Reading Vismann 2

(Z)Weite Runde/ Eine Beobachterin weiter Ordnung

1.

„Das Werk Vismanns dreht sich immer wieder um die Normativität und die Mittel, mit denen diese Normativität eingerichtet, übertragen und verarbeitet worden ist. Normativität erscheint hier weder als Effekt eines juristischen Willensaktes noch verortet im souveränen Bewusstsein einer politischen Gemeinschaft. Vismanns Überlegungen zur Normativität kreisen um Institutionen und um einen Begriff, den sie aus der Psychoanalyse Jaques Lacans übernimmt, den Begriff der symbolischen Ordnung. Das Recht und die Medien werden in ihrer Forschung darum nicht als Pole oder entgegengesetze Koordinaten unterschiedlicher Kräfte gedacht. Hierhin unterscheidet sich ihre Forschung von einer ganzen Reihe anderer Ansätze zum Recht in der Gesellschaft. Die weit verbreiteten und geläufigen Gegenüberstellungen zwischen Rechtsform und politischer Handlungsfähigkeit, zwischen Staat und Gesellschaft oder zwischen Recht und Kultur tauchen in ihren Texten zwar gelegentlich auf. Die Autorin behält aber kritische Distanz zu diesen Unterscheidungen. Deren Spiel spielt sie nicht mit. Gegenüber den Begriffsfronten ihrer Zeit hat sie angemerkt, es gelte neue operable Unterscheidungen zu treffen, und zwar genau da, wo die Theorie ihre Ununterscheidbarkeit nachgewiesen hat. In diesem Sinne steht der Operator ‚und‘ zwischen Recht und Medien für eine Beziehung, die Cornelia Vismann in einem Text über Bilder als troubled relationship bezeichnet hat: Es ist ein Widerstreit, in dem nicht einfach das Recht die Medien reguliert, legalisiert und legitimiert. Die Aufgabe der Medien besteht nicht einfach darin, Recht zu reproduzieren. In der komplexen Beziehung gibt es vielmehr einen Austausch zwischen der Aktivität und der Passivität der Prozesse. Das Recht wird darin auch von den Medien mit Normativität versorgt, die Medien werden darin selbst vom Recht reproduziert. Diese abstrakten Konstellationen geht Vismann anhand dessen durch, was sie einmal die niederen Techniken genannt hat: Übersetzen, Protokollieren, Kommentieren sind nur ein kleiner Teil dieser Praxis, in welcher der Streit um’s Recht ausgetragen wird, auch so, wie man Zeitungen austrägt. Es ist die juridische Praxis einer medialen Zerstreuung, aus der ein normativer Text und seine randständigen Helfer immer aufs Neue hervorgehen.“ (FS/ MK, aus; Vorwort: Das Recht und seine Mittel)

2.

Mit Ricardo Spindola (Mitglied der Forschungsgruppe Letter, oder: Objekte, die lassen), Bruno Lima und Julius Schwarzwälder organisieren wir Reading Vismann 2. In dem Seminar sammelt sich teils live und in Farbe, teils über Zoom, eine fantastische Gruppe (sagt man so, man könnte aber auch ein Häufchen bis Haufen sagen) um die Lektüre Vismanns.

Eine Methode kleiner Verwechslungen oder kleiner Austauschmanöver: Im Vorwort zu „Medien der Rechtsprechung“ beschreiben Markus Krajewski und Alexandra Kemmerer Gegenbild zu jenem Bild, das einen Rechtswissenschaftler zeigt, der sich über frühere oder aufkommende Beschränktheit, Einkapselung oder Fragmentierung beklagt. Während der eine eine Lücke oder Schranken beklagte und verspricht, die Lücken zu füllen und die Schranken zu heben, mach Vismann etwas anderes. Sie tischt auf und beginnt in der Fülle. Was Kemmerer und Krajewski im Vorwort schreiben ist das einfache und treffende Bild von Cornelia Vismann, das ich u.a. mit ihrer Küche in Frankfurt verbinde.

