Was auch immer ein Bild ist, jetzt ist erst einmal April.

In römischen Kalendergeschichten ist der Monat April der Monat, in dem Venus nicht mehr ignoriert werden kann. Auf den Märzblättern ist das noch anders, da sieht man oft nur die Bauern den Acker pflügen (einen Acker, der in saturnalischen und marsianischen Episoden platt getrampelt wurde und darum wieder gepflügt werden muss).
Im April wird aus dem all-male-panel ein Blatt zum Verkehren. Dein rotes Band, so so, ah ja, sieh‘ an! Betrachte die Hände, nimm‘ dazu die Augen.
1.
In der bild- und rechtswissenschaftlichen Literatur kursiert was. Hier kursiert immer was, ist ja auch ein Diskurs. So kursiert in Kommentaren, Monographien und Aufsätzen die Vorstellung, der sog. Bismarckfall sei der Auslöser für das deutsche Bildrecht, genauer gesagt für die Verabschiedung eines Gesetzes gewesen, in dem sich das Recht am eigenen Bild findet.
Ist das falsch? An Fotoapparaten findet man Auslöser, das sind kleine Knöpfe oder Schalter. Ein Auslöser ist dasjenige, ohne das nichts sein soll. Der Auslöser ist also causa, ratio, Technik (ars) oder Grund. Das „oder“ hält die Existenzweisen des Auslösers nicht perfekt auseinander. Dieses „oder“ sagt was zur Verkettung von causa, ratio, Technik, ars und Grund.
Schon einige Jahre vor dem Bismarckfall erschien der Vortrag, den der Jurist Hugo Keyssner vor der Berliner Photographenvereinigung gehalten hatte, schriftlich als Monographie. Die hatte den Titel: Das Recht am eigenen Bild. Keyssner war einer derer, die bis heute brav sagen, bisher gäbe es zu ihrem Thema nichts, also wolle man jetzt eimal juristisch qualifiziert etwas dazu sagen (also: Keyssner schreibt zwar liebe, auch irgendwie sympathische Texte, aber produziert auch üblichen Bullshit!).
Im Gesetzgebungsverfahren, das später zur Verabschiedung von § 22 KUG führte, wurde der Bismarckfall nicht erwähnt. Amts- und Landgerichte hatten längst vor dem Bismarckfall sogar das Recht am eigenen Bild und ein entsprechendes Persönlichkeitsrecht schon anerkannt, diese Urteile wurden auch rechtskräftig. Dort waren aber Frauen abgebildet – und die Aufnahmen waren in der Regel frivol, Männer hatten sie gemacht. Mit Unrat lassen deutsche Professoren Ratgeber um 1900 und wohl bis heute ungern gleich ganze Rechtsgebiete entstehen – und das, obschon Lucretia doch am Anfang des römischen Recht [die Reihenfolge ist wichtig, Anm. FS] steht, sitzt, liegt, dann wieder steht und (sich) fällt.
Auf Tagungen habe ich schon die Legende vom Bismarckfall auseinandergenommen, nur um 25 Minuten später im Vortrag eines anderen Juristen zu hören, dass der Bismarckfall der Auslöser für § 22 KUG gewesen sei. Wie Odysseus mit seinen wachsverstopften Ohren auf die Sirenen reagiert, so reagieren einige Kollegen auf meine Forschung, aber wer kennt das nicht? So leicht wird Kausalität ratio, Technik, ars und Grund nicht los. Es gibt zwar ein mimetisches Begehren, aber dennoch begehren die Leute Unterschiedliches. Es gibt eben Leute, die lieber etwas mit toten Fürsten als mit quicklebendigen Frauen anfangen. Ihre Untergründe behalten die Elemente auch so. Was ein Auslöser ist, das pendelt derweil zwischen Begriff und Metapher weiter hin und her; der Apparat der Juristen war, ist und bleibt auch ein Fotoapparat.
Wozu die ganze Aufklärung, wenn nicht dazu, um das zu wissen und damit vernünftig umzugehen. Kritische Theorie ist Theorie, deren Sätze kritisch bleiben – an ihnen hört das Knirschen nicht auf.

2.
