1.
Brigitta Erfurt war eine zauberhafte Frau. Sie hatte eine Stirn, die man küssen wollte und küssen konnte, zumindest wenn sie sich einmal durchgerungen hatte, ihren Witz in einem Vortrag vor großem Publikum auszuspielen. Solange die Leute klatschten, konnte man an sie herantreten und ihr die Stirn küssen, also Dichtung feiern. Frau Erfurt war die Mutter von Hubertus, das ist ein alter Freund von mir (und Mäzen der Bildregeln von 2009). So ergab sich zwar nur einmal die Gelegenheit, ihre Stirn zu küssen, aber oft die Gelegenheit, ihren Witz zu bewundern und ihre Ratschläge aufzusaugen. Fabian, sagt sie, wenn dich Leute in ihr Heim einladen, es stolz vorführen und sie dich dann mit einer Aufforderung in die Verlegenheit bringen, jetzt einmal selbst und mit eigenen Worten zu sagen, wie du das alles findest, dann gehe gezielt zum Fenster und sage: Sie haben einen unheimlich schönen Garten! Das ist Anfängerübung, die soll lebenslänglich geübt werden, damit man’s nicht zu schnell, nicht zu langsam, sondern genau richtig sagt.
Wie komme ich darauf? Rat ist eine feine und doch schmale Spur, schnell ist man auf Abwegen. Dass ich mit der Art und Weise, wie deutsche Staatsrechtslehrer der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken begegnen, nicht wirklich versöhnt bin, kann man als bekannt voraussetzen. Vollständig unversöhnt trifft es besser. Diese Forschung ist zwar eine Wissenschaft des Kontrafaktischen, aber auch eine Wissenschaft des Bildens, der Bildgebung und des Instituierens. Im besten Fall heisst es mit karger Großzügigkeit, da sei eine Nachbarwissenschaft, die sei ‚total interessant‘ (Motto: Sie haben da draußen aber einen schönen Garten!) und es sei ja sehr ärgerlich, dass wir aus der mit eigener Kraft operierenden Rechtswissenschaft abgedrängt seien (danke, tschüss, wer solche netten Anteilnahmen hört, kann, soll und muss nicht mehr beschimpft werden). Im schlimmsten Fall ist es Staatsrechtslehrern zwar völlig wurst, was wir machen (noch währt das Glück an und noch ist nichts Schlimmes passiert), aber sie sagen dann dennoch was dazu und veröffentlichen es auch noch, ohne jeden Kummer oder Sorge darüber, ob sie nicht mehr ernst genommen werden könnten (und schon ist futsch der glückliche Moment). Nicht versöhnt, never! Damit nicht. So. Anders eventuell schon, aber so etwas zeigt nur die Zukunft.
Vorteil? So habe ich immerhin catchy CC (Reiberessource!), jenen immer willkommen Stoff für Abarbeitung, den ich mir fleissig und redlich verdient habe. Zum Stolz hin drehe ich diesen Stoff vor meinen Augen und mit meinen Händen, das dürfte inzwischen auch deutlich sein.


Tausend Tage und Nächte auf See,
das Land kommt nie zurück.
’ne Menge Mädchen [Medien, Anm, FS] war’n dabei und lachen,
viel zu schön um zu gehn.
Wir war’n so hungrig, wir war’n so kalt,
wir wollen nie zurück,
und jetzt treiben wir uns rum auf dem toten Schiff
und warten bis die Zeit vergeht.
Der Rote Hugo hängt tot am Seil,
die Leiche stinkt nach Shit.
Wie’n weisser Engel, schön wie Schnee hängt er da
eh, du tust ihm doch weh!
War’n wilder Kerl mit feuchtem Blick,
doch der kommt nie zurück.
So schreib‘ dein Leben auf ein Stück Papier
und warte bis die Zeit vergeht. (Spliff, Deja-Vu, 1982)
2.
Es kursiert nun die These, Kulturtechnikforschung sei für die Wissenschaft das, was falsch-verstockte sowie ‚anormale‘ Staatsrechtslehre für richtige, experimentelle und ‚normale‘ Staatsrechtslehre wäre. Zu sehr an Macht, Willen, Staat und Souveränität interessiert, zu wenig an Gesellschaft und Experiment interessiert. Und wer hat’s erfunden? Not my personal Jesus, but my personal Laios, King of Thesen.
