Es ist Sonntag, der 29.03.2026, also Palmsonntag. Die Übersetzerin Sweti S., Direktorin Marietta A., die Baseler Archäologin und Anwältin Franziska B. sowie seine immer morgendlich dämmernd aufgehende Eminenz Rembert H. sind der Einladung des ewigen Assistenten Fabian S. gefolgt, um an der Kreuzung Blanchardstraße Ecke Georg-Speyer-Straße Abschied von Alexander Kluge zu nehmen.
An dieser Kreuzung wohnte Walter Benjamin ein paar Wochen. Er versuchte, Teil der deutschen Universität zu werden und wohnte zu Miete. Hier wohnte Johannes Prassek, zur Miete. Hier wohnten Fritz Schulz und Franz Wieacker, das auch noch im gleichen Haus, zur Miete.
Ihre Wege kreuzten sich Blanchardstraße 9. Fritz Schulz war schon aus Berlin vertrieben, veröffentlichte gerade sein Buch über die Prinzipien des römischen Rechts, isolierte also Worte, hoffte noch, mit Gerüchtewiderlegung, nicht ausgeschieden zu werden, wurde dann aber mit Worten isoliert. Franz Wieacker war auf dem anderen Weg. Der eine rein, der andere raus.
Ein paar Jahre später dreht Alexander Kluge eine Szene in diesem Haus und an diesem Haus; Blanchardstraße 9. In Abschied von Gestern sieht man das Minute 24 bis Minute 26. Anita hat gerade mal wieder ihren Job verloren (vor Minute 24) und es ist noch nicht Buße (Minute 26). In diesen zwei Minuten sieht man (hier ist der ganze Film), wie Anita aus ihrer Wohnung geschmissen wird: Sie war Mieterin in der Blanchardstraße 9, wie einst Franz Wieacker und Fritz Schulz. Die alte Dame im Film war tatsächlich die Eigentümerin. Ihren Sohn haben wir noch kennen gelernt. Er hat in hohem Alter Jura studiert und war inzwischen einer der ältesten, erfolgreich Promovierenden der Uni. Die Nazis hatten auch ihn vom Studium ferngehalten, als Rentner hat er das dann nachgeholt.
Diese Kreuzung, wie jede Kreuzung, hat eine sedimentäre Geschichte. Engrammatisch ist sie eine Stelle seismischer Passion und seismischer Aktivität. Sind Städte oder auch nur Stätten, Standpunkte, Sichten oder Sichtungen auch nur eine Sekunde älter als zwanzig Jahre, dann ist jedes ihrer Elemente so eine Kreuzung wie diese hier. Alle zwanzig Jahre ist nämlich alles ‚tot‘ (wie man das sagt) und lebe dann lange. Alle zwanzig Jahre ist alles königlich und käse.
Wo, wenn wenn nicht an dieser Kreuzung kluge von Kluge Abschied nehmen? Vor einer halben Mondphase erschien sein letzter Text in der FAZ, ein Nachruf auf Habermas. Liest man diesen kurzen Text zwei Wochen später, liest sich der Text auch als Nachruf in eigener Sache. Aber sowieso, denn Kluge hat alles in eigener Sache gemacht, freilich ohne dabei das Fremdeln zu lassen. Für Kluge, das hat er etwa bei der Totenrede auf Heiner Müller eindrucksvoll vorgeführt, sind die Toten nicht tot. Thanatos ist in einer Welt, die aus dem Unterirdischen, dem Chthonischen, nicht vollständig ausgestiegen ist, nicht der Tod. Thanatos ist da, wo auch Antike noch ist, das Nachleben. Das ist ein Geist, eventuell sogar der Geist schlechthin.
Sein Bruder Hypnos ist nicht der sanfte Schlaf, auch nicht der Traum. Hypnos ist derjenige, wie Marietta A. gestern philologisch und archäologisch informiert, vor allem aber flix anmerkt, der am Tag blau macht. Das ist in den 80`er Jahren für Wuppertaler meines Jahrgangs ganz vorbildlich der Typus Ferris Bueller (siehe die entscheidene Szene hier). In den Neunzigern dann stoßen ‚wir Wuppertaler‘ auf Alexander Kluge, der ab da unser Hypnos ist: Am Tag Blau machen und exakt dieses Blau dann nachts in unsere Zimmer senden, mitten ins Gesicht und durch uns durch.
Assistent S. hat sich also vorgenommen, die Szene aus ‚Abschied von Gestern‘ nachzustellen, ein Re-Enactment nach Maria Muhles Modell minderer Mimesis durchzuführen. Er übernimmt Anita Gs Rolle. Mit seinem gelben Koffer, neben dessen monumentalen Ausmaßen er noch geschrumpfter, beinhahe bucklicht erscheint, und einem Karton (Schreibunterlagen) kommt er zu der Kreuzung. Dort muss er aber mit zitterndem Schrecken festellten, dass das Haus inzwischen abgerissen und durch ein anderes ersetzt wurde.
Seine Zettel fliegen ihm auf den Bürgersteig. Da liegen sie unbeständig, der Wind greift sie schnell: Trennt uns von gestern ein Abgrund?
Den Zetteln ist passiert, was Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen passiert ist: Sie sind durcheinandergewirbelt. Das ist dramatisch, damit kann man umgehen. Der ewige Assistent schreitet aus Passion zum Akt: er verändet jetzt persönlich die Lage der Zettel.



Vorher also: Trennt uns von gestern ein Abgrund?
Nachher : Von gestern trennt uns kein Abgrund, sondern die veränderte Lage.
Zum Schluss, der ja nur ein Schuss in der Trauer ist, singen die drei Damen und die beiden Herren gemeinsam im jetzt schon antiken Chor: „Danke schön“ von Bert Kaempfert. Das ist unsere kleine Gegenproduktion von Palmsonntag, dem Hypnos Kluge zum Dank.

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