I.
Und jetzt was über’s Reiten, Schreiten und Schreiben, denn gestern haben Melanie Merlin de Andrade und Ricardo Spindola zu einem Workshop über Recht und Bilder eingeladen. Ricardo sagt aus gegebenem Anlass, er sei gerade Happy Hippo (from outerspace). Wenn sich solche Momente wie gestern oder die vom letzten Donnerstag ballen, dann bin ich ja sowieso auch Happy Hippo from outerspace.
Gäste waren Luciana Villa Boas, Julius Schwarzwälder und Martin Renz. Titel der Veranstaltung: Overriding Government: On the Theory, Iconography, and History of Storming, Assaulting, and Exploding Public Venues. Das wurde dann eine Veranstaltung zum Überreiten, Überschreiten und Überschreiben.
II.
Ich mache einen Umweg. Welche Bildreihen kommen mir bei diesem Titel in den Sinn?
Zum Titel fällt mir erwartbar zuerst eine Bildreihe ein, aus der Aby Warburg ab 1914 eine These entwickelt, die 1929 in einer Passage der Einleitung in den Mnemosyne-Atlas mündet. Das ist die Passage zu „Trajans Gerechtigkeit“. In ihr tauchen Überlegungen zur Polarität und zur Inversion juridischer Kulturtechniken (in dem Fall: Graphien) auf. Die Passage ist für die Bild- und Rechtswissenschaft nicht nur deswegen wichtig, weil sie sich explizit mit einem der Begriffe dieser Wissenschaft schlechthin, nämlich dem der Gerechtigkeit befasst. Sie ist auch, das sogar noch mehr, wichtig, weil Warburg in dieser Passage den Begriff des Nachlebens mit dem Begriff der Restitution austauscht. Er schreibt in dieser explizit Passage einmal nicht vom „Nachleben der Antike“ sondern wählt diesmal die Formulierung „Restitution der Antike“. Er wählt in dieser Passage also einen technischen, juristischen und medizinischen Begriff. Dieser Begriff ist für ihn durch die extremen Episoden und die Behandlungen u.a. in Kreuzlingen wichtig geworden: Es stand in Frage, ob Warburg in ein selbstbestimmtes Leben zurückkehren kann. Unabhängig von den Ereignissen und ihrer Chronologie ist typisch, (1.) dass Warburg mit seinen Begriffen in gewisser Hinsicht großzügig umgeht, also sie austauscht, wie hier den Begriff des Nachlebens durch den der Restitution. (2.) ist typisch, dass Warburg einen Begriff herausfischt, der eine technische (medizinische und juristische) Bedeutung hat und ihm durch das Austauschmanöver aber noch einmal neuen Sinn abgewinnt. Er verwendet den Begriff der Restitution nicht untechnisch, aber mit dem für Warburg typischen Wendungsreichtum.
Maximilian Herbergers und Pierre Legendres Argument lautet, dass Dogmatik eine Technik der Erfahrung sei, also Technik sei, etwas erfahren zu lassen. Sonst sagt man eher, Dogmatik sei eine Disziplin zur Auslegung und zum Schreiben offizieller Texte, inbesondere von Lehrsätzen, Rechtsquellen und juristischen Institutionen. Herbergers und Legendres Argument basiert auf einem Zusammenhang zwischen Medizin und Recht, der nicht durch Ausdifferenzierung zerschlagen wurde. Für Warburg besteht dieser Zusammenhang in dem, was er Verleiben nennt. Das Distanzschaffen und die Verleibung sollen den Abstand zur Antike nicht unbedingt vergrößern, sie soll mitgetragen und mitgemacht, eben restituiert werden. Das Austauschmanöver, das Warburg in dieser Passage mit den Begriffen Nachleben und Restitution vornimmt, das akzentuiert den Akt: Während das Nachleben der Antike von der Antike ausgeht und sich dem modernen Menschen gegenüber entlädt, ist die Restitution ein Vorgang (Akt(e) und Händel nach Vismann) oder ein Verfahren, in dessen Verlauf die teilnehmeden Elemente (das können Personen, Dinge und Handlungen, also zum Beispiel Bilder, Bildgeber oder Betrachter sein) auch aktiv, kooperativ involviert sind.
