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Wozu Tropenrecht?

Tropenrecht muss nicht sein, Tropenrecht kann aber sein. Tropenrecht empfiehlt sich dann, wenn man sich zum Beispiel folgende zwei Fragen stellt: (1.) Wie soll man sich nach dem Regen richten? (2.) How to reign the rain?

Dann ist Tropenrecht hilfreich. Die Ausbildung im Tropenrecht umfasst eine Ausbildung in juristischer Methode und juridischen Kulturtechniken. Ich übernehme dort die Kurse für Bildökonomie sowie für graphische Forschung und Lehre. Im Herbst findet dazu am MPI eine erste Tagung statt. In der Vorbereitung möchte ich erläutern, wie ich zum Tropenrecht gekommen bin. Das hat etwas mit der VESTAG zu tun, also auch mit Vestingism und den Vesting-Akten. VESTAG ist eine Verkürzung für für Vereinigte Stahlwerke. Das war ein 1926 gegründeter vertikal integrierter deutscher Montankonzern mit Sitz in Düsseldorf. Wir reden hier von Konzern und Moderne, wir reden hier von Daniel Damlers Forschung. Ich bin teilweise Erbe dessen, was die VESTAG an Reichtum erzeugt hat.

Vesting ist nicht nur eine juridische Kulturtechnik, sie ist auch eine juristische Methode für Investoren. Unter Vesting (von engl. to vest, übertragen: „erwerben“) versteht man, so schön sagt es meine Meta, die vertraglich geregelte, schrittweise (algorithmisch lernende) Freigabe oder den Erwerb von Unternehmensanteilen. Gründer oder Mitarbeiter müssen sich diese Anteile erst durch ihre weitere Mitarbeit im Unternehmen verdienen. Vesting ist ein zentrales Instrument zur Risikominimierung, insbesondere für Investoren. Aus diesen Gründen bin ich zum Tropenrecht gekommen.

Im einzelnen:

Persönlichkeitsideal Großmutter
Käthe Brandi, geborene Klinkenberg, genannt Cool Kiki.
Hier posiert sie auf der privaten Trasse, die ab dem Tor an der Wittbräuker Landstraße zu ihrem Haus führt.
Dieses Haus ist die Welt in ihrem Rücken. Kiki ist meine Großmutter. Das Photo hat ihr Ehemann, Klaus Brandi aufgenommen. Der, das ist niemals selbstverständlich, ist mein Großvater. Klaus ist der Sohn von Paul Brandi, der wiederum Bruder von dem Karl Brandi ist, der mit Aby Warburg in Florenz abhing, später in der Bibliothek Warburg einen Vortrag über Cola hält (den Wagnerstoff, nicht den Zuckerstoff) und der in Göttingen ein enger Kollege von Percy-Ernst Schramm (dem Vater des gescheiterten Kittlerverhinderers Gottfried Schramm) war.
Klein ist die Welt, aber nur im Detail. Scheidewege sind schlingenreiche Pässe. Von Kiki und Klaus habe ich was geerbt, dem soll man gerecht werden, das ist eine bürgerlichrechtliche, aber nicht nur privatrechtliche Verpflichtung. Sie ist auch Teil dessen, was Leon Battista Alberti zu einem Scharnierwort für das Verhältnis zwischen Recht und Kulturtechnik macht. Albertis Scharnierwort nennt man pietas. Pietas meint u.a. Rückbindung/ Rekursion und Mimesis, an die Ahnen, an das Ahnen, an nachlebende und jenseitige Wesen sowie an chthonische Welten, also Unterirdisches. Für Alberti ist das Beispiel der Pietät die Grabpflege oder schlicht der Besuch bei denen, die angeblich tot sein sollen, zumindest unterirdisch begraben liegen. Pietas ist in dem Sinne nicht edle Einfalt und stille Größe. Pietät ist insoweit eine Technik, Referenzen, Ähnlichkeiten und ihre Unruhe händeln zu können. Unter dem Gesetz ist Pietät, die Technik ist, hilfreich.

I.

Also posiert Cool Kiki. Also photographiert Klaus. Also geht der Algorithmus. Wir machen einmal eine Übung vor Originalen. Vesting ist eine Technik, mit Bildern (trans-)formative Persönlichkeitsideale und Subjekte zu analysieren und zu kritisieren. Das heißt, dass man sich erst einmal in dem Bild orientiert und dann sagt, wie man das, was dort mit dem Bild bestritten wird, auch selbst bestreiten will. Bildökonomie ist eine Ökonomie des Bildes, die mit Bestreiten und mit Unterhalten einhergeht. Das Bestreiten und Unterhalten eines Bildes (beide Genitive) ist nicht deswegen ökonomisch, weil das Foto etwas kostet und der Urheber (Klaus) sowie das Urbild (Kiki) Kosten haben, die man mit einem Feld oder einer Teildisziplin der Ökonomie abhaken könnte. Die Kosten sind unbedingt wichtig, aber: Mit einem Feld alleine lassen sich die Kosten nämlich nicht abhaken, man muss multidisziplinär arbeiten. Diese Ökonomie ist Bilderstreit seit der Antike, das ist auch Nationalökonomie, auch Privatwirtschaft und auch Ökonomie als Wissenschaft leidenschaftlicher Interessen (wie bei Albert O. Hirschman, Gabriel Tarde und Bruno Latour). Diese Bildökonomie ist auch Bildökonomie im Sinne von Gilbert Simondon, der darunter eine Wissenschaft der Imagination und Innovation versteht. Insoweit ist das Bestreiten und Unterhalten eines Bildes bildökonomisch. Das ist im Moment mein Forschungsgegenstand. Bilder sind darin Objekte, die gebildet werden und etwas bilden. Bilden ist in dem Sinne sogar eine juridische Kulturtechnik. Ein Keil wird gebildet, indem man mit einem Keil das Vorbild eines Keils nachbildet. Das ist nicht nur gute Kunst. Sie kann auch verbessert werden – später kommt vielleicht sogar ein Stahlwerk und ein Panzer dabei raus. Mal sind die Keile begriffen, mal sind es Tropen, Regen kommt dabei durchaus vor. Das muss ja nicht gleich atomarer Niederschlag sein. Da ist ein Bild, und die Leute regen sich an, auf oder ab: das sind Konditionen der Bildökonomie.

