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Wozu Tropenrecht?

Tropenrecht muss nicht sein, Tropenrecht kann aber sein. Tropenrecht empfiehlt sich dann, wenn man sich zum Beispiel folgende zwei Fragen stellt: (1.) Wie soll man sich nach dem Regen richten? (2.) How to reign the rain?

Dann ist Tropenrecht hilfreich. Die Ausbildung im Tropenrecht umfasst eine Ausbildung in juristischer Methode und juridischen Kulturtechniken. Ich übernehme dort die Kurse für Bildökonomie sowie für graphische Forschung und Lehre. Im Herbst findet dazu am MPI eine erste Tagung statt. In der Vorbereitung möchte ich erläutern, wie ich zum Tropenrecht gekommen bin. Das hat etwas mit der VESTAG zu tun, also auch mit Vestingism und den Vesting-Akten. VESTAG ist eine Verkürzung für für Vereinigte Stahlwerke. Das war ein 1926 gegründeter vertikal integrierter deutscher Montankonzern mit Sitz in Düsseldorf. Wir reden hier von Konzern und Moderne, wir reden hier von Daniel Damlers Forschung. Ich bin teilweise Erbe dessen, was die VESTAG an Reichtum erzeugt hat.

Vesting ist nicht nur eine juridische Kulturtechnik, sie ist auch eine juristische Methode für Investoren. Unter Vesting (von engl. to vest, übertragen: „erwerben“) versteht man die vertraglich geregelte, schrittweise (algorithmisch lernende) Freigabe oder den Erwerb von Unternehmensanteilen. Gründer oder Mitarbeiter müssen sich diese Anteile erst durch ihre weitere Mitarbeit im Unternehmen verdienen. Vesting ist ein zentrales Instrument zur Risikominimierung, insbesondere für Investoren. Aus diesen Gründen bin ich zum Tropenrecht gekommen.

Im einzelnen:

Persönlichkeitsideal Großmutter
Käthe Brandi, geborene Klinkenberg, genannt Cool Kiki.
Hier posiert sie auf der privaten Trasse, die ab dem Tor an der Wittbräuker Landstraße zu ihrem Haus führt.
Dieses Haus ist die Welt in ihrem Rücken. Kiki ist meine Großmutter. Das Photo hat ihr Ehemann, Klaus Brandi aufgenommen. Der ist der Sohn von Paul Brandi, der wiederum Bruder von dem Karl Brandi ist, der mit Aby Warburg in Florenz abhing, später in der Bibliothek Warburg einen Vortrag über Cola hält (den Wagnerstoff, nicht den Zuckerstoff) und der in Göttingen ein enger Kollege von Percy-Ernst Schramm (dem Vater des gescheiterten Kittlerverhinderers Gottfried Schramm war).
Klein ist die Welt, aber nur im Detail. Scheidewege sind schlingenreiche Pässe. Von Kiki und Klaus habe ich was geerbt, dem soll man gerecht werden, das ist eine bürgerlichrechtliche, aber nicht nur privatrechtliche Verpflichtung. Sie ist auch Teil dessen, was Leon Battista Alberti zu einer der Scharnierwörter für das Verhältnis zwischen Recht und Kulturtechnik macht. Dieses Scharnierwort nennt man pietas. Pietas meint u.a. Rückbindung/ Rekursion und Mimesis, an die Ahnen und an das Ahnen. Pietas ist in dem Sinne nicht edle Einfalt und stille Größe. Sie ist eine Technik Referenzen, Ähnlichkeiten und ihre Unruhe händeln zu können.

I.