Pierre Legendre ist der Historiker und Theoretiker einer Bild- und Rechtswissenschaft, die eine Tendenz des Diskurses, nämlich diejenige, seine Anfänge und Prinzipien durch monumentale Subjekte, Persönlichkeitsideale, Menschenbilder und Väter erscheinen zu lassen, ins Zentrum rückt. Auf die Bedeutung solcher Ideale für den großen Reichtum mancher Gesellschaften hat die deutsche Staatsrechtslehre auch in jüngeren Publikationen noch hingewiesen. Warburg und Vismann nehmen die Helferlein mit in den Blick, diese Doppelbewegung nehme ich mir…zum Vorbild. Raider heißt jetzt twix, sonst ändert sich nix.
Dem Legendre ist passiert, wovon er spricht. Nach der Lektüre eines Kommentars, den Peter Goodrich geschrieben hatte und der ihm, dem Pierre Legendre galt, hat Legendre einmal etwas verwechselt (diese Verwechslung findet man am Anfang des Buches „Gott im Spiegel“.
Goodrich hatte in dem Kommentar aus der Notitia Dignitatum zitiert. Das ist eine Akte, auf die auch Cornelia Vismann in ihrem Aktenbuch zu sprechen kommt. An dieser Akte interssieren Vismann die Algorithmen und die Bilderlisten, sie kommt in den Kapitel zu den Schreibstunden der Nambikwara in einer Randbemerkung darauf zu sprechen. Die Schreibstunden der Nambikwara wiederum sind ein Kapitel auf dem Buch Traurige Tropen von Levi-Strauss. Dort erzählt der Anthropologe von der Verwaltung in den staatenlosen Gesellschaften in Amazonien. Der ist ein fantastischer Kerl, genial ist er, aber auch ein Möchtegernpariser (das merkt man vor allem dann, wenn er in dem Buch über Recife schreibt). Levi-Strauss glaubt, vielleicht auch aus Pariser Gewöhnung heraus, er habe den Leuten am Amazonas die Schrift gebracht. Er erzählt nach Vismann aber etwas anderes.
Nach Vismann erzählt Levi Strauss davon, wie die Verwaltung Wellenlinien über das Papier zieht. Wozu macht die Verwaltung das? Um mit Bewegung umzugehen, nämlich zum Beispiel mit Übergaben, Übertragungen oder mit dem Transport. Die Bewegung, die Wellenlinien über das Papier zieht, bilden eine „vague Assoziation“ (Niklas Luhmann), eine ebenso vague Trennung und ein vagues Austauschmanöver. Vismann beschreibt einen Verwaltungakt vor dem Verwaltungsakt, dazu noch den Verwaltungsakt als Pathosformel. Das ist ein Akt, durch den auch Passion läuft. Nach Vismann ist das graphische Wellen mimetisch und rekursiv. Es ist Teil eines Wogens, von dem Jacob Burkhardt einmal sagt, dass wir dieses Wogen zum Teil selbst seien. Why not? Wir schreiben doch mit dem Schreiben. Die Verwaltung waltet, sie wellt, wogt, wägt und wiegt. Die Nambikwara brauchen keinen Levi-Strauss um alles das zu tun, was sie tun. Implikation braucht keine Explikation, nicht als Bedarf. Der Anthropologe bringt insoweit nichts Neues. Auch darum assoziiert Vismann den amazonischen Verwaltungsakt mit römischem Recht, also mit der Notitia Dignitatum. Es ist ein altes Buch zu blättern, Athen, Oraibi, alles Vettern, notiert Warburg 1923 im Asyl in Kreuzlingen. Alles das, was 1938 am Amazonas vorkommt, kommt um 425 in Rom vor, nur in anderen Sequenzen und Frequenzen. Die bleiben wichtig.
Vismann filtert aus dem Aktenmaterial der Notitia Dignitatum als die Bilderlisten, die sie erstens als Algorithmen, zweitens als Wellenlinien auf Papier und drittens als Operationsketten auf Operationsfeldern deutet. Sie deutet die Graphie sogar als Körpertechnik, also als Graphie auf einer ‚Tanzfläche‘, auf dem Flur und dem Feld eines Reigens, Regens und Richtens. Das nämlich ist ein Chorus. Die Graphie, von der Vismann schreibt, die ist ein graphischer Zug, der ist eine Choreographie. Goodrich filtert aus der Notitia Dignitatum hingegen einen Satz der altercatio Hadriani heraus. Diese altercatio bilden FAQs römischer Verwaltung, also in Frequenzen gestellte römischen Fragen und Lösungen aus). Dieser Satz lautet so: Quid est pictura? Veritas falsa!
