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konstruktives unterbrechen

Der Tag läuft. Es ist Frühling, die Passionswoche steht an – in der Frankfurter Oper läuft am Karfreitag nicht Parzival. Tristan und Isolde wird gesungen und gespielt. In kurzen Taktschlägen passiert mir im Moment etwas, was ich nicht im Griff habe, was aber glücklicherweise mir das Preisen schlechthin ist: Leute betreten mit ihren Arbeiten mein Büro und fragen mich um Hilfe. Ich soll ihnen Helferlein sein (Zong!). So was ist mir jahrelang, was sage ich: Jahrzehnte nicht passiert. In miesester Zeit hat diese Strähne Ricardo Spindola unterbrochen, das war Nobelpreis, Hegelpreis, Leibnizpreis, jeder Preis in einem für mich. Jetzt, in diesen Wochen, passiert das auch, aber in kurzen Taktschlägen. Die Tür schwingt und schwingt, sie schmettert und flattert. Leute tauchen mit ihren Arbeiten auf, machen mich zum Helferlein. Alles in allem: Was kann denn da schief gehen?

Ius est ars boni et aequi (Frankfurt, 2026)
Wie preist man? Indem man um Hilfe fragt. Giovana arbeitet proper zu property, da kann man immer Hilfe brauchen. Sie arbeitet graphisch, beäugt und händelt brasilianische Städte. Sie protokolliert, legt Protokolle von demjenige, was vorliegt.

Alexander Kluge, an ihm hänge ich jetzt noch. Den liebe ich jetzt noch. Den Justitiar des IfS, den Büro- und Studiokraten Frankfurter Institution. Denjenigen, der von der Seite Adornos begeistert war, die sich wiederum in dem verdichtet, wofür der Name Walter Benjamin steht. Alexander Kluge, der Abteilungsleiter der Kritischen Theorie Frankfurter Schule, Abteilung Benjamin. Das ist die Kritische Theorie, die Wahrnehmungslehre ist – und deren Tätigkeit darin besteht, zu protokollieren. Das ist Bildwissenschaft, die nicht aufhört, Rechtswissenschaft zu sein (und die Laster machen es verkehrt).

Kluge war der Protokollchef, wie kam’s? Mit Negt muss es gefunkt haben, irgendwie müssen die beiden ja diese irrsinnigen Protokolle für ‚Geschichte und Eigensinn‘ entwickelt haben. Mit dem Film muss es gefunkt haben. Wie auch immer: Tag für Tag guter Tag (wie Peter Dreher das mal formulierte), nämlich Tag für Tag Produktion. Wenn es kein Buch wurde, dann wurde es Film. Wenn er nicht schrieb, dann interviewte er und wurde ein Meister der konstruktiven Unterbrechung, sicher dem Schluckauf russischer Formalisten affin bis verwandt. Tag für Tag Produktion.

Als das Archiv der enttäuschten Erwartung beim 1. Lovepangskongress in Berlin im Auftrag von Schlingensief und Kluge seine Dienstleistung anzubieten hatte, da scharwenzelte ich um Kluge, wie ein Groupie, Fan, wie ein Fächer ventilierend. Man sieht in seinem Archiv eine kurze Szene, ein Assistent übernahm den Assistenten, wie ich mit einem marineblauen Blazer, Goldköpfchen mit Goldknöpfchen, in der Volksbühne auf einer Treppe sitze (Treppenszene) – und ins Linkische hinein nervös das Archiv erkläre. Näher nie gekommen, musste ja auch nicht sein, denn er sitzt ja ohnehin mitten im Herz und wird da immer sitzen. Brock, mein erster Chef und zweiter Meister dieser Abteilung Benjamin, mit derselben Einstellung, kritische Theorie als Wahrnehmungslehre wahrzunehmen und auszuüben, der mit dem Literaturblech, der sagt: solange ich hier bin stirbt keiner. So soll es sein, so wird’s gemacht. Das ist eine Liebeserklärung und ein Dankeschön. 94 Jahre Produktion, das ist, was Exemplum sein soll. Das ist vorbildlich. So arbeiten, dass am Schluss die Trauer der Schuss in der Dankbarkeit ist, nicht anders herum. Danke Kluge!

„Solange ich hier bin, stirbt keiner“

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