Also posiert Cool Kiki. Also photographiert Klaus. Also geht der Algorithmus. Wir machen einmal eine Übung vor Originalen. Vesting ist eine Technik, mit Bildern transformative Petsönlichkeitsideale uns Subjekte zu analysieren und zu kritisieren. Das heißt, dass man sich erst einmal in dem Bild orientiert und dann sagt, wie man das, was dort mit dem Bild bestritten wird, auch selbst bestreiten will. Bildökonomie ist eine Ökonomie des Bildes, die mit Bestreiten und mit Unterhalten einergeht. Das Bestreiten und Unterhalten eines Bildes (beide Genitive) ist nicht deswegen ökonomisch, weil das Foto etwas kostet und der Urheber (Klaus) sowie das Urbild (Kiki) Kosten haben, die man mit einem Feld oder einer Teildisziplin der Ökonomie abhaken könnte. Mit einem Feld alleine lassen sich die Kosten nicht abhaken, man muss multidisziplinär arbeiten. Diese Ökonomie ist Bilderstreit seit der Antike, das ist auch Nationalökonomie, auch Privatwirtschaft und auch Ökonomie als Wissenschaft leidenschaftlicher Interessen (wie bei Albert O. Hirschmann, Gabriel Tarde und Bruno Latour). Diese Bildökonomie ist auch Bildökonomie im Sinne von Gilbert Simondon, der darunter eine Wissenschaft der Imagination und Innovation versteht. Das ist im Moment mein Forschungsgegenstand. Bilder darin Objekte, die gebildet werden und etwas bilden. Bilden ist im dem Sinne eine juridische Kulturtechnik. Ein Keil wird gebildet, indem man mit einem Keil das Vorbild eines Keils nachbildet. Das ist nicht nur gute Kunst, sie kann auch verbessert werden – später kommt vielleicht ein Stahlwerk und ein Panzer dabei raus. Mal sind die Keile begriffen, mal sind es Tropen, Regen kommt dabei vor.

Also, Anfängerübung. Zuerst orientieren. Ich weiß mehr als der erste Betrachter, das Bild gehört zu meiner Sammlung von Nachlässen und Erbstücken der Familie. Ich habe schion recherchiert. Die Szene ist in Wittbräuke (daher kommt auch das sowjetisch-beidamerikanische Künstlerehepaar Witney und Wit Bräukel, von denen man hier ab und zu lesen kann). Der Ort gehört heute zu Witten-Herdecke, wo man mal Privatuniversität versucht hat und eventuell immer noch versucht. Das ist wichtige wichtige Wirkstätte von Dirk Baecker (der mit dem postheroischen Managment und mit den vielen Texten, die im Titel ein ‚Wozu?‘ tragen. Der Titel meines Textes imitiert sozusagen Dirk Baecker, der ist ein Vorbild. Wissenschaftshistorisch ist Witten-Herdecke auch der Ort von Josef Maria Häußling, auf dessen Rat hin ich bei Bazon Brock gelandet bin. Wissenschaftshistorisch interssiert man sich dort deutlich für eine private Praxis öffentlicher Dinge. Making things public, das ist also Öffentlichkeitsproduktion, die schon bei einem selbst und im Privaten beginnt. Wittbräucke ist ein Stadtteil von Witten-Herdecke, die Stadt legt sich um einen Höhenzug an der Ruhr. Das ist eine Stadt der Schwer- und Großindustrie gewesen. Vieles: gone with the wind. das ist ein Ort, an dem einige Leute ihre Apokalypse, das Ende ihrer Welt, schon hinter sich haben. Das ist ein Witort, ein wüster Orte, ein weiter Ort, eine Geiststadt. Die Ruhr plätschert da inzwischen so, dass man wohl wieder drin baden gehen kann. Sie teilweise schöner aus als vorher, als die Welt noch nicht untergegangen war.

Witorte sind Visorte. Man sieht auf dem Photo eine Frau in einer Tracht des 20. Jahrhunderts (Moderne), sie posiert. Das ist eine Geste, eventuell eine Pathosformel. Die Beine sind breit gestellt, sie trägt Hosen, flache Schuhe, man sieht einen Teil ihrer Beine (keine Strümpfe). Hemd und Schal, ihr rechter Armm ist in die Hüfte gestemmt, der linke Arm hängt locker über ihrem linken Schenkel. Die Innenfläche der Hand wendet sich ihrem Schritt zu. Wenn das eine Pathosformel ist, dann käme mir eine Zeichnung von Dürer in den Kopf, der dort das velum (den optischen Apparat) zeichnet, also das, was Vismann auch das Ideogramm der Kanzleien nennt. Wenn man im Bild eine Pathosmformel sieht und diese Frau mit Dürer Frau Ähnlichkeit hat, dann ist das eine entfernte Ähnlichkeit, ein fernliegende, auch abwegige Ähnlichkeit. Die Frau hat den Kopf gehoben, im flachen Winkel zum Himmel, sie blickt himmelwärts, aber aus dem Bild hinaus. Im Bild ist keiner und nichts, was sie mit ihrem Blick fixiert. Wenn ihr Blick ergontologisch ist, ein werkender, wirkender und insowweit auch arbeitender Blick, dann überschreitet er diagonal, transgressiv oder transzendierend, den Rahmen des Fotos. Das sie ins Nichts blickt, das ist nicht gesagt. Cool Kiki steht ganz im Vordergrund. Ihre rechte Schuhspitze berührt sogar den Rand des Fotos, dort stößt ihr Körper an den Rand des Bildes. Das ist die Fußnote im Bild: ein an den Rahmen anstossender Körper. Vielleicht ist das schon das punctum, von vom Roland Barthes in seinem Essay über die helle Kammer spricht. Vielleicht ist das die Pointe, die das Bild reizend, sogar mitreissend, sogar aussreissend aus den Sehroutinen macht. Vielleicht aber ist das auch der Blick, von dem nicht gesagt ist, dass er zwar nach oben, aber dann ins Nichts geht.