Diese Passage aus dem Einleitungstext bezieht sich schließlich auf Tafel 7 und 52 des Atlas. Tafel 7 ist die Tafel, auf der Warburg den Kalender des Filocalus aufnimmt und damit eine Verbindung zu dem Teil römischen Rechts herstellt, der im 19. Jahrhundert von manchen Leuten aus den Registern römischen Rechts in das der Hilfswissenschaften- und ‚Nachbarwissenschaften‘ verschoben wird. Denken diese Leute an römisches recht, dann denken sie an Gaius und Justinian, an Sätze des Prätors, an des Interdiktum, an eine Sprache, die nach Fritz Schulz isoliert sein soll. Es gibt aber den niederen Bereich römischen Rechts, neben Gaius‘ Institutionen etwa Quintilians Institutionen, vor der Zensur und der Enteignung der Wahrsager gab es die Censoren und Wahrsager (die eine systemtheoretisch orientierte Rechtsgeschichte als juristisch nicht in Betracht nimmt, schon weil sie keine Sätze hinterlassen haben und auch die Wischspuren des Gedärms längst abgewaschen ist) und immer blieben die Kalender und Akten, also u.a. die Notitia Dignitatum mit ihren Tabellen, Schildzeichen, Karten und Protokollen sowie der auf Tafel 7 auftauchende Kalender des Filocalus von 354. Warburgs Intersse an römischem Recht ist besinders ab 1912 auf den Bereich der Kalender und Akten gerichtet, also auf das Element dessen, was wir juridische Kulturtechniken (und nicht juristischer Methoden) nennen.


Aus dem Mnemosyne-Atlas: Tafel 7 mit Material juridischer Kulturtechniken; Tafel 52: Trajans Gerechtigkeit
„Trajans Gerechtigkeit“ wird als Geschichte historisch erzählt und es gibt antike Bilder dazu. Literarisch wird sie 1298 Teil der Goldenen Legende des Dominikanermönches Jacobus de Voragine. Dante erzählt die Geschichte auch. Die Bilder, die Warburg damit assoziiert, sind antik. Monika Centanni ist eine der Autorinnen, die die die These teilen, dass die Bilder die Literatur generiert hätten. Warburg sieht das so, und man kann ihn so lesen, als verstehe er die Legende auch als Legitimation der Bilder, quasi als Schutzmaßnahme: die Legende kommt an ihnen auf, um die Bilder eines heidnischen Roms vor der Zerstörung durch Christen zu schützen und zu sichern. Monica Centannis Aufsatz „Collateral effects of the “visibile parlare” von 2022 gibt einen Einblick in die Diskussion, auf die Anregungen, auf die Warburg zurückgriff und die späteren Forschungen zu dem Thema.
Warburg lokalisiert zwei Ausgangsbilder für Trajans Gerechtigkeit auf dem Konstantinbogen. Die zeigen, unbefangen gesagt, overriding government, in dem Fall ‚Reiter der Regierung‘, die (in den meisten Versionen) über ein Kind oder (in seltenen Versionen) über einen Mann reiten. Jemand kommt so zu Tode. Das tote Kind oder der tote Mann werden collateral damage und collateral image. Rom wird Kindsmörder, wie man das von seinen stets größten Feinden sagt. Aber dabei bleibt es nicht. Denn erstens handelt es sich schon um römische Geschichten und römische Bilder und nicht um Geschichten und Bilder von Roms Feinden. Und zweitens wird die Geschichte dazu, wie gesagt, selbst historisch erzählt. Sie wird also erst so, dann anders erzählt. Hoffentlich einfach gesagt: Sie hat erst eine heidnisch-antike Version, dann eine nachantike, christliche Version. Warburg schreibt dazu in in der Einleitung zum Atlas also folgende Passage:

Warburg spricht hier von einer Umwandlung (d.i. ein Phänomen, das dem mindestens ähnlich und maximal verwandt ist, was Ricardo Spindola in seiner herausragenden Dissertation zum deutschen Verfassungsrecht und zur deutschen Verfassungsrechtsprechung zum zentralen Gegenstand macht und reoccupation nennt).