Weil Goodrich nicht auf einen der Codices zurückgegriffen hat, sondern auf eine Edition aus der Zeit des Buchdrucks, ist ihm der Name eines Autors in die Fußnote gerutscht, das ist der Name von Andreas Alciatus. Der war in die erste Edition, den ersten Buchdruck der Notitia Dignitatum involviert, die schon um 1450 in Basel bei Johannes Froben entstand. Wie genau Alciatus involviert war, das ist unsicher; er schrieb aber auf jeden Fall Kommentare zu den Akten, die wurden im Buchdruck mit veröffentlicht. So kam an die Akte, was Akten sonst nicht haben: Ein Autor. Legendre schließlich hatte die Fußnote bei Goodrich so gelesen: Die Notitia Dignitatum sei ein Werk von Andreas Alcatius, also sei der Satz „Quid est pictura? Veritas falsa“ ein Satz von Alciatus. Ausgerechnet dem Legendre ist das passiert. Er gilt als Kenner der Literatur, da dürfte ihm das eigentlich nach passiert sein; diese Akte ist die wohl berühmteste römische Akte. Anderseits: Das ist doch genau sein Denken, er behauptet doch dauernd, dass der Diskurs einen Autor braucht, also war doch zu erwarten, dass er diese Fußnote so liest. Die Verwechslung wird fröhlich abgeschrieben, bis heute. Wie im Falle des Bismarckfall liest man in der Literatur jetzt immer wieder, Alciatus hätte gesagt: Quid est pictura? Veritas falsa! Sogar in Carolin Behrmanns vorzüglicher Arbeit über Bild und Recht hat es dieses Gerücht geschafft. Ist es falsch, bleibt es ein Bild.
Man kann den Satz bolisch übersetzen. Unter anderem kommt dann folgende Übersetzung heraus:
Was ist ein Bild? Wahrheit, die über den Tisch/ die Tafel zieht/ gezogen ist.
Man soll sich noch einmal anschauen, was Heidegger in seinem Buch über Parmenides über falsa, über den Fall, das Fällen, Fälschen, Feilschen und das fallere schreibt (er kommt auf Tabellen und Listen zu sprechen, auf das Zählen und die Buchhaltung, auf ein oben und unten, auf ein hoch und runter).
Quid est pictura? Veritas falsa! Diesen Satz aus den FAQs römischer Verwaltungsfragen übersetzen wir bolisch, und dabei unter anderem so:
Was ist ein Bild? Wahrheit, die über den Tisch/ die Tafel zieht/ gezogen ist.
3.
Heidegger, Parmenides und der Winter 1941/ 1942 , Leningrad und Stalingrad, Schick- und Kippsal ein andern mal wieder, ist ja auch schon oft beschrieben worden.
Jetzt ist Passionwoche. Das ist für deutsche Musik die beste Woche des Jahres. Das, was Sao Joao in Brasilien ist, das ist die Passionswoche in Deutschland. In Frankfurt werden diese Woche alle Passionen gegeben. Am Freitag geben die Leute den Leuten in der Opder Tristan und Isolde. Das muss man sich einmal vorstellen! An Karfreitag einmal kein Parzifal, kein Karfreitagszauber, sondern O sink hernieder Nacht der Liebe. Dann ruft zwar Brangaene, aber niemand ruft die Polizei, und alle lassen alle weiter singen. Insoweit sind die Leute hier ja doch auch fantastisch. Diese Passionswoche ist ihre wichtigste Woche. Ich rede jetzt aber nur von zwei Dingen, nämlich von Musik und Choreographie. In Sachen Musik und Choreographie ist die Passionswoche in Deutschland die wichtigste Woche.
Dann geben die Leute Musik wie eben in Auszügen geschildert. In Sachen Choreographie passiert das: In den Messehallen, den einst freistehenden Mehrzweckhallen oder technisch sog. Basiliken, werden die Altäre für eine Woche zugeklappt. Solche Altäre sind Pol-, Klapp- und Faltobjekte. Die stehen quasi das ganze Jahr still, aber wenn die Passionen ausschlagen, und das sollen sie in dieser einen Woche, dann fangen diese Objekte an, bewegt zu sein und zu bewegen.