Cool, very cool Kiki, sie steht vor ihrem Haus. Sie steht auf einem Grundstück, das privat ist. Sie ist die Eigentümerin, das unterstellen wir jetzt einfach mal bis auf weiteres. Diese Szene im Hintergrund hat sich bis heute wenig verändert. Man muss durch ein großes Eisentor, einem inzwischen längst verrosteten, inzwischen sogar aus den Angeln gehobenen Türhüterobjekt im Sinne von Pascal Cancik vorbei, um langsam über die Auffahrt ungefähr 120 Sekunden (das sind zwei Minuten) den Hang hoch zu fahren. Nur Sekunden, aber immerhin auch zwei Minuten. Schnell fahren geht dort aber auch nicht, man kriecht den Hang hoch. Man hält dann zuerst unter einem ‚Portikus zweiter Klasse‘. So ein Portikus (das ist ein Vorbau) zweiter Klasse ist keine Tempelfassade im sog. großen oder sublimen Stil wie bei einem Portikus erster Klasse. Auf dem Portikus zweiter Klasse ruht nämlich noch eine Terrasse auf. Den oberen Abschluss bildet also eine Fläche für Bewohner und Gäste, die dort rumstehen, sitzen, frühstücken, trinken und krümeln können. Oben endet der Portikus zweiter Klasse also mit gewöhnlichen Menschen, nicht mit einem Giebelfeld und den Göttern. Denn sonst wäre das ja ein Portikus erster Klasse. Die Funktion ist aber ähnlich: How to reign the rain? Wie richtet man sich nach dem Regen? Entweder göttlich oder wenigstens mit einem ordentlichen Dach über dem Kopf. Man kann man bei jedem Wetter aus dem Auto trocken aussteigen und das Haus trocken betreten. Links von Kiki the Cool Cat befindet sich ihr Tennisplatz, rechts von ihr, in ihrem Wald, der sich bis zur Hohensyburg erstreckt, ist ihr Swimming Pool. Kiki. Das Milieu mimt ein bisschen den Adel, kontrafaktisch. Man macht aus Sissi Kiki. Aber der Style ist auch auch Coco, nicht ganz Coco Chanel, aber schon auch Paris nach dem Krieg.