Antike Herrschaft, von Warburg zuerst als Selbstherrlichkeit und imperativer Pathos bezeichnet, wird in christliche Pieta verwandelt. Die Geschichte und das Bild bezeugen vor der Umwandlung, wie die regierenden Reiter Barbaren überreiten. Sie ziehen damit die Spur dessen, was in Ostrom später Sakon heißt und wörtlich nach dem Pferd, sinngemäß nach dem Gesetz, sein soll, durch die Geschichte. Nachher bezeugen die Geschichte und das Bild, dass der Kaiser, eben noch mit seinen Reitern ein Chasseur und ein Kassierer, zum Rechtsprecher geworden ist und seinem Gefolge Halt bietet: wegen des Todes des Kindes. Warburg verbindet Bild und Geschichte von Trajans Gerechtigkeit und von ‚Overriding Government‘ mit den Motiven, aus denen er auch seine Rechtsgeschichte und Rechtstheorie anthropovaguer und anthropolarer Wesen entwickelt, nämlich aus den Motiven der Polarität, der „energetischen Inversion“ und einer anhaltenden und durchhaltenden ‚triebhaften Verflochtenheit des menschlichen Geistes mit der achronologisch geschichteten Materie‘. Die Passage erlaubt schon einen Ausblick darauf, wie er auf den Staatstafeln 78/79 das Verhältnis zwischen Gesetz und Gewalt händelt, nämlich: kinetisch, oder: elliptisch kreisend.
Die anthropovaguen und anthropolaren Wesen sitzen diesem Material auf, und das Material treibt nicht bloß ihrem Geist verflochten, es treibt den Verfaltungen der Körper und Geister verschlungen und schlingend, es ist und bleibt nach Warburg die Materie der Verleibung und des Distanzschaffens. An Geschichten und Bildern wie denen von Trajans Gerechtigkeit gewahrt man das, was Warburg Prägewerk nennt und Ausdruckswerte münzt, also Währung dessen wird, was man wahr nimmt. Das ist der Kern von Warburgs Verständnis von Lettern (wie eine kleine Forschungsgruppe am MPI in dem Projekt ‚Letter, oder: Objekte die lassen‘ diese Objekte, Medien und technischen Elemente nennt). Das gibt seiner Dogmatik, seiner Vorstellungen von juridischen Kulturtechniken (Erfahrungstechniken) einen besonderen Sinn. Trivial gesagt: Andere stellen sich das mit dem Recht und den Bildern wohl anders vor. „Energetische Inversion“ ist ein Vorgang von Fiktionen und Kontrafkaturen (von Kreuzungen), Warburg bezieht sie auf Symbole. Er meint damit nicht einfach eine Änderung von Bedeutung und von ‚affektiven Effekten‘, sondern solche Änderungen, die im Verhältnis der Polarität bleiben. In dem Begriff nutzt Warburg wohl etwas von seiner Erfahrung eines ‚Polarforschers‘ (Emil Kraeplin wählt im Frühjahr 1923 einen anderen Begriff, aber der soll heute aussen vor bleiben), die die Erfahrung ist, wie man in Symbole (em- und sympathisch) eintauchen kann, sie einen dann in positiver Hinsicht an- oder negativer Hinsicht aufregen können und wie man von Symbolen geradezu hart oder stumpf abprallen kann. Die energetische Inversion wirkt sich kontrahierend und distrahierend aus, anziehend und abstossend. Zu dem Begriff ist viel zu sagen, als Einführung empfehle ich einen Vortrag, den Cornelia Zumbusch im Warburg Institute zur Physik des Symbols gehalten hat.
II.
Luciana Villa Boas hat zu der gestrigen Tagung ihr aktuelles Projekt zur Attacke auf Brasiliens zentralen Regierungsplatz und Ort der drei Gewalten mitgebracht. Overroding Government am Fall des 09. Januars 2023 also, dem Tag, an dem die Anhänger Bolsonaros sich am Protokoll der Anhängern Trumps orientierten und Architekturen attackierten. Das Projekt von Luciana Villa Boas greift Warburgs berühmten Aufsatz zur heidnisch-antiken Weissagung und Luther (quasi Laute/ Letter/ Luder/ Ladeur) von 1920 auf, also denjenigen Aufsatz, mit dem Warburg unter anderem den Begriff des Schlagbildes prägt und in dem er die Geschichte und Theorie der Polarität einerseits auf Jean Pauls Ästhetik/ Poetik und dessen Begriff vom „Doppelzweig“ bezieht, anderseits mit dem verknüpft, was Luciana Villa Boas als Polemik beschreibt, d.i.in dem Fall Technik des Umgangs mit dem, was, wie sie auf englisch sagt ‚at stake is‘.