Solche Pol-, Klapp- und Faltobjekte sind ‚inquiet‘ oder ‚disquiet objects‘ (wir haben über solche Objekte schon einmal von Schloss Ringsberg am Tegernsee aus berichtet, Hans Holbein widmen ihnen in seinem Gemälde der Diplomaten besondere Aufmerksamkeit). Solche inquiet oder disquiet objects unruhige, rastlose oder missende Objekte, selbst dann noch, wenn es fröhliche Objekte sind. Das sind dazu noch Grenzobjekte, also boundary-objects, auch wenn sie in ihrer Unruhe, ihrer Rastlosigkeit, ihrem Missen und ihrer Fröhlichkeit bewegt sind oder bewegen.
Mein liebstes Pol-, Klapp- und Faltobjekt aus den Frankfurter Messehallen ist ein Annen-Altar in St. Bartholomäus, aus dem sog. Dom Frankfurts. Dieses Objekt steht an der Stätte der Kaiserwahl aus dem heilig-römischen Reich deutscher Nation. Das ist ein kunst- und rechtshistorisches Objekt, es gehörte zum Protokoll der Kaiserwahl. Dieses Objekt ist ein Vorgänger für dasjenige, was Aby Warburg 1929 auf den Staatstafeln macht. Assoziation beginnt hier nicht erst mit der Graphie, die Sprache oder Schrift sein soll. Assoziation fängt hier mit der Graphie an, die auch Begehren, Verzehren und Verkehren reproduziert. Was Gesellschaft, Gemeinschaft oder auch nur Mitglied oder menschliches Wesen sein soll, fängt hier mit dem Protokoll der Teilung von Essen und Trinken an, nicht erst dann, wenn ein Autor Bücher schreibt und dann Schüler hat.
Dieser Annenaltar ist sensationell, oben im Film sieht man ein Fitzelchen davon. Die Jünger sitzen auf Stühlen im deutschen Möbelstil. Nur einer von ihnen sitzt auf einem römischen Klappstuhl, das ist die Kopie eines kurulischen Stuhls (von dem Cicero sagt, dass dieser Stuhl ein Träger des ius imaginum sei). Nur Judas sitzt auf so einem römischen Klappstuhl, das ist der Wagen- und Richtstuhl eines hegemon, des Statthalters Pontius Pilatus. Das alles steht in einem katholischen Dom, heißt nur nix, denn irgendwie ist ja alles und das ganze katholisch und nur das Katholische alles und das Ganze, zumindest in den Augen der Katholiken. Mit diesem Altar schleicht sich die Reformation in den Dom, ein ‚antirömischer Affekt‘ sitzt an diesem Objekt, mitten in römischer Messehalle. Was man in dem kleinen Film nicht sieht: Den zugeklappten Zustand. Wenn man den sieht, versteht man besser, warum sich Niklaus Harnoncourt bei seiner Einspielung der Johannes-Passion in diese Passion hineinsägt. Man kann den sägenden Bass der Streicher nämlich nirgens so destilliert finden, wie bei Harnoncourt. Klingt fast so, als hätten die Musiker rohes Rosshaar in ihre Bögen eingeflochten, wie man das auf dem Balkan, in der Bukowina und bei den Bands der Sinti und Roma immer noch macht, um diem sonst weichen Streicher härter sägen zu lassen.
Wieso sägt der Harnoncourt sich in die Passion? Er hat ein Buch zur Klangrede geschrieben, er ist bester Kenner rhetorischer Institutionen. Anders gesagt: Niklaus d’Harnoncourt-Unverzagt weiß, was er sägt, wenn er was sagt. Auf dem Klappaltar sieht man, wie ein Zimmermann, so ein Joseph und Saturn in einem, links gerade das Kreuz sägt und zimmert, rechts von ihm sitzen Mutter und Kind geduldig wartend darauf, dass der Vater fertig wird.
Krasses Bild! Das ist aber auch eine krasse Woche, uns Alltag immer wieder und doch irgendwie zu händeln.

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