Der Photograph hat auch eine Welt im Rücken, er ist hier der Atlas, der zeichnet das Bild auf. Im Rücken ihres Ehemannes, im Rücken von Klaus (den man in manchen Kreisen der Familia liebenswürdig und treffend den Spaziergänger von Essen nannte) ist die Welt, die nicht im Bild ist. Jedes Bild ist von Unsichtbarkeit gefüttert, jedes Bild macht sichtbar und unsichtbar. Jedes Bild teilt den Blick und die Sicht, den Sinn und sie Sinne. Jedes Bild ist ökonomisch, auch weil diese Teilung kreisend ist. Das ist eine Trennung, aber auch eine Assoziation. das ist vor allem auch ein Austauschmanöver. Das Bild steht zwar, einer diesem Stand ist die Wendung und das Austauschmanöber eingeschrieben, oder aber , mit Leibniz, dem Barock und deleuze gesagt: Ein wendendes Austauschmanöber ist dem Bild eingefaltet. Es ist dezent, sogar diplomatisch. Aber mit der Wendung und ihrem Tauschmanöver geht etwas von der Engergie der wendung ins Bild ein. Aby Warburg spricht insoweit sogarvon Schlagbildern und einem Engramm. Das Bild ist umgegeschlagen, es ist jetzt ein Umschlag, dessen Energie vom Bild erworben ist. Das kann man sogar vesting nennen, im Sinne Roms und des Investments. Klaus, der Atlas dieses Bildes, melancholich hochbegabt insoweit vermutlich der reichste Erblasser meiner eigenen Melancholie, der war graphisch ambitioniert, liegt in der Familie. Klaus war nicht ganz so reich wir Kiki, darum wohnt er ja in ihrem Haus, er hatte keins. Arm war der nun wirklich nicht, aber eben es gibt immer noch größeren und kleinen Reichtum. Anfängerübung vor Orginalen: Wenn man sich in einem und mit einem Bild orneitierne will, muss man erst einmal davon ausgehen, dass so ein, uabhängig von einer spezifischen Technik, künstlich ist, aber in einer Welt angefrtigt wurde, in der sich alle Unzterscheidungen des Bildes wiederholen. Das Bild ist eine Wiederholung. Es ist Kontraktur, es unterscheidet zwischen künstlichem Bild und Natur oder Wirklichkeit oder Realität. Es wiederholt diese Unterscheidung aber nur, sie kommt im Bild so gut vor wie außerhalb des Bildes. Im Bild sieht man auch Wirklichkeit, das Papier ist ja echt und nicht vorgetäuscht. Ausserhalb des Bildes gibt es auch eine echte Welt, aber die auch künstlich. Wenn es geht, empfiehlt es sich ein Bild so zu erschließen, wie es entstanden ist. Hier könnte man sich vor Ort begeben. Man könnte das Bild nachstellen, die Leute tun so etwas, ist fast Volkssport in der digitalen Fotografie geworden. Maria Muhle nennt das mindere Mimesis und analysiert es darauf hin ,was daran nicht nur rekursiv und mimetisch, sondern auch polar ist. Ganz einfach gesagt; Man kann sich an die Stelle des Fotografen stellen, und der Welt im Rücken zuwenden. Was sieht man dann?

Man sieht dann auch Häuser, tiefer am Hang, sehr groß. Das sind Cool Kikis Stalllungen, Cool Kiki Reithalle und Coll Kikis Gebäude für das Personal. Kiki, so könnte mna da jetzt lesen, scheint ihre Position zu genießen, sie blickt dem Personal über deren vorläufige Wohnstätten. Sie schaut über die Pferde, die ihre Pferde sind. Gestern ist sie sie mir wieder einmal mit ihren vier Kindern im Traum erschienen. Sie gehört zu denen, die nachleben, das sind alle die, die gelebt haben. Alle Emotionen sitzen einer Energie auf, die sie speist. Klamm drängend, rauschend und leuchtend sei dieser Affekt Phobie genannt, er speist alle Emotionen. Er speist die Liebe und die Wut, den Haß und die Freude. Kiki lebt rauschend und leuchtend nach. Sie war ein starkes Subjekt, so soll sie gewürdigt werden.

Starke Menschen entfernen sich schwer, weg kommt keiner. Käthe entfernt sich maximal mit der Geschwindigkeit einer Seidenraupe, eher der einer Schnecke. Bis heute führten die Träume jedes mal dazu, dass ich am nächsten Morgen aus unruhigen Träumen erwachte und mich in meinen Bett in einen ungeheuren Brandi-Klinkenberg verwandelt fand. Wie konnte ich nur glauben, dass sie schon weg sei?

2.

Zurück zum Foto. Die Brasilianer (Leute aus der Schule von Recife wie Gilberto Freye) sprechen von Casa Grande, wenn sie das Haus im Rücken meiner Großmutter meinen. Sie sprechen nicht von Senzala (Hütte), wenn die die Häuser im Rücken meines Großvaters meinen. Man sagt dann Ställe, Stallungem Garagen und Personalgebäude. Wenn man heute an dem Grundstück vorbeifährt, sieht man von einer Ecke aus folgende Gebäude:

Das ist also nicht das Casa Granda meiner Großmutter. Das sind in einem teils schräg metaphorischen, teils treffenden Sinne, auf jeden Fall tropisch-wendigen Sinne ihre Senzalas. Diese vier Gebäude dienten dem Personal und den Pferden, den Helferlein und den Dingen. Nur am Anfang sprach man von Dienern (dazu wie immer mehr bei Markus Krajwski).