Üblicherweise würde man das so übersetzen: Polemik ist Umgang mit dem, was auf dem Spiel steht. Man kann es auch so übersetzen: Was ist der drängende Dreck, den man am Stecken hat? Was soll man los werden? Stake ist wörtlich die Stange eines Bootes (einer Arche oder eines Schiffes), ein Stab, Zepter oder eine Lanze, eine Achse, a pole. Polemik ist die Technik, die Pole, die polis, den Polos, Polarisierung und Polarität zu händelt. Was ist at stake? Was lanciert auch ohne Balance? Was staubt, stöbert und stiebt auch ohne Stabilität?
Sie sagt treffend, das sei das Verhältnis zwischen rule of law einerseits und democracy/ people andererseits. Um nicht zu schnell das Institutionelle einer der beiden Seiten zuzuordnen und nicht zu schnell das Tosen der anderen Seite zuzuordnen, könnte man auch überlegen, zu sagen, dass mit den Schlagbildern von der Attacke auf die Architektur der drei Gewalten das Verhältnis zwischen reign oder rain of law und Laokratie verhandelt wird (eine Aktualisierung der juridischen Dimension des Laokoon-Paradigmas). The rule is already reigning and raining, before the attack happens and before laos becomes demos.
Unabhängig von der Frage nach der Geschwindigkeit, mit der man das ‚Erbauliche‘ und Bildende den einen Elementen und das Tosende/ Blinde/ Auflösende den anderen Elementen zuordnet, würde ich zumindest formalistisch etwas an den Begriffen ‚rule of law‘ und ‚democracy‘ verfremden (in Victor Shkovskijs Sinn von Kunst als Verfahren), weil die Beschreiber involviert sind und doch etwas erfahren und nicht nur erklären wollen.
Dieser Vorschlag soll das Projekt von Luciana Villa Boas mit dem Versuch unterstützen, in die Beschreibung der Polemik noch mehr Polemik einzulassen, anders gesagt: in die Beschreibung des Verkehrs verkehrende Sprache einzulassen .Allein: Dieses Projekt braucht keine Unterstützung, es läuft und zieht schon. Dann eben: Mitmachen. Es kann sein, dass die Verfremdung die Diskussion ‚verdunkelt‘. Ich meine: die Verfremdung macht clair-obscur/ dämmernd, sie macht diese Diskussion juristisch und politisch ‚unzuverlässig‘. Es wäre ein Wagen und es wäre nicht auf die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit zu richten. Die Methode ist nicht die der großen Trennung, sie ist die der Annäherung: sich vom Konflikt greifen lassen und ihn durchgehen, ihn in der Beschreibung passieren zu lassen [alter Konflikt, Bilderstreit, konditionierter und unaussteigbarer Neofabianimus; die Fronten werden nicht abgebaut werden]. Leute wenden ein, man solle nicht zurück, aber vorwärts schauen. Mein Rat ist das nicht.
Welche Bildreihen hat Luciana Villas Boas mitgebracht und welche Bilder fallen mir dazu ein? Weil es bei Schlagbildern nicht nur um Synthese, sondern auch um Umschlag und Umschlagen geht (Polarität also nicht aufgelöst oder gar aufgehoben wird, sondern energetisch erhalten bleibt) hat Luciana Villa Boas zwei Seiten (und drei Bilder) mitgebracht, die für sie (und mich ab jetzt auch) zu den signifikanten Schlagbildern der Attacke auf Brasilia zählen und nicht ‚zusammenkommen werden‘.