Also, Anfängerübung. Zuerst orientieren. Ich weiß mehr als der erste Betrachter auf den ersten Blick erkennen kann. Das Foto gehört nämlich zu meiner Sammlung von Nachlässen und Erbstücken der Familie. Ich habe recherchiert. Die Szene ist in Wittbräuke (daher kommt auch das sowjetisch-beidamerikanische Künstlerehepaar Witney und Wit Bräukel, von denen man hier ab und zu lesen kann). Der Ort gehört heute zu Witten-Herdecke, wo man mal Privatuniversität versucht hat und eventuell immer noch versucht. Das ist eine wichtige Wirkstätte von Dirk Baecker. Das ist der mit dem postheroischen Management und mit den vielen Texten, die im Titel ein ‚Wozu?‘ tragen. Der Titel meines Textes imitiert insoweit Dirk Baecker, der ist aber auch ein Vorbild. Wissenschaftshistorisch ist Witten-Herdecke auch der Ort von Josef Maria Häußling, auf dessen Rat hin ich bei Bazon Brock gelandet bin. Die Geschichte muss ja nicht groß sein. Wissenschaftshistorisch interessiert man sich dort deutlich für eine private Praxis öffentlicher Dinge. Making things public (Latour): das wäre auch Öffentlichkeitsproduktion, die bei einem selbst und im Privaten beginnt. Das wäre ein republizieren: man wiederholt Öffentlichkeit, restituiert sie sogar. Man teilt Öffentlichkeit. Man unterscheidet auch Privatheit und Öffentlichkeit, ebenso assoziiert man aber beides; beides wird auch im Austausch manövriert.

Man steht nicht im Stau, man ist der Stau. Und ebenso steht man nicht vor der Öffentlichkeit oder vor den Problemen, vor den Fragestellungen die man hat, ohne das alles selbst auch zu sein. Man steht nicht vor der Fülle und dem Mangel des Rechts, ohne das auch selbst zu sein. Schon der Mann vom Land steht zwar vor dem Gesetz, aber er steht da, stellt sich und die Tür ist nur für ihn. Man steht also zwar vor dem Recht und der Gesellschaft, vor den Fragen und den Probleme, ist allem dem aber involviert. Republizieren: auch das wäre eine juridische Kulturtechnik, Dinge öffentlich zu machen, auch Personen und Handlungen öffentlich zu machen, sich öffentlich zu machen. Das kann eine private Praxis öffentlicher Dinge sei. Das Recht, die Gesellschaft, die Republik: das ist man doch zum Teil selbst. Aby Warburg bietet für so eine private Praxis öffentlicher Dinge, für making things public und für ein Republizieren als Verfahren, Republik zu restituieren, ein Beispiel an, denn er selbst hat so gearbeitet. Es arbeitet sich dabei auch an sich, aber nicht nur an sich ab, sondern auch an Vorbildern, die ihm auch dann Zeitgenossen sind, wenn sie im Florenz des 15. Jahrhunderts lebten. So legt er Arbeiten zu den Sassetti und den Tornabuoni vor, die von einem Pendeln erzählen, das noch die Toten in den Gräbern erfasst. Um 1900 befasst sich der Bild- und Rechtswissenschaftler Aby Warburg mit der Idee einer Republik, deren Verfassung eine private Praxis öffentlicher Dinge voraussetzt. Das Recht denkt er in dieser Zeit von Testamenten, von Verträgen und Patronatsrechten her; davon, wie Personen ihre Bilder öffentlich machen, wenn sie zum Beispiel Ghirlandaio beauftragen, sie an den Wänden der ‚Messehallen‘ zu malen.

Ich zeige das Foto meiner Großmutter – und unterstelle, dass ich damit Dinge öffentlich mache, republiziere und Republik restituiere. Ich zeige nur dasjenige von meiner Großmutter, was an meiner Großmutter eine Person und das Subjekt ist. Ich zeige also eine technische Maske, die durch einen optischen Apparat, einen Fotoapparat hergestellt wurde. Wer wissen möchte, wie der Fotoapparat schon im Florenz des 15. Jahrhunderts an rhetorische, juridische und juristische Instiitutionen geraten ist, der kann zum Beispiel den Beitrag über rhetorische Institutionen oder auch das Buch ‚Bildregeln. Studien zum juristischen Bilderstreit‘ (2009) lesen. Die phantasiebegabten, aufsitzenden und ausschlagenden Wesen gehen nicht darin auf, Person und Subjekt sein. Sie sind auch Personen, auch Subjekte. Aus der Sicht juristischer Methoden und juridischer Kulturtechniken spricht man zwar von juristischen Personen und natürlichen Personen, aber beide Personen sind künstliche Personen, dank und durch die ‚Fiktionen des römischen Rechts‘, also durch juristische Methode und juridische Kulturtechnik.Ich zeige also dasjenige, was an meiner Großmutter Person und Subjekt ist – und falls das nicht selbstverständlich sein sollte, setzte ich es hier und jetzt voraus: Meine Großmutter war wesentlich mehr als eine Person und ein Subjekt. Die Bildökonomie ist mein neuer Forschungsgegenstand, mein alter Gegenstand ist der Bild- und Rechtswissenschaftler Aby Warburg. Ich wäre seltsam, wenn ich über den nicht rekursiv und mimetisch arbeiten würde, dann dann würde ich nicht die Methode der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken befolge, die ich für sinnvoll halte. Ich wäre also seltsam, wenn ich eine Apparat einrichten würde, der mich von Warburg perfekt abtrennt, so daß ich über ihn und seine Gesellschaft reden kann, ohne dass ich es wäre, der redet. Ich halte diese Methode der Kulturtechnikforschung insoweit nicht nur selbst für eine bildökonomische Methode, sondern eine republizierende Methode und für eine private Praxis öffentlicher Dinge. Damit hören die Probleme nicht auf, damit fangen sie an. Derrida, Luhmann, Steinhauer: wer kennt das nicht?