Krajewski und Kemmerer erwähnen nämlich Vismanns unstillbare Lust (sie sagen: Freude) am Stiften immer neuer unkonventioneller Gesprächszusammenhänge. Sie schreiben stiften (condere/ condo), sicherlich meinen sie auch condio. Gastlichkeit als Methode, weil’s quasi auf Haufenbildung als Strukturprinzip hinausläuft. Vermute ich. Wenn Vismann in ihrem Text „Kulturtechnik und Souveränität“ an Stellen dieses seltsam meistzitierten Aufsatzes von allem möglichen, nur nicht von Kulturtechnik und Souveränität, spricht, sondern statt dessen von Verkettungen, in denen jeder Schritt oder jeder Move einer Instituierung auch derjenige einer Substituierung ist, dann sehe ich sie in der Küche sitzen, Balthasar kocht und öffnet den Wein. Wenn sie von Verkettung schreibt, lese ich von Schlingen und Knoten.

Jetzt geht es los, nicht tragisch, sondern komödiantisch: Markus Krajewski habe ich zwar nicht in dieser Küche kennen gelernt (sondern 60 Minuten vor Eintritt in diese Küche, als er bei mir auftauchte, weil Vismann ihn bei mir untergebracht wissen wollte), aber das erste mal getroffen, um dann eben mit ihm unverzüglich (d.i. ohne schuldhaftes Zögern) in Vismanns Küche aufzutauchen.

In einer Wissenschaft, die an manchen Stellen doch Wert darauf legt, unverwechselbar und unaustauschbar, einzigartig zu sein und nichts durcheinanderzubringen, sondern Meinungen exakt zu ermitteln und dem Meinungshaber zurechnen zu können, genau zu wissen, was an welcher Stelle sitzt, die weiter davon träumt alle Adressen und den Sitz und die Stelle und die Passage und den Raum und die Zeit eines Wissens exakt lokalisieren zu können und die schließlich beim Lokalisieren eben nicht an fröhliche Küchentische und Wein und Verwechslung und Austauschmanöver und Barbetrieb oder Kneipe oder Disco denkt, da mag Vismanns Schlingen eine gewisse Nervosität erzeugen, genauer gesagt eine Ungeduld, sobald etwas davon in die Arbeit schwappt oder gar in die Methode.

Markus Krajewski wird seit dem immer wieder mit Markus Krajewski verwechselt. Er ist inzwischen Baseler, also aus der Welthauptstadt des Cordon bleu, das dort im Gasthaus inzwischen ca. 50 SFr kosten dürfte und sich trotzdem der Herr Professor leisten und gönnen kann. Immer wieder verwechselt, immer wieder erstaunt darüber, wieviel Geld Juristen angeboten wird, um irgendwo nicht gerade exzessiv witzige Vorträge zu halten. Das muss ich nicht erwähnen. Eventuell darf ich es gar nicht. Ich schlingere.

3.

Von klein auf bin ich mit der zwielichtigen Eigenschaft ausgestattet, Sachen durcheinanderzubringen oder zu verwechseln, schon weil ich etwas, was mit sich selbst identisch ist, nie erkenne, Leute also dann nicht wiedererkenne, wenn sie es sind, aber sofort erkenne, wenn jemand auf der anderen Seite der Welt oder sogar etwas völlig anderes als der Mensch eine entfernte Ähnlichkeit zu ihnen besitzt. Ich gebe zu, dass ich mich in dieser Küche nicht nur zuhause gefühlt habe, sondern auch erst in dem Alter, in dem man dem Renteneintritt näher als dem ersten Arbeitstag ist, erstaunt festgestellt habe, dass andere wohl anders ticken.
Ob die Gesprächszusammenhänge damals wirklich so unkonventionell waren? Kann ich schlecht beurteilen, vielleicht liegt es daran, dass das eigene Gedächtnis stolz oder kurz ist. Keiner will im Wahnsinn leben, alle wollen Alltag. Fröhlich war es, das kann man wohl sagen.

Krajewski und Kemmerer erwähnen noch, sie seien an ganz unterschiedlichen Orten der Kartographie ihrer Denk- und Lebenswelten Vismanns Freunde und Kollegen geworden. Das kann man gar nicht genug betonen: dass Vismann zu denen gehörte, die Aby Warburg mit dem Begriff des Pendlers ehrt und die von den Leuten in Sils Maria mit dem Begriff ils Randulins geehrt werden: Schwalben oder Randulierer. Das sind Leute, die alleine keinen Sommer machen. Aber sie kommen wie der Sommer, als Sommer kommen sie, summend und summierend kommen sie.

4.