Ich orientiere mich an den Seiten und präsentiere hier also zwei Diashows. Die erste Diashow bezieht sich auf das Bild von der Inauguration Lulas, ein Bild, dass ich wegen der Achse seiner Bewegung (die auf den Betrachter hin zieht/ zielt) in einer ikonographischen Reihe mit drei Klassikern der französischen, italienischen und sowjetischen politischen Ikonographie sehe:
Insbesondere zwei der Bilder aus Luciana Villa Boas‘ Projekt haben es mir angetan, eines davon habe ich gefunden (das von der Flaute), das zweite in einem indirekten Sinne, sprich: ich habe eine andere Aufnahme ‚desselben Bildes‘ gefunden, nämlich desjenigen Bildes, das Debora Rodriguez in dem Moment zeigt, in dem sie auf der sitzenden Justitia kniet und mit dem Lippenstift einen Spruch zurückgibt, also mit dem Lippenstift Perdeu, mané auf die allegorische Figur schreibt. Den Spruch hat sie nicht erfunden, sie reicht ihn zurück (das ist eine Bildoperation, die Daniel Hornuff als typisch im Umgang mit den von ihm sog. Hassbildern ausmacht und die darin besteht, das Mittel des asymmetrisch Anderen zu (ver-)wenden) . Mit der Übersetzung dieses Spruches werden in Zukunft wir zu tun haben. So idiotisch ist kein Idiot, dass die Übersetzung nicht nachwirkend dringlich wäre. So verloren ist niemand und so verloren hat niemand, dass die Übersetzung nicht drängend bleibende Effekte hätte. Als Übersetzung für „perdeu, mané“ wird unter anderem ein Spruch aus The Big Lebwoski („the bums lost“) oder schlicht ‚Verloren, Alter“ vorgeschlagen. Mané ist ein Kumpel oder ein Trottel, ein Typ oder ein Idiot, also eine polare Wendung schlechthin.
Für diesen Akt wurde Debora Rodriguez mit 14 Jahren Haft [!] bestraft. Das ‚Maß‘, eine Messung und ein Missen, macht anhaltend deutlich , dass der Skandal alles und jeden mustert, auch die Richter, auch die Institutionen und auch the rule of law oder dasjenige, was am Recht regt und wegen des Exzesses nicht in reflexiven Formulierungen eingepackt und mit Schleifchen werden sollte. So geht am Ende alles durch (paene omnia decent), so stellt sich das decorum immer durch. Insbesondere das Bild von Debora Rodriguez halte ich für den eigensinnigsten Beitrag aus den Bildproduktionen vom 9. Januar 2023. Es wird unangemessen klingen, aber the time is ohnehin out of joint, also trotzdem: damit hat Debora Rodriguez den originellsten und witzigsten Beitrag zur Ikonographie überreitender, überschreitender und überschreibender Regierung geliefert. Endlich mal Lippenstift. Endlich mal eine Kniende und nicht wie bei Warburgs Tafel 79, wo die Männer das Knien und die Frauen das Hüpfen übernehmen. Endlich mal eine Frau auf dem Schoss einer Frau. Die Skulptur ist nur bedingt republikanisch. Wäre sie voll republikanisch, würde sie nicht auf einem Thron sitzen, sondern auf einem Polobjekt, dem Klappstuhl, dem Pliant oder: sella curullis (siehe: Aby Warburg, Tafel 79) oder, wie das Glück der Gerechtigkeit/ Fortuna Iustitiae, auf einem Ball oder einem anderen bolischen Objekt, wenigstens auf einem Brunnen, also auf O und eau, auf Wogen und Wellen. Das Maß der Verurteilung ist skandalös (die Verurteilung setzt den Skandal fort), wie so oft bis immer, wenn sich Strafrecht und Polizeirecht aneinanderhalten. Sind denn alle wahnsinnig geworden oder waren sie es schon immer?
Großes Glück, dass Melanie und Ricardo Luciana Villa Boas in unsere Forschungsprojekte zu den (Rechts-)Theorien Brasiliens, zur Anthropofagie, zu den Intersektionen (Kreuzungen und Säumen) brasilianischer und deutscher Rechtstheorie sowie zur Bild- und Rechtswissenschaft eingeholt haben. Sie hat dazu bereits einen Essay veröffentlicht, arbeitet das Projekt aber größer aus, ich habe Feuer gefangen.
III.
Dann kam Ricardo Spindola, der das Projekt vorgestellt hat, das einmal Teil seiner Dissertation war, das er aber glücklicherweise ausgekoppelt hat. Warum? Weil das Projekt auf einem Material und Überlegungen für ein eigenes wunderschönes Buch mit Bestsellercharakter fußt.
Spindola befasst sich mal wieder mit Reoccupation und mit seiner Wissenschaft vom Triumph und Erfolg solcher Distinktionen, die säkularisieren, indem sie manche Leuten vergessen machen, was Religion ist. Religion ist seiner Ansicht nach nämlich eine magische und rationale Reproduktionstechnik, eine (Rück-)Bindungstechnik, die die Elemente juridischer Kulturtechniken um- und wiederbesetzt, um Wahrscheinlichkeiten und Selbstverständlichkeiten zu füttern.