II.

Wittbräucke ist ein Stadtteil von Witten-Herdecke. Die Stadt legt sich um einen Höhenzug an der Ruhr. Das ist eine Stadt der Schwer- und Großindustrie gewesen. Vieles: gone with the wind. Das ist also ein Ort, an dem einige Leute ihre Apokalypse, das Ende ihrer Welt, schon hinter sich haben. Das ist ein Witort, ein wüster Ort, ein weiter Ort, eine Geist(er)stadt. Die Ruhr plätschert da inzwischen so, dass man wohl wieder drin baden gehen kann. Der Ort sieht teilweise schöner aus als zu dem Zeitpunkt, als die Welt einigen Leuten noch nicht untergegangen war.

Witorte sind Visorte. Man sieht auf dem Photo eine Frau in einer Tracht des 20. Jahrhunderts (Moderne), sie posiert. Das ist eine Geste, eventuell eine Pathosformel. Die Beine sind breit gestellt, sie trägt Hosen, flache Schuhe, man sieht einen Teil ihrer Beine (keine Strümpfe), Hemd und Schal. Anna Katharina Mangold weist darauf hin, dass es eine Krawatte sei. Cool Kikis rechter Arm ist in die Hüfte gestemmt, der linke Arm hängt locker über ihrem linken Schenkel. Die Innenfläche der Hand wendet sich ihrem Schritt zu. Wenn das eine Pathosformel ist, dann käme mir eine Zeichnung von Dürer in den Kopf, der dort das velum (den optischen Apparat) zeichnet, also das, was Cornelia Vismann auch das Ideogramm der Kanzleien nennt. Wenn man im Bild eine Pathosformel sieht und diese Frau mit Dürers Frau Ähnlichkeit hat, dann ist das eine entfernte Ähnlichkeit, ein fernliegende, auch abwegige Ähnlichkeit. Eins ist dasselbe: beide Frauen begehren und werden begehrt.

Kiki trägt auch das Gesicht ihres Vaters Adolf Klinkenberg, sieht aber italienischer, südlicher und jungenhafter aus, was durch die Vogue/ Mode der Zeit und das Vague konditioniert ist. Nach damaligem Rollenklischees hätte man sie männlich oder burschikos genannt. Sie war Chef und Chefin in einem. Cool, very, very cool Kiki hat den Kopf gehoben, im flachen Winkel zum Himmel, sie blickt himmelwärts, aber aus dem Bild hinaus. Im Bild ist sonst keiner und nichts, was sie mit ihrem Blick fixiert. Wenn ihr Blick ergontologisch ist, also ein werkender, wirkender, rahmender und insoweit auch arbeitender Blick, dann überschreitet er diagonal, transgressiv oder transzendierend den Rahmen des Fotos. Dass sie ins Nichts blickt, das ist nicht gesagt.

Cool Kiki steht ganz im Vordergrund. Ihre rechte Schuhspitze berührt sogar den Rand des Fotos, dort stößt ihr Körper an den Rand des Bildes. Das ist die Fußnote im Bild: ein an den Rahmen anstoßender Körper. Vielleicht ist das schon das punctum, von dem Roland Barthes in seinem Essay über die helle Kammer spricht. Vielleicht ist das also die Pointe, die das Bild reizend, sogar mitreissend, sogar ausreissend aus den Sehroutinen macht. Vielleicht aber ist das auch der Blick, von dem nicht gesagt ist, dass er zwar nach oben, aber dann ins Nichts geht.

Cool, very cool Kiki, sie steht vor ihrem Haus. Sie steht auf einem Grundstück, das privat ist. Sie ist die Eigentümerin, das unterstellen wir jetzt einfach mal bis auf weiteres. Die Szene im Hintergrund hat sich bis heute wenig verändert. Man muss durch ein großes Eisentor, einem inzwischen längst verrosteten, inzwischen sogar aus den Angeln gehobenen Türhüterobjekt im Sinne von Pascal Cancik vorbei, um langsam über die Auffahrt bis zu 120 Sekunden (das sind zwei Minuten) den Hang hoch zu fahren. Nur Sekunden, aber immerhin auch zwei Minuten. Schnell fahren geht dort aber auch nicht, man kriecht den Hang hoch, dabei kommt einem dieses Haus immer näher und wird immer größer, so fahren die Fahrer immer langsamer, als ob sie die Ankunft noch etwas hinauszögern wollten.

Man hält dann zuerst unter einem ‚Portikus zweiter Klasse‘. So ein Portikus (das ist ein Vorbau) zweiter Klasse ist keine Tempelfassade im sog. großen oder sublimen Stil wie bei einem Portikus erster Klasse. Auf dem Portikus zweiter Klasse ruht nämlich noch eine Terrasse auf. Den oberen Abschluss bildet also eine Fläche für Bewohner und Gäste, die dort rumstehen, sitzen, frühstücken, trinken und krümeln können. Oben endet der Portikus zweiter Klasse also mit gewöhnlichen Menschen, nicht mit einem Giebelfeld und den Göttern. Denn sonst wäre das ja ein Portikus erster Klasse. Die Funktion ist aber ähnlich: How to reign the rain? Wie richtet man sich nach dem Regen? Entweder göttlich oder wenigstens mit einem ordentlichen Dach über dem Kopf. Man kann bei Sonnenschein oben auf der Terrasse sitzen, man kann bei jedem Wetter aus dem Auto trocken aussteigen und das Haus trocken betreten. Links von Kiki the Cool Cat befindet sich ihr Tennisplatz, rechts von ihr, in ihrem Wald, der sich bis zur Hohensyburg erstreckt, ist ihr Swimming Pool. Kiki. Das Milieu mimt ein bisschen den Adel, kontrafaktisch. Man macht aus Sissi Kiki. Aber der Style ist auch ein Schuss Coco, nicht ganz Coco Chanel, aber schon auch Paris nach dem Krieg. Anna Katharina Mangold sagt, dass auch ein Schuss Butch dabei ist. Faster Pussycat, Kill! Kill! Ganz so wild wohl nicht, aber Mangold hat ein sehr gutes Talent, etwas in Bildern zu wittern, was diagonal oder queer ist. Alle wollten was von Kiki, alle haben alles erwartet. Sie ist alt geworden, hat ihre Asche im Meer zerstreuen lassen, damit ihr niemand mehr anhängt. Als mein Vater starb, sagte sie am offenen Grab meines Vaters zu meiner Mutter, ihrer Tochter: Jetzt bist du frei.

