Der Tag läuft. Es ist Frühling, die Passionswoche steht an – in der Frankfurter Oper läuft am Karfreitag nicht Parzival. Tristan und Isolde wird gesungen und gespielt. In kurzen Taktschlägen passiert mir im Moment etwas, was ich nicht im Griff habe, was aber glücklicherweise mir das Preisen schlechthin ist: Leute betreten mit ihren Arbeiten mein Büro und fragen mich um Hilfe. Ich soll ihnen Helferlein sein (Zong!).
So was ist mir jahrelang, was sage ich: Jahrzehnte nicht passiert. In miesester Zeit hat diese Strähne Ricardo Spindola unterbrochen, das war Nobelpreis, Hegelpreis, Leibnizpreis, jeder Preis in einem für mich. Jetzt, in diesen Wochen, passiert das auch, aber in kurzen Taktschlägen. Die Tür schwingt und schwingt, sie schmettert und flattert. Leute tauchen mit ihren Arbeiten auf, machen mich zum Helferlein. Alles in allem: Was kann denn da schief gehen?
Wie preist man? Indem man um Hilfe fragt. Giovana de Souza Possignolo arbeitet proper zu property, da kann man immer Hilfe brauchen. Sie arbeitet graphisch, beäugt und händelt brasilianische Städte. Sie protokolliert, legt Protokolle von demjenigen vor, was vorliegt.
Alexander Kluge, an ihm hänge ich jetzt noch. Den liebe ich jetzt noch. Den Justitiar des IfS, den Büro- und Studiokraten Frankfurter Institution. Denjenigen, der von der Seite Adornos begeistert war, die sich wiederum in dem verdichtet, wofür der Name Walter Benjamin steht. Alexander Kluge, der Abteilungsleiter der Kritischen Theorie Frankfurter Schule, Abteilung Benjamin. Das ist die Kritische Theorie, die Wahrnehmungslehre und ästhetische Praxis ist. Ihre Tätigkeit besteht darin, zu protokollieren. Das ist Bildwissenschaft, die nicht aufhört, Rechtswissenschaft zu sein (und die Laster machen es verkehrt).
Kluge war der Protokollchef, wie kam’s?
Im Einzelnen. So etwas kommt nicht nur im Einzelnen, aber meist aus dem Einzelnen.
Erst einmal brennt Halberstadt ab, und Alexander wird als Kind Zeuge, dass die Realität in höherem Maße phantasmatisch durchsetzt und angetrieben ist. Man soll da nichts erfinden, denn alles liegt schon vor. Sogar Katastrophe und Apokalypse, Paradies und Paradas. Auch das erfährt er. Mit Negt muss es dann gefunkt haben, irgendwie müssen die beiden ja diese irrsinnigen Protokolle für ‚Geschichte und Eigensinn‘ entwickelt haben. Mit dem Film muss es gefunkt haben. Wie auch immer: Tag für Tag guter Tag (wie Peter Dreher das mal formulierte), Tag für Tag Produktion. Wenn es kein Buch wurde, dann wurde es Film. Wenn er nicht schrieb, dann interviewte er und wurde ein Meister der konstruktiven Unterbrechung, sicher dem Schluckauf russischer Formalisten affin bis verwandt. Tag für Tag Produktion. Man hat ihn auch einen hellen Unternehmer genannt, den Spezialisten der Drittsendeplätze. Ich möchte ihn, ganz besonders für die 90’er Jahre den Polisten dieser Plätze nennen. Monopolist kann er nicht gewesen sein, denn dafür drehte sich ja nicht einfach alles um ihn, sondern auch in ihm und mit ihm und durch ihn und dank ihm. Das Geschäft muss gelaufen sein, wie Druckertinte, eventuell besser, ich hörte ab ’99 Gerüchte, die mit Neidklang vorgetragen wurden. Keiner hat meines Erachtens aus den Rundfunkstaatsverträgen etwas besseres gemacht als er. Die Abschnitte der Rundfunkstaatsverträge zu den Drittsendeplätzen, die hätte ich liebend gerne kommentiert, aber insoweit brach schon die Phase an, in der Leute alles mögliche brauchten, nur nicht meine Hilfe. Diese Abschnitte waren auch unter den Kommentatoren heiß umkämpft. Das sind Abschnitte in Gesetzen oder Rundfunkstaatsverträgen, zu denen auffällig oft Telephonate im Stilmodus reiner Zufälligkeiten einsetzen. Leute rufen an, die sonst nie anrufen. Sie begrüßen einen, als sehe man sich täglich im Badezimmer, und man erkennt schon an der platzend fröhlichen Offenheit der Stimme, dass nach 15 Minuten Anknüpfungssmalltalk das Gespräch, nanu, zu einem anderem Thema kommen wird, eben dem: wer denn diese Abschnitte zu den Drittsendeplätzen kommentiere, ob es da schon jemanden gäbe, das sei eigentlich nicht wichtig, sei einem nur gerade während des Gesprächs so eingefallen. Kluges Unternehmertum und sein ökonomischer Erfolg macht ihn mir nicht irgendwie sympathischer, sondern auf präzise, haargenaue Weise noch sympathischer.