Ausgehend von evangelikaler und pentecostaler Erfahrung desjenigen Brasiliens, dessen Ballung nicht an der Küste oder im vierten oder fünften Rom (Sao Paulo), sondern im Land und auf dem Land liegt (in den Zonen der bewußt gehaltenen Landnahme), hat Spindola eine Vorstellung von Religion, die in gewisser Hinsicht ohne den Gott, aber nicht ohne Technik auskommt – und gerade insoweit nicht aufgehört hat, Fundgrube juridischer Kulturtechniken zu sein. Er spricht von religiösen Ressourcen. Den langen Forschungsaufenthalt in Europa (Luxemburg und Frankfurt) hat er genutzt, um seine Vorstellung anhand deutscher Verfassungen und deutscher Verfassungsrechtsprechung durch- und vorzuführen. Das Ergebnis wurde zu einer Dissertation, mündete aber auch in dem Projekt, das er gestern vorgestellt hat. Das befasst sich mit dem Glas, dem Verfassungsgericht in Karlsruhe und dem nur limitiert berühmten, nur limitiert berüchtigten zweiten Anschlag (diesmal auf das Glas) des Bundesverfassungsgericht. Am 4. März 1975 haben Mitglieder der Roten Zora Glas durch eine leichte, milde oder als unprofessionell beschriebenen Bombe bersten lassen. Glas wurde gesprengt. Das ist Glas, das manche für transparent und das ich als Anhänger von Jacobus Vrel (sagen wir so: ich bin das Kaninchen der Schlange Vrel) für unerbittlich halte.
Bei Vrel ist das Glas kein Material der Öffentlichkeit, sondern ein Material des Interieurs und dazu noch Saum/ Velum/ Cancel/ Tracht (Zug) und Ideogramm (Vismann) derjenigen Zeiträume, die falsch waren und niemals richtig werden, nie. Bei ihm ist das Glas mit der verkehrten, saturnalisch-melancholischen Zeit schlechthin assoziiert, nämlich der Zeit, in der die Kinder vor den Eltern sterben. Er wird zum Meister des Glasmalens durch seine Kindestotenbilder (und so noch zum Erfinder der kalten Neonlichts). Ich träume, seitdem ich erst ein- und dann zweimal zur falschen Zeit am falschen Ort war, manchmal nachts von so einem unerbittlichen Glas und tagsüber davon, es bersten zu lassen. Wo trifft sich die Rota Zora heute? Wo bewahrt man die Scherben? We, mindestens ich, need to talk. Kein Anschluss unter dieser Nummer.



It`s a long goodbye and it happens everyday, so: die Wogen und das Glas, ‚das sind wir ja zum Teil selbst‘ (nach Jacob Burkhardt/ Baseler Archäologe), aus: Robert Altman, The Long Goodbye (1973)


Spindola erzählt in dem Projekt die Geschichte des Baus, buildings oder Bildes, das das Bundesverfassungsgericht insbesondere durch Fassade und Glas ist. Dieses Projekt ist nicht nur eines zur Verfassungsgeschichte, sondern, wie Spindola akzentuiert an historischen Akten, Plänen und (fachlich) berühmten Publikationen (wie dem Band zu Mensch und Raum (den Darmstädter Gesprächen von 1951) herausarbeitet, zu einer Verfassungsgeschichte, die, wie er ausdrücklich betont, Verglasungsgeschichte ist.
Endlich mal wieder ein Projekt, das in Bezug auf Heinz Mohnhaupts und Dieter Grimms Buch zur Verfassung nicht direkt an Dieter Grimm, sondern direkt an Heinz Mohnhaupt anschliesst, der wiederum die Verfassung ausdrücklich nicht, wie Grimm das macht, an Text und Begriffsgeschichte bindet, sondern an die Geschichte des Schmucks, des Handwerks und, sagen wir so, der Realien, Trachten, Ringe, Ketten und (Grenz-)Objekte. Das Buch von Spindola wird ein Superbuch, muss bei Wagenbach oder so untergebracht werden. Es auch ein toller Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Heideggers und zur Stilgeschichte der Bundesrepublik. Vom Vortrag zeige ich jetzt mal nix, das wird Spindola alles machen.
III.
