1.
Brigitta Erfurt war eine zauberhafte Frau. Sie hatte eine Stirn, die man küssen wollte und küssen konnte, zumindest wenn sie sich einmal durchgerungen hatte, ihren Witz in einem Vortrag vor großem Publikum auszuspielen. Solange die Leute klatschten, konnte man an sie herantreten und ihr mit persönlich erteilter Lizenz die Stirn küssen, also Dichtung feiern. Frau Erfurt war die Mutter von Hubertus, das ist ein alter Freund von mir (und Mäzen der Bildregeln von 2009). So ergab sich zwar nur einmal die Gelegenheit, ihre Stirn zu küssen, aber oft die Gelegenheit, ihren Witz zu bewundern und ihre Ratschläge aufzusaugen. Fabian, sagt sie, wenn dich Leute in ihr Heim einladen, es stolz vorführen und sie dich dann mit einer Aufforderung in die Verlegenheit bringen, jetzt einmal selbst und mit eigenen Worten zu sagen, wie du das alles findest, dann gehe gezielt zum Fenster und sage: Sie haben einen unheimlich schönen Garten! Das ist eine Anfängerübung. So eine soll lebenslänglich geübt werden, damit man’s jeweils nicht zu schnell, nicht zu langsam, sondern genau richtig sagt.
Wie komme ich darauf? Rat ist eine feine und doch schmale Spur, schnell ist man auf Abwegen. Dass ich mit der Art und Weise, wie deutsche Staatsrechtslehrer der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken begegnen, nicht wirklich versöhnt bin, kann man als bekannt voraussetzen. Vollständig unversöhnt trifft es besser. Diese Forschung ist zwar eine Wissenschaft des Kontrafaktischen, aber auch eine Wissenschaft des Bildens, der Bildgebung und des Instituierens. Im besten Fall heisst es mit karger Großzügigkeit, da sei eine Nachbarwissenschaft, die sei ‚total interessant‘ (Motto: Sie haben da draußen aber einen schönen Garten!); oder so: es sei ja sehr ärgerlich, dass wir aus der mit eigener Kraft operierenden Rechtswissenschaft abgedrängt seien (danke, tschüss, wer solche netten Anteilnahmen hört, kann, soll und muss nicht mehr beschimpft werden). Im schlimmsten Fall ist es Staatsrechtslehrern zwar völlig wurst, was wir machen (noch währt das Glück an und noch ist nichts Schlimmes passiert), aber sie sagen dann dennoch was dazu und veröffentlichen es auch noch, ohne jeden Kummer oder Sorge darüber, ob sie nicht mehr ernst genommen werden könnten (und schon ist futsch der glückliche Moment). Nicht versöhnt, never! Damit nicht. So. Anders eventuell schon, aber so etwas zeigt nur die Zukunft.

In französischem Stil und französischer Sprache unterscheidet Descombe an der Macht etwas, nämlich ihre Konstitution und ihre Institution. Immerhin, diese Kontinentalen und ihre Raster!
Wir aber reden vom Machen, von poiesis – und dann von dem, was darin vorgeht, nämlich vom Instituieren, einem Wiederholungvorgang, einer Schlinge und einem Schlingen.
Wir reden also von Restitution, Reproduktion, Reparation, Reformation, Rekursion, Renaissancen, Remakes, Recycling, Regimen, Republik, Redaktion, Reduktion, Rediktion, Religion und Relation. Wir reden von denen: vom Reden, Recht und Regen, von Rhetorik, Rhea und Rhein. Wir reden vom Zug der Medien. Wir instituieren, d.h. wir reden durch’s Als-ob, wir reden aus dem Institutionenzoo, also wie Manfred Schneiders römische Dackelmutter, wir polarisieren.
Vorteil des Umstandes, dass deutsche Staatsrechtslehrer (mit den uns kostbaren Ausnahmen) der Kulturtechnikforschung begegnen, wie sie es tun?1 So gibt es immerhin catchy CC (d.i. Reiberessource!), jenen immer willkommen Stoff für Abarbeitung, den man sich fleissig und redlich verdient hat. Zum Stolz hin dreht man diesen Stoff vor seinen Augen und mit seinen Händen. Wir stehen nicht im Stau, wir sind der Stau. In Sachen Disziplin sind nicht nur die Kulturtechnikforscher Touristen, nicht nur sie begehren, was sie durch ihren Auftritt auch zerstören. Ich denke, dass jeder Staatsrechtslehrer von der entsetzlichen Schriftsätzlichkeit erfahren hat, also auch erfahren hat, wie das Denken, das ihm durch seine Hände und Augen rinnt, von anderen zu Beton gebunden und platt gemacht wird. Man kann jeden Text dumm lesen, jeden Text schlau lesen. Es ist nunmal so gekommen: Diejenigen, die sich selbst als unsere ‚Nachbarn‘ vorstellen (also diejenigen, die uns lieber Nachbarwissenschaftler als Maulwürfe nennen), die lesen Kulturtechnikforschung besonders platt. Man sagt ja auch, dass die meisten Morde in der Familie stattfinden würden.


Tausend Tage und Nächte auf See,
das Land kommt nie zurück.
’ne Menge Mädchen [Medien, Anm, FS] war’n dabei und lachen,
viel zu schön um zu gehn.
Wir war’n so hungrig, wir war’n so kalt,
wir wollen nie zurück,
und jetzt treiben wir uns rum auf dem toten Schiff
und warten bis die Zeit vergeht.
Der Rote Hugo hängt tot am Seil,
die Leiche stinkt nach Shit.
Wie’n weisser Engel, schön wie Schnee hängt er da
eh, du tust ihm doch weh!
War’n wilder Kerl mit feuchtem Blick,
doch der kommt nie zurück.
So schreib‘ dein Leben auf ein Stück Papier
und warte bis die Zeit vergeht. (Spliff, Deja-Vu, 1982)
2.
In Weimar muss 2012 eine Enttäuschung stattgefunden haben (mit üblichem Zaudern wurde es bemerkt), etwas für das Archiv der enttäuschten Erwartung. Das ist ja schon mal etwas. Ab 2012 nimmt etwas Fahrt auf und zieht im Schreiben an, wandert von einem Ort, wo es vorher war, also von Randbemerkungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit, setzt sich sogar noch in Ladeurs Texten fort, der das Thema Kulturtechnikforschung rasch aufgreift und als Überschätzung klassifiziert. Von da an begegnet uns seit 2012 ein Echo von den Fluren. Das ist nicht nur, aber auch lustig, vor allem [ich wechsel jetzt das Genre, Anm. FS] wenn das über einen Typus (nicht über eine Person!) kommt, der sich als Underdog oder aber als missverstandener Van-Gogh und Anarcho-Punk wähnen kann, sobald er nach dem Ruf auf eine C-4 Professur nicht noch Verfassungsrichter, oder aber, nach der Tätigkeit als Verfassungsrichter, nicht noch Bundespräsident wird. Staatsrechtslehre bietet Scheitern als Chance, auf höchstem Niveau! Ich schildere Phantasie und Typus, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig. Ich schildere das Echo, das Formeln nehmen.
Es kursiert dann aber später, nun durch echte Ereignisse und reale Personen, die These, Kulturtechnikforschung sei für die Rechtswissenschaft das, was falsch-verstockte sowie ‚anormale‘ Staatsrechtslehre für richtige, experimentelle und ‚normale‘ Staatsrechtslehre wäre. Zu sehr an Macht, Willen, Staat und Souveränität interessiert, zu wenig an Gesellschaft und Experiment interessiert. Und wer hat’s erfunden? Not my personal Jesus, but my personal Laios, King of Thesen.

Mein (erster) Chef BB II. und Melusine Huss (unten, zweite von rechts) (Plakat Frankfurt 2006)
Der Staatsrechtsexlehrer aber immer noch akademische Papa (einmal Papa, immer Papa) Thomas Vesting bringt mich mit seiner Rasterung regelmäßig nicht auf die Palme, sondern unter die Palmen, und zwar direkt an solche Stellen, an denen manche eine Law Clinic (unter Palmen) einrichten, wo ich aber viel eher eine Lawbar (unter Palmen) einrichte. Wenn ich mal wieder lese, wie er Kulturtechnikforschung und Staatsrechtslehre liest und die guten ins Töpfchen und schlechten ins Kröpfchen packt (um dann einen auf den Deckel zu bekommen), dann schubst es mich zum Rasen und Reisen: auf nach Recife, in die Hauptstadt der Schiff- und Lichtbrüchigen. Hinein in die irrisierende Sicht und Stätte chromatischer Aberration (schreibt man das so? Frage FS). Auf nach Arraias, wo der akademische Sohn (so sage ich das jetzt mit mutiger Stolzanmaßung) Ricardo Spindola sein Zentrum für eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken baut, an den Rändern, wo sonst? Allerdings: dass die zwei anderen Stooges, Ladeur und Augsberg, beständig Vestings Qualitätskontrolle passieren, das freut mich durchaus. Da hat Vesting ja auch recht, die sind schon auch toll.

Dogmatisch grundsätzlich gefragt: Wie viele Stooges gibt es eigentlich? Drei oder vier?
Ernst beiseite. An sich ist es ganz gut, wenn Raster schwach werden. In Vestings Bemühen um eine Geschichte und Theorie permanenter Reformation reibt sich aber etwas zwischen den Stühlen ab, wohl wegen des besten Willens, zwar Staatsrechtslehre wahrzunehmen aber beim besten Willen keine Experimente erkennen zu können, selbst wenn sie vor Augen geladen sind. Er begehrt das Offene so sehr, dass er erstaunlich oft Geschlossenheit sieht. Vielleicht nicht alles Mögliche, aber schon erstaunlich viel Mögliches ist in seinem Augen Verkürzung und Reduktion. Das ist nicht persönlich gesagt. Es adressiert staatsrechtliche Schemata, die er nutzt.
„Rein normativ“ (Thomas Vesting) ist nüscht, wenn man Normen und Normalität als Formen und Formalität versteht. Dann taucht auch ohne Explikation, als Implikation, Schatten, Fleck, Falte, Kondensat oder Rückseite an Formen das Kalkül auf. Zu ihrer (auch der Formen, beide Genitive) Information taucht ihr ‚Nöseln‘ (noise) auf und dasjenige, was kaum in Form oder im Formen gebracht, afformativ streicht bis zuschlägt. Formen schlafen und schlagen auch, they sleep and slag. This does not stand: sheep, sleeping in their own secrets. An Unterscheidungen klebt etwas, wie an Klingen, die durch Torten fuhren. Unterscheidungen kosten etwas, wie die Münder, die etwas kosten. Aber auch wie die Wunden. Die kosten auch was, sind oft ja sogar selbst die Kosten. Also, nochmal zurückschwingend verkehren und so von Wund zu Mund gesagt: Unterscheidungen kosten was, wie die Münder, die Kost und Kosten sind und Kosten produzieren.
Victor Loxen (das ist der mit dem halb geöffneten Mund im Merkur) hat am 18.3. in der FAZ einen Text veröffentlicht, eine Art Replik auf die Richtung, die Vestings Arbeiten spätestens ab 2012 im Rahmen seiner Beschäftigung mit Kultur, Medien und Persönlichkeitsidealen, vor allem aber auch mit dem Muster einer Unterscheidung zwischen römischer Verstocktheit (aka Konstitution) und anglo-amerikanischer Zugkraft (aka Institution) genommen hat. Loxens Text wird treffen, als Replik ist er aber freilich von den Voraussetzungen angerührt. Von Loriot wissen wir, dass liberal im liberalen Sinne nicht nur liberal ist. Normal ist im normalen Sinne nicht nur normal. Loxen nennt Normalität ein stickiges Ideal. Ich würde dieses Ideal klamm, eng, aber auch phobisch nennen, das kann auch rauschend und leuchtend sein, es kann Via Mala sein, nicht unbedingt behaglich, aber ist man einmal durch, dann ist man fast schon in Italien oder eben da, wo die Normalität normalerweise nichts erledigt, genug Chaos bleibt für alle übrig. Loxen hakt nach, und er findet durchaus gerecht die Stellen, an denen Vesting (wie schon üblich) das ausblendet, was Konstellation, polus oder polos ist: mir antike Dimension hat. Wie jene mir besonders einprägsame Passage seines letzten Buches, in der er das Bildnis von William Wade und Thomas Gainsborough auftauchen lässt, als wäre es vom Himmel sanft schöpferisch herabgekommen und würde nichts bestreiten, nichts aufbringen und kein ‚Medium sozialer Konflikte‘ (Bredekamp) sein. Ohne Protokoll ist so ein Portrait des Zermemonienmeisters britischer Navy ‚total interessant‘ und ‚unheimlich schön‘ in einem, so richtig Kunst, Kultur, Philosophie und dazu noch wie Scampis, also quasi lecker. Derweil war Wades Navy nicht naiv. Loxen achtet mit historisch geschultem Blick auf die Ausblendung von Konstellationen, das ist auch eine Aufgabe. Wenn Vesting bad cop ist, ist Loxen good cop.
Wir polarisieren. Das Gedächtnis ist stolz oder kurz. Es gibt Leute, denen zur Polarisierung der Eindruck aufsteigt, sie habe vor (mehr oder weniger metaphorisch) 14 Tagen begonnen; nun sei etwas zerbrochen, die Einheit und Eindeutigkeit futsch, Gesellschaft und logos fragmentiert. Nun sei man, diese Vorstellung gibt es wirklich, sie kommt vor, was man vor 14 Tagen noch nicht war, in „unserer disruptiven Gegenwart“ (Vesting). Mir nicht. Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht, und das schon seit mehr als 14 Tagen. Neben Gleichzeitigkeit ist Gegenwart eines der wirkmächtigsten Gerüchte, also immerhin normatives Material, Schnittzeug für Montagen.
Vestings Raster liest Leute dümmer als sie sind, damit liest er Texte dumm, damit sie auf das Brett passen oder aber, mit Vismann gesprochen, dem velum durchgehen. In einer Verteidigung derer, die er abfertigt, kann man ihn auch dumm lesen. Das übernehme ich sogar als Amt, soweit es seine Auseinandersetzung mit demjenigen betrifft, was mir Herzensangelegenheit ist, also Kulturtechnikforschung, Bilder und Russland zum (vorläufig abschließenden) Beispiel. Außerhalb dieser Verteidigung sollte man aber widerstehen, sich von den Konditionen eines Autors, der Staatsrechtslehre wahrnimmt und aus so einer amtlichen, allzu amtlichen Perspektive im Namen der Gesellschaft, im Namen von Kulturen und im Namen von Medien spricht, anrühren zu lassen. Fällt mir nicht leicht, aber: außerhalb der Verteidigung dessen, was im Raster Staat vs. Gesellschaft platt gebügelt wird, wäre Vesting schlau zu lesen. Kann das jemand übernehmen, ich meine jetzt ausser den beiden Kollegen aus der Sandburg Kampener Art? Ich werde es vorläufig nicht tun. In dem, was wir meinen kommt uns niemand zur Hilfe. In dem was wir begehren, da kommen die Helferlein.
3.
Also Anfängerübung. Im Flugzeug folgende Lektüre von Cornelia Vismann:
Dieser Text ist, wie alles von Vismann, ein Anfangen, ein, wie Bianca Lanz hätte sagen können: Lanzieren (d.i. u.a. pflügen oder traktieren). Immer wenn etwas anfängt, dann fängt auch das Recht an, soweit Lancieren eine juridische Kulturtechnik ist (und davon gehe ich aus). Dieser Text ist ein Beispiel für das Schreiben, das ich nicht nur mit Cornelia Vismann verbinde, sondern dass mich mit Cornelia Vismann verbindet, und zwar anfänglich und lancierend.
Mit Vismann hatte ich, auf Wunderwirken von Peer Zumbansen hin, in Frankfurt zwar schon zwei Seminare veranstaltet, eines zum Kommentar und eines zur Repräsentation (incl. Paranoia und Schifanoia). Wir hatten auch unseren jour fix, jeden anderen Mittwochabend in jenem lang gezogenen Wundergeschäft. Dieses Geschäft hatte die Räume von Melusine Huss übernommen, die einmal Fixstern in Bockenheim war und die Wanderplaneten um sich kreisen lies, Brock liebte sie, andere bestimmt auch. Huss war zwar gone with the wind, aber andere Leute hatten die Buchhandlung in Bar verwandelt und sonst nix geändert.
Wo sonst als da hatten Cornelia und ich unseren jour fixe an kleinen Tischen? Mein Eingeschüchtertes war nach diesen zwei Seminaren wohl soweit weggetreten, dass Vismann das vertragen konnte. Sonst hätte sie mich wohl nicht nach Stuttgart eingeladen, zu mehr. Nachdem sie in einem Seminar einen Studenten mit der Bemerkung, er verstopfe mit seinen blödsinnigen Beiträgen diese Veranstaltung, er solle sich sich mal zügeln oder gehen, abgeduscht hatte, hatte sie aber auch deutlich gemacht, dass sie eine äußerst kontaktvereinfachende Eigenschaften besaß: Sie musste niemandem gefallen. Sie kam ja auch so an das, was ihr gefiel.
Und sonst, was begeisterte mich noch? Unterricht hat auch mit Türen zu tun, sogar solchen, die (zu-)knallen können und als Öffnung eines safe space zur Karikatur dessen werden, was Institutionen einem so abverlangen und bieten. Ihr Schönes, das der Bildungs-Anstalten, kommt ja auch so vor, mit knallenden Türen, nur noch schöner. On the making of law in chanceries heißt einer ihrer ersten einschlagenden Texte, an dem der Titel schon ankündigt, dass es weniger um Macht, Willen und Souveränität, sondern um’s Machen und Begehren geht. Oder so: Es geht ums Kellergeschoss, die Zonen des Küchenpersonals, des Archivs und der übrigen Helferlein (Zong!). In dem, was wir meinen, kommt uns niemand zur Hilfe. In dem, was wir begehren, da kommen die Helferlein. Die sind nicht das Gesetz, nicht einmal das Recht. Triebfedern, das können sie sein.
Nicht (wie es bei Schlingensief hieß), Scheitern als Chance, sondern Canceln als Chance, und zwar für dasjenige, mit dem sogar die Dänen auf ihrem Land ihr Land bauen wollen. Lov, Lov, Lov. Das ist alles andere als Fusion.
In diesem Text zu den Bildregimen sind mir wichtige Motive angelegt: Eine Doppelung und Spaltung der Wissenschaft, die auch als und über Schichtung und Skalierung verstanden werden soll. Da kooperieren am Recht rhetorische Institutionen (Qs ebenfalls schichtende und skalierende Codierungen des decorum z.B.), da hat der Begriff der Souveränität eine hohe und eine niedrige Version, kommt also einmal als Souveränität ganz groß vor, dann lüstern oder lustig klein, als Helferlein: durch Powells Powerpoint, eben aus dem Soutterrain der Wahrnehmung von Rechten. Da ist die Souveränität einmal stattlich, einmal wolkig, einmal tritt sie fest auf, einmal meteorologisch (wie Vismann und Blümle das wahrnehmen). Kulturtechnikforschung wechselt von der Ordnung des Allgemeinen in die der Wiederholung. Und da? Es gibt zwar juridische Kulturtechniken ohne juristische Methode, aber keine juristische Methode ohne juridische Kulturtechniken. Der Vorgang prästabilisiert nichts zum Fundament, er zieht durch.
Ach war das toll damals in Stuttgart, da habe ich Friedrich Balke kennen gelernt (der jetzt gerade wunderbar mit unserem Augustgast the next big Friedrich (Weber-Steinhaus) an einer Publikation zu Karl Kraus zusammenarbeitet. Oh, Claudia Blümle war dabei, die mit der Vortragskunst, deren Timing exakt der Präzision eines Schweizer Uhrwerks entspricht. Da kommt sie allerdings auch her, das muss so sein. Mit der habe ich gerade auch kooperiert, das nächste Heft der Bildwelten des Wissens befasst sich nämlich mit der (!) Bild- und Rechtswissenschaft, da wird ein herrliches Bömbchen platzen, kann es kaum erwarten.
Papa braucht meines Erachtens keinen Rat. Einmal Papa, immer Papa, ihm vertraue ich auch so. Wenn Papa davon ausginge, dass eine Publikation in Der Staat (zur Erläuterung: Das ist eines der grabartigen und sackgassigsten Organe weltweit, eine deutsche ‚Zeitschrift‘, wie’s deutscher kaum geht) und seine Auseinandersetzung mit dem Kampf zwischen der Souveränität der Anderen und der eigenen Experimentierfreudigkeit für ihn nicht produktiv wäre, dann würde er es nicht tun. Wenn er nicht meint, dass seine oder Ladeurs Staat vs. Gesellschaft-Linse (so eine Art Tilt-Shift-Objektiv von Canon) ihm nicht produktiv wäre und ihm nicht Wahrnehmung von Lebensformen ermöglichen würde, dann würde er es nicht tun. Davon muss man doch ausgehen. Mir erscheinen seine Annahmen eher unwahrscheinlich, aber dem unversöhnten Söhnlein brilliant [sic!] muss ja auch nicht produktiv sein, was dem Papa produktiv ist. Klingt ein bisschen trivial. Die Situation dieser Anmerkung sollte man sich aber wie folgt vorstellen:

Aus dem Stuttgarter Anfang damals habe ich mitgenommen: Es gibt immer mindestens zwei Vismanns, eine große und eine kleine, eine hohe und eine niedrige, eine sublime und eine subtile. An beiden Anteil haben, oder, wenn die Wahrheit begehrt wird, an beidem nicht teilhaben, das ist die ciceronische Formel rhetorischer Institutionen (aus: Orator) zum Umgang mit solchen ausschlagenden Wesen. Es ist gut möglich, dass Vestings Methode exakt darauf zielt, ich erkenne es im Wald nur nicht. Bin vielleicht selbst zu Baum.
Mit mindestens zwei Passagen erscheint Vismann, mit mindestens zwei Scheinen, z.B. bedruckten und gestempelten Unterlagen passiert sie. Seit damals: the Vismanns two visas immer dabei und im Herzen. Im Radio lief „You’re so vain“ und wir haben zwei Tannenzäpfle getrunken, sie eins, ich eins, und wir waren doch nicht in Berlin. Alles blieb Stuttgart, und am Ende führten Balthasar Hausmann (Cornelias Ehemann) und sein Bruder mir vor, wie Hegel im Alltag geklungen haben muss. So sprechen Stuttgarter Brüder nämlich, wenn sie gemeinsam in der Küche sitzen und hinreichend kurz vergessen, dass engelsgleich ein Gast aus Wuppertal dabei ist, der vielleicht auch etwas vom Gespräch mitbekommen wollen könnte. Hinreichend kurz: Die Erfahrung wurde nicht gekappt, Übersetzung hielt an. Was will man vom Symposium mehr?
Man muss nicht explizit und theoretisch von Experimenten, subjektiven Rechten und Autoren reden, Implikation und Praxis tun’s nicht nur auch, mehr noch!
Die Kulturtechniken sind nicht nur älter als die Begriffe, die sie hervorbringen, sie sind auch vulgärer, subtiler, frivoler, schwächer, niedriger, kleiner, burlesker, karnevalesker, frühlingshafter, venerischer, sommerlicher, winterlicher, herbstlicher, marsianischer, saturnalischer, saisonaler, satyrischer, kalendarischer und meteorologischer als jener Begriff, der ausdifferenziert sein und beständig für eine große Anzahl von Trennungen einstehen soll. In Kulturtechniken passiert ohnehin beinahe (d.i. zum Ende hin; bloß zielend, der Richtung nach, fast, im Vorübergehen) alles (Q: paene omnia decent). ‚Dizent‘ geht die Welt (was sage ich? Der Kosmos!) durch. Reden geht, Kulturtechnik geht. Die Leute machen es doch, also geht es auch. Wir gehen ja nicht nur ins Museum, sogar im Museum gehen wir! Schon doll.
Die Begriffe und Theorien kommen von selbst, da hat der Gunther Teubner schon recht. Man muss sich nicht gegen sie wenden. Mit Widerlegung muss man gar nichts zu schaffen haben. Von wem, wenn nicht von Frauen, können Männer lernen, das Worte tolle Parolen sind, das Machen aber noch viel besser ist. Ich denke, dass man in Sachen Staatsrechtslehre auf der Ebene des Expliziten, Begrifflichen, Theoretischen weder etwas ändern kann noch ändern muss. Das ist eine Erfahrung, insoweit bin ich wohl etwas ausgeleiert. Die Staatsrechtslehre ändert sich ohnehin dauernd, und sie schnappt alles, was ansteht, doch relativ rasch auf, hurra! International, Interdisziplinär, Offen, Großzügig, Experimentell, Gerecht, Literatur, Kunst, Demokratisch, Normalität, Ausnahmezustand, Diversity, Unity, Solidarität, Freiheit, Sicherheit, Aufstand der Anständigen, Saubere Arbeit, Ökonomie, Digitalisierung, Kommunikation, Medien, Babys an Bord und schließlich Ladies first, James Last: that’s easy listening. Die Begriffe fallen leicht. Alles kann unterschieden werden, die Leute tun es ja. Unsere Schüler kommen hochschulreif an, was sollen sie da noch beweisen, sie können alles an der Welt übertragen und verarbeiten. Das ist Erfahrung, Falls ich insoweit ausgeleiert bin: Als Leier nehmen und damit Musik machen. Auf der Ebene der Routinen etwas verrücken, in der Praxis der Übung und Wahrnehmung nur einen kleinen Schluckauf einbauen, sekundenweise Shklovskij, nur ein kleines Zucken zurück ins Surreale – dann hat man, wem auch immer, von mir aus auch der Gesellschaft, einen Dienst erwiesen. Nur einen, das ist aber einer von den Diensten, die (wegen Widerständigkeit und Insistenz, aus Norm und Form heraus) zu übernehmen ich mir vorgenommen habe.
***
- Die List der Liste: Anna Katharina Mangold auch wegen ihres Mantras („Kennst Du einen, kennst Du einen“); Andreas Funke, Felix Hanschmann, Jens Kersten und Ino Augsberg mit Dank für Neugierde und Einladung, mehr brauchen wir nicht, davon leben wir. ↩︎




















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