1926, als die VESTAG gegründet wurde und dieses Haus von der VESTAG für meinen Urgroßvater Adolf Klinkenberg als repräsentativer Wohnsitz nicht weit von der Ruhr entfernt gebaut wurde, da waren die Pferde noch nicht vollständig verschwunden. Sie waren aber nur noch Luxus. Casa Grande, den Sitz von Adolf Klinkenberg (Käthes Vater) kann man heute von außen aus sehen. Man braucht dann aber eine Drohne, sonst wird es schwierig. Auf Googlemaps muss man hier nicht verpixeln, die Mauer und die alten Bäume sperren auch so den Blick auf den Park und Casa Grande.

Solche Architekturen, ich meine auch den Park, sehen vielleicht adelig aus, sie sind es aber nicht. Das sind bürgerlich-rechtliche Privatgrundstücke, deren Sozialpflichtigkeit grundsätzlich feststeht. Sie ist ein Witz gegenüber den Pflichten des Adels. So ein Grundstück Sitz zu nennen ist auch eine schräge Metapher. Die Immobilie ist an kein Amt gebunden, obschon die VESTAG dieses Haus ihrem Vorstandsmitglied baute. Das folgten aber nur Erwartungen, die erstens nicht einklagbar und zweitens kurzfristig waren. Das Haus steht länger und hat länger seine Eigentümer, als die Eigentümer im Vorstand sind. Der König muss seinen Sitz räumen, wenn die Nachfolger kommen. Die Vorstandsvorsitzenden müssen das nicht. Selbst wenn ihre Erben ‚Unternehmersimulanten‘ (Hubertus Erfurt) sind, bleiben die Eigentümer, solange die nicht pleite gehen oder sich die Erbschaftssteuer nicht mehr leisten können. Richard Wagner hat zu solchen Situationen des Sitzes, des Baus und teils vertraglicher Pflichten vier Opern geschrieben, die vom Ring des Nibelungen handeln. Da findet man Architekturen, die dem Haus in Käthes Rücken ähneln, ich meine nicht Walhalla (keine Tempelfassade, nur Portikus zweiter Klasse!), ich meine die Haufen und Höhlen in der Oper, das ist das, was im römischen Recht auch contubernium genannt wird. Wenn sie nach 1800 gebaut wurden, lief es oft darauf hinaus, dass sie zu Behausungen werden, die von Lindwürmern gehütet werden. In ihnen gab die Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit nur noch Anlaß für Verwechslungen, die nicht alle, aber u.a. mich, wiederholt aus unruhigen Träumen erwachen lassen.

Die Hochzeit zwischen Käthe und Klaus ist ein Teil jener postfeudalen Gesellschaft gewesen, in der Manager sich teilweise adelig gaben. Wenn sie entweder blöd waren oder keine Romane des 19. Jahrhunderts gelesen hatten, dann wollten sie darin nur Vorteile sehen. Die Hochzeit zwischen den beiden lies ihre Vornamen wie in kurzen Schatten gesagt unangetastet: Käthe und Klaus. Die Nachnamen Klinkenberg und Brandi wurden nach patriachalischem Muster, familien- und namensrechtlich zu einem Namen (Brandi).

Nicht Cool Kiki, nicht Klaus, sonst aber hochaffin und vor allem verwandt: Ruhrgebietshochzeit. Onkel Fritz Schupp, Architekt der Zeche Zollverein, läuft auch durch das Bild, mit Bauhausbrille.

Frau Käthe brachte das große Haus und das große Vermögen. Sie kommt aus einer Familie, die bei Aachen Geistliche und Sekretäre hervorgebracht. Ihr Vater Adolf ist als Ingenieur ausgebildet wuorden und dank einiger Patente mit Schallgeschwindigkeit an vorbeigehende Spitzen katapultiert worden. der hat wie besessen die Codices, die Inkunabeln, die drucke und die Edition gesammelt, die seine Vorfahren abschreiben und verwalten mussten. Klaus brachte weitere Bildung, Kontakte zur Exekutive, Legislative und Jurisdiktion, zur Universität sowie (als eher unpraktische Mitgift) eine Reihe von musischen, zuvor extra nur mit Müttern assoziierten Ambitionen und Sensibilitäten mit. Ihre Hochzeit wurde gesellschaftlich als Vereinigung zweier Familien aus der Oberschicht der Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebietes gewürdigt, zumindest so gefeiert.

Klaus war Sohn von Paul Brandi, der leitender Beamter in Essen war. Käthe war Tochter von dem erwähnten Adolf Klinkenberg. Ihr Milieu hat das als Hochzeit zwischen den Klinkenbergs und den Brandis gesehen, auch wenn niemand bestritten hat, dass es Käthe und Klaus waren, die da heirateten. Anders geht es nicht, wenn Wesen heiraten, die sich genealogisch organisieren. Das ist und bleibt phantasiebegabt, auch wenn es darin involviert ist, Menschenfleisch zu fabrizieren. Die beiden hatten 5 Kinder, davon 3 gemeinsam, eines davon ist meine Mutter.

3.

Das Haus im Hintergrund liegt dem decorum nach in der dritte Reihe. Die dritte Reihe ist die Reihe des Vorstands der Vereinigten Stahlwerke. Das war ein 1926 gegründeter, vertikal integrierter Montankonzern. Die juristische Person ist eine Aktiengesellschaft gewesen, die (was kann ich dafür) VESTAG. Das Haus ist auch in dieser Zeit gebaut worden und meinem Großvater dann später übereignet worden, wegen seiner Arbeit für die VESTAG. Das war fatal, das kann man anders nicht sagen.

Die Reihe ist eine Reihe, die ziemlich weit vorne liegt und in der man umso besser einen Sinn für den Abstand zur zweiten und zur ersten Reihe entwickelt. Was danach kommt, mag danach kommen. Die erste Reihe bildet etwas, was mehr als zwei Nummern größer erscheint. Die Villa Hügel ist exponentiell größer, die Abstände verlaufen mathematisch betrachtet nicht linear. Die erste Reihe ist zumindest in dieser Gegend, dem Ruhrgebiet, die Reihe der Eigentümer von Familienunternehmen wie Krupp oder Thyssen gewesen. Noch während meines Studiums in Passau bin ich zum Beispiel dem Studenten Felix Henle, Sohn von Susanne Henle und Enkel von Berthold Beitz, Ur-Enkel von Peter Klöckner mit dem Hinweis auf den Geburtsnamen meiner Mutter vorgestellt worden. Das hat seinen Blick merklich geändert, ich würde sagen aufgehellt und geöffnet, zumindest für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Ach so, das ist ja ein lustiger und verrückter Zufall, ha ha ha! Das sagt man dann so.

Obschon ich ihn und er mich noch nicht kannte, konnte wir uns dann einordnen und Einladungen mit dem aussprechen, was man entweder Kredit oder Ansehen nennt. Die Reihe Berthold Beitz, Susanne Henle, Felix Henle: die kannte ich zwar nicht auswendig, aber mein großer Bruder kannte sie auswending und stecke mir das gleich so zu, dass ich Felix so begrüßen konnte, als ob ich das selbst auswendig gewußt hätte. Die Linien hängen einem an, wie ein Mantel, der auch dann noch die Form besitzt, die ihm einst ein persönlich bekannter Schneider gab, wenn dieser Mantel längst industriell in Pakistan produziert wird. Das ist anhängender und anhänglicher Kredit, das ist Sitte, zu deren Physik Kant sogar behauptet, da gäbe es einen Metaversion von, die Metaphysik der Sitten. Tracht und Träger gibt es auf jeden Fall.