Schließlich kamen unser Gast Julius Schwarzwälder und Nuntius Martin Renz mit einem Beitrag zu Sturm auf das Capitol und mit einer Art Befreiuungschlag, nämlich dem Vorschlag, aus dem Sumpf der Diskussion um Polarisierung etwas Produktives zu machen. Sie schlagen vor, die gegenwärtige Diskussion um Polarität und Polarisierung durch eine Lektüre von Oskars Negts Geschichte und Theorie der Wirklichkeitspaltung zu schärfen.
Julius ist schon im Vismannseminar dadurch aufgefallen, dass er kein Mitglied der Kritischen Theorie Frankfurter Schule Abteilung Nichtbenjamin, aber ein Mitglied der Kritischen Theorie Frankfurter Schule Abteilung Benjamin ist. Hoffentlich einfach gesagt: Kluge und Negt sagen ihm mehr als Habermas, Honneth und Forst. Er ist sogar mit Bazons Werk vertraut und hat, was Onkel Bazon hat: keine Berührungsängste dem Außen, Äußerlichen, Äußeren und Äußersten gegenüber. Nachdem er im Vismannseminar schon darauf insistiert hat, Kluges und Negts Geschichte und Eigensinn als Manual zukünftiger Rechtstheorie und Rechtsgeschichte zu nutzen, insistiert er nun also mit Martin Renz im Chor darauf, Negts Theorie von der Wirklichkeitspaltung zu nutzen, um den Verkehr der Bilder vom 6. Januar (vom sog. Sturm auf das Capitol) zu analysieren und zu kritisieren. Ich mit meiner Stadtrandkindheit und Bungalowerinnerung gerate ein bisschen ins Schwitzen, aber dem Etuimenschen Benjamin bekam sein Etui auf Dauer auch nicht gut. Ein Schuss Involvierungsaktion kann also nicht schaden.
Der Vorschlag von Julius III. oder IV. (je nachdem, wie man zählt) und Martin geht mit einer großen Sensibilität für Zeit und Trajekete einher (beide entwickeln daraus eine Theorie gestauchter Geschichte, quasi was zum Laokoon-Paradigma, wenn dies das Paradigma bolischer Bilder ist). Das heißt, dass sie diesen Vorschlag mit Überlegungen zur providentia einerseits und zur Nachträglichkeit anderseits verknüpfen.
Wie üblich haben die beiden bestes Vergleichmaterial mit angeschleppt, besonders in Erinnerung bleibt mir ihr Vergleich zu Aufnahmen zu dem ‚Sturm auf Area 51‘ und zu einem Gymnastikvideo vor dem Hintergrund des coup d’etat in Myanmar . Dieses Material kannte ich gar nicht (nie von gehört, nie gesehen). Ich muss alt geworden sein, mein Lowgespür undTrashtalent (unabdingbar für die Geschichte und Theorie minorer Epistemologie) lässt nach oder schwächelt vorübergehend. Ich fange an, Schätze zu übersehen. Gut, dass Leute nachwachsen, die mitdenken.





Die Orientalen, die Frauen, die Cardea/ Carne (Angela) sowie die Juden: Und sie begehren, hoffen, hüpfen, verzehren und verkehren doch!
Am Ende folgen wir den Links und summen auf und ab (mit Dank an The Kiffness und Hinweis darauf, dass er am 3.11.2025 in der Batschkapp Frankfurt eine Vorstellung geben wird).
IV.
Aus der Bild- und Rechtswissenschaft ist erwartbar der Vorschlag gekommen, das Ereignis vom 6. Januar 2020 oder das Ereignis vom 9. Januar 2023 als ersten bildproduzierenden Tumult (d.i. seditio) zu beschreiben. Sind nicht schon genug Studentinnen und Studenten eingeschrieben? Bekommt man nicht schon genug Einladungen auf Podien?
An Bildregeln und der Geschichte des Rechts am eigenen Bild (und des Persönlichkeitsrechtes) lässt sich ablesen, dass die Vorstellungen neuer Medien und neuen Rechts dann keinen Sinn macht, wenn sie mit der Idee der Fragmentierung oder mit der Idee des Einbruchs neuer Medien in das Recht einhergehen. Auch die Geschichte der Digitalisierung ist nicht hinreichend beschrieben, wenn man sie als Geschichte beschreibt, in der Computer erst von unbeschränkten Geistern erfunden werden und dann aus einer bisher rechtsfreien Computersphäre in eine bisher computerfreie Rechtsphäre einbrechen. Der systemtheoretisch konditionierten Vorstellungswelt und dem protestantischen Glauben daran, man sei schon einmal im Bilderstreit siegreich gewesen und sei so die Bilder losgeworden, könne sie aber als Leitbilder wieder begrüßen, denen ziehe ich die archäologischen Beschreibung vor, die die Baseler Archäologen, Warburg und Vismann empfohlen haben. Ich beziehe mich auch auf Vismanns Überlegungen zur Macht des Anfangs, in dem sie ihre Methode der Doppelbewegung in die Formel fasst, gelungene Gründungen kämen immer [d.i. anhaltend und durchhaltend, Anm. FS ] zwei mal [ also dann ambigue am Biegen, Anm. FS ) vor – und in dem sie eine Kette aus Instituierungen und Substituierungen beschreibt, mit denen zum Beispiel das römische Register der Einteilung in Personen, Dinge und Handlungen aufkam.
Das Recht kommt seit babylonischen Zeiten digital vor, sobald es mit und durch routinierte(n) und rekursive(n) Schritten erscheint. Diese Schritte und das Schreiten werden nicht zufällig ‚arabisch‘ als etwas aus Choresmien/ Koresmien/ Zentralasien und südlich vom Aralsee, als Algorithmen begriffen. Das Recht erscheint dann digital, wenn es mit und durch tippende(n) und fingernde(n), tapsende(n) und händelnde(n) Wesen erscheint. Luciana Villa Boas hat gestern ebenfalls mit Nachdruck akzentuiert, dass die Theorien der Ästhetisierung wenig bis keinen Sinn machen. Das würde ich in Bezug auf Bild- und Rechtswissenschaft, juridische Kulturtechniken sowie Medien und Recht auch von Theorien der Politisierung und Verrechtlichung und schließlich von allen Theorien sagen, die Vermehrung ohne Verminderung denken oder die Geschichte der Trennung als ein Anwachsen von Größe und Abstand beschreiben. Das ist einer der Ausgangspunkte für meine Warburgsbesessenheit. Er denkt ein Distanzschaffen, dass sie Distanz, die es schafft, weder erzeugt noch zurücklegt. Die Besessenheit mit ihm, anders gesagt: der Besitz, gilt nicht nur dem Umgang mit dem Digitalem, sondern mit allem, auch dem Recht und den Bildern – und wohl auch mit dem Regieren, Reiten, Schreiten und Schreiben.
Die Pariser Kommune, um nur ein Beispiel zu nennen, war Bildproduktion. Wie in den jüngeren Ereignissen ist diese Bildproduktion auch damals polizeilich umgeschlagen (kein Wunder, sie war ja polemisch, polar, politisch und polite). Die Kommunarden wurden auch anhand der Fotos verfolgt, die sie von ihrem Bildersturm mit sich selbst im Bild gemacht haben. Die Rede von Erstem und vom Anfang macht dann Sinn, wenn man sie mit der Doppelbewegung vorfolgt, für die Vismann (u.a. im Aufsatz zur Macht des Anfangs) berühmt wurde, also wenn man den primordialen Zugriff durch Details ‚irrisiert‘, d.h. in seinen Verfaltungen nachzieht und in ein Spektrum von Episoden und Frequenzen, Instituierungen und Substituierungen übersetzt. Wenn man das nicht Leibniz schuldet, dann eben Anderem oder Anderen. Statt von Fragmentierung zu sprechen (insofern habe ich noch Abwehrreflexe gegen die Theorie der Wirklichkeitsspaltung) ist meines Erachtens von den Kontraktionen und Distraktionen der Verhältnisse zu sprechen, die immer schon verkehrten und immer schon Verkehr waren. Es kann sein, dass dieses Interesse an „Verfaltungen“ (Augsberg) ein melancholisches Interesse und nur limitiert zu generaliseiren ist. Es wird elementar kalendarisch bleiben und der Meteorologie Rechnung tragen wollen.
Großen Dank an Melanie Merlin de Andrade, die jetzt gleich innerhalb von wenigen Tagen mit ihrem tanzenden, leichten Talent zwei fulminate Workshops organisiert hat.






















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