Eine der Folgen von Medien der Rechtsprechung war, dass wir nach Cornelias Tod 2010 erst vier Jahre lang in Weimar, dann in Basel und später auch in Frankfurt Lehrveranstaltungen unter dem Titel Prozeßbeobachtung angeboten haben. Im Seminarraum wurde juristische Literatur zu Gerichten und Verfahren sowie das Genre der Prozeßbeobachtung gelesen, es wurden aber auch Filme zum Gegenstand wie z.B. Marcel Ophüls Hotel Terminus (ein Film, der über Jahre hinweg den Prozeß um Klaus Barbie beobachtet hat). Zweites wichtiges Element war, Prozeße zu beobachten. Das war fröhliche Wissenschaft. Bevor Opa Fabian wieder anfängt, vom Krieg zu erzählen, biege ich lieber die Balken.

Es gibt eine Stelle in den Passagen, die in der ersten Sitzung des Seminars gelesen haben und in der es um Instituierung und Substituierung geht, die man mit dem Satz Ich habe getötet (der die Übersetzung eines Titels einer Kurzgeschichte von Michail Bulgakow ist) assoziieren kann. Vismann erwähnt dort den ‚Mord‘, den Luis Althusser an Hélène Rytmann begangen hat. Mit ‚Mord‘ meine ich einerseits die Tötung, anderseits die Vernichtung einer Referenz. Vismann erwähnt einen Schreibzwang, auf dem Althussers Text Die Zukunft hat Zeit basieren würde. Dieser Schreibzwang assoziiert sie mit einer Anklage, die das Ding im Schreiber und seine Sache ist. Was Vismann hier zusammenführt, Schreiben und ‚Morden‘ , müsste man einmal mit Rupert Gaderers Arbeit über Querulanz vergleichen. Die Passagen der erste 37 Seiten sind, nicht schön formuliert, kapriziös, schön formuliert: ein Capriccio, darunter würde ich ein dichtes, voltenreiches bis geballtes, ungebundenes Treiben verstehen. Hier will jemand wechseln.

Der Hinweis auf Schreibzwang und Mord, an dem mir insofern schon etwas dran scheint, weil mir Ich habe getötet in den Sinn kommt (sagt man so, um zu kaschieren, dass der Satz längst da ist), aber auch im Hinblick drauf, dass schon Assoziationen mit Legendre aufkommen, der reizt mich. Brutal formuliert Madame V. die Geschichte an der Stelle, an der sie schreibt, Louis Althusser habe seine Ehefrau getötet. Luis Althusser hat Hélène Rytmann getötet. ‚Seine Ehefrau‘ sagt man zwar so, aber so brutal muss man es ja nicht sagen, sanfter kann man es nicht sagen, man kann es flacher sagen, indem man den Satz mit dem einen Namen anfängt und mit anderen Namen aufhört. Ich bin mitten im Thema, das Vismann u.a. als Unterscheidung zwischen Theather und Agon gefasst hat und in Kette der Instituierungen und Substuierungen irgendwann/ irgendwo die Unterscheidung zwischen Symmetrie und Asymmetrie oder aber den Begriff des Diagonalen austauschen könnte.

5.

So, wie es gerade läuft, auch weil Ricardo Spindola im Hintergrund Fäden spielt, ein Haufen Brasilianer, ’schwer entdeutschte‘ (Bazon Brock) und anderweitig Außerdeutsche ‚den Umfang bestimmen‘ (Aby), exakt so sollen sieben fette Jahre laufen, nämlich so fett wie es nur geht.

Man braucht nicht viele sieben fette Jahre, 1*7 fette Jahre reichen fett. Fabian ist gerade ziemlich Happy Hippo: kleiner, kuscheliger Behemoth from Galaxy früh, freu, frei und far away. Reading Vismann 2 is expanding. Wir (ver-)dichten nach. Haochen Ku, Benjamin Brum, Pratyush Kumar: alles dabei, was anklopfende Herzen brauchen. Deutsch verstaatlichte Juristen, also Wissenschaftler mit deutschem Staatsexamen, die kommen freiwillig nicht, herzlichen willkommen sind sie aber immer. Julius und Martin sind kontaminiert, aber nicht erpresst worden. Die Teilnehmer und -geber können etwas von den Institutionen erfahren, in denen kein Bilderstreit, egal welcher Fakultät je erledigt wurde und in denen die Teilung der Sinne ebenfalls an- und durchhält.

Hinterlasse einen Kommentar