I.
Caspar van Baerle gehört zum professionellen historischen Personal einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Was hat ihn dafür qualifiziert?
Dass er unter anderem Professor für Logik und Rhetorik in Amsterdam war, das war sehr hilfreich. Überhaupt ist es für diese Qualifikation hilfreich, wenn man sich mit demjenigen befasst, das hilft, Rechte wahrzunehmen. So ein Helferlein muss nicht gleich die Logik oder die Rhetorik sein. Wenn man zählen oder zeichnen kann, auch das hilft, weil seit jenem Augenblick alles hilft, seitdem alles auch in Form des Rechts denkbar ist. Und dieser Augenblick liegt ja mindestens schon ein Jahrtausend zurück. Auf jeden Fall kann bei van Baerle (wie immer) präzisiert werden, was genau bei ihm half, zum Profi juridischer Kulturtechniken zu werden. Die humanistische Ausbildung (eine umwegige, also technische Ausbildung, die über antike Quellen mit entfernten Sprachen, Zeichen und Objekte führte) und die Praxis als Polymath gaben wohl besonderen Schub. Förderlich war schließlich, dass er im Bereich des Zeremoniells, also des ‚diplomatischen Protokolls‘ und damit im Bereich jener Kunst tätig war, die ‚Scharnieroperationen‘ (Lutz/ Siegert) zwischen dem Recht einerseits und der ‚art officiel‚ (Warburg), andererseits vornimmt. Caspar, der sich auch Barleus nannte, arbeitete studio- und bürokratisch. Er arbeitete (choreo-)graphisch, das schließt die Schrift ein und bewegte und lebende Bilder nicht aus. Protokollführer war er nicht nur da, wo er zum diplomatischen Empfang Bilder und Visionen lieferte. Auch seine Historiographie, die als Leistungs- und Rechenschaftsbericht für Moritz von Nassau geschrieben ist („res gestae“), ist Protokoll und art officiel.
Van Baerle liess wahrnehmen, was auch Recht sei soll und was somit ein Objekt ist, das Juristen mit epistemischem Monopol erst teilen und dann ganz für sich haben wollen. Juristen ohne epistemisches Monopol wollen solche Objekte teilen. Was will man auch mehr? Teilen reicht doch. Heute kann man die Objekte, an denen er arbeitete, Grenzobjekte oder boundary objects nennen. Barleaus kooperierte durch Techniken, die aus heutiger Sicht keine juristische Methoden darstellen, die also insoweit unterhalb der Schwelle des Rechts liegen und die dennoch dabei helfen, Recht und Rechte wahrzunehmen. Die Art und Weise, wie Barleus Recht wahrnehmen liess, hat mit Körpern, Phantasien, (Diss-)Simulationen, Sinnen und Affekten, Körpern und Kontrfakturen zu tun. Die Körper, durch die das Recht wahrgenommen wird, haben selbst einen bildlichen Charakter, vor allem kommen sie auch bewegt und bewegend vor. Verkörperung ist hier nicht allein Abstraktion und nicht allein konkret; zudem hat diese Verkörperung mit dem zu tun, was Aby Warburg Verleibung nennt, denn diese Verkörperung läuft unter anderem über das aufsitzende und ausschlagende Wesen, das auch mit Illusionen eine, wenn auch unsichere und limitierte Zukunft hat und das Mensch genannt wird. Diese Verkörperung muss also nicht repräsentativ sein, sie kann auch symptomatisch, sogar pathologisch sein.
Der Mensch ist zum Beispiel eines jener Objekte, die van Baerle wahrnehmen liess, er lieferte u.a. Menschenbilder, sich als Beispiel inklusive (vorsorglich sei gesagt: van Baerle lieferte den Menschen freilich auch in der Version des Subjektes).

Barleus oder van Baerle war ein Schreiber, der neben seinen Texten weitere Graphien (Karten und Protokolle) initiiert hat. Er war ein Akteur für die Westindien-Company und damit für den Nordosten Brasiliens (u.a. Pernambuco/ Recife). Bis ins 19. Jahrhundert soll eine Karte von der Küstenlinie (dem Litoral) des Nordostens breit genutzt worden sein, die mit den Editionen seiner brasilianischen Geschichte zuerst veröffentlicht wurde. Dass der Anwalt und Graphiker Jan de Bisschop (noch so ein ein besonders Bewanderter in Sachen juridischer Kulturtechniken) sein Schwiegersohn wird, na, das passte mindestens in beruflicher Hinsicht.