Der Staatsrechtsexlehrer aber immer noch akademische Papa (einmal Papa, immer Papa) Vesting bringt mich damit regelmäßig nicht auf die Palme, sondern unter die Palmen, und zwar direkt an solche Stellen, an denen manche eine Law Clinic (unter Palmen) einrichten, wo ich aber viel eher eine Lawbar (unter Palmen) einrichte. Wenn ich mal wieder lese, wie er Kulturtechnikforschung und Staatsrechtslehre liest und die guten ins Töpfchen und schlechten ins Kröpfchen packt (um dann einen auf den Deckel zu bekommen), dann schubst es mich zum Rasen und Reisen: auf nach Recife, in die Hauptstadt der Schiff- und Lichtbrüchigen. Hinein in die irrisierende Sicht und Stätte chromatischer Aberration (schreibt man das so? Frage FS). Auf nach Arraias, wo der akademische Sohn (so sage ich das jetzt mit mutiger Stolzanmaßung) Ricardo Spindola sein Zentrum für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken baut, an den Rändern, wo sonst? Allerdings: dass die zwei anderen der Stooges, Ladeur und Augsberg, beständig Vestings Qualitätskontrolle passieren, das freut mich durchaus. Da hat er ja auch recht, die sind schon auch toll.

Dogmatisch grundsätzlich gefragt: Wie viele Stooges gibt es eigentlich? Drei oder vier?
Ernst beiseite. An sich ist es ganz gut, wenn Raster schwächeln. In Vestings Bemühen um eine Geschichte und Theorie permanenter Reformation reibt sich aber etwas zwischen den Stühlen ab, wohl wegen des besten Willens, zwar Staatsrechtslehre wahrzunehmen aber beim besten Willen keine Experimente erkennen zu können, selbst wenn sie vor Augen geladen sind.
„Rein normativ“ (Thoms Vesting“ ist nüscht, wenn man Normen und Normalität als Formen und Formalität versteht. Dann taucht, wie Schatten, Fleck, Kondensat oder Rückseite an Formen das Kalkül auf; zu ihrer (der Formen, beide Genitive) Information taucht ihr ‚Nöseln‘ (noise) auf und dasjenige, was kaum in Form oder im Formen gebracht, afformativ streicht bis zuschlägt. An Unterscheidungen klebt etwas, wie an Klingen, die durch Torten fuhren. Unterscheidungen kosten etwas, wie die Münder, die etwas kosten. Aber auch wie die Wunden, die kosten was, sind oft ja sogar selbst die Kosten.
Victor Loxen (das ist der mit dem halb geöffneten Mund im Merkur) hat am 18.3. in der FAZ einen Text veröffentlicht, eine Art Replik auf die Richtung, die Vestings Arbeiten im Rahmen seiner Beschäftigung mit Kultur, Medien und Persönlichkeitsidealen, vor allem aber auch mit dem Muster einer Unterscheidung zwischen römischer Verstocktheit und anglo-amerikanischer Zugkraft genommen hat. Loxens Text kann treffen, als Replik ist er aber freilich von den Voraussetzungen angerührt. Vestings Raster liest Leute dümmer als sie sind, damit liest er Texte dumm, damit sie auf das Brett passen oder aber, mit Vismann gesprochen, dem velum durchgehen. In einer Verteidigung derer, die er abfertigt, kann man ihn auch dumm lesen, das übernehme ich sogar als Amt, soweit es seine Auseinandersetzung mit dem betrifft, was mir Herzensangelegenheit ist, also Kulturtechnikforschung, Bilder und Russland zum (vorläufig abschließenden) Beispiel. Außerhalb dieser Verteidigung sollte man aber widerstehen, sich von den Konditionen eines Autors, der Staatsrechtslehre wahrnimmt und aus so einer amtlichen, allzu amtlichen Perspektive im Namen der Gesellschaft, im Namen von Kulturen und im Namen von Medien spricht, anrühren zu lassen. Fällt mir nicht leicht, aber: außerhalb der Verteidigung dessen, was im Raster Staat vs. Gesellschaft platt gebügelt wird, wäre Vesting schlau zu lesen. Kann das jemand übernehmen, ich meine jetzt ausser den beiden Kollegen aus der Sandburg Kampener Art? Ich werde es vorläufig nicht tun.
3.
Also Anfängerübung. Im Flugzeug folgende Lektüre von Cornelia Vismann:
Dieser Text ist, wie alles von Vismann, ein Anfangen, ein, wie Bianca Lanz hätte sagen können: Lanzieren (d.i. u.a. pflügen oder traktieren). Immer wenn etwas anfängt, dann fängt auch das Recht an, soweit Lancieren eine juridische Kulturtechnik ist (und davon gehe ich aus). Dieser Text ist ein Beispiel für das Schreiben, das ich nicht nur mit Cornelia Vismann verbinde, sondern dass mich mit Cornelia Vismann verbindet, und zwar anfänglich und lancierend.
