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Wozu Anthropofagie?

Im Winde flattern die Kundgaben.

I take a train in technicolor (Os mutantes)

1.

Am zweiten Oktober geht es weiter mit unseren Projekten zu Kreuzungen brasilianischer und deutscher Rechtstheorie, zu Bildern und Bildtechniken sowie zu juridischen Kulturtechniken. Wir treffen uns einen Tag lang zu einem Workshop zum Thema Recht und Anthropofagie. Es ist der zweite. Die Wüste wächst. Die Reihe der Workshops zur Anthropofagie auch. Die Vasen, sie wachsen auch. Wehe dem, der auch nur irgendwas birgt. Die Gäste werden mehr, doller und nochmal, aus gegebenem Anlass gesagt, appetitlicher.

Siehe hier: https://www.lhlt.mpg.de/events/42866/2077701

2.

Sliding Law hat angefangen.

In Hans Holbeins berühmtem Gemälde und Doppelbildnis von Jean de Dinteville und Georges de Selve bedeutet die Anthropofagie etwas. In dem Bild macht sie Sinn und erscheint rational (d.i. technisch und künstlich in Form). Die Anthropofagie spielt dort eine Rolle, und sie tut das sogar rollend/ rotierend . Sie ist dort mit Brasilien assoziiert, aber nicht nur mit Brasilien assoziiert. Auf einem der Polobjekte, dem Erdglobus, räumt Holbein nämlich der Küstenlinie der Tupi/ der Anthropofagen, ihrem Denk- und Lebensraum höchste Priorität ein und macht sie zur Referenz der Orientierung. Holbein malt das Bild, als Hans Staden sieben Jahre alt und einer der Zwerge ist. Holbein malt den Linienzug, lange bevor Stadens ausgewachsene Berichte in London zirkulieren. Holbein malt die Küstenlinie der Tupi/ Anthropofagen vor dem Mythos und vor dem Begriff.

Später dann werden sich der Mythos und der Begriff über die Küstenlinie, das Litoral legen. Holbein muss kein Prophet sein, es könnte ihm helfen, einen Sinn für Falten zu haben, auch die Falten, mit denen sich Zeitschichten auf und unter Zeitschichten legen. Das wäre nach Georges Didi-Huberman Warburgs Sinn, der für seismische Aktivität. Holbein malt Diplomaten.

Gleichzeitigkeit ist in ihrem Fall, dem der Diplomaten, ganz sicher (zu 100%) ein Gerücht, also immerhin normatives Material. Die Diplomaten flüstern es: Wir gehen davon aus, dass die Zeit weder dem Anderen noch einem selbst gleich ist. Wovon wir ausgehen ist, wovon wir weggehen.

Ihre Köpfe tappen wie die Uhren durch jene Zeit umher, die altert und gealtert ist. Ihre Alterität lässt nichts Gleiches, nicht einmal Gleichung bleiben, nur ein Selbes, dessen Kehren durch ein Vergehen gehen, und das untreu. Die Sendung der Gesandten: Sand und Zeit/ Wüste, aber darin alles andere als leer.

Wenn Anthropofagie großügig gedacht Verwandtenspeise ist, dann ist das Kronos‘ Logik, eine Chronologie in anderer Reihenfolge als derjenigen mit Kalendern, deren Zahlen kontinuierlich an- oder zuwachsenden. Diese andere Chronologie, also Kronos‘ vorolympische Logik, kommt als verkehrende Chronologie mit Zuwachs, Verminderung und insgesamt mit melancholischer Fassung in Betracht. An diesem Bild wird auch Hans Holbein ein Anthropofager, nämlich ein Händler anthropovaguer und anthropolarer Wesen.

Das Objekt mit dem Litoral des Nordostens einer frisch benannten Zone richtet sich zwar an Brasilien aus, händelt aber, was alle Objekte dieses Bildes (auch die ohne Brasilienbezug) händeln sollen und orientiert auf das hin, auf das alle Objekte (auch die ohne Brasilienbezug) orientieren sollen. Der Globus (ein Polobjekt) händelt eine vague/ vogue/ wogende, gewagte Situation voller Schlingen, Schlingel und Schlangen, die in dem Fall durch das Frühjahr 1533 in London führen, aber nicht nur diese Zeit führen. Das Objekt orientiert auf das Vague/ Wagen hin.