In und auf der zweite Reihe des Ruhrgebietdecorums liegt die Villa von Albert Vögler, der dem Vorstand der VESTAG auch angehörte, ihm aber vorsaß, weil er ‚beste‘ Verbindungen zur Politik pflegte, dafür musste der nicht eine Tochter verheiraten. Gegenüber meinem Urgroßvater Adolf Klinkenberg, einem Ingenieur, hatte er, was Macht angeht, Vorzüge. Ernst Brandi, der Onkel von Klaus, gehörte auch dem Vorstand an, Klaus heiratete also die Tochter eines Vorstandskollegen seines Onkels. Vögler stand darüber, ich spreche von feinen Unterschieden, die zum Gewebe der Gesellschaft gehören. Vögler soll herausragend agiert haben, damit die erwähnten Vorzüge gehabt haben. Einer war vor allem der Umstand, dass er ein talentierter Machtmensch war. Das war einer, der mit allen Leuten umgehen kann oder umzugehen weiß, dazu noch einer, den alle umgeben wollen. Setzt er sich an den Tisch, hoffen andere auf glückliche Tischordnung und Nähe zu ihm. Betritt er den Raum, brechen ande ihre Gespräche ab, um ihn zu begrüßen. Die Krupps und die Thyssens sind unantastbar. Albert Vögler musste am Ende des zweiten Weltkrieges allerdings tun, was Albert Ballin am Ende des ersten Weltkrieges getan hat und was sogar Aby Warburg am Ende dieses Krieges tun wollte: Er hat sich erschossen. Das sind die Kosten der Vorzüge, wenn man direkt nach den Unantastbaren in zweiter Reihe, dafür jedoch im Bereich der Tastbaren in erster Reihe steht. Es haben an eigener Unsterblichkeit die Götter genug …(Hölderlin).

Die zweite Reihe ist eine, die sich nicht in Familienunternehmen und Eigentümern aufhält, anders gesagt: Sie halten sich dort nicht auf. Die in zweiter Reihe sind also nicht die Familien der Unternehmer und Eigentümer. Sie sind in dieser Gegend Verwalter oder Manager, die an privatgesellschaftlich komplex organisierte Konzerne mit der Struktur einer anonymen Gesellschaft gebunden sind und da an einer Front stehen, an der Sichtbarkeit und Aktion beginnt. Die Zweitreiher sind Vorstandvorsitzende. Sie stehen in verbindlicher Relation zur Politik, selbst wenn sie zu den freien Gestalten gehören. Diese zweite Reihe ist diejenige, die ‚die ganze Scheiße‘, sprich: die obersten Realwidersprüche, nicht nur verteilen, sondern auch fressen muss (das könnte eins sein).

Von Zweitreihern wie Vögler von der VESTAG scheibt Vesting auch, wenn er in seinem Buch über Rechtssubjekte und Petsönlichkeitsideale von den Managern schreibt. Vögler geht nicht darin auf, in dieser Reihe der oberste Schurke gewesen zu sein. Ihn als Nazi abzutun ist das Attest derer, die keine Unannehmlichkeiten haben wollen. Den musste man nicht zum Sündenbock machen, was er getan hatte, wußte er selbst am besten und da liess er sich auch keine Verantwortung abnehmen. Das ist auch ein Suizid.

Eine rekursive und mimetische Wissenschaft soll den Forscher auch dazu bringen, sich selbst als Teil seiner Fragestellung zu begreifen. Die Trennung zwischen ihm und seinem Gegenstand soll nicht unbedingt groß, nicht unbedingt klein, sein. Sie soll unbedingt mit Assoziationen und Austauschmanövern einhergehen. In meiner Forschung zu den Vöglers und Brandis der Welt und zu allen denen, die mir meinen Reichtum beschert haben, worin auch immer der besteht, verstehe ich das Nachleben so: Sie alle leben in mir nach. Vögler, Adolf, Kiki, Klaus: die alle bin ich doch zum teil selbst. Der Baseler Archäologe Jacob Burkhardt der sagt das so: Die Wogen, das sind wir doch zum Teil selbst. Ich selbst muss doch auch unterstellen, das ich tätig werden, Tatmensch und Täter bin. Brocks Kursfassung von Faschmismustheorie lautet insoweit formelhaft: Kein Faschist ist derjenige, der weiß, dass er durchaus einer sein könnte und gerade darum unterlässt, einer zu sein. Wer sich meine Energie erklären möchte, muss man ja nicht, könnte darin einen Indiz sehen. Da toben Ahnen und die Weise wie sich mich ahnen und wähnen lassen

Aby Warburgs Protokollskizze vom Vorabend des Abschlusses der Lateranverträge (10.2.1929)
Warburg zeichnet sein Hotelzimmer und übt für die nächsten Tage. Das ist eine Übung zu dem, was später Tafel 78 und Tafel 79 wird. Unten steht der Name von Karl Brandi, auch wegen dessen Kenntnissen in Sachen Diplomatik und ‚diplomatisches Protokoll‘.