Mit Vismann hatte ich, auf Wunderwirken von Peer Zumbansen hin, in Frankfurt zwar schon zwei Seminare veranstaltet, eines zum Kommentar und eines zur Repräsentation (incl. Paranoia und Schifanoia). Wir hatten auch unseren jour fix, jeden anderen Mittwochabend in jenem langezogenen Wundergeschäft. Es hatte die Räume von Melusine Huss übernommen, die einmal Fixstern und Wanderplanet in Bockenheim war, Brock liebte sie. Huss war zwar gone with the wind, aber andere hatten die Buchhandlung in Bar verwandelt und sonst nix geändert. Wo sonst als da hatten Cornelia und ich unseren jour fixe an kleinen Tischen? Mein Eingeschüchtertes war nach diesen zwei Seminaren wohl soweit weggetreten, dass Vismann das vertragen konnte. Sonst hätte sie mich wohl nicht nach Stuttgart eingeladen, zu mehr. Nachdem sie in einem Seminar einen Studenten mit der Bemerkung, er verstopfe mit seinen blödsinnigen Beiträgen diese Veranstaltung, er solle sich sich mal zügeln oder gehen, abgeduscht hatte, hatte sie aber auch deutlich gemacht, dass sie eine äußerst kontaktvereinfachende Eigenschaften besaß: Sie musste niemandem gefallen. Sie kam ja auch so an das, was ihr gefiel.
Und sonst, was begeisterte mich noch? Unterricht hat auch mit Türen zu tun, sogar solchen, die (zu-)knallen können und als Öffnung eines safe space zur Karikatur dessen werden, was Institutionen einem so abverlangen und bieten. Ihr Schönes, dass der Bildungs-Anstalten, kommt ja auch so vor, mit knallenden Türen, nur noch schöner. On the making of law in chanceries heißt einer ihrer ersten einschlagenden Texte, indem der Titel schon ankündigt, dass es weniger um Macht, Willen und Souveränität, sondern um’s Machen und Begehren geht. Oder so: Es geht ums Kellergeschoss, die Zonen des Küchenpersonals, des Archivs und der übrigen Helferlein. Nicht (wie es bei Schlingensief hieß), Scheitern als Chance, sondern canceln als Chance, und zwar für dasjenige, mit dem sogar die Dänen auf ihrem Land ihr Land bauen wollen. Lov, Lov, Lov.
In diesem Text zu den Bildregimen sind mir wichtige Motive angelegt: Eine Doppelung und Spaltung der Wissenschaft, die auch als und über Schichtung und Skalierung verstanden werden kann. Da kooperieren am Recht rhetorische Institutionen (Qs Codierungen des decorum z.B.), da hat der Begriff der Souveränität eine hohe und eine niedrige Version, kommt also einmal als Souveränität ganz groß vor, dann klein als Helferlein und Powerpointfolie, eben aus dem Soutterrain der Wahrnehmung von Rechten. Es gibt zwar juridische Kulturtechniken ohne juristische Methode, aber keine juristische Methode ohne juridische Kulturtechniken.
Ach war das toll damals in Stuttgart, da habe ich Friedrich Balke kennen gelernt (der jetzt gerade wunderbar mit unserem Augustgast the next big Friedrich (Weber-Steinhaus) an einer Publikation zu Karl Kraus zusammenarbeitet. Oh, Claudia Blümle war dabei, die mit der Vortragskunst, deren Timing exakt der Präzision eines Schweizer Uhrwerks entspricht, da kommt sie allerdings auch her, das muss so sein. Mit der habe ich gerade auch kooperiert, das nächste Heft der Bildwelten des Wissens befasst sich nämlich mit der (!) Bild- und Rechtswissenschaft.
Papa braucht meines Erachtens keinen Rat. Einmal Papa, immer Papa, ihm vertraue ich auch so. Wenn Papa davon ausginge, dass eine Publikation in Der Staat (zur Erläuterung: Das ist eines der grabartigen und sackgassigsten Organe weltweit, eine deutsche ‚Zeitschrift‘, wie’s deutscher kaum geht) und seine Auseinandersetzung mit dem Kampf zwischen der Souveränität der Anderen und der eigenen Experimentierfreudigkeit für ihn nicht produktiv wäre, dann würde er es nicht tun. Wenn er nicht meint, dass seine oder Ladeurs Staat vs. Gesellschaft-Linse (so eine Art Tilt-Shift-Objektiv von Canon) ihm nicht produktiv wäre und ihm nicht Wahrnehmung von Lebensformen ermöglichen würde, dann würde er es nicht tun. Davon muss man doch ausgehen. Mir erscheinen seine Annahmen eher unwahrscheinlich, aber dem unversöhnten Söhnlein brilliant muss ja auch nicht produktiv sein, was dem Papa produktiv ist. Klingt ein bisschen trivial. Die Situation dieser Anmerkung sollte man sich aber wie folgt vorstellen:

Aus dem Stuttgarter Anfang damals habe ich mitgenommen: Es gibt immer mindestens zwei Vismanns, eine große und eine kleine, eine hohe und eine niedrige, eine sublime und eine subtile. An beiden Anteil haben, oder, wenn die Wahrheit begehrt wird, an beidem nicht teilhaben, das ist die ciceronische Formel rhetorischer Institutionen (aus: Orator) zum Umgang mit solchen ausschlagenden Wesen. Es ist gut möglich, dass Vestings Methode exakt darauf zielt, ich erkenne es im Wald nur nicht, bin vielleicht selbst zu Baum.
Mit mindestens zwei Passagen erscheint Vismann, mit mindestens zwei Scheinen, z.B. bedruckten und gestempelten Unterlagen passiert sie. Seit damals: the Vismanns two visas immer dabei und im Herzen. Im Radio lief „You’re so vain“ und wir haben zwei Tannenzäpfle getrunken, sie eins, ich eins, und wir waren doch nicht in Berlin. Alles blieb Stuttgart, und am Ende führten Balthasar Hausmann (Cornelias Ehemann) und sein Bruder mir vor, wie Hegel im Alltag geklungen haben muss. So sprechen Stuttgarter Brüder nämlich, wenn sie gemeinsam in der Küche sitzen und hinreichend kurz vergessen, dass ein Gast aus Wuppertal dabei ist, der vielleicht auch etwas vom Gespräch mitbekommen wollen könnte. Hinreichend kurz: Die Erfahrung wurde nicht gekappt, Übersetzung hielt an. Was will man vom Symposium mehr?
Man muss nicht explizit und theoretisch von Experimenten, subjektiven Rechten und Autoren reden, Implikation und Praxis tun’s nicht nur auch, mehr noch!
Die Kulturtechniken sind nicht nur älter als die Begriffe, die sie hervorbringen, sie sind auch vulgärer, subtiler, frivoler, burlesker, karnevalesker, frühlingshafter, venerischer, sommerlicher, winterlicher, herbstlicher, saisonaler, kalendarischer und meteorologischer als jener Begriff, der ausdifferenziert sein und für eine große Anzahl von Trennungen einstehen soll. In Kulturtechniken passiert ohnehin beinahe (d.i. zum Ende hin; bloß zielend, der Richtung nach, fast, im Vorübergehen) alles (Q: paene omnia decent). ‚Dizent‘ geht durch. Reden geht, Kulturtechnik geht. Die Leute machen es doch, also geht es auch. Wir gehen ja nicht nicht ins Museum, sogar im Museum gehen wir.
Die Begriffe und Theorien kommen von selbst. Man muss sich nicht gegen sie wenden. Mit Widerlegung muss man gar nichts zu schaffen haben. Von wem, wenn nicht von Frauen, können Männer lernen, das Worte tolle Parolen sind, das Machen aber noch viel besser ist. Ich denke, dass man in Sachen Staatsrechtslehre auf der Ebene des Expliziten, Begrifflichen, Theoretischen weder etwas ändern kann noch ändern muss. Die Staatsrechtslehre ändert sich ohnehin dauernd, und sie schnappt alles, was ansteht, doch relativ rasch auf, hurra! International, Interdisziplinär, Offen, Großzügig, Experimentell, Gerecht, Demokratisch, Normalität, Ausnahmezustand, Diversity, Unity, Solidarität, Freiheit, Sicherheit, Aufstand der Anständigen, Saubere Arbeit, Ökonomie, Kommunikation, Medien, Babys an Bord und schließlich Ladies first, James Last: that’s easy listening. Die Begriffe fallen leicht, alles kann unterschieden werden, die Leute tun es ja. Unsere Schüler kommen hochschulreif an, was sollen sie da noch beweisen, sie können alles an der Welt übertragen und verarbeiten. Auf der Ebene der Routinen etwas verrücken, in der Praxis der Übung und Wahrnehmung nur einen kleinen Schluckauf einbauen, sekundenweise Shklovskij, nur ein kleines Zucken zurück ins Surreale – dann hat man, wem auch immer, von mir aus auch der Gesellschaft, einen Dienst erwiesen. Nur einen, das ist aber einer von den Diensten, die zu übernehmen ich mir vorgenommen habe.




















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