Das Wagen ist nicht allein ein Riskieren. Das Wagen ist ein Vehikel. Die Situation des Abwartens ist im Wagen schon vorüber, das reine Bedenken und Kalkulieren schon überschritten, alles und jeder hat schon Züge gemacht, alles zieht schon. Das Wagen lohnt schon (Englisch: wage), denn, obacht, im Wagen hat die Konsumtion schon angefangen. Das Wagen wartet nicht ab, die Wagenden halten vor dem Objekt nicht an/ ein. Das Wagen ist schon Aktion, bleibt darin von Passion und Passivität durchzogen. Was hier gelebt wird, muss kein Überleben, kein unbegrenztes Leben und nichts als Leben sein. Es wird lebensverzehrend sein.

Holbein händelt einen Perspektivismus, der, vergleichbar mit dem, was Eduardo Viveiros de Castro unter dem Begriff des Multinaturalismus analysiert, mit Kehren, auch Umkehren, einhergeht, deutlich an der Anamorphose des Schädels (dem Objekt eines Vergehens). Die Anamorphose dirigiert den Betrachter vorübergehend (meteorologisch im Sinne von Thomas Hobbes) an den Rand des Bildes. Sie richtet das Verhältnis von Verzerrung und Entzerrung wie mit einem Scharnier ein. Das Scharnier ist ein Objekt, das Holbein auch an der regula platziert und in Peter Apians Institutionen zur Arithmetik und zur Berechnung von Gewinn und Verlust (Ein newe und wolgegründete underweisung aller Kauffmanns Rechnung) einlegt.

Gleichzeitig sieht man dieses Bild nicht. Man sieht es in Episoden. Das Sehen ist hier ein Betrachten in Aby Warburgs Praxis, es verlangt eine Choreographie und ruft nach einem Körper, der sich vor dem Bild bewegt und wendet. Der Betrachter soll vor dem Bild, wie man um 1533 noch gesagt hätte ‚fagieren‘, also pendeln, kreisen oder vagabundieren. Man sieht je nach Situierung die einen oder anderen Elemente einer Tafel und eines Bildes (der tabula picta). Bild und Tafel teilen das Selbe, das tun sie immer, nach Marta Madero ist das sogar eine Pointe der Kommentare zum römisch-rechtlichen Begriff der tabula picta: Bild und Tafel lassen verkehren, und sie stehen dabei in einem Verhältnis von Anreicherung und Abzug zueinander, das als ökonomisches Verhältnis von Gewinn und Verlust übersetzbar ist, eines ist mehr wert als da andere, wenn auch nur in wechselbaren Perspektiven. Im Vorgang der Betrachtung ist eine Sicht verzerrt, während die andere Sicht entzerrt ist et vice versa. Dieses Verhältnis lässt sich umtauschen oder umkehren. Sichtung, die als Vorgang mehrere Sichten umfasst, die kontrahiert und distrahiert zur selben Zeit. Die Sichtung zieht etwas auseinander und das andere zusammen. Zehren und Zerren laufen durch dieses Bild und auf dieser Tafel durch dieselben Züge.

3.

Auf der Tagung werde ich über vague Bildtechniken und Anthropofagie sprechen. Anthropofagie kommt bei Holbein als Technik der Orientierung in Betracht. Die Anthropofagie der Kannibalen kann man von dem Vaguen unterscheiden, mit dem Holbein operiert, soll es auch tun. Dieser Unterschied ist aber kein Unterschied, der einen Unterschied macht. Dieser Unterschied differenziert sich nicht aus, er fügt sich zu keinem systematischen oder kategorialen Komplex von Unterscheidungen, und er baut keine große Trennung zwischen den Tupi und dem Maler auf. Was den Unterschied, der als Operation immer über drei Merkmale der Trennung, Assoziation und des Austauschmanövers beschrieben werden kann, zeichnet, das bleibt unbeständig.

Ich betrachte die Anthropofagie in dem, was an ihr juridische Kulturtechnik und Bildtechnik ist, was also (wie Holbeins Arbeit) dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen. Holbein malt Positionen, zu denen einem schnell Recht einfällt, wenn man davon ausgeht, dass Recht das sei, was beständig und stabil sei, Stand gäbe und dafür Standpunkte verlange. Holbein malt auch Situierung, kurze und kleine Zeiten die vergehen und vorübergehen und deren Stabilität zu gering und zu schwach ist, um schon von einer Lage, geschweige denn einem Stand zu sprechen. Aber auch durch die Situierungen geht schon Recht, seien es Ansprüche oder alles das, was Zeit misst und verwaltet, Leben, Erben, Geneaologie und Geschichten begleitet, bekleidet, betrachten lässt. Der Globus ist liniert, an den roten Linien mag die juridische Rasterung des Planeten augenfälliger sein als an den schwarzen Linien, aber auch die bilden Form als Norm, auch sie sind juridisch nachgezogen.

