonn 1981, S. 14 (zum ‚versteckten System‘ bei Alberti. Der Text beruht nicht nur auf der 1968 am kunsthistorischen Institut eingereichten Dissertationsschrift von Mühlmann. Er ist als Dissertationsdruck erschienen; jüngst zu der verschlungenen Ordnung Mühlmanns und mit Blick auf das, was am Recht zählt: Marietta Auer, Recht harmonisch, Musikalisches Ordnungsdenken in Recht und Staat seit der Antike Berlin 2025. ↩︎
- Leon Battista Alberti, De Pictura (1434) ↩︎
- Jacob Grimm, Von der Poesie im Recht (1815), Stuttgart 1972, S. 8 ↩︎
- Werner Oechslin, Architektur und Alphabet, in: Braegger (Hg.), Architektur und Sprache, München 1982, S. 216-254 m.w.N. ↩︎
- Zu Sicht und Sichtungen der Kulturtechnikforschung auf die Renaissancen siehe Archiv für Mediengeschichte 10 (2010), im Editorial besonders zur Rekursivität. ↩︎
- Das ist die englische Übersetzung eines der frühen Manifeste aus der Phase der Institutionalisierung der Kulturtechnikforschung; dt. Bredekamp/ Krämer, Kultur-Technik-Kulturtechnik. Wider die Diskursivierung der Kultur, in: Bild-Schrift-Zahl, München 2003. S. 11-22. ↩︎
- Dieser Kulturbegriff hat nicht aufgehört Anhängsel zu sein, anders als jener Kulturbegriff, von dem u.a. Luhmann in „Kultur als historischer Begriff“ schreibt. Kultur ist insoweit immer noch Kultur von etwas anderem als Kultur, zum Beispiel von Hefe, Ackerbau, Käse, Tischsitten, Schriftsätzen, Juristenausbildung , Blau-machen oder Fahrradklau. Der Kulturbegriff ist insoweit weder Gegenbegriff zur Zivilisation noch zu einem der Rivalen und Konkurrenten eines Gesellschaftsbegriffes oder eines Gemeinschaftsbegriffes aufgestiegen. Er schleppt immerhin den Vergleich und die Verwechslung mit, also auch das Wissen darum, das man etwas so, aber auch anders machen kann, weil es nämlich hier und jetzt so und dort und dann anders gemacht wird. Dieser Kulturbegriff ist der anthropologischen Lehre affin, nach der alles das, was hier und jetzt vorkommt, auch dort und dann vorkommt, nur in anderen Reihenfolgen. Der Vergelich ist dabei ein Vergleich, dessen Drittes nur auf der Ebene des Sekundären erscheint und dort wie auf einer Bananenschale oft genug ausrutscht. ↩︎
- Zur minderen Mimesis aus der Kulturtechnikforschung hervorragend: Maria Muhle, Mimetische Milieus. Zur Ästhetik der Reproduktion, München 2023 ↩︎
- Dazu unter anderem aus den Schriftenreihen der Kulturtechnikforschung Hubert Damisch, Der Ursprung der Perspektive, Zürich 2010 ↩︎
- Dante, La Divina Commedia, Canto XVI 88 (die Übersetzung und den Hinweis auf Pasolinis Wiederholung findet man in Hartmut Köhlers anmerkungsreicher Übersetzung der göttlichen Komödie, Bd. 1, S. 246 ↩︎
- Markus Krajewski, Ein Kommentar zur vermeintlichen Undurchschaubarkeit von Code und Recht, in: Köhler et al, Recht als Kulturtechnik, S. 227 ff. ↩︎
- Pierre Legendre, Über die Gesellschaft als Text. Grundzüge einer dogmatischen Anthropologie (fr. 2001), Wien/ Berlin 2012, S. 110-139. ↩︎
- Erhard Schüttpelz, Medium, Medium. Elemente einer Anthropologie, Berlin 2025, S. 302 f. ↩︎
- Aby Warburg, Vor dem Kuratorium, in: Ausgewählte Schriften und Würdigungen (hg. von Dieter Wuttke), Baden-Baden 1979, S. 307-309. ↩︎









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