Um Mitternacht in Passau sitzen. Freitags gab’s im Supermarkt nichts Frisches mehr (Krautsalat, Kümmel und Schweinebraten gab es immer). Die feuchtaffine Stadt mit ihrem niederbayrischen Manhattan (der Altsstadt) war trotz Studentenschwemme (besonderer Art, die auch in der Popliteratur Erwähnung fand) in den 90’ern von Infrastruktur und Urbanität her tiefstes Zonenrandgebiet. Da flimmerten dann nachts seine Sendungen ein. In Passau haben das zwei Leute auf jeden Fall gesehen, vielmehr waren es nicht. Den anderen kenne ich gut, der sprach gleich von der konstruktiven Unterbrechung. Ich sehe uns beide noch mit fassungslosem Staunen diesen Interviews folgen. Dieser Zauber: Personen, Dingen und Handlungen begegnen, über deren Register man nicht verfügt und die einen damit in den Bann knoten – und das auch noch im Fernsehen. Wie oft bin ich glücklich reingefallen, wie ins Blau des Fernsehlichts getunkt. Die Geschichten von Heidegger auf Griechenlandfahrt habe ich jahrelang so erzählt, als hätte ich sie selbst im Archiv entdeckt, bis dann Markus Krajewski lachte, als ich das einmal ihm gegenüber versuchte. Die anderen hatten es immer so schön geschluckt. Krajewski kannte das natürlich selbst quasi auswendig. Vielleicht hatte er das auch jahrelang versucht, und ich war nur eine halbe Sekunde zu schnell, so dass ich mit dem Versuch an ihm, er aber nicht an mir scheiterte. Als ich vorher einmal nach Frankfurt kam, hatte ich schon den dritten, unbedingten Klugefolger kennen gelernt, das war freilich Rudolf Wiethölter, der Kluges Bücher oft mit ins rechtstheoretische Seminar brachte.
Als das Archiv der enttäuschten Erwartung beim 1. Lovepangskongress (siehe hier) in Berlin im Auftrag von Carmen Brucic, Schlingensief und Kluge seine Dienstleistung anzubieten hatte, da scharwenzelte ich um Kluge. Ich Groupie, Du Kluge – wie ein Fächer ventilierend. Peinlich anhimmelnd. Man sieht in seinem Archiv eine kurze Szene, ein Assistent übernahm den seltsamen Assistenten, wie ich mit einem marineblauen Blazer, Goldköpfchen mit Goldknöpfchen, in der Volksbühne auf einer Treppe sitze (Treppenszene) – und ins Linkische hinein nervös das Archiv erkläre. Näher nie gekommen, musste ja auch nicht sein, denn er sitzt ja ohnehin mitten im Herz und wird da immer sitzen. Er wird weiterhin aus dem Off sein kurzes und schnelles und immer aufsteigendes und immer vorschlagendes „ja“ sagen.
Brock, mein erster Chef und zweiter Meister dieser Abteilung Benjamin, mit derselben Einstellung, kritische Theorie als Wahrnehmungslehre wahrzunehmen und auszuüben, der mit dem Literaturblech, der sagt: solange ich hier bin stirbt keiner. So soll es sein, so wird’s gemacht. Das ist eine Liebeserklärung und ein Dankeschön. 94 Jahre Produktion, das ist, was Exemplum sein soll. Das ist vorbildlich. So arbeiten, dass am Schluss die Trauer der Schuss in der Dankbarkeit ist, nicht anders herum. Danke Kluge!


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