4.

Die im Decorum dritte Reihe, das ist also die Linie (die gründliche Linie und der Zug) derjenigen Familie, zu der meine Mutterlinie [!] gehört. Wie immer ist diese Reihe ein Reigen mit eigenen Rechten, sie ist einer der Linienzüge, von denen englisch gesagt wird, dass sie drawing, drafting und drifting seien. Warburg widmet solchen graphischen Linienzügen Tafel A seines Atlas.

In so einer Linie läuft mit, was wir im MPI fault lines nennen. Das sind Linien, an denen Verwerfungen und Entwürfe zusammenkommen. Diese Familie ist weder unantastbar noch ist ihr Leben so ewig eng an die Verwaltung, an Aktiengesellschaften und Politik gebunden. Sie ist bürgerlich, wechselfähig. Sie wechselt leicht die Seiten und kommt leichter weiter, aber auch nicht, ohne unsicher und limitiert zu sein. Sterblich sind sie auch. In der Generation der Brandis, die Käthe und Klaus folgte, geht die Kurve der Selbstmordrate in den fünfziger und sechziger Jahren vorübergehend nach oben. Die Söhne und Töchter waren statistisch betrachtet unter größerer Lebensgefahr, man würde wohl sagen: von innen bedroht. Klaus, mein Großvater, war auch kein Muster und Vorbild an Resilienz. Auch sein Tod wird wie als zaudernder Verwandter des Suizides beschrieben, wie ein Aufgeben oder der Verlust an Lust. Das Zimmer, in dem er starb, das hatte eine Schräge und daran klebte eine Industrietapete. An ihrem Ende wellte sich was. Er hatte sich zuletzt unter das Dach zurückgezogen, dorthin, wo entweder das eigenen Personal oder dasjenige von Gästen seine Kammern haben konnte.

Am Morgen nach seinem Tod stand auf einem kleinen runden Tisch eine Packung Cracker. Die war angebrochen, wie ein Flügel stand ein Teil des Pappdeckels nach oben, wie der Blick von Kiki auf dem Foto. Das war 1974, es ist mehr als halbes Jahrhundert her. Seit diesem Augenblick gehört diese Szene anhaltend zeitgenössisch, zu den Blickkonstellationen die mir vor Augen stehen und mich dort laden. Ich bin Melacholiker, mir steigt sedimentäre Geschichte daured im Blut auf, abstellen kann ich es nicht, ich muss das beste daraus machen.

Ich gehöre zu einer Generation in dieser Familie, die nicht studiert hat, um aufsteigen zu können, sondern um besser absteigen zu können, also um nicht so leicht umgehauen zu werden von den Rinn-, Schick- und Kippsalen. Mein Zugang zur Forschung und Lehre tendiert dazu, einen Blick für Treppenszenen, Begehren, Auf- und Abstieg einzunehmen. Ich will aber auch den Blick jener amazonischen Wesen üben, die das Ende ihrer Welt bereits hinter sich haben und dennoch, wenn auch weiterhin limitiert und unsicher, unbeständig und fröhlich existieren. Das sind keine Ureinwohner, keine von denen, die zuerst da waren und denen ein Ort oder eine Zeit ursprünglich gehörte. Ich auch nicht. Das sind Wesen, die einen tropischen Zugang zu den Denkräumen haben. Ich auch. Sagen wir so: Das sind Vismanns Verwalter aus dem ersten Kapitel des Aktenbuches. Die Tupi, die Nambikwara, die Xucuru; das sind keine originellen oder gar ursprünglichen Wesen, sie sind tropische Wesen. Ich auch. Der getreppte und treibende, getriebende Blick ist da, los werde ich den bestimmt nicht mehr. Ich muss das Beste daraus machen. Da ist mir Rudolf Wiethölter glücklicherweise über den Weg gelaufen. Die Formel ist trivial: Es hilft alles nichts. Er sagte das so: Ohne Recht geht es nicht, mit dem Recht auch nicht. Nur: Paene omnia decent. Zum Ziel hin geht alles.

Dazu Tropenrecht. Nicht nur dazu, aber dazu auch.

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