Van Baerle hat auch Medizin studiert und ein Buch zu einer der Medici geschrieben (zu Katharina, dem großen Gast der Niederlande). Er ist einer von denen, denen Dogmatik nicht nur, sogar nicht unbedingt, Disziplin zur Auslegung und zum Schreiben offizieller Texte ist, sondern mindestens auch, wenn nicht sogar im Schwerpunkt, eine Technik, etwas zu erfahren, etwas erfahren zu lassen und etwas erfahren zu machen – zumal eine Welt, die man im Rücken hat, die dazu noch im Rücken wellt, also vague und polar auf und abgeht, aus vorbei gehenden/ vorübergehenden Elementen assoziiert ist und unbeständig bleibt. Das sind die Elemente der Verkörperung und der Verleibung (Warburg). Sie tauchen zu säumigen Zeiten auf und zu säumigen Zeiten ab, also: sometimes (Hobbes), schwer berechenbar bis notorisch unkalkulierbar. Man ist wohl gehalten, Kalender zu führen, um nicht die Orientierung zu verlieren und um trotz allem etwas händeln und handeln zu können.
Van Baerle hat ‚am Atlas gearbeitet‘, weil er selbst Atlas war. Wie, am Atlas gearbeitet? Baerle hatte selbst die Welt im Rücken. In den Korrespondenzen eines Melancholikers (die Blok übersetzt und ediert hat) schreibt Baerle sogar davon, dass er selbst aus Glas sei, also, so denke ich mir das, transparent (Blicken und blickend durchlässig) und/ oder unerbittlich sein konnte. Man hat ihn in diesem Zusammenhang sogar für pathologisch gehalten, er teilt insoweit etwas mit dem Melancholiker Warburg. Ob die Einschätzung stimmt?Es wird darauf ankommen, was man sich unter Pathos und Logik vorstellt. Sein Beruf durfte er immerhin behalten, da waren Pathos und Logik ja ohnehin Teil seiner Profession.
II.
Dass Aby Warburg auf Caspar van Baerle aufmerksam wird, das ist wohl keine Überraschung. Dass er in den aktuellen Forschungen des MPI in Frankfurt wegen seiner Kreuzungen eine Schlüsselrolle als Vorbild und Exemplum für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken spielt, das müsste jetzt schon klar sein. Van Baerle ist homo rhetoricus und homo digitalis (er tippt, fingert, fingiert und tappst sich unbeständig und wechselhaft/ wechselnd durch das Leben). Er steht an der Kreuzung brasilianischer und niederländischer Rechtsgeschichte und Rechtstheorie. Er ist Profi auf dem Gebiet juridischer Kulturtechniken und Informant für Aby Warburg. Wer, wenn nicht wir, sollen sein Andenken pflegen?
Barleus‘ Werk Medicea Hospes liefert für das diplomatische Protokoll erstaunliche Versionen bolischer Objekte, also erstaunlicher, teils diabolischer, teils symbolischer, teils hyperbolischer, teils parabolischer, teils gespaltener, teils berstender Bälle. Er schreibt eine frühe Geschichte Brasiliens, die er barock bedenkt und mit langen Ausführungen zu europäischen Kriegen oder Krisen beginnen lässt, als sei Brasilien aus diesen Kriegen/ Krisen, dem polus/ polos geboren (kein abwegiger Gedanke).
Van Baerle ist ein Schreiber im Genre der Literaturen, für die Sergio Buarque de Holanda (der Vater vom Dieter Thomas Heck der DDR Sergio Günther sowie von Chico Burarque) mit einem berühmt gewordenen Buch im 20. Jahrundert eine passend polare, ambigue und vague Formel gefunden hat: as raizes do brasil. Der Titel ist eine Formel und sie ist, wie die Pathosformel, polar, also polarisiert und polarisierend, weil ihre Lektüre sich wenden, kippen und kehren kann. Sie ist ambigue, weil sie mehrere Deutungen zulässt. Sie ist vague (damit auch solange sie erscheint vogue), weil die Lektüre auf und abgehen kann. Wohin? Unter anderem zu hohem Stil und hoher Erregung, zu niedrigem Stil und niedriger Erregung, der Titel kann wie die darunter folgenden Texte und Graphien fein bis vulgär, feierlich bis frivol gelesen werden.
