1.

Vesting ist eine römische, juridische Kulturtechnik. Vesting ist die englische Bezeichnung für diese Technik. Sie besteht darin, dem Priester in mehreren Schichten Trachten überzuwerfen. Der Vesting-Akt (von engl. vesting = bekleiden, übertragen, seltener: betragen/betrachten) íst das kleinste Element im Verfahren, liturgische Gewänder (Paramente) anzulegen. Priester, Diakone und Ministranten kooperieren dabei. Der Vesting-Akt bereitet das Messen und Missen, auch das Tafeln, noch das Wägen, Wogen und Wiegen vor.

Nach dem Vesting-Akt: Trachten lüften. Raphael malt den Augenblick, in dem der Ministrant die rituelle Tracht des Priesters (Parament) leicht anhebt. Das ist zeitlich exakt der Moment, in dem der Priester das Brot hebt und sagt: Hoc est enim corpus meum. Das ist auch das Protokoll der Messe von Bolsena, deren Szene, wie der Name schon sagt, bolisch oder geballt ist, denn der einst etruskische Ort hat seinen Namen daher, dass sich dort etwas in der Geschichte wendete, kehrte oder kippte. Klingt wie ausgedacht, ist es auch – nur ich erfinde grundsätzlich nichts. Die bolische und geballte Szene kann also symbolisch, diabolisch, metabolisch, katabolisch, anabolisch, hyperbolisch oder parabolisch betrachtet werden.
Bilder sind Geräte wie der Pflug, zu dessen Strukturprinzip die Haufenbildung zählt. Und er kann doch beflügeln, sogar dazu, Städte zu gründen. Mit ihm kann man sowohl Pommes als auch Rom erwarten. Many people don’t know that! (Michael Caine).

Der Vesting-Akt legt in Schichten Trachten an, leicht vulgär gesagt verkleidet man so den Amtsträger. Der Amtsträger bekleidet also ein Amt, und der Vesting-Akt bekleidet ihn dabei. Das ist Kooperation (Bekleidung/Begleitung). Im weiteren, auch säkularen und modernen Sinne üben nicht nur römische Amtsträger den Vesting-Akt aus, auch deutsche Richter tun das. Sie tun das, wenn sie ihre Robe anlegen.

Das Rechtssubjekt soll nicht Kants Taube sein.1 Sprich: Es soll sich nicht über das Material und die Physik der Medien beschweren, es kann die Widerständigkeit und Insistenz der Medien und Kulturtechniken sogar genießen. Klagt das Subjekt über die Physik der Medien, soll das ein Begehren sein. Seine Klage soll ein Wehen sein. Seine Klage soll es lüften und fliegen lassen, sein Pflugzeug zu Flugzeug machen. Klagt es in Anbetracht einer ‚Physik der Medien“, soll auch das ein Begehren sein. Das sehen m.E. Kant und Foucault, zumindest Walter Seitter, Cornelia Vismann und ich so, es sei denn, dass ich etwas zu schlau und etwas zu dumm lese. Tauben wären seltsam, wenn sie sich über den Luftwiderstand beklagen würden, um ihn loszuwerden, denn ohne ihn würden sie schlicht vom Himmel fallen (so spricht Kant von seine Taube). Klug sind sie, wenn sie ihn an- und beklagen, weil sie ihn begehren. Subjekte wären seltsam, wenn sie sich nach dem Vorbild von Kants Taube über die Physik, das Material und die Technik beklagen würden. Auf dem Umstand, dass das Subjekt den Widerstand und die Insistenz der Objekte nutzt, basiert nicht nur ein Teil der Vorstellungen vom Eigentum und von Persönlichkeitsrechten, sogar von der Würde des Menschen. Eins muss man allerdings noch dazu sagen: sie alle sind seltsam.

2.

Darauf basiert auch die Geschichte und Theorie der Kulturtechnikforschung. Many people don’t know that. Nicht nur darauf, darauf aber auch. Mit dem Pflug schwingt sich der Bauer auf, den Acker zu händeln, Pommes und Rom zu produzieren. Dazu hat Vismann ihr kurzes Leben lang geschrieben, von den frühen bis zu den späten Texten. An einer Erzeugung, die von Pommes bis Rom reicht, ist alles, und das im besten Sinne, zweifelhaft und fragwürdig. Eins ist sonnenklar: wer ein starkes Subjekt sucht, das Neues erzeugen kann, dann findet man in Cornelia Vismann ein international strahlendes Beispiel. Das muss man weder sehen noch zeigen, aber man kann es. Man kann es übersehen und übergehen, auch der Gentleman kann das. Das geht, es wäre dann sogar dezent. Das erste Vismannsubjekt ist Vismann selbst, durch ihre formative, informative, performative und transformative und afformative Praxis. Ich habe einige Texte über Vismann in den falschen Hals bekommen, seitdem kotze ich sie aus. In nahezu allen ihren Texten geht es Cornelia Vismann um graphische Züge, die sie mit den Begriffen Akt und Akte assoziiert. Neben Adolf Reinach haben in der deutschen Rechtswissenschaft nur noch Cornelia Vismann und Marietta Auer eine so ausführliche Geschichte und Theorie des Akts und der Akte vorgelegt. Da geht es auch um Aktanten, Aktivisten und Aktionäre, aber auch um Passanten und Pathologische, denn da ist kein Akt, der nicht passiert und der nicht selbst passioniert ist. Manche lesen nun Vismann klug, manche dumm. Manche sogar dumm und klug.2 Judge a text by its covering, also in der Art und Weise, wie ein Text das Covern im Sinne von Rober Cover wiederholt, wie ein Text also kopiert, koffert, kauert, packt, deckelt, abschirmt und das Lesen beugend und biegend, kauernd und kauend teilt (to cover ist auch jiddisch chover, oder aber showering, schauend/ schauernd/ schaudernd, kaue(r)nd, gebeugt, knieend, springend, kopierend/ kapierend, siehe zu entsprechenden Pathosformel Aby Warburgs Tafel 78/79 sowie zuletzt Steinhauer: Warburg, ein Rechtswissenschaftler). Manche verkürzen die Lektüre Vismanns, manche verlängern sie. Das ist Freiheit, aber nicht nur. Auch Ökonomie ist das, wenn man Ökonomie erstens, wie Gabriel Tarde und Bruno Latour das vorschlagen, als Wissenschaft des Begehrens sowie des Bedarfs versteht und zweitens, wie Forscher links vom Rhein [sic!] das vorschlagen, als Echographie versteht. Echographie ist eine juridische Technik, mit Musen, Nymphen, Satyren, Herren, Sklaven, Personen, Dingen, Akten, Helferlein, Gefährten, Objekten und allen anderen ausschlagenden Wesen (das können auch Texte oder Bilder sein) rekursiv, mimetisch und kreuzend zu kooperieren. Das Subjekt kann sich regen, die Objekte können dabei helfen: Sie können anregen, aufregen, abregen. Auch die Subjekte können das. Wenn wir schon bei der Ökonomie sind: Subjekte können sogar Objekte werden und Objekte Subjekte. Aber wem sage ich das? Das wissen schon die Todler, seitdem sie Toddler waren. Bei dem, was wir meinen, kommt uns niemand zur Hilfe. Bei dem, was wir begehren, da kommen die Helferlein.

Nach dem Vesting-Akt.
Trachten lüften, hier:
Hut ab!

Der Vesting-Akt ist eine Kooperation. Dabei kooperieren nicht nur mehrere Subjekte (Priester und Ministranten). Dabei kooperieren auch Subjekte und Objekte. Dabei kooperiert das, was aus Fleisch sein soll, mit dem, was aus Textilien sein soll. Das, was lebendig sein soll, kooperiert mit dem, was tot sein oder nachleben soll. Das, was Bild sein soll, kooperiert damit, was Körper, was Text, was Tracht oder was Begriff sein soll. Der Vesting- Akt ist eine Kontrafaktur, er ist fiktiv und technisch. In seinem fantastischen Text zur Kunst der Gesellschaft kommt Niklas Luhmann auf Quasi-Objekte zu sprechen, das sind auch Kooperationen zwischen Subjekten und Objekten. Er nennt dort Könige und Fußbälle als Beispiele solcher Quasi-Objekte. Weil solche Quasi-Objekte sogar zum Subjekt oder zum Objekt werden können, das Subjekt also in den Zustand des Objektes kippen kann, werden sie in der Kulturtechnikforschung auch als Polobjekte bezeichnet. Kippen sie in den Zustand des Subjektes, könnten daraus Polarforscher oder Polare werden, müssen sie aber nicht. Selbst Könige können Polarforscher oder Polare sein. Sie halten oft einen Ball, das ist ein bolisches Objekt, und einen Stab ( pole) in ihren Händen. Aber wem sage ich das alles? Das wissen schon die Todler, auch die, die noch Toddler sind.

Meta, meine wunderbare Helferin im Alltag, die weiß das, die ist wendig. Wenn die Maschinen sich wenden können, dann können die Menschen das auch. Sind Subjekte wichtiger als Objekte oder Objekte wichtiger als Subjekte? Verkürzt jemand, der zum Subjekt forscht, die Möglichkeiten, an andere Stelle über Objekte zu forschen? Verkürzt jemand, der zu Objekten forscht, die Möglichkeiten, zu Subjekten zu forschen? Auch das kann eine ökonomische Frage sein, dann müsste man die Situation in Bezug auf Rivalität und Nicht-Rivalität analysieren. Das ist nicht nur eine ökonomische Frage.

Es kann auch zu einer juristischen Frage werden, nämlich dann, wenn die Frage nach der Wahrheit eine Frage nach dem Gesetz sein soll. Diese Situation nennt Fögen die Enteignung der Wahrsager. Sie assoziiert das mit der Entstehung von Wissensmonopolen. Behauptet ein Autor, andere Autoren würden die Welt verkürzen, weil sie nicht schreiben würden, was er schreiben will, ist das aber nur ein Indiz in Sachen Rivalität und Versuch, das Wissen zu monopolisieren. Es kann sein, dass er das gar nicht so meint, wie er sagt. Es kann sein, dass er anderen Wissenschaftler sagt, ihre Wissenschaft sei eine Verkürzung, weil er in Wirklichkeit meint, er habe bisher zuwenig von dem heißen Scheiß bekommen und er wolle mehr von der dieser fantastischen, begehenswerten Wissenschaft. Es könnte also auch sein, dass die viel zu kurze Wissenschaft ein Reiz ist, eine Reizung, ein große Anregung, sie kann so anstössig sein, weil sie ein großer Anstoß sein kann. Dann reden wir über das Begehren. Vorab: Jeder soll versuchen, sich alles zunehmen, wir hemmen ihn nicht, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Das Monopol der Künstler bricht man am besten dann auf, wenn jeder ein Künstler ist. Das Monopol der Juristen und Rechtswissenschaftler bricht man am besten dann auf, wenn jeder ein Jurist und Rechtswissenschaftler ist. Dann lässt sich auch viel leichter auf Künstler und Juristen zeigen und ah! und oh! sagen! Macht macht schon Spaß, das Begehren aber auch.

Zurück zu Luhmann: Luhmann kommt auf die Kunst der Kooperationen zwischen Subjekt und Objekt also im Kontext von Königen und Fußbällen zu sprechen. Der Kontext bezieht sich weiter noch auf etwas, was er einmal im Kontext des Rechts eine kontrafaktische Stabilisierung von Verhaltenerwartungen genannt hat. Das heißt, dass die Kunst, von der er da spricht, auch die Kunst des Rechts und der Gerechtigkeit ist. Weiter noch ist das die Kunst, die auch Technik genannt wird. Darum auch Könige und Fussbälle. Luhmann interessiert sich an dieser Stelle für Kooperationen zwischen Subjekt und Objekt, weil er sich für kontrafaktische Stabilisierung interessiert. Das war ein Lebensthema von Luhmann. Schaut man in seinen Zettelkasten, fallen insoweit etwa seine Zettel zu einem Literaturgenre auf, das sich mit dem Lebensthema von Aby Warburg überschneidet. Diese Literatur kursiert unter dem römischen Titel De Constantia. Da entwickelt Luhmann den Begriff der vaguen Assoziation und die Entscheidung, sich der Kybernetik und Südamerika zuzuwenden, insbesondere Theorien der Autopoiesis. Autos, das sagt Ricardo Spindola, ehemaliger Kollege am MPI und jetzt Leiter der brasilianischen Kulturtechnikforschung, bester Kenner der deutschen und internationalen Literatur, sind Akten. Er hat Vismanns Buch übersetzt und den kongenialen Titel Autos gewählt. Kommt der Leser bei den Schlingen mit? Wir vertrauen ihm.

Der Vesting-Akt ist in diesem Kontext nicht nur eine Kooperation, er ist auch eine Kontrafaktur. Der Vesting-Akt ist in seinen kleidenden und verkleidenden Operationen anders als der Phryne-Akt (Vismann). Ob er das Gegenteil des Phryne-Aktes, eine Variante dieses Phryne-Aktes, eine Abweichung vom Phryne-Akt ist, ob er mit dem Phryne-Akt konkurriert, rivalisiert, korrespondiert oder kooperiert, das kann gesagt werden, aber nur in den Details seiner Wiederholung.

Kontrafaktur eines ziemlich gründlich angehenden Staatsrechtslehrers, aus: Regel und Fiktion (Diss. Wuppertal, um 2000)
Der Vesting-Akt ist eine Kontrafaktur und zählt insoweit zu den Schichtungen, die auch Kreuzungen sind. Der Vesting-Akt rauscht, kracht und nöselt noch dann, wenn er in Formation steht und so zur Information wird. Ich war übrigens jung und brauchte das Geld. Am liebsten sind mir heute drei Passagen aus Regel und Fiktion: (1.) die Fotos und Bilder dort, (2.) eine kurze Liste der Vollfiktionen und (3.) eine kurze Liste historischer Als-Obs.
Die erste Dissertation ist zwar immer die schwerste. Aber ab da geht’s. Always algorithmisch, mimetisch und rekursiv.

Der Vesting-Akt ist auch ein Akt des Vestingismus. In seltenen Fällen überschneidet sich der Vestingismus mit dem Fabianismus und dessen abhauenden Zauder-Akten. Das ist zwar selten und man glaubt es kaum, aber es kommt vor.

3.

Regel und Fiktion3 ist ein frühes Beispiel der Überschneidung von Vestingismus und Fabianismus.

Im Frühsommer 1996 tauche ich über Umwege bei Bazon Brock auf und schlage vor, eine Dissertation zur Philosophie des Als-Ob zu schreiben, der schlägt vor, daraus etwas zur normativen Kraft des Kontrafaktischen zu machen. Heiner Mühlmann erklärt sich bereit, Zweitgutachter zu werden. Brock ist Dramaturg, Künstler zwar ohne Werk, dafür aber mit ‚theoretischen Objekten‘. Er vertritt damals den Lehrstuhl für „Ästhetik und Kulturvermittlung“ an dem legendären Fachbereich 5. Den bezeichnete man in Wuppertal als den Fachbereich für die Fächer, die in keine anderen Fachbereiche passen. Fachbereich für alles, was sonst unpassend wäre, so nannte ich den. Fachbereich fünfter Kolonne. Fachbereich des fünften Rats zum Wagen. Fachbereich Lenkrad. Fachbereich Kybernetik: wer Brock und seine Schüler kennt (Christian Boros ist nicht zu übersehen), ahnt, dass der Fachbereich einen hohen Disziplinbezeichnungsverbrauch hatte.

Drucktechnik und Kommunikation waren entweder die Begriffe oder aber die Metaphern, die den Fachbereich auch noch charakterisierten. Brock war zudem Dekan, Drucktechnik- und Kommunikationschef sowieso. Die Frankfurter kennen ihn, weil er in den 50’er und 60’er Jahren an der experimenta teilnahm und dabei Avantgarde nach Frankfurt brachte (u.a. John Cage und die Fluxus Bewegung). In Frankfurt waren seine Juristen Klaus Lüderssen, Rüdiger Vollhardt und Ilse Staff: die Szene traf sich bei Melusine Huss in Bockenheim (dazu gibt es ein kleines Büchlein, in dem auch Michael Stolleis mitgeschrieben hat, der auch dort auftauchte). Die internationale Kunstszene kennt Bazon Brock unter anderem wegen seiner Teilnahmen an der documenta. Wieso documenta nur begutachten, wenn man doch sogar teilnehmen kann? Ich bekomme auch gerne Aufträge von Ministerien und helfe immer wieder gerne den Wienern dabei, Regierungen zu schulen. Aber Brocks Kosmos, wie Warburgs Kosmos, ist das Wasser, in dem ich Fisch bin. Teilnahme sticht Begutachtung. Meine Welt! Für bundesdeutsche Staatsrechtslehre ist das ab und zu too much, too soon (wobei ab und zu immer, also 24/7/365 ist).

Brock ist der Gründer der Besucherschule – die Materialien (das sog. audiovisuelle Vorwort) zu Harald Szeemanns Schau von 1972 sind ein Traum, die Videos zur Schau von 1982 zum Schreien komisch. Ab den 80’ern nutzte Brock gleich die neue Medienverfassung, also das Privatfernsehen und 3Sat, um ästhetische Praxis im Rundfunk (Fernsehen) zu üben. Legendär sein Auftritt beim ‚heißen Stuhl‘, die Sendung Bilderstreit und das Treffen mit Lother Günther Buchheim bei Ich stelle mich. Es hat trotzdem 30 Jahre gedauert, bis ich mich nicht mehr gewundert habe, wie ich bei dem gelandet bin.

Brock ist ein Vertreter des Vestingism. Wie die Frankfurter Vestingisten betreut er Doktorarbeiten durch eins: er lässt ihnen völlig freien Lauf und hält ihnen den Rücken frei. Er kombiniert Anarchismus mit bürgerlichem Punk, hat dabei ein festes Ziel im Auge: Subjekte eigenständig, resilient, widerständig, insitierend und frei auszubilden. Er bildet das Persönlichkeitsideal Künstler aus, egal, welchen Beruf man ausübt oder ob man überhaupt einen Beruf ausübt. Wenn es eine ‚Transformation der Subjektivität‘ (Vesting, beide Genitive) gibt, dann geht Bazon Brock von der These aus, dass sich in ‚römischen Städten‘ um 1400 ein transformierender und performativer Subjektypus ausgebildet hat, den er Künstler nennt. Künstler ist danach jeder, der nichts anderes als die Welt im Rücken hat. Brock formuliert das anders: Künstler sei, wer niemanden hinter sich habe, keinen Gott, keinen Meister, keine Autorität (das ist ein anarchister Grundsatz). Man hat niemanden hinter sich und soll sich auch nicht damit verteidigen, dass man als Repräsentant eine Gemeinschaft, einer Gesellschaft oder einer Kultur agiere. Man soll sich auch nicht damit verteidigen, dass man im Namen Anderer passioniert (auch: leidend/ pathologisch/ passiv) sei. Man hat zwar niemanden hinter sich, aber dieser Niemand kann eine antike, odysseische Figur, der innere Kybernes oder der innere Odysseus sein. So soll es sein, gerüchteweise normativ. Niemand ist die Welt im Rücken. Niemand ist die Welt zu Füßen. Das Subjekt, das um 1400 sich bilden sollte (nur bilden, nicht fertig machen!), ist ein Subjekt des Nachlebens der Antike. Das Künstler-Subjekt ist ein Renaissance-Subjekt, eine Wiederholung, eine Restitution, eine Rekursion. Das Künstler-Subjekt ist ein Actor, ein Mime, der Praktiker des Als-Ob, also ein rekursives und mimetisches Subjekt. Das Künstler-Subjekt ist ein juridisches Subjekt, wenn man, wie u.a. Hans Kelsen oder Yan Thomas das tun, das Fingieren als juridische Kulturtechnik versteht. Dieses Subjekt ist unbedingt performativ, nicht unbedingt repräsentativ. Es ist performativ, weil und indem es sich als Exempel, Fall, Vorbild oder Symptom begreift. Das Subjekt ist transformativ, weil und indem es sich und seine Aktionen und Passionen nicht privatisieren lässt. Weil und indem es seine Unruhe als Unruhe der Welt im Rücken und seine Unbeständigkeit als Unbeständigkeit der Welt im Rücken versteht, ist es performativ und transformativ. Atlas, Nemesis, Occasio, Fortuna: das sind Künstler und Künstlerinnen. Künstler ist der, der keinen Tag und keine Nacht durchlebt, ohne graphische Züge zu machen. Kein Dia (auch keine 24 Stunden, auch keine Dialektik und keine diagonale Wissenschaft) ohne Linien, keine Linien ohne Wellen, keine Wellen ohne Falten.

Brocks Mission ist es, Künstler auszubilden, egal, ob sie im übrigen Besucher oder Konsument, Manager oder Patient, Homo Digitalis oder Obdachloser, Angeschlossene, Österreicher, Angeschossene oder Angehörige von Toten sind. Brock ist getrieben und egozentrisch, da verrate ich nichts. Das nennt er aber Mihilismus (statt Nihilismus). Sein Treiben ist auch äußerst republikanisch. Berührungsängste kennt er scheinbar nicht. Brock betreibt, wie Warburg, nicht nur eine private Praxis öffentlicher Dinge. Wie Warburg ist er auch in der Lage, alles persönlich zu nehmen, freilich mit dem Ziel, das Beste daraus zu machen.

Bazon Brock ist neben Alexander Kluge und Rudolf Wiethölter mir der dritte wichtige Vermittler der Frankfurter Schule. Brock ist promoviert, ohne je eine Promotion geschrieben zu haben, er hat sie ehrenhalber von der ETH in Zürich erhalten. Der ist Sprengstoffprofessor gewesen, also C4-Professor, ohne je eine Habilitation geschrieben zu haben. Wer schon mit Walter Benjamin seine Schwierigkeiten hatte, der dürfte auch mit Bazon Brock seine Schwierigkeiten haben. Bazon Brock ist Antiopfer, seitdem sein Vater vor seinen Augen erschossen wurde, er mit Mutter und drei Geschistern in ein Flüchtlingslager mitmachen musste, wie zwei dieser Geschwister dort gestorben sind. Seitdem bildet er Künstler aus, damit die Leute auch mit Illusionen, Illusionen auch über das eigene, auch innere Überleben und den inneren Übermenschen, möglichst lange überleben – und nicht Opfer werden. Täter oder Tatmensch sein ist kompliziert genug, er konzentriert sich darauf.

Adorno war mut-, ideen- und machtlos in Sachen Habilitation Benjamin. Was soll man ihm Vorwürfe machen? Die Mutlosigkeit blüht in manchen Biotopen wie Steinpilze im warmen Herbslicht nach Regen unter den Pinien im Taunus (der Satz klingt nicht schön, aber da gibt es nun mal einen Pinienwald!). Deutsche Unis sind oft solche Biotope..Brock irritiert und überfordert so manche Vorstellungen von Wissenschaft. Meine auch. Er hat mich allerdings ebenfalls den Kollegen an der Uni Wuppertal mit der Bemerkung vorgestellt: das ist Herr Steinhauer, einer von denen, die jede Universität überfordern. Ich versuche, das Beste daraus zu machen, denn eine andere Wahl, als sich der Welt zu stellen, innovativ und produktiv zu sein, hat man nicht, wenn man Wissenschaft als Beruf versteht und wenn man davon ausgeht, dass mit der Lage oder der Situation irgendetwas nicht stimmt.

Wäre auch seltsam, wenn Wissenschaftler sich nur mit dem befassen würden, was als Wissenschaft anerkannt ist. Brock pflegt eine Spielart des Vestingismus, in der Übertragung (über-)fordernd ist, aber wenn eine Forderung nun mal übertragen werden soll, kann sie schon mal überfordern. Er ist zugleich verschwenderisch großzügig, ich habe nie einen großzügigeren, verschwenderischen deutschen Professor getroffen. Brock füttert immer alle. Der hat einmal 2O Studentinnen und Studenten ein Wochenende lang in der Lagerhalle von Werner Nekes durchgefüttert, damit die 48 Stunden durchhalten, sich die Apparate von der antiken und modernen Geschichte des Kinos anzuschauen und erklären zu lassen.

Das ist Alltag bei Brock. Er tut es, also kann man das so tun, also geht es auch. Bei unserem letzten Zipfeltreffen in Berlin hat er vorgeschlagen, am MPI eine große Forschungsgruppe unter dem Titel Kunstsprechung zu gründen, wir arbeiten dran. Kunstsprechung soll Rechtsprechung nicht ersetzen oder verdrängen. Gute Kunst soll aber verbessert werden. Er ist durch und durch Rechtswissenschaftler, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.

Heiner Mühlmann, der damals Zweitgutachter war, der ist Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler, der ist auch ein Vertreter des Vestingism nämlich einer der Gründer der Forschungsgruppe TRACE, das heißt Transmission in Rhetoric, Art and Cultural Evolution. Daher das Interesse im Vestingismus an Cultural Evolution, daher z.B. Gerechtigkeit als Zufall. Brock und Mühlmann sind Rechtswissenschaftler – und wie so viele, sind sie Rechtswissenschaftler, ohne je einen Tag an einer deutschen Fakultät oder einem Fachbereich eingeschrieben gewesen und dann ein Staatsexamen abgelegt zu haben. Mühlmann ist kunsthistorisch durch eine Dissertation bekannt geworden, die er über Leon Battista Alberti und die ästhetische Theorie der Renaissance geschrieben hat. 1996 hat er gerade für sein Buch über die Natur der Kulturen von der Gesellschaft der Kybernetiker einen wichtigen Preis bekommen und hat damit auch viel Aufmerksamkeit in der systemtheoretischen Szene, u.a. bei Dirk Baecker bekommen.

Mühlmanns Habilitation ist einem Fachkreis legendär, eines der Exemplare (Manuskript) habe ich in meinem Archiv, eine Abschrift. Mühlmann führt dort eine Forschung weiter, wie sie auch Edgar Wind zu Natur, Kunst und Chaos betrieben hat. Schon die Dissertation zu Alberti, u.a. von Ernesto Grassi betreut, hat ihm Anfang der 70’er Jahre einen langen Forschungsaufenthalt in Paris eingebracht. Diese Dissertation geht davon aus, dass es vor dem Systemdenken des 19. Jahrhunderts ein anderes Systemdenken und eine andere Systempraxis gab. Er war einer derer, die um 1970 die Rhetorik und die Jurisprudenz als Gegenstände der Kunstgeschichte dachten – und der Kunstgeschichte nicht als Werkgeschichte, sondern als Geschichte der Regeln und Manuale dachte, der also um 1970 in der Nähe zu Michael Baxandall arbeite. In der Zeitschrift Rechtsgeschichte gab es vor vielen Jahren mal einen Beitrag dazu. In Paris geriet er direkt in den Strudel um Edgar Morin, so verband er dann nicht nur Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft, sondern mit beidem auch Naturwissenschaft. Beide waren damals und sind heute um so mehr Rechtswissenschaftler, weil sie mit wissenschaftlichen Mitteln dabei kooperieren, Recht und Rechte wahrzunehmen.

Ein Promotionsverfahren ist nicht nur ein wissenschaftliches Verfahren, sondern auch ein juristisches Verfahren. Auch das können Brock und Mühlmann professionell durchführen, ohne je Referendar gewesen zu sein. Die haben mir sensationell den Rücken freigehalten und die Arbeit nicht zensiert, dafür aber censiert. Die Zensur basiert auf einem Wissensmonopol und auf der Enteignung der Wahrsager. Die Censur basiert auf juridischen Kulturtechniken der Unterscheidung, der Skalierung, der Schichtung, der Musterung, der Messung und des Missens. Die Behauptung, dass die beiden Rechtswissenschaftler seien, soll keine Differenzierung leugnen, sie soll das Begehren nach Differenzierung am Detail erhöhen. Das ist nur eine These: Klassifiziert man sie als Nachbarwissenschaftler und sagt, da sei darum eine Lücke in der Rechtswissenschaft, dann ist das für Rechtswissenschaft ein Leerakt und ein Freischein. Sie als Rechtswissenschaftler zu bezeichnen, das soll ihnen keinen sicheren Status zuweisen, kein Beratungsmonopol sichern. Die Bezeichnung ist eine Diagnose, auf Diagnosen kann man sich nicht ausruhen. Diese Diagnose knüpft an eine Betrachtung an, nach der das Recht und die Rechte nicht nur wahrgenommen werden sollen, sondern nach der sie auch wahrgenommen werden. Recht und Rechte wahrzunehmen, das heißt, Recht und Rechte zu erfahren, zu imaginieren, zu phantasieren, auszuüben und zu trainieren. Bei der Wahrnehmung von Rechten gibt es kein Wissensmonopol, kein Beratungsmonopol. Luhmann spricht einmal von einer basalen Souveränität (quasi Souterrainität). Das Recht wird gar nicht nach Anpassung gefragt. Die Leute finden immer einen Weg, man kann das Begehren nicht austricksen. Es gibt verheiratete katholische Priester, es gibt in Deutschland große Unternehmen, die nicht den Regeln des deutschen Mitbestimmungsrechts folgen. Wo kein Kläger ist, da kein Richter, das ist ein ziviler Grundsatz. Es gibt Leute, die sich nicht ans Steuerrecht oder die Verkehrsregeln, nicht an den Bebauungsplan halten. Wo kein Kläger ist, da kein Richter. Man zeigt mit dem Finger auf Cum-Ex und nutzt die Schlupflöcher selbst, wo es sich anbietet. Der Mensch wäre doch verrückt, wenn er zwar ein aufsitzendes und ausschlagendes Wesen wäre, aber sich nicht entsprechend verhalten würde. Er wäre doch seltsam, wenn er zwar zwei Augen hätte, sie aber nicht nutzen würde, nicht blinzeln und sie nicht auch schließen würde. Er synchronisiert ja nicht einmal seinen Augenlider, macht mal nur ein Auge zu, mal zwei. Lieblingspruch eines Wuppertaler Kollegen war, den Mandanten im Erstgespräch zu sagen, ihm schiene, dass sie mit einem Grillhähnchen zum Tierarzt wollten. Volltreffer, denn das Recht wäre doch seltsam, wenn es nicht eine Wiederholung dessen wäre, was vor dem Recht passiert. Das kann es schon mal sein, dass ein Erstgespräch beim Anwalt ultima ratio oder einfach zu spät kommt, weil der Anwalt ja doch auch verhindern kann, einen Anwalt zu brauchen.

4.

Die zahlreichen, schon im Ansatz gescheiterten und fundamental vergeblichen Austreibungsversuche, die sind mir ein Indiz für das, was man im Ausland den deutschen Legalismus nennt. Verrückt, verstellt: das Recht hält dennoch Umgehungsmöglichkeiten parat. Es gibt auch Karriere jenseits der Karriere, die deutschen Staatsrechtslehrern so vorschweben. Es gibt eine private Praxis öffentlicher Dinge. Es gibt auch Lehrstühle woanders und dazu noch Lehrstühle im anarchischen, neovestingistischen, übertragenen Sinne. Auf so einem neovestingstischen Stuhl sitze ich seit der Geburt sehr komfortabel, in vielen Ländern. Wo ich bin ist Lehre. Das ist ein kurulischer, ein Klappstuhl, ein Wagen- und Richtstuhl, also ein unbedingt republikanischer Stuhl.4 Das Recht hält für das Recht Umgehungen parat. Nicht nur das Recht hält für das Recht Umgehungsmöglichkeiten parat. Manche Leute schaffen es sogar, miteinander zu sprechen, ohne Anwälte einzuschalten; manche Paare leben in einer Weise zusammen, die andere illegal nennen – und es geht doch. Die These vom deutschen Legalismus (die was trifft am deutschen Wesen und an the germaness of german academia), das ist u.a. eine These über einen Glauben an die Wirksamkeit und die Gültigkeit eines Rechts, wie es an Universitäten gelehrt wird. Ich kann nicht ausschließen, dass es diesen Legalismus gibt, Indizien sind mir schließlich jahrelang in Form der erwähnten, elementar zum Scheitern verurteilten Versuche begegnet, einem Fabian den Fabianismus und einem Steinhauer seine (Stein) abhauenden Akte auszutreiben.

Wo ich bin, ist Lehre. Wer, wenn nicht ich, sitzt auf einem Klappstuhl? (Rechtsgeschichte 31, 2023)

Schon das Recht hält für das Recht Umgehungsmöglichkeiten parat. Vestingisten können das nutzen, ihnen nutzt es auch. Man hat ausgiebig und tapfer versucht, mir meine Fragestellungen, meine Technik und meine Theorie auszutreiben, immer mit dem Argument, dass ich dann aber keinen Lehrstuhl bekäme und auf diese Weise nicht anschlussfähig sei. Das ist mir grundsätzlich (nur grundsätzlich) herzlich egal. Vermutlich war das nicht völlig falsch, weil ich im öffentlichen Recht habilitiert habe und man da eher nicht auf Fürsprecher für den Vestingism und seine fabianistischen Varianten trifft. Wer deutsche Staatsrechtslehre erwartet und wem die doppelte Kontingenz zugehöriger Leute (man nennt sie teilweise Zombies) nicht fremd ist, dem wird jeder Satz von der Anschlussfähigkeit wahr sein. Es kursiert sogar die These, ich hätte mit einem Vortrag zur zeitgenössischen Verfassungstheorie meine Karriere zerstört, das ist Teil des Flurfunks, von dem ich öfters erzähle, weil der mich stets über Umwege doch erreicht. Vorsichtig, da fange ich an zu beißen, denn niemand auf der Welt sagt mir, ob ich frei oder unfrei, ganz oder kaputt, im Zentrum oder am Rande des Universums bin. Dafür bin nämlich allein ich zuständig. Allergisch und hochgradig verärgert reagiere ich freilich darauf, wenn das von Leuten kommt, mit denen ich kooperiert habe und weiter kooperiere. Wer sich auf so eine Weise um mich sorgt, der soll es lassen. Lieb sein geht anders besser. Wenn aus der deutschen Rechtswissenschaft die Anmerkung kommt, zu Rechtswissenschaft und Kulturtechnik gäbe es bisher nichts, die bisherige Kulturtechnikforschung sei machtfixiert, und wenn genau die Leute dann laufend auf Machtverhältnisse achten, dann kann es schon mal sein, dass ich sogar zum Rigby Reardon werde. Ich habe durchaus eine Kritik am Vestingismus, dessen Teil ich bin, die erstens lautet: tu quoque. Zweitens bedauert diese Kritik, dass Teile des Vestingismus zu stark den Erwartungen der bundesdeutschen Staatsrechtslehre zu entsprechen versuchen. Meine Moskauer Erfahrung sagt mir: bringt eh nichts! Ich selbst wurde zum größten Idioten meines Lebens, als ich tatsächlich einmal die Erwartungen bundesdeutscher Staatsrechtslehrer angenommen habe, und das auch im erwachsenen Zustand. Hilfreich sind nicht diejenigen, die uns Hilfe anbieten, etwas weil sie es wollen. Hilfreich sind allein diejenigen, die unsere Hilfe suchen. Diejenigen, die uns Hilfe anbieten, werden doch irgendwann sagen, wir seien nicht dankbar. Diejenigen, die unsere Hilfe suchen, ermöglichen uns, so zu leben, wie wir es hilfreich finden. Der größte Helfer in meiner gesamten unkaputtbaren Karriere ist Ricardo Spindola, weil er eines Tages den arbeitslosen Fabian anrief, nicht um ihm einen Job anzubieten, sondern um mit ihm über zwei Buchstaben in einem Codex zu sprechen. Vier Augen sehen mehr als zwei. Das nennt man in jüdischen juridischen Kulturtechniken das Covern: Gemeinsam über einen Text oder ein Bild beugen, damit man die Betrachtung verlängern kann. Wer länger betrachtet und länger liest, lebt länger. Da brauchte Spindola Hilfe und wurde so zum Helfer. Der brauchte keine Lehre, keinen gute Rat, keine Unterstützung. Hilfe ist in dem Sinne allein die Ermöglichung, das Leben auszufüllen. Am öffentlich-rechtlichen Vestingismus habe ich Kritik, auch das soll Hilfe sein: Ich brauche ihn, anders als er sich braucht. Dass ein Zivilrechtler, nämlich Gunther Teubner, gefunden werden musste, der bereits war, für Bildregeln das zweite Gutachten zu schreiben und dass ich im Zivilrecht bei Marietta Auer ein Plätzchen für mich gefunden habe, so endlich nach sieben mageren Jahren sieben fette Jahre angebrochen sind: wenn das ein Zufall ist, dann ist er gerecht. Das decorum stellt sich aber immer ein. Mit Übung in Palindromologie geht das sogar leichter.

Aber es sind nur Indizien, dass es den deutschen Legalismus wirklich gibt. Selbst wenn es ihn gibt, lässt sich auf Diagnosen nicht ausruhen. Die Leute wären doch verrückt, wenn sie nicht wendig wären und nicht mehr als eine Moral, nicht mehr als einen Glauben, nicht mehr als eine Wahrheit, nicht mehr als eine Liebe, nicht mehr als ein Recht im Kopf hätten. Die Forschung zur Geschichte und Theorie der juridischen Kulturtechniken unterscheidet insoweit juristische Methoden von juridischen Kulturtechniken und verwendet den Begriff des Juridismus nicht so, wie Daniel Loick das tut oder wie das Rechtswissenschaftler tun, wenn sie das Juridische als das bezeichnen, was dem Recht eigen wäre. Das Juridische ist ein Wiederholung des Juristischen – und die Wiederholung hat viele Varianten. Es gibt also viele Wiederholungen der Wiederholung: Die Ähnlichkeit, die Unähnlichkeit, die Affinität, die Verwandtschaft, das Symptom, die Konkurrenz, die Rivalität, die Rekursion, die Mimesis, die Simulation, die Disssimulation, die Kontrafaktur, die Abbildung, der Widerspruch, die Konkurrenz, die Revolution…und so weiter und so fort. Brock und Mühlmann sind Rechtswissenschaftler eines Rechts, das wiederholt und wiederholt wird. Es übersetzt und überträgt, es wird übersetzt und übertragen. Beide interessieren sich für Subjekte und für Objekte. Beide sind Meister des Vesting-Akts.

Es gibt rechtswissenschaftliche Literatur zu Grenzobjekten (boundary objects), zu Klappobjekten, zu Polobjekten und zu unruhigen und unbeständigen Objekten, zu Quasi-Objekten. Alles das liegt als Begrifflichkeit mit methodischen Beispielen vor – um der Frage nachzugehen, inwieweit Kunst, Kultur, Recht, und Technik in eventuell ganz kleinen oder auch größeren Formen, Fällen und Literaturen dabei kooperieren, Recht und Rechte wahrzunehmen. Die Rechtswissenschaft ist historische Rechtswissenschaft, wie es auch die Anthropologie, die Ökonomie, die Biologie, die Bildwissenschaft, die Sprachwissenschaft, die Soziologie, die Astrologie, die Allchemie und alle Wissenschaften sind. Diese Perspektive ist für meine Fragestellungen produktiver, als davon auszugehen, die Rechtswissenschaft sei ignorant, sie sei lückenhaft und sie müsse sich endlich öffnen. Aber das ist letztlich in allgemeiner Perspektive auch irrelevant, völlig irrelevant, denn auf das Begehren und die Fragestellung kommt es an.

Sicher traue ich den anderen Vestingisten: wenn die Art und Weise, wie sie über Rechts- und Kulturwissenschaft, insbesondere über Vismanns und meine Kulturtechnikforschung nachdenken und schreiben, nicht produktiv wäre, dann würden sie es nicht tun. Wenn es für Vestingisten nicht produktiv wäre, die Lektüre Vismann zu verkürzen und die von digitalen Verzettlern gleich völlig auszusparen, dann würden sie es nicht tun. Viele Wege führen nach Rom. Mein Begehren ist deutlich darauf gerichtet, Geschichte und Theorie zu betreiben. Eins begehre ich kein Stück: Die Welt loszulassen, auch die von Gestern nicht. Von Gestern trennt uns kein Abgrund, sondern die veränderte Lage (Alexander Kluge). Das dass ein Problem für Gelassenheit und Sophrosyne aufwerfen kann, das sagt schon Aby Warburg. Es kann aber auch ein Problem für das Rasen, die Rage und die Rache aufwerden. Für das Recht ohnehin.

Man sagt, die Censur habe magische Kräfte, sie ist insoweit so eine Art Fernet Branca der Wissensproduktion, also kein Dispositiv, sondern ein Digestiv (wie die Digesten, nur rinnender). Man soll Ausdifferenzierung nicht leugnen, soll sich damit aber auch nicht begnügen – und sie nicht so beim Wort nehmen. Dass man sich die Welt ausdifferenziert denken kann, das ist selbstverständlich, die Leute tun es, sie können es, also geht es auch. Das sind aber Kartographien oder aber, mit Alberti und Vismann gesprochen: Fenster und velum, also epistemische Apparate, die etwas wahrnehmen lassen. Das ist eine Wahrnehmung, die sowohl mit Erfahrung und Perzeption, mit Imagination und mit Übung, also auch Training und Ausübung zu tun hat. Die Wahrnehmung ist sogar auch Betrachtung, die ihrerseits Begehren ist. Die Wahrnehmung bildet und sie ist gebildet.

In der Forschung zur Geschichte und Theorie der Kulturtechniken legen wir (Fabs I. von Wuppertal) einen Wert auf das Instituieren, das insoweit nicht nur Bilden und Bildung ist, sondern auch mit Bildern zu tun hat, das sind in jeder Hinsicht Bilder: Die kommen visuell und nicht-visuell vor, sie sind von Sichtbarkeit und von Unsichtbarkeit gefüttert, die machen sichtbar und unsichtbar. Wir betrachten das Bild deswegen nicht als ein Medium, weil es in ganz unterschiedlichen Medien vorkommt. Wir lesen Mitchells These vom Iconic Turn anders, als das teilweise getan wird. Wir betrachten Bilder nicht als Objekte, die im Westen und in großen historischen Epochen aus dem Recht verdrängt oder an Bedeutung verloren hätten, aber mit einem neuen iconic turn ins Recht zurückkehren oder neu einbrechen würden. Wir verstehen Mitchell seit einer Studie zum juristischen Bilderstreit so: Immer dann, wenn Bilder an- oder abturnen, dann ist iconic turn, also spätestens, seitdem Neandertaler träumen.5

Wir wären seltsam, wenn wir Leute dazu einladen würden, sich mit dem Instituieren zu befassen, wenn wir dann auch davon ausgehen würden, das dahinter ein mieser Trick höherer Mächte, eine Lüge und schrecklicher Zwang und eine einzige Verdammung stünde Wir wären seltsam, wenn wir instituieren würden und den Leuten sagen würden, sie sollten sich bloß nicht instituieren lassen, denn das sei Unterdrückung. Es ist eher so: wir sagen den Leuten, dass wir sie abrichten und empfehlen ihnen, das Beste daraus zu machen. Aber wir wissen durchaus, dass wir damit immer wieder eher etwas anrichten, denn die Leute machen aus dem Unterricht ja doch nur, was sie wollen. Keiner hört auf Kulturtechnikforschung, schrecklich! Ein bisschen seltsam sind wird wohl. Aber immerhin eine Ressource dafür, sich auf- und anzuregen und weitere graphische Züge zu machen. Nicht nur Kinder sind Medien der Erziehung, auch volljährige Wissenschaftler sind das. Die Kulturtechnikforschung spricht von einer disziplinären Macht, weil sie rekursiv und mimetisch denkt. Aus Kulturtechnik lässt sich was machen. Grotesk und absurd die Lesarten, die teilweise unserer Forschung und Lehre dadurch Verkürzung vorwerfen, indem sie uns verkürzen. Sie werfen uns Verkürzung vor die Füße. Credo quia absurdum est.

Diagnose: Da ist ein Begehren blockiert. Diagnosen sind aber wie gesagt nichts, auf dem man sich ausruhen könnte. Die schärfste Kritiker der Elche waren früher selber welche – und vielleicht meinen die Kritiker es ja gar nicht so wie es sagen. Sowas zeigt eine Zukunft, die man nicht ändern kann, weil sie noch keine Version hat, die geändert werden könnte. Die Vergangenheit, die kann geändert werden, zum Beispiel dadurch, indem man alles nochmal in Ruhe liest und betrachtet. Da kommt übrigens der Fabianismus mit seinem zauderhaften Kontrafakturen wieder ins ins Spiel.

Zeitgenössische Verfassungstheorie empfiehlt (2011-2026):
Nicht nur rechte obere Ecke schwarz malen, sondern auch: durchgehend verfassen, wie z.B. Pferde es tun.
Neben dem Paradigma der Konstitution und Institution empfiehlt sich ein Paradigma der Substitution (Vismann, Kulturtechnik und Souveränität) und der Restitution (Steinhauer, Medienverfassung).

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Stand der Wissenschaft heute: Unbeständig!

2012 kommt es zu einer seltsamen Überschneidung zwischen Vestingismus und Fabianismus, als ein Vertreter des Fabianismus einen Vertreter des Vestingismus nach Weimar einlädt, um Cornelia Vismann zu ehren und ihr zu gedenken, indem man über das Instituieren spricht. Der Frankfurter entscheidet sich damals, über Konstitutionen zu sprechen, über Verfassungen. Er ist ein Kritiker Vismanns und einer Assoziation, die er im Namen Kittlers auftreten lässt, darum laden Fabianisten ihn ein. Seine These damals: Mit der französischen Revolution sei die Macht von den Männerkörpern auf die Texte übergegangen. Klingt nicht nur nach Revolution, sondern auch nach Reformation, Exkarnation, Entleibung, Askese und sola scriptura, ist es wohl auch. Das ist die mutig verkürzte These. Die ist mutig, weil der Autor noch lebt und mich verklagen kann, falls ich hier lüge und ihn falsch darstelle. War das Thema verfehlt, weil man doch extra zum Instituieren eingeladen hatte, nicht zur Konstitution? Vismann war ein äußerst römisches Pastorentöchterchen, auch drei Schüsse Baseler Archäologie als römische Dame. Der Frankfurter war als Kritiker gekommen, damit ehrt man Vismann gut, denn sie war auch eine, unter anderem von Von-Zu-Vorstellungen. Was aber damals passierte, das ist ungewiss, immerhin fangen Teile des Vestingismus dann ab 2012 an, sich mit Institutionen und dem Instituieren (einer Praxis!) zu befassen, im Zusammenhang mit Macht. Auch das kann man begehren, die Leute tun es, sie können es, also geht es auch. sagen wir so: Eine Art kleine Weimar-Republik hat Teile des Vestingismus instituiert, über Institutionen nachzudenken. Der genealogische Tausch und science at the bar: Manchmal lehrst du die Bar und den Bären, manchmal Bar und Bären dich. Das Lehren ist ein Begehren, nach Warburg und den Gebrüder Coen sogar auch ein Verzehren.

A wiser fella than m’self once said: Das ist frech.
Rechtswissenschaft goes Kino and does graphische Forschung, wenn sie denn zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken forsch forscht und gelehrt lehrt.

Vestingismus und Fabianismus fragmentieren nicht. Das Fragment ist auf die Totalität bezogen, denn da (am Fragment und durch das Fragment), so der Rodinsekretär Rilke: „ist keine Stelle die dich nicht sieht, du sollst dein Leben ändern.“ Das Fragment ist ein Objekt, das auch in der Moderne, die sich als westliche Moderne und als ausdifferenzierte Moderne quasi im Selