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Letter, oder: Objekte, die lassen

Über die Wahrnehmung des Rechts und der Rechte einmal jenseits desjenigen staatsrechtlichen Schemas nachdenken, das die Unterscheidung Staat vs. Gesellschaft als Leitdifferenz versteht und zur Wahrnehmung nutzt, das ist eines der Angebote, die von der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken kommen. Über das Instituieren einmal nicht mit deutschen, staatsrechtlich ein- und ausgeübten Rastern nachdenken, das ist ein Angebot, das die Forschung zur juridischen Kulturtechniken macht. Über Institutionen als Schlingen, also einschließlich dessen, was sie substituieren, nachdenken (forschen und lehren), das ist das Angebot, das wir seit 2010 machen – und das vorher von Cornelia Vismann gemacht wurde. Angebot ist das, was nicht angenommen werden muss, aber wem sage ich das?

Wenn die Wesen ohnehin ausschlagen, dann ist auch Einladung dasjenige, was ausgeschlagen werden kann. Hier sieht man eine Einladung aus dem Jahr 2012. Das war die Einladung, über das Instituieren einmal anders als so nachzudenken, dass die Zeitschrift Der Staat das Produkt jubilierend begrüßen würde.

Diese Forschung schließt sich insoweit Anthropologen wie Roy Wagner oder Juristen wie Dupret an. Sie übt eine Kritik am Dogma großer Trennung, also auch daran, unsere Wahrnehmung des Recht und der Rechte von der Universität des 19. Jahrhunderts beschirmen und abschirmen zu lassen. Deren Unterscheidungen sind uns nicht zu alt, eher das Gegenteil ist der Fall, sie sind uns eher zu neu, wir folgen insoweit Warburg, Wind, Mühlmann und Baxandall und allen denen, die ihre Forschung am ‚Bilderstreit‘ entwickelt haben. Die Unterscheidungen sollen nicht geleugnet werden (nicht eine!). Keine Unterscheidung, die je gemacht wurde, soll widerlegt werden.

Wir vertrauen insoweit sogar denjenigen Kollegen, die mit der Leitdifferenz Staat vs. Gesellschaft unsere Forschung nicht wahrnehmen können (insoweit, d.h. limitiert). Wir vertrauen darauf, dass sie mit ihrer Leistdifferenz ‚Staat vs. Gesellschaft‘ wahrnehmen können, was ihr Begehren ist. Auch das ist Dogmatik, dem einen DOGE dem anderen doggy.

Was ist mein Begehren? Der Blick für Wiederholung und Unbeständigkeit soll scharf bleiben. Die Antwort schrappt an der Tautologie und am Widerspruch. Hoffentlich ist das Folgende eine Klarstellung: Das Begehren ist das Verkehren ist das Verzehren. Alle drei werden als juridische Kulturtechniken betrachtet, die mit der Fülle der Formen und mit Regungen zu tun haben. Die Unbeständigkeit ist nicht die Unschärfe und nicht die Unbestimmtheit. Sie ist jeweils scharf, immer und überall. Sie kommt verschwenderisch und wüst vor. Sie ist jeweils genug, kommt noch saturiert und satyrisch vor – und im Übrigen ist sie ungenügsam. Alles an ihr, alles dasjenige, was an de Unbeständigkeit ist, das ist Detail und zu unterscheiden, zu messen, zu schichten/ zu stratifizieren und zu mustern.

Diese Forschung befasst sich unter anderem mit Lettern – ohne sie auf die Unterscheidung zwischen Recht und Literatur, zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit oder zwischen Text/ Sprache einerseits und Bild anderseits hin anzupassen. Letter haben an beidem Anteil, oder aber, wenn die Wahrheit begehrt wird, an beidem keinen Anteil. Letter sind graphische Züge, die nicht nur auf und ab, hin und her gehen. Das, was an ihnen Akt ist, geht mit Passion einher (also auch mit Passivität und Pathologie). Letter sind Auflagen und Unterlagen, sie kommen als Briefe und Buchstaben vor. Sie kommen als klamme Sendungen kurz und klein vor, sie kommen als Charakter bedrückt, eindrucksvoll, industriell und luxuriös vor. Wir wollen sie als Objekte betrachten. Weil sie schon Charakter sein können, schließen wir nicht aus, dass sie zu den Wesen gehören, die in ihrem aufsitzenden und ausschlagenen Wesen auch zu den Menschen zählen. Wir betrachten sie operativ als Objekt, auch weil sie dann als das händelbar sind, was durch Austauschanöver als Subjekt wahrgenommen, mithin auch als Subjekt wahrnehmen kann. Nicht zuletzt Subjekte sind es, die Objekte wahrnehmen.

Letter ist auch ein Begriff, und zwar einer, der aus Lettern gemacht ist. Rekursiv betrachtet haben Letter in der Wahrnehmung von Zeit eine sedimentäre Geschichte. In der Wahrnehmung von Raum behalten und beinhalten Letter ein sedimentäres Geschichte. Noch die kleinste Stelle der Letter hat ein oben und ein unten, eine vorne und hinten, Eingang und Ausgang. Als Begriff ist Letter Teil der Sprache, die durch Rom ging, dort verkehrte und nach Rom pendelte.

Der Begriff ist geballt. Fortuna und Atlas können ihn bolisch lesen; sie begreifen den Begriff Letter als Brief und den Brief als klamme Sendung und ihr Sinnen als kurzes Schreiben. Fortuna und Atlas begreifen den Letter als Stab, Lanze, Achse, pole oder Pol aus Buchen oder für Bücher, als Druckmittel, als Charakter oder Typus. Juristisch gebildet begreifen Glücker und Atlanten den Letter als tabula picta, also als eines jener Dinge, an denen im römischen Recht Verkehrsfähigkeiten wahrgenommen werden.

Das Projekt Letter geht den nächsten Schritt, es geht langsam und hypnotisch zaudernd voran. Lektüren stehen an: zwei Texte von Yan Thomas und ein Beispiel von della Porta. Wir lesen einen Text von Yan Thomas, in dem er sich mit zwei Dingen befasst, nämlich mit der Rhetorik und mit dem, was zwischen Worten und Dingen steht. Wir lesen einen zweiten Text von ihm, indem er sich mit dem befasst, was das Objekt nicht sein soll, also mit dem Subjekt. Wir schauen uns zuerst mindestens einen Bondage-Meister, mindestens einen Semenawa-Lehrer und mindestens ein Shibari-Vorbild derjenigen juristischen Literatur, die das sein soll, was auch die Unterscheidung Staat vs. Gesellschaft sein soll, nämlich spannungsvoll und doch nicht für jeden.

Wir schauen uns ein Cover an, das für alle und keinen Juristen was ist. Die Assoziation mit Bondage, Semenawa und Shibara soll akzentuiert sein. Es muss keine Abbildung eines Paares daneben gesetzt werden, das sich in Semenawa übt. Die Bilder kursieren ohnehin im Netz, you may google it – es ist nicht illegal, kann sogar vom Dienstcomputer aus geschehen. Diese spezifische Praxis des Semenawa sei erwähnt, wegen der Akzentuierung, die ich als subtil im Sinne rhetorischer Institutionen, also als subtil in Quintiilians (Qs) Sinne verstehe. Q nennt den Phryne-Akt als ein Beispiel für subtiles Vorgehen (dazu später mehr). Das Subtile ist nicht edel und einfältig, still und groß, dazu später mehr. Die Betrachtung soll nicht verschämt sein. Dafür, dass ich jetzt keine Fotos aus der Bindungspraxis neben dieses Cover setze, dafür hebe ich aus dieser Praxis die des Semenawa besonders hervor. Was in Bondage und Shibari statt findet, gerät im Semenawa an Kippmomente, die Scheitelpunkte sein sollen. In der so, Semenawa, benannten Fesselung wird Grenze auf maximal intensive Weise fragwürdig, sogar die zwischen Recht und Rhetorik, zwischen Worten und Dingen und jede Grenze der Fiktionen und Kontrafakturen. Polarität wird fragwürdig. Kehren, Kippen, Wenden werden fragwürdig. Eine Fusion findet eindeutig nicht statt. Akt und Passion, die finden statt. Distanzschaffen und Verleihung, die finden auf eine erstaunlich Energie freisetzende Art statt.

Stellen durch Akte, d.i. simulieren/ dissimulieren, also durch graphische Züge operieren, die nicht aufhören, beim Distanzschaffen und bei der Verleibung zu kooperieren. Stellen kommen durch die graphische Züge, die der Forschung zur Geschichte und Theorie spannungsvoll und ungelöst erscheinen.

Im Einzelnen:

Porta in fünf Akten. Portare, es zieht! Drehen Sie sich um, dann drückt’s. Porta richtet ab. Drehen Sie sich um, dann richtet er etwas aus. Porta instituiert, nicht ohne zu substituieren.

Wir kommen darauf zurück, aber jetzt Yan Thomas, um in der Konstellation die Spannung zu schärfen. Ich präsentiere hier zwar immerhin die erste Häfte des Textes, die zweite muss aber selbst besorgt werden. An diesem Text interssiert mich besonders, welchen Beitrag Thomas‘ Texte für die Geschichte und Theorie jurisicher Kulturtechniken leistet. Thomas hat eine starke Position, aber vorsichtig muss man sein. Man soll ihn nicht allein über den Inhalt seines Meinens beurteilen, nicht einfach als Repräsentanten einer Meinung einführen und nicht einfach das nutzen, was Latour eine Signatur nennt. Latour nennt Signatur, was erstens eine spezifische juristiche Existenzweise wäre und zweitens Personen an Aussagen bindet. Das kann ich nicht tun, schon weil ich nicht auf juristische Methode ziele, sondern auch auf juridische Kulturtechnik. Die ist dem Recht nicht eigen. Selbst wo sie dem Recht eigen ist, gibt es keine Signatur ohne Kontrasignatur. Ich will Thomas nicht so positionieren, wie Staatsrechtslehrer ((kennst du einen, kennst du einen!) Vismann positionieren. Ich glaube an Thomas‘ Unbeständigkeit und daran, dass er mit Problemen umgeht, ohne doof zu sein oder etwas nicht akzeptieren zu können, schon gar nicht eine „Phänomenalität der Subjektivität“. Thomas ist nicht dumm zu lesen, er ist schlau zu lesen, das heißt: windungsreich und wie der Wind, auch der Edgar Wind. Was an Thomas anarchisch bleibt, das ist herauszulesen. Mit Portas Letters im Blick soll die Lektüre darauf achten, wie Yan Thomas mit Fiktion und Kontrafaktur umgeht, wie er mit Mimesis und Rekursion umgeht – und wie er mit dem umgeht, was hier so oft als Kreuzung bezeichnet wird. Kann man sagen, dass ich Fiktionen als Kontrafakturen und Kontrafakturen als Kreuzungen verstehe, Thomas aber nicht?

Das wird eine leitende Frage für die Lektüre des folgenden Textes. Kann man sagen, dass Thomas an eine Abstraktion glaubt, die vollkommen (utter/ utterly) wäre? Er spricht ja davon, aber was heißt das? Soll man ihm abnehmen, was er im ersten Absatz ankündigt, nämlich dass er an die Einzigartigkeit, eigenart und Eklusivität eines römischen Rechts glaubt, in dem vorkäme, was sonst nicht vorkäme, und das tue, was sonst kein Diskurs täte? Oder/ Und ist er nicht gerade da findig – und bleibt anthropologisch gelehrt? Wie verhält sich Thomas‘ Vorstellung von ratio und Technik zu jener musterhaften Lektüre, die wir vor wenigen Wochen den Arbeiten Rüdiger Campes entnommen haben und deren Muster mit der Unterscheidung zwischen antiker Technik und technologischem Zeitalter einhergeht? Fragen die gestellt werden, sollen beantwortet werden.

Hier die erste Hälfte des Textes:

(….)

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