Der Photograph hat auch eine Welt im Rücken. Er steht niedriger am Hang. Er ist hier der Dürer mit dem velum, aber auch der Atlas, der zeichnet das Bild auf. Im Rücken ihres, cool Kikis Ehemannes, im Rücken von Klaus (den man in manchen Kreisen der Familie liebenswürdig und treffend den Spaziergänger von Essen nannte, weil er oft außer Haus war), da ist die Welt, die nicht im Bild ist.

Jedes Bild ist von Unsichtbarkeit gefüttert, jedes Bild macht sichtbar und unsichtbar. Jedes Bild teilt den Blick und die Sicht, den Sinn und die Sinne. Jedes Bild ist ökonomisch, auch weil diese Teilung kreisend, kritisch, mithin kriminierend ist. Das ist eine Trennung, aber auch eine Assoziation. Das ist vor allem auch ein Austauschmanöver. Das Bild steht zwar jetzt still, diesem Stand ist die Wendung und das Austauschmanöver aber eingeschrieben, oder aber, mit Leibniz, dem Barock und Deleuze gesagt: Ein wendendes Austauschmanöver ist dem Bild eingefaltet. So wird das Bild dezent, sogar diplomatisch. Mit der Wendung und ihrem Tauschmanöver geht etwas von der Energie der Wendung ins Bild ein. Aby Warburg spricht insoweit sogar von Schlagbildern und einem Engramm. Im Bild sitzt dann immer noch Seismographie, die am Betrachter freigesetzt werden kann. Dieses Bild kann unbeständig sein.

Das Bild schlägt immer noch, weil es die Welt im Rücken ausschlägt und so weiter ausschlagen kann. Das Bild ist umgeschlagen, es ist jetzt ein Umschlag, dessen Energie vom Bild erworben ist. Auch das kann man sogar vesting nennen, im Sinne antiken Roms und des modernen Investments.

Klaus, der Atlas dieses Bildes, der melancholisch hochbegabt war und insoweit vermutlich der reichste Erblasser meiner Melancholie, der war graphisch ambitioniert, liegt in der Familie. Klaus war nicht ganz so reich wie Kiki, darum wohnt er ja in ihrem Haus, er hatte keines. Arm war der aber nun wirklich nicht, aber es gibt immer noch größeren und kleineren Reichtum.

Anfängerübung vor Originalen: Wenn man sich in einem und mit einem Bild orientieren will, muss man erst einmal davon ausgehen, dass so ein Bild, unabhängig von seiner spezifischen Technik, künstlich ist, aber in einer Welt angefertigt wurde, in der sich alle Unterscheidungen des Bildes wiederholen. Das nennt Michael Baxandall die Wirklichkeit der Bilder. Das Bild ist eine Wiederholung. Es ist eine Kontrafaktur, es unterscheidet zwischen künstlichem Bild und Natur oder Wirklichkeit oder Realität. Kiki stellt sich jetzt nur so, sonst steht sie anders. Der Baum steht da immer so. Das Bild wiederholt alle Unterscheidung aber nur, die Welt kommt mit allen ihren Unterscheidungen im Bild so gut vor wie außerhalb des Bildes.

Im Bild sieht man auch Wirklichkeit, das Papier ist auch echt und nicht vorgetäuscht. Das Handy, auf dem einige Betrachter das Bild sehen, simuliert zwar das Papier, auf dem das Photo vorher gedruckt wurde, aber dafür braucht das Handy jetzt echten Strom, andere echte Materialen, echte Serverarchitekturen in echten Vorstädten. Ausserhalb des Bildes gibt es auch eine echte Welt, aber die ist wieder auch künstlich. Server wachsen nicht auf den Bäumen. Das Wasser fließt einem nicht einmal von selbst in dem Mund zusammen.

Wenn es geht, empfiehlt es sich, ein Bild so zu erschließen, wie es entstanden ist. Hier könnte man sich vor Ort begeben. Man könnte das Bild nachstellen, die Leute tun so etwas, das Reenactment alter Familienfotos ist fast Volkssport in der digitalen Fotografie geworden. Maria Muhle nennt das mindere Mimesis und analysiert diese Mimesis darauf hin was daran nicht nur rekursiv und mimetisch, sondern auch polar ist. Wie ginge das hier? Hoffentlich ganz einfach gesagt: Man kann sich an die Stelle des Fotografen stellen und sich dann seiner Welt im Rücken zuwenden. Was sieht man dann?

Man sieht dann auch Häuser, wieder tiefer am Hang, sehr groß. Das sind Cool Kikis Stallungen, Cool Kikis Reithalle (Diana Ross und so) und Cool Kikis Gebäude für das Personal. Kiki, so könnte man jetzt lesen, scheint ihre Position zu genießen, sie blickt dem Personal über deren vorläufige Wohnstätten. Sie schaut über die Pferde, die ihre Pferde sind. Gestern ist sie sie mir wieder einmal mit ihren vier Kindern im Traum erschienen. Sie gehört zu denen, die nachleben, das sind alle die, die gelebt haben und geliebt wurden. Alle Emotionen sitzen einer Energie auf, die sie speist. Klamm drängend, rauschend und leuchtend sei dieser Affekt Phobie genannt, er speist alle Emotionen. Da setzt schon Ikonophobie an. Er speist die Liebe und die Wut, den Haß und die Freude. Kiki lebt rauschend und leuchtend nach. Sie war ein starkes Subjekt, so soll sie gewürdigt werden. With pleasure! (Larry David).