Für van Baerles Geschichte Brasiliens sind ‚as raizes do brasil‘ also nicht unbedingt fundamental stabil verankerte Wurzeln, sondern möglicherweise auch eine unbeständige Raserei/ Rasur oder ein unbeständiges Reizen und ein unbeständiges Ragen, sogar ein unbeständiges Herausragen kann das sein, herrliches Richtigstellen den einen, den anderen sublime Rache. Man kann, das decorum oder anders gesagt die juridische Kulturtechnik der Musterung wird dabei eine Rolle spielen, das Genre ‚as raizes do brasil‘, in Stilen übersetzen, die mitskalieren und mitstratifizieren. Die Wogen, so einer der Baseler Archäologen, sind wir ja zum Teil selbst.
Nüchtern oder sachlich vermittelnd übersetzt würde man also sagen, dass van Baerle ein Schreiber im Genre der Literaturen ist, die etwas von den Grundlagen Brasiliens sagen. Vulgär oder subtil würde man sagen, er schreibe vom Wüten und Wüsten Brasiliens. Im hohen Stil würde man sagen, er schreibe von dem, oh was dieses Land auszeichnet! Welcher Stil würde passen? Da müsste man in den Kalender schauen und checken, ob die Länge der Tage gerade zu- oder abnimmt, ob sie gerade eher venerisch oder eher saturnalisch werden. Das Anfängliche ist in seiner, Baerles, Geschichte zumindest kein kein Prinzip. Das ist Krieg und Krise. Das ist kein Grund, das ist, vergleichbar mit Flussers Vorstellungen, bodenlos. Van Baerle ist ein Schreiber solcher Gesellschaften, die nicht demnächst explodieren, sondern das ’seit 500 Jahren‘ (Ana Maria) und ganz bestimmt nicht erst tun, nachdem vor 14 Tagen die Welt noch in Ordnung gewesen sein soll.
Das zeichnet einen Atlas aus: dass er die Welt im Rücken hat und sie trägt. Das zeichnet ein Atlas auf: Linienzüge (die Einheit der Differenz von auf und ab, vor und zurück, hin und her) an denen etwas brandet und sich bricht wie an einer Küstenlinie oder einem Litoral. Diese Linienzüge sind Züge der Verwerfung und des Entwurfs. Das wird van Baerle wissen, nehme ich an, Indiz: Das Cover.


Brasilien lancieren, sei es mit der Sense oder mit der Keule: das ist Gründen, Stiften oder aber Rasieren, Reizen, reizend und gereizt mitmachen. Judge a book by its cover: In der Mitte ein Polobjekt, und das auch noch ein Polobjekt des polus/ polos, nicht der terra/ Erde, denn das ist ein sog. Himmelsglobus, mit dem der Begriff des Himmels nichts Stilles, Heimeliges hat.
Polus ist auf diesem Cover nicht Siedlung in Meta- oder Suburbia, auch nicht die Villa (Haus und Garten) eines edlen und einfältigen, stillen und großen Gottes. Polus ist das, über das alles von der Sonne und von wo der Regen fällt, Polus ist das, von wo der Blitz und die Wolken kommen. Polus ist das, von wo ein Kreisen erfahrbar wird, das nicht unbedingt Zyklus ist. Manches kommt dabei nämlich nimmermehr wieder, anders bleibt überraschend. Polus ist auf dem Cover von van Baerles Buch die Stätte von zwei ausschlagenden (schwingenden) Figuren, die ambigue/ polar sind. Herkules (rechts) ist, wie Samson, einer, der rasende bis reissende Episoden hat. Chronos/ Saturn (links) ist der melancholische Regent des polus, er verzehrt seine Kinder.
Das Motto indeffessus agendo kann, wie bei einem Motto üblich, wörtlich und tautologisch oder aber in übertragenem Sinne und widersprüchlich gelesen werden. Wörtlich hieße das, trivial übersetz: nicht müde/ aktiv, anders übersetzt: vom Handeln/ unermüdlich. Das ist ein (aus dem Kontext gerissenes) Zitat und es stammt von einem der wichtigen Warburginformanten, nämlich von dem antiken Schreiber bester (Ver-)Wechsel- und Kalendergeschichten, von Ovid. Das ist eine Passage aus dem neunten Buch der Metamorphosen, aus den Passagen zum Tod des Herkules (und seiner Verwandlung in eine Konstellation):
defessa iubendo est saeva Iovis coniunx: ego sum indefessus agendo/ Die grausame Frau des Jupiter ist des Befehlens müde; ich bin des Handelns unermüdlich. Man liest also: die Passage faltet das Verhältnis von Aktion und Passion/ Passivität/ Pathos auf. Bei der Lektüre ist nicht sicher, wo genau die Negation und wo genau die Affirmation zu platzieren ist und einrasten soll, bei den Aktiva oder den Passiva? Das Motto der Emblematik ist Beispiel einer Lektüre, die zwischen common sense,uncommon sense und common nonsense pendelt.





Du lado direito a rua direita, durch mörderische und reissende Szenen hindurch: (1) Mercators Übersetzung des Atlas, (2) Rua Mamede Simoes in Recife (Tatort des Mordes an L. und Wohnort des Mordopfers B., (3) die Kreuzung Rua Chile und Tv. do Oliveira, Stätte einer harten Einführung in das Protokoll eines Entrees), (4) und (5) Tafeln aus Medicea Hospes (Medici-Gast, die Familie aus Florenz leitet sich aus einem Geschlecht von Medizinern ab, die wir als Dogmatiker sehen, soweit sie Erfahrungstechniker sind)
II.
Georges Didi-Huberman hat einen seiner Kommentare zu Aby Warburg dem Atlas und einer fröhlichen, unruhigen Wissenschaft gewidmet. Ich spreche von dem Buch Atlas ou le gai savoir inquiet, das ist der dritte Band seiner Reihe zum Auge der Geschichte. Zum Atlas hat er auch eine Ausstellung gemacht (Link: in einem Interview, bei dem er vor einer der beiden Staatstafeln, Tafel 79, steht, führt er in das Thema ein).
Didi-Huberman arbeitet u.a. an Aby Warburg das Verhältnis zwischen Bildern und Wissen heraus, also auch das Verhältnis der Rechtswissenschaft zu Bildern. Mehr noch: Er arbeitet heraus, was man dank und durch Bilder vom Recht weiß und vom dem, was kein Recht und/ oder was unrecht ist. Seine Frage lautet also auch, was man dank und durch Bilder vom Mord, sogar vom Holocaust und Genozid weiß (dazu vor allem sein bahnbrechendes Buch Images malgré tout, siehe dazu Link mit Abbildung der vier untersuchten Fotos aus Auschwitz).
Bei Aby Warburg ist das Atlas entweder ein Objekt der Bild- und Rechtswissenschaft oder aber, ich nehme jetzt wieder den Begriff von Susan Leigh Star, ein Grenzobjekt (boundary-object), an dem Wissen geteilt, bestritten und aufgebracht wird. Didi-Huberman entwirft in seinem Kommentar zum Atlas auch eine Archäologie des Atlas, mit der die Frage, was daran modern ist, auch leicht und lässig in den Hintergrund treten kann. In den Vordergrund tritt, bei Warburg, die Assoziation von Tragen, Trachten und Tragik, die Warburg vor dem Hintergrund seines Interesses an Unbeständigkeit und Polarität einerseits und in Bezug auf seine Vorstellungen von Distanzschaffen und Verleibung andererseits denkt. Was trägt, das trachtet auch (auf Tafel 79 deutet Warburg das Tragen (der Patti Lateranensi/ Lateran Treaties) mit dem zentralen Scharnier dieser Tafel und in Form des ‚kleinsten Buchstaben des Alphabetes (dem yod)‘ weiter zum Zug/ Schwung/ Treiben und Händeln aus. Das Tragen ist kein Verhalten, dass den großen Ordnungen des Allgemeinen und seiner Stabilität entspricht. Das Tragen treibt, händelt, bestreitet und bringt auf – und bringt Subjekt und Objekt in eine Dynamik, die, so eine These, Gilles Deleuze in Differenz und Wiederholung scharf von der Ordnung des Allgemeinen unterscheidet (kein Zufall, dass Deleuze dort auf die Referenz verweist, auf die auch Warburg verweist, nämlich auf Thomas Carlyle und dessen Sartor Resartus mit den Kleidermotiven).
III.
Dieses Tragen ist ein Trachten, es ist nicht stabil und stabilisiert nicht. Dieses Tragen, also ein besonderes, geht mit Unbeständigkeit und Polarität um und mit Unbeständigkeit und Polarität einher. Warburg hat u.a. in Notizen zum Kreuzlinger Vortrag das Tragen auch mit der Tracht assoziiert, also in dem Fall dem bewegten Beiwerk und jenen Elementen des Körpers, die für das Distanzschaffen und die Verleibung Scharnieroperationen (Lutz/ Siegert) übernehmen, weil sie an den Leib anschließen und zur selben Zeit ins Milieu oder die Umwelt übergehen, also selbst Scharnier sind. Gemeint sind Fingernägel und das Haar, die Warburg dann nennt, wenn er am eigenen Körper über seine eine Frage nachdenkt (die Frage, die immer zu übersetzen wäre). In diesen Notizen assoziiert er Tragen, Trachten und Tracht auch mit der Tragödie. Das Tragen ist es, das die Frage nach dem Distanzschaffen und der Verleibung nicht nur händelt, sondern auch aufwirft. Das gilt auch für das Trachten und die Tracht. Das, was am Wesen seine Grenze ist, dazu noch Grenze für alles weitere (also etwa für die Stelle, an der Aktion/ Akt/ Aktivität/ Agency in Passion/ Pathos/ Passivität kippt), das ist dem Warburg unbeständig. Umfangbestimmung ist für Warburg ein elementares Problem, die Teilung der Symbole ist ihm ein elementares Problem. Ich lese das Motto zu den ‚post-doc-Notizen‘ (Du lebst und thust mit nichts) so, dass dieses Motto auch ihn, seine Nägel und Haare, seine Kleidung und die Tafeln, also alles und jeden adressiert, sobald die Teilung der Symbole betroffen ist. Warburg sagt nicht nur der Schlange, dass sie lebe und ihm nichts tue. es sagt es auch seinem Haar und seinen Fingernägeln und Fingern, seinen Augen und seinen Händen, seinem Anzug. Er sagt das auch dem Bild, dem Tisch, dem Teller, dem Tablett und auch sich selbst, seiner Maske, seiner Person, seiner Verleibung.
Warburg sagt das Motto auch sich selbst, weil der Satz Motto und dazu noch eine „Meditation“ ist (Bruno Lima). Warburg ist in dem Satz das Subjekt und das Objekt des Satzes, und weil der passionierte Akteur dieses Satzes ist. Warburg ist auch der Atlas, den er stellt. Er hat, man sollte das mit Thomas Melles Buch Die Welt im Rücken lesen, die Welt im Rücken. Der Melancholiker Warburg, der durch Emil Kraeplin ab Frühjahr 1923 als manisch-depressiv beschrieben wird, ist von einer, von seiner Frage getrieben, weil die Symbole in Episoden ihm nicht nur auf den Leib rücken, sie rücken ihm ein. In anderen Episoden rücken sie ab, sie ziehen ab, sogar ihm ziehen sie etwas ab.
Auf welcher Linie oder mit welchen Linienzug Warburg an seine kommt, dafür aber seine Umgebung einen Anfang oder einen Anstoß findet, wo sein Organisches endet und das Anorganische und Unorganischen anfängt, wo das, was lebt, endet und das, was tot oder der Tod ist, anfängt: Das steht nicht nur in Frage, das ist die antreibende, die eine, seine Frage. Die Frage nach dem Distanzschaffen auch die Frage nach der Verleibung.



Der Atlas ist Person und Ding. Er kommt so und so vor.

Man sollte die Anregungen von Aby Warburg und Didi-Huberman aufgreifen, wenn man zu Graphien als Elementen juridischer Kulturtechniken forscht, also zum Beispiel zu Linienzügen forscht, die man zwar als Schrift und Schreiben vesrtehen kann, die aber nicht unbedingt als Schrift oder Schreiben verstanden werden müssen. Zumindest werfen solche Graphien mit der Frage nach der Schrift und dem Schreiben auch die Frage nach der Figur der Schrift auf, also danach, was an der Schrift Schrift im übertragenen und damit auch vergehenden/ vorübergehenden oder episodischen Sinne ist).

Aby Warburg und Didi-Huberman registrieren den Atlas als ein Objekt der Rechtsgeschichte und der Rechtstheorie – und sie halten insoweit den Druck aufrecht, mit dem man Caspar van Baerle in Register der Wissenschaften einordnen, zur Not umsortieren soll. Aus meiner Perspektive führen die Thesen von der Ausdifferenzierung und von der Fragmentierung in Sackgassen oder Aporien oder in unproduktiven Fragen der Art, ob etwas eher kulturwissenschaftlich oder eher rechtswissenschaftlich geschrieben wurde und gelesen werden sollte. Auch dafür ist die Unterscheidung zwischen juristischen Methoden einerseits und juridischen Kulturtechniken anderseits angelegt. Diese Unterscheiden operiert mit einer Formel, deren Eigenschaft darin besteht, mit zwei Begriffen aufzutauchen, die nicht nur ähnlich, sondern leicht zum Verwechseln sind. Das Juristische und das Juridische sind auseinanderzuhalten, weil sie sonst noch durcheinander bleiben. Juristische Methoden sind dem Recht eigen, sie zeichen rechtliches Wissen exklusiv aus. Deutsche haben dazu den Triumph der formalen Rationalität und der Ausdifferenzierung entwickelt, mit dem sie etwas für sich operativ schließen und eine Trennung vollziehen, die zum Bestand der großen Trennung gehört. Der Streit der Fakultäten oder der Bilderstreit: durch Ausdifferenzierung erledigt. Danach gibt es sogar Gesellschaften, die den Triumph der Ausdifferenzierung nicht geschafft haben sollen oder die ihn wieder verlieren können. Luhmann spricht in Bezug auf das Recht melancholisch vom möglichen Verlust von einer ‚europäischen Anomalie‘.
IV.
Die juridischen Kulturtechniken kooperieren. Anders als der Begriff der juristischen Methode soll der Begriff der juridischen Kulturtechniken nicht an die Bedingung geknüpft sein, autonom, autopoietisch, modern und ausdifferenziert zu sein. Juridische Kulturtechniken kooperieren: die Begriff der Kultur behält hier die antike Bedeutung, in der Kultur ein Anhängsel von etwas ist, sei Kunst, Recht, Hefe oder was auch immer. Kultur konkurriert insoweit nicht mit dem Begriff der Gesellschaft, der Nation, der Gemeinschaft oder der sozialen Ordnung. Was der Begriff des Grenzobjektes betont, das betont auch der Begriff der juridischen Kulturtechniken. Ihre Operationen sind ein Mitmachen, also elementar von Akten, Aktion/agency einerseits und Passion/ Passivität/ Pathos andererseits durchzogen. Diese Techniken und alle ihre Elemente kommen mit dem Recht und ohne Recht vor. Sie lassen erfahren, was auch Anthropologen erfahren, nämlich das alles, was im oder mit Recht vorkommt, auch ohne und außerhalb des Rechts vorkommt, nur in anderen Reihenfolgen (nicht nur im Recht, sondern auch, um ein paar naheliegende Doppelgängereien zu nennen: im Regen/ Reigen/ Reisen/ Reiten/ Reissen/ Reizen/ Reichen/ Rasen/ Ragen/ Rächen und Rechnen). Das heißt nicht, dass das Recht eigenschaftslos, leer und indifferent wäre, das Gegenteil bleibt der Fall. Das heißt, dass das Recht eigenschaftsfrei ist und in vergehenden und vorübergehenden Details seine Unterschiede ‚leben‘.
Sie haben die Welt im Rücken, zumal eine, die im Rücken wellt und atlantisch ist: Diesen Bildern von Sklaven werden im Archiv keine Namen assoziiert. Die man sieht, die schneiden Zuckerrohr, schieben jeweils drei Stöcke ins Mahlwerk, pressen Saft heraus und bringen ihn in Öfen zum Sieden. Sie sorgen dafür, dass der Sirup kristallisiert, verpackt und auf Karren und Schiffen verladen wird. Sie produzieren Zucker. Der landet im Kaffee, im Tee, in Keksen und später bei den ‚Frühstückscerealien‘ der fleissig (auf-)quellenden Quaker. Sie produzieren Zuckerhüte.




Bevor Öl und Gas das Materiel ‚billiger‘ (d.i. durch niedrigen Aufwand gewonnener) Energie wurde, wurde Zucker das Material billiger Energie, und wo billige Energie ist, da ist mit Billigung und Billigkeit (decorum) auch energeia und enargeia. Da ist Skalierung und Stratifikation mit hohen und niedrigen Werten erfahrbar. Albert(o) Henschel, geboren in Berlin, öffnet sein Atelier in Recife 1866 und steigt zum brasilianischen Hoffotografen auf. Er produziert also, wie Caspar van Baerle, art officiel. Er arbeitet, ebenfalls wie van Baerle, studio- und bürokratisch, und er macht so Regierung, Regen, Regime und Recht mal direkter und mal indirekter sichtbar. Seine Photographien werden Bestandteil der Berliner Völkerkunde, Anthropologie und Ethnologie. Sie werden in dem Anthropologisch-ethnologischen Album in Photographien von Carl Dammann und der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte aufgenommen.
Caspar van Baerle ist ein frühneuzeitliches Beispiel aus der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken und dazu ein Beispiel entfernterm barocker Zeit. Er ist ein beispiel für jemanden, der dem Recht und der rechtswissenschaft einen Atlas und Kartographien erstellt. Alberto Henschel ist so ein Beispiel aus bürgerlich-liberaler Zeit und ihren Arrangement des Sklavenhandels, denn die Bilder sind vor 1888 entstanden. Aus anders entfernten Zeiten wären Forensic Architecture aus London und ihr Berliner Ableger zu nennen. Eyal Weizman, der Gründer von Forensic Architectur, hat in seinen ersten Publikationen explizit Cornelia Vismann als Anregung genannt.
Wie unruhig der Atlas und die Kartographie ist, das wird aus einem zeitlichen Abstand, der ’sicher‘ [? Anm. FS] Jahrhunderte umfasst, nicht so schnell deutlich. Im anderen Abstand wird es grell, etwa in den Kartographien, die Forensic Architecture zu Genozid und Gaza anlegen, wie hier: Cartography of Genocide. Was bei van Baerle Herkules ist, das wäre in Gaza Samson, eine Figur des Covers.

V.

Die Vorschriften zu der Lektüre, die ab der ersten Garbe zählt, die finden sich in Leviticus 23:9–21 und Deuteronium 16: 9-12. Die Episode ist von Katastrophen geprägt, der Aufstand im Ghetto fällt in diese Zeit. Das Blatt bezieht sich auf die Zeit ( es sind mit Sonne und Mond berechnet 49 Tage, vom zweiten Tag des Passover bis Shavout bezieht), genauer gesagt auf Spätwinter- bis Frühlingszeiten. Man sieht eine (Ver-)Wechslung zwischen Samson und Atlas und… Kalendergeschichte.
Der Atlas operiert diagrammatisch, diagraphisch und diagonal. Er ist also nicht eines der Medien, auf die man die große Trennung aufbaut, weil er keine reine Sprache, kein reine Schrift, kein reines Buch ist und weil, was Zeiten in ihm betreffen, Computisten seit der Antike an ihm mitarbeiten. Ein Atlas zeichnet mit der Geographie Historiographie auf, Raum und Zeit bleiben in ihm elementar relativ.

VI.
Bruno Vieiras (hier akademische Informationen) fruchtbarer Forschungsaufenthalt 2025 kommt seinem Ende entgegen. Das wollen wir zum Anlaß für eine kleinen, spontanen Workshop über den Atlas im Nordosten Brasiliens, über juridische Kulturtechniken und über den Epistemizid nehmen. Vieira ist, wie van Baerle, Henschel und Weizman, einer, der in Doppelgängerei zum Recht und zur Rechtswissenschaft ausgebildet ist, nämlich in Psychologie und Journalismus. Das hält ihn, wie die anderen, nicht davon ab, etwas vom Recht zu wissen und Rechtswissenschaft zu betreiben. Er befasst sich mit dem Epistemizid und mit einer Frage, die Pierre Legendre in einem Buch über das Verbrechen des Gefreiten Lortie so formuliert hat: Was wissen wir vom Mord?
Vieira: der Name ist Programm. Der Name wird Begriff (und ein Begriff wird Name). Er bezeichnet in einer lexikalischen Spur eine Jakobsmuschel . Sie ist das Objekt, auf dem Venus Aphrodite (die Schaum-, Wellen- oder Brandungsgeborene) schifft und das u.a. Sandro Botticelli auf dem Gemälde malt, zu dem Warburg promoviert. Diese Muschel (eine Verwandte der Schnecke) ist arche/ Träger/ Port der pellegrini und pendolari, die als (Be-)Sucher zum Heiligen oder Distinkten pendeln und wieder zurück.
Am Namen und Begriff Vieira lautet noch etwas mit, nämlich wie ira. Bruno Vieira forscht am Irren, Irritieren, Irrisieren, Wirren, Klirren, Flirren und Schwirren, also einem sedimentären Komplex, dem im Sanskrit das ir gewidmet wird. Das ist eine Verbalwurzel, die das bezeichnen soll, was in Bewegung setzt; das Schriftzeichen sieht so aus: ईर्.
Wie alles, so lässt sich ईर्. in hohen und niedrigen Versionen übersetzen, man kann sich eher akustisch und eher optisch orientieren (je nachdem, welchen Technik man für höher entwickelt und welche man für niedriger entwickelt hält). Episodisch wird ईर् zu Zorn (also zu dem, was Achilles antreibt), als Wut/ Wüten/ Wüsten, aber akustisch orientiert, auch als Irren, Wirren, Schwirren und Klirren, als Zittern sogar (um aus der ebenfalls ausschlagenden Mimesis der Letter nur eine Spur aufzugreifen), denn auch damit setzt Bewegung ein, zumal ein, die nicht direkt, nicht dirigiert und damit das ist, was Achilles antreibt.

Bruno Vieria arbeitet an einem Projekt zur Geschichte und Theorie des Mordes, dessen Stärke ich in den journalistischen und psychologischen Protokollen sehen, also in den Aufzeichnungen/ Schreiben und damit in den Objekten und Techniken, etwas zu erfahren, erfahren zu lassen und erfahren zu machen. Vieira greift mit der Frage nach dem Mord eine Auseinandersetzung auf, die eine alte Geschichte ist, zu der es keinen Konsens geben wird, weil sie um den Mord und mit dem Mord stattfindet. Ich kann die Stärke der Projekte, die sich mit der Geschichte und Theorie des Mordes befassen, nicht in einer Stellungnahme sehen, obschon die mitlaufen wird, anders geht es nicht, der Forscher ist und bleibt situiert. Aber wer der Täter ist und wer das Opfer ist, wer gar den Mord in die Welt gesetzt hat und wen dieser Einsatz getroffen hat, das zu beantworten, kann einem Projekt soviel Spitze geben, wie es ihm Angriffsfläche gibt.
Diese Frage wird dem Projekt Engagement und Aktivismus geben, aber zu Engagement und zum Aktivismus soll meines Erachtens auch das Degagement und der ‚Passivismus‘ kommen, zumindest dann, wenn man auf das Problem hin orientieren will und dieser Orientierung nicht durch den Schirm einer Lösung verstellen will. Von einem würde ich ausgehen, nämlich dass das Projekt mit jenen Wesen zu tun hat, die aufsitzen und doch ausschlagen, auch in Zukunft. Die Stärke eines solchen Projektes kann sich meines Erachtens da entwickeln, wo man das historische Material als das behandelt, was heilig ist, indem man detailliert an Details arbeitet. Vierira arbeitet an Orten und Zeiten kleiner Entfernung, nämlich an dem Milieus, ‚dessen Luft er atmet‘ (Walter Benjamin), wie zum Beispiel dem Milieu der juristischen Fakultät in Santo Amaro in Recife, genauer gesagt an der Rua Mamede Simoes. Dort hat sich ein Mord ereignet, den Vierira zu einem der in Bewegung setzenden Irrungen, Irritationen und klirrenden Momenten seiner Untersuchung macht. Seine Fragestellung richtet sich darauf, wie das Wissen am Mord kooperiert, bis hin zu Figur des Epistemizides, eines Mordes am Wissen, der wiederum den Mord am Menschen antreiben soll. Das ist, das dürfte klar sein, ein großes Projekt und ein Langzeitprojekt und das macht das Projekt zum Indiz dafür, dass Vierira dieses Projekt nutzt, um der einen seinen Frage nachzugehen. Aus der Perspektive einer Bild- und Rechtswissenschaft, die sich an Aby Warburg und Cornelia Vismann orientiert, ist das ein hochattraktives Projekt.
Ich nehme das zum Anlaß für eine Präsentation, die sich mit dem Atlas als Element juridischer Kulturtechnik und der Kartographie als juridischer Kulturtechnik befasst. Das Element des Atlas ist bolisches Element, vagues Element, polares Element. Ein Atlas, so macht das u.a. Warburg deutlich, trägt und trachtet Tragisches. Vieira ist selbst ein Atlas, arbeitet am Atlas und erstellt Kartographien zum Mord und zum Epistemizid an den niederen Stätten brasilianischer Städte.

Zwei Beiträge auf kleinem Workshop am MPI, der am 24.10 Oktober von 10.00 -13.30 stattfinden wird.















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