Auch Perversionen erzeugen Père-Versionen, geschenkt. Um Referenzen und Leitbilder geht es mir nicht. Das heißt, dass ich die Anthropofagie nicht als Glaubens- und Weltanschauungssystem beschreibe. Ich verwende den Begriff auch nicht als Namen einer Kultur mit quasi nationalem, eigenem und angestammten Lebens- und Denkraum sowie mit persönlichem Charakter. Ich betrachte sie, wie ich Regenschirme betrachte, nämlich als nicht eigentumsfähig, obwohl sie nicht alles und nicht allen sein kann. Schon gar nicht will ich sagen, dass Holbeins oder Warburgs anthropofage Techniken die der Tupi sind.

4.

Ausgehend von der anthropologischen Erfahrung gehe ich ohnehin davon aus, dass alles das, was hier vorkommt, auch da vorkommt, nur in anderer Reihenfolge. Die Anthropofagie kommt überall vor, immer in anderen Reihenfolgen (d.i. in anderen Reihen, Richtungen, Reichen, anderem Recht und Regen). Alle ihre Elemente sind bewegt und bewegen, sie sind elementar in Austauschmanöver involviert, die ihr Erscheinen ebenso elementar situativ sein lässt.

Also beschreibe ich die Anthropofagie über Bildtechniken und jurdische Kulturtechniken. Das Material, auf das ich mich stütze, stammt im Schwerpunkt von Aby Warburg, der das Vague der Anthropofagen als Element einer Unbeständigkeit sieht, zu der er eine Geschichte und Theorie der Polarität entwickelt, die, vorsichtig gesagt, von Sorge begleitet ist. Warburg ist kannibalophob. In Hochphasen stellt er sich verzweifelt vor, eventuell selbst Kannibale zu sein. Warburg widersteht aber der ‚totalen Lösung‘, den Anthropofagen als denjenigen zu sehen, der nicht nur (wie Ich) ein Anderer, sondern auch ein total Anderer und damit ein Vernichter und Mörder am Menschlichen sein soll.

Das Vague und das Polare teilen nach Warburg das Selbe: beide sind Regungen, durch die gekehrt, verzehrt und verkehrt wird. Diese Regungen können regieren und Recht sein. Dienen sie zu Hominisierung/ Humanisierung oder reproduzieren diese Techniken Menschenbilder, dann sind es anthropofage Techniken. Zielen die Techniken davon aus, dass der Mensch ein vagues Wesen ist und sich durch Vagues behauptet, dann sind es anthropofage Techniken. Das Anthropofage, das anthropovague und anthropolar ist, das geht Aby Warburg als Frage nach dem Distanzschaffen und als Drängen einer Unbeständigkeit an, die Warburg auch als Polarität versteht. Die Techniken bestimmen, limitieren und präzisieren das Vague. Sie trainieren es. Sie geben dem Vaguen Züge.

Diese Techniken, das legt Warburg schon nahe, kann man über juridische Kulturtechniken beschreiben. Warburg selbst greift in seinen Notizen u.a. Gaius‘ Institutionen auf, um solche Regungen (an dem Sklavenhandel/ der mancipatio) zu beschreiben – und er macht sie auf den beiden letzten Tafeln seines Atlas (78,79) zum Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit.

Die vague Technik ist eine Technik des Vaguen, die Warburg mit (dem) Schlingen, Verzehren, Verkehren und Begehren assoziiert. Anthropofage sind nicht unbedingt Kannibalen, es sind auch Menschenwesen, deren Hominisierung/ Humanisierung über Techniken des Schlingens/ Verschlingens läuft; sie werden sich auf vague Weise ähnlich gemacht, das Ähnliche schliesst dabei das Unähnliche nicht aus, sondern ein. Wie gesagt: das müssen keine Kannibalen sein, Katholiken können das auch sein. Und viele andere auch. Das Vague ist darin nicht das Unbestimmte. Es ist nicht leer, nicht indifferent und nicht homogen.

Das Vague geht, wie anderes auch, mit einem mimetisches Kreisen einher, das sich in seinem speziellen Fall im/in Schlingen vollzieht. Mit dem Schlingen kann Essen gemeint sein, wie in den Gemeinschaften, die jenen Gott verzehren, dem sie ebenbildlich sein sollen oder wie in den Gemeinschaften der Mantis Religiosae. Unabhängig von diese beiden, dicht auf Mimesis bezogenen Gemeinschaften, muss mit dem Schlingen kein Essen gemeint sein, das Essen muss nicht das Ziel oder das Eigentliche des Schlingens sein. Das Schlingen kann auch topologisch im Sinne verschlungener Graphien, also auch im Sinne von Knoten sein). Geht das Schlingen mit Essen einher, dann ist das ein Essen, das ohnehin geschieht, um etwas anderes zu tun als zu Essen.

Das Verzehren, das Aby Warburg zum Anlass seiner anthropofagischen Sorgen macht, ist Teil einer Typologie, die Georges Didi-Huberman als Typologie der Unersättlichkeit beschrieben hat. Man frisst, um etwas anderes zu tun, als zu essen. Das ist eventuell schon die die Pointe des griechischen Aorist phagein, von dem der Anthropofage seine Bezeichnung leiht, und das ist eventuell auch ein zuverlässiges Merkmal, um einen kleinen Unterschied zwischen essen und fressen zu machen. Man isst, das genügt: Das ist der Vorgang einer Sättigung, in dem das Ziel des Essens darin liegt, gegessen zu haben. Man frisst: das hingegen ist ein Vorgang der Unersättlichkeit. Man isst also nicht, man frisst in diesem Sinne, um ewig zu leben, um glorreicher und monumentaler zu vergehen oder um einem Anderen ähnlich zu werden (das sind drei der vier Typen, um die herum Didi-Huberman seine Typologie des Unersättlichen bildet).

Warburgs Überlegungen fügen sich nicht in die Unterscheidung zwischen Begriff und Metapher – dass er sich auch nicht an die Grenzziehungen christlicher Konfessionsstreitigkeiten hält, überrascht nicht. Es gibt nach Warburg keinen Grund, eilig festzustellen, dass die Anthropofagen nur metaphorisch, nur symbolisch oder imaginär fressen würden, dass sie aber in Wirklichkeit den Menschen nicht fressen würden, auch das zu sagen ist für Warburg nicht dringlich. Es gibt keinen Grund, von den katholischen Missionaren zu sagen, sie hätten sich die Geschichten von Kannibalismus ausgedacht, um die Indigenen zu denunzieren, denn die Anthropofagie ist juridische Kulturtechnik, kein Verbrechen. Warburg kommt dazu noch aus dem Wechselgeschäft, nicht aus dem Versicherungsgeschäft. Es gibt keinen Grund, zu versichern, dass die Anthropofagie vorbei, überwunden, erledigt und zurückgebliebene Qualität derer sei, denen das menschliche Wesen negiert werden soll. Die Anthropofagie ist kein Ausschlussgrund, nicht für die menschliche Assoziation, für keine Assoziation. Sie ist auch Assoziation. Sie ist nicht absolut, keines ihrer Elemente ist absolut.

Warburgs Sicht auf die Anthropofagie ist durch den Wahn gegangen und nüchtern herausgekommen. Diese Sicht ist satt/ gesättigt und bleibt darin ungestillt. Warburgs Betrachtung der Anthropofage ist, nochmal vorsichtig und zur Wiederholung gesagt, von anhaltender Sorge bestimmt. Er ist und bleibt kannibalophob. Als ob das nicht schon reichen würde ist er dazu noch antikannibalisch. Er löst sich aber von der Versuchung, im Anthropofagen denjenigen zu sehen, der nicht nur (wie Ich) ein Anderer ist, sondern auch ein total Anderer und etwas total Anderes sein soll.

Wer sind die Anthropofagen? Das Vague an ihnen schließt nicht aus, sie zu definieren – es ist wie immer der Antrieb der Definition. Die Anthropofagen sind die, deren Bilder nicht aufhören, auch aus Fleisch/ Carne/ Cardea/ Scharnieren/ Achsen/ Stäben und Lanzen zu sein. Die Anthropofagen sind die, die nicht aufhören, zu verleiben und also zu sein. Sie sind darin, wie andere Wesen auch, ausschlagend. Why not?

4.

I would do anything for law, but i won’t do that: refusing Theoriemosaik, Moses and the muses. So here is the list:

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