Starke Menschen entfernen sich schwer, weg kommt aber keiner. Käthe entfernt sich maximal mit der Geschwindigkeit einer Seidenraupe, eher mit derjenigen einer Schnecke (Das ist Warburgs Totemtier). Bis heute führten die Träume jedes mal dazu, dass ich am nächsten Morgen aus unruhigen Träumen erwachte und mich in meinen Bett in einen ungeheuren Brandi-Klinkenberg verwandelt fand. Wie konnte ich nur glauben, dass sie schon weg sei?

III.

Zurück zum Foto. Die Brasilianer (Leute aus der Schule von Recife wie Gilberto Freye) sprechen unbedingt von Casa Grande, wenn sie das Haus im Rücken meiner Großmutter meinen. Sie sprechen nicht unbedingt von Senzala (Hütte), wenn sie die Häuser im Rücken meines Großvaters meinen. Für Senzala könnten diese Gebäude eine Nummer zu groß sein. Man sagt dann Ställe, Stallungen, Garagen und Personalgebäude. Wenn man heute an dem Grundstück vorbeifährt, sieht man von einer Ecke aus folgende Gebäude:

Das ist also nicht das Casa Granda meiner Großmutter. Das sind in einem teils schräg metaphorischen, teils treffenden Sinne, auf jeden Fall tropisch-wendigen Sinne ihre Senzalas. Diese vier Gebäude dienten dem Personal und den Pferden, den Helferlein und den Dingen. Nur am Anfang sprach man von Dienern (dazu wie immer mehr bei Markus Krajewski, Baseler Archäologe und Co-Founder der Geschichte-und-Theorie WG).

1926, als die VESTAG gegründet wurde dann und dieses Haus von der VESTAG für meinen Urgroßvater Adolf Klinkenberg als repräsentativer Wohnsitz nicht weit von der Ruhr entfernt gebaut wurde, da waren die Pferde noch nicht vollständig verschwunden. Sie waren aber nur noch Luxus. Casa Grande, den Sitz von Adolf Klinkenberg (Käthes Vater) kann man heute von außen aus sehen. Man braucht dann aber eine Drohne, sonst wird es schwierig. Auf Googlemaps muss man hier nichts verpixeln, die Mauer und die alten Bäume sperren auch so den Blick auf den Park und Casa Grande.

Solche Architekturen, ich meine auch den Park, sehen vielleicht adelig aus, sie sind es aber nicht. Das sind bürgerlich-rechtliche Privatgrundstücke, deren Sozialpflichtigkeit grundsätzlich feststeht. Sie ist ein Witz gegenüber den Pflichten des Adels. So ein Grundstück Sitz zu nennen ist auch eine schräge Metapher. Die Immobilie ist an kein Amt gebunden, obschon die VESTAG dieses Haus ihrem Vorstandsmitglied baute. Daraus folgten aber nur Erwartungen, die erstens nicht einklagbar und zweitens kurzfristig waren. Das Haus steht länger und hat länger seine Eigentümer, als die Eigentümer im Vorstand sind. Der König muss seinen Sitz räumen, wenn die Nachfolger kommen. Die Vorstandsvorsitzenden müssen das nicht. Selbst wenn ihre Erben ‚Unternehmersimulanten‘ (Hubertus Erfurt) sind, bleiben die Eigentümer, solange sie nicht pleite gehen oder sich die Erbschaftssteuer nicht mehr leisten können. Richard Wagner hat zu solchen Situationen des Sitzes, des Baus und teils vertraglicher Pflichten vier Opern geschrieben, die vom Ring des Nibelungen handeln. Da findet man Architekturen, die den Häusern in Kikis und Klaus‘ Rücken ähneln, ich meine nicht nur Walhalla (hier: keine Tempelfassade, nur Portikus zweiter Klasse, also Walhalla zweiter Klasse!), ich meine auch die Haufen und Höhlen in der Oper, die sogar ganz besonders. Das ist das, was im römischen Recht auch contubernium genannt wird. Wenn solche Haufen und Höhlen nach 1800 gebaut wurden, lief es oft darauf hinaus, dass sie zu Behausungen werden, die von Lindwürmern gehütet werden. In ihnen gab die Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit oft nur noch Anlaß für Verwechslungen, die nicht alle, aber u.a. mich, wiederholt aus unruhigen Träumen erwachen lassen.

Die Hochzeit zwischen Kiki und Klaus ist ein Teil jener postfeudalen Gesellschaft gewesen, in der Manager sich teilweise adelig gaben. Wenn sie entweder blöd waren oder aber keine Romane des 19. Jahrhunderts gelesen hatten, dann wollten sie darin nur Vorteile sehen. Die Hochzeit zwischen Kiki und Klaus lies ihre Vornamen wie in kurzen Schatten gesagt unangetastet: Kiki und Klaus. Die Nachnamen Klinkenberg und Brandi wurden nach patriachalischem Muster, familien- und namensrechtlich zu einem Namen (Brandi).

Nicht Cool Kiki, nicht Klaus, sonst aber hochaffin und vor allem verwandt: Ruhrgebietshochzeit. Onkel Fritz Schupp, Architekt der Zeche Zollverein, läuft auch durch das Bild, mit Bauhausbrille.

Frau Cool Cat Kiki brachte das große Haus und das große Vermögen. Sie kommt aus einer Familie, die bei Aachen Frauen, Schwestern, Geistliche und Sekretäre hervorgebracht. Ihr Vater Adolf ist als Ingenieur ausgebildet worden und dank einiger schlauer Patente, die er entwickelt hatte, mit Schallgeschwindigkeit an vorbeigehende Spitzen katapultiert worden. Adolf hat wie besessen die Codices, die Inkunabeln, die Drucke und die Editionen gesammelt, die seine Vorfahren nur abschreiben und nur verwalten sollten. Er wollte jetzt auch Eigentümer im großen Stil werden. Für die Stahlwerke selbst hat es nicht gereicht. Also sammelte er die Bücher seiner Ahnen, wenigstens die. Die Sammlung Klinkenberg war so klein nicht. Die hat Kiki 10 Jahre nach seinem Tod gleich wieder verkauft, wegen der Pferde und wehen des irren Unterhalts, den so ein Haus fordert, auch wegen der vier Kinder und ihres Mannes, die auch alle alles erwartet haben. Das ist der Lauf der Dinge, am schönsten, wahrsten und besten übersetzt von Fischli und Weiss. Klaus brachte weitere Bildung, Kontakte zur Exekutive, Legislative und Jurisdiktion, zur Universität sowie (als eher unpraktische Mitgift) eine Reihe von musischen, zuvor extra nur mit Müttern assoziierten Ambitionen und Sensibilitäten mit. Ihre Hochzeit wurde gesellschaftlich als Vereinigung zweier Familien aus der Oberschicht der Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebietes gewürdigt, zumindest so gefeiert.

Klaus war Sohn von Paul Brandi, der leitender Beamter in Essen war. Käthe war Tochter von dem erwähnten Adolf Klinkenberg. Ihr Milieu hat das als Hochzeit zwischen den Klinkenbergs und den Brandis gesehen, auch wenn niemand bestritten hat, dass es Kiki und Klaus waren, die da heirateten. Anders geht es nicht, wenn Wesen heiraten, die sich genealogisch organisieren. Das Wesen, auch das der Wesen und Dinge, ist und bleibt phantasiebegabt, auch wenn es darin involviert ist, Menschenfleisch zu fabrizieren. Die beiden hatten 5 Kinder, davon 3 gemeinsam, eines davon ist meine Mutter, die liebe, weise, sanfte, scheue, sportlich-burschikose Briefeschreiberin Karin Vera Elisabeth mit der schönen Stirn gewesen. Man sagt, sie hätte nicht verstanden, was ein Euroscheck ist oder wie eine Überweisung funktioniert. Stimmt. Wozu auch? In dieser Familie bildet die Unterscheidung zwischen Stärke und Schwäche die Rolle einer Leitdifferenz. Obschon alle mit dieser Unterscheidung vertraut sind, stellen sie laufend Personen auf die falsche Seite. Sie bezeichnen Starke als Schwache, und beschreiben Schwache stark. Das ist kein Gesetz, aber es passiert immer wieder

IV.

Das Haus im Hintergrund des Bildes, also im Rücken von Kiki, das liegt dem decorum nach in der dritte Reihe des Ruhrgebiets. Die dritte Reihe ist die Reihe eines Teils des Vorstands der Vereinigten Stahlwerke. Das war ein 1926 gegründeter, vertikal integrierter Montankonzern. Die juristische Person ist eine Aktiengesellschaft gewesen, die (was kann ich dafür?) VESTAG. Das Haus ist auch in dieser Zeit gebaut worden und meinem Großvater dann später übereignet worden, wegen seiner Arbeit für die VESTAG. Das war familiär fatal, das kann man anders nicht sagen. Das hat die Familie zerstört.

Die Reihe ist eine Reihe, die ziemlich weit vorne liegt und in der man umso besser einen Sinn für den Abstand zur zweiten und zur ersten Reihe entwickelt. Was danach kommt, mag danach kommen. Die erste Reihe bildet etwas, was mehr als zwei Nummern größer erscheint. Die Villa Hügel ist exponentiell größer, die Abstände verlaufen mathematisch betrachtet nicht linear.

Die erste Reihen im Decorum ist zumindest in dieser Gegend, dem Ruhrgebiet, die Reihe der Eigentümer von Familienunternehmen wie Krupp oder Thyssen gewesen. Noch während meines Studiums in Passau bin ich zum Beispiel dem Studenten Felix H., Sohn von Susanne H. und Enkel von B.B , Ur-Enkel von Peter K. mit dem Hinweis auf den Geburtsnamen meiner Mutter vorgestellt worden. Das hat seinen Blick merklich geändert. Ich würde sagen: aufgehellt und geöffnet, zumindest für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Ach so, das ist ja ein lustiger und verrückter Zufall, ha ha ha! Das sagt man dann so.

Obschon ich ihn noch nicht, er mich auch noch nicht kannte, konnte wir uns dann einordnen und Einladungen mit dem aussprechen, was man entweder Kredit oder Ansehen nennt. Die Reihe B.B , Susanne H., Felix H.: diese Reihe kannte ich zwar nicht auswendig, aber mein großer Bruder kannte sie auswendig und stecke mir das (wie der perfekter Chef des Protokollamts) unauffällig gleich so zu, dass ich Felix begrüßen konnte, als ob ich das selbst auswendig gewusst hätte.

Die Linien hängen einem an, wie ein Mantel, der auch dann noch die Form besitzt, die ihm einst ein persönlich bekannter Schneider gab, wenn dieser Mantel längst industriell in Pakistan produziert wird. Das ist anhängender und anhänglicher Kredit, das ist Sitte, zu deren Physik Kant sogar behauptet, da gäbe es einen Metaversion von, die Metaphysik der Sitten. Tracht und Träger gibt es auf jeden Fall.

In und auf der zweite Reihe des Ruhrgebietdecorums liegt die Villa von Albert Vögler, der dem Vorstand der VESTAG auch angehörte, ihm aber vorsaß, weil er ‚beste‘ Verbindungen zur Politik pflegte. Dafür musste der nicht eine Tochter verheiraten. Gegenüber meinem Urgroßvater Adolf Klinkenberg, einem an Macht völlig uninteressierten Ingenieur, hatte er, was Macht angeht, Vorzüge.

Ernst Brandi, der Onkel von Klaus und Bruder von Karl und Paul, der, gehörte auch dem Vorstand an, war eher machtbegabt als Adolf K. Klaus, mein Opa, heiratete also meine Oma, Kiki, die Tochter eines Vorstandskollegen seines Onkels.

Vögler stand wohl über dem gewöhnlichen Klüngel, zumindest dank Hochtalent in Sachen Macht jenseits davon. Ich spreche von feinen Unterschieden, die zum Gewebe der Gesellschaft gehören. Vögler soll herausragend agiert haben, damit alle Beteiligten die erwähnten Vorzüge gehabt haben. Einer dieser Vorzüge, sein Vorzug schlechthin, war vor allem der Umstand, dass er so ein talentierter Machtmensch war. Das war einer, der mit allen Leuten entweder umgehen kann oder aber umzugehen weiß, dazu noch einer, den alle umgeben wollen. Setzt er sich an den Tisch, hoffen andere auf glückliche Tischordnung und Nähe zu ihm. Betritt er den Raum, brechen andere ihre Gespräche ab, um ihn zu begrüßen. Die Krupps und die Thyssens sind unantastbar. Albert Vögler musste am Ende des zweiten Weltkrieges allerdings tun, was Albert Ballin am Ende des ersten Weltkrieges getan hat und was sogar Aby Warburg am Ende dieses Krieges tun wollte: Er hat sich erschossen. Das sind die Kosten der Vorzüge, wenn man direkt nach den Unantastbaren in zweiter Reihe, dafür jedoch im Bereich der Tastbaren in erster Reihe steht. Es haben an eigener Unsterblichkeit die Götter genug …(Hölderlin).

Die zweite Reihe ist eine, die sich nicht in Familienunternehmen und Eigentümern aufhält, anders gesagt: Sie halten sich dort nicht auf. Die in zweiter Reihe sind also nicht die Familien der Unternehmer und Eigentümer. Sie sind in dieser Gegend Verwalter oder Manager, die an privatgesellschaftlich komplex organisierte Konzerne mit der Struktur einer anonymen Gesellschaft gebunden sind und da an einer Front stehen, an der Sichtbarkeit und Aktion beginnt. Die Zweitreiher sind Vorstandvorsitzende. Sie stehen in verbindlicher Relation zur Politik, selbst wenn sie zu den freien Gestalten gehören. Diese zweite Reihe ist diejenige, die ‚die ganze Scheiße‘, sprich: die obersten Realwidersprüche, nicht nur verteilen, sondern auch fressen muss (das könnte eins sein).

Von Zweitreihern wie Vögler von der VESTAG scheibt Vesting auch, wenn er in seinem Buch über Rechtssubjekte und Persönlichkeitsideale von den Managern schreibt, denn er war einer. Vögler geht nicht darin auf, in dieser Reihe der oberste Schurke gewesen zu sein. Ihn als Manager von Nationalkapitalisten und Nationalsozialisten abzutun, das wäre das Attest derer, die keine Unannehmlichkeiten haben wollen. Den musste man nicht zum Sündenbock machen, was er getan hatte, wußte er selbst am besten und da liess er sich auch keine Verantwortung abnehmen. Das ist auch ein Suizid. Sein Haus war im decorum eine Nummer größer als das von Cool Kiki. Bevor er es kaufte und es dann Villa Vögler genannt wurde, hieß dieses Haus Haus Ende. Klingt alles wie ausgedacht, ist es ja auch, weil das alles von phantasiebegabten, aufsitzenden und ausschlagenden Wesen fabriziert wird. Sie selbst fabrizieren sich auf diese Weise.

Eine rekursive und mimetische Wissenschaft soll den Forscher auch dazu bringen, sich selbst als Teil seiner Fragestellung zu begreifen. Die Trennung zwischen ihm und seinem Gegenstand soll nicht unbedingt groß, nicht unbedingt klein, sein. Sie soll unbedingt mit Assoziationen und Austauschmanövern einhergehen. In meiner Forschung zu den Vöglers und Brandis der Welt und zu allen denen, die mir meinen Reichtum beschert haben, worin auch immer der besteht, verstehe ich das Nachleben so: Sie alle leben in mir nach. Vögler, Adolf, Kiki, Klaus: die alle bin ich doch zum Teil selbst. Der Baseler Archäologe Jacob Burkhardt der sagt das so: Die Wogen, das sind wir doch zum Teil selbst. Die anthropovaguen Wesen, das sind wir doch zum Teil selbst. Ich selbst muss doch auch unterstellen, das ich tätig werde, Tatmensch und Täter bin. Brocks Kurzfassung von Faschmismustheorie lautet formelhaft: Kein Faschist ist derjenige, der weiß, dass er durchaus einer sein könnte und gerade darum unterlässt, einer zu sein. Wer sich meine Energie erklären möchte, muss man ja nicht, könnte darin einen Indiz der Nährstoffe sehen. Da toben Ahnen und die Weise, wie sie mich ahnen und wähnen lassen

Aby Warburgs Protokollskizze vom Vorabend des Abschlusses der Lateranverträge (10.2.1929)
Warburg zeichnet sein Hotelzimmer und übt für die nächsten Tage. Das ist eine Übung zu dem, was später Tafel 78 und Tafel 79 wird. Unten steht der Name von Karl Brandi, auch wegen dessen Kenntnissen in Sachen Diplomatik und ‚diplomatisches Protokoll‘.

V.

Die im Decorum dritte Reihe, das ist also die Linie (die gründliche Linie und der Zug) derjenigen Familie, zu der meine Mutterlinie [!] gehört. Wie immer ist diese Reihe ein Reigen mit eigenen Rechten, sie ist einer der Linienzüge, von denen englisch gesagt wird, dass sie drawing, drafting und drifting seien. Warburg widmet solchen graphischen Linienzügen Tafel A seines Atlas.

In so einer Linie läuft mit, was wir im MPI fault lines nennen. Risse sind es. Das sind Linien, an denen Verwerfungen und Entwürfe zusammenkommen. Diese Familie von Kiki und Klaus ist inzwischen eine Familie Steinhauer und Franzmann, sie ist (was der Name nicht gleich erkennen lässt) deutsche und russische Gesellschaft, also Teil der Gesellschaft, der jedes Verständnis für Freiheit fehlt, weil sie jedes Verständnis für Freiheit begehrt. Die soll ihr Begehren auch züchten, auch zügeln. Die ist weder unantastbar, noch ist ihr Leben so ewig eng an die Verwaltung, an Aktiengesellschaften und Politik und Recht gebunden. Sie ist bürgerlich, wechselfähig. Sie wechselt leicht die Seiten und kommt leichter weiter, aber auch nicht, ohne unsicher und limitiert zu sein. Sterblich sind sie auch.

In der Generation der Brandis, die Kiki und Klaus folgte, geht die Kurve der Selbstmordrate in den fünfziger und sechziger Jahren vorübergehend nach oben. Die Söhne und Töchter waren statistisch betrachtet unter größerer Lebensgefahr als die Kriegsväter, man würde wohl sagen: sie waren eher von innen bedroht. Klaus, mein Großvater, war auch kein Muster und Vorbild an Resilienz. Auch sein Tod wird als zaudernder Verwandter des Suizides beschrieben, wie ein Aufgeben oder der Verlust an Lust. Das Zimmer, in dem er starb, das hatte eine Schräge und daran klebte eine Industrietapete. An ihrem Ende wellte sich was. Er hatte sich zuletzt unter das Dach zurückgezogen, dorthin, wo entweder das eigene Personal oder dasjenige von Gästen seine Kammern haben konnte.

Am Morgen nach Klaus‘ Tod stand auf einem kleinen runden Tisch eine Packung Club-Cracker. Die war angebrochen. Wie ein Flügel stand ein Teil des Pappdeckels nach oben, auch wie der Blick von Kiki auf dem Foto, aber anders, aus Pappe eben. Anders, aber nicht total anders, denn das Photo, das Klaus von Kiki gemacht hat, das hat den Blick auch zu Pappe gemacht. Das war 1974, das ist mehr als halbes Jahrhundert her. Seit diesem Augenblick gehört diese Szene anhaltend und zeitgenössisch zu den Blickkonstellationen, die mir vor Augen stehen und mich laden. Si in ius vocat ito. Ich bin Melancholiker, mir steigt sedimentäre Geschichte dauernd im Blut auf. Abstellen kann ich es nicht, ich muss das beste aus meinen Autos und Akten machen.

Ich gehöre zu einer Generation in dieser Familie, die nicht studiert hat, um aufsteigen zu können, sondern um besser absteigen zu können, also um nicht so leicht umgehauen zu werden von den Rinn-, Schick- und Kippsalen. Mein Zugang zur Forschung und Lehre tendiert dazu, einen Blick für Treppenszenen, Begehren, Auf- und Abstieg einzunehmen. Ich will aber auch den Blick jener amazonischen Wesen üben, die das Ende ihrer Welt bereits hinter sich haben und dennoch, wenn auch weiterhin limitiert und unsicher, unbeständig und fröhlich existieren. Das sind keine Ureinwohner, keine von denen, die zuerst da waren und denen ein Ort oder eine Zeit ursprünglich gehörte. Ich auch nicht. Das sind Wesen, die einen tropischen Umgang mit Denkräumen pflegen. Sagen wir so: Das sind Vismanns Verwalter aus dem ersten Kapitel des Aktenbuches. Das sind Hypereides und Phryne aus ihrer Kooperation mit Kittler. Die Tupi, die Nambikwara, die Xucuru; das sind keine originellen oder gar ursprünglichen Wesen. Sie sind tropische Wesen. Me too. Der getreppte und treibende, getriebende Blick ist da, los werde ich den bestimmt nicht mehr. Ich muss das Beste daraus machen. Da ist mir Rudolf Wiethölter glücklicherweise über den Weg gelaufen. Seine Formel ist trivial: Es hilft alles nichts. Rudolf the rudolfinische Rudolf (laut Frau Sweti der schöne Mann vom Taunus) sagte dann weiter: Ohne Recht geht es nicht, mit dem Recht auch nicht. Hatte er damit alles gesagt? Nein, er war damit nicht fertig. Paene omnia decent. Zum Ziel hin geht alles.

Ich wettere und wittere, also (er-)werbe und (über-)trage ich. Es gibt das Gerücht, ich würde nicht mit Thomas Vesting arbeiten, sondern mich an ihm abarbeiten, sein Gegner oder Feind sein. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Thomas Vesting, das ist meine These, arbeitet in seinem Buch zum Gentleman, Manager und Homo Digitalis nicht mit der gleichen, aber mit der selben Methode wie ich, und macht das zielend und treffend. Es geht nicht um Subjekte, die allgemein wären, sondern solche, die sich wiederholen können. Vesting (jetzt Thomas) zielt auf permanente Reformation, das ist nicht unbedingt falsch, das ist unbedingt nicht alles. Die graphischen Züge, die Thomas Vesting macht, die sind künstlich, aber nicht unbedingt falsch. Also geht der Alghoritmus, man muss diesen Algorithmus nicht die Wahrheit, auch nicht den Sachzwang, auch nicht die Logik der Wissenschaft nennen, kann es freilich tun, ich würde dann weiter dazu forschen, was daran ein rekursiver und mimetischer Alghorithmus bleibt, auch wenn man ihn den Sachzwang, die Wahrheit oder die Logik der Wissenschaft nennt. Nicht weil ich es müsste, würde ich das tun, sondern weil es mein Begehren, meine Fragestellung ist: Was ist das, was unterhalb der Schwelle des Rechts liegt und dennoch dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen. Fazit, Kurzfassung:

  1. Don’t trust the vesting, don’t rely on Schmitt Ink Inc.
  2. Damit hören die Probleme nicht auf, damit fangen sie an, unter anderem nämlich, entweder zu sprechen oder sich zu zeigen.
  3. Die Tropen, ob traurig oder fröhlich, die sind wir doch zum Teil selbst.
  4. Dazu Tropenrecht. Nicht nur dazu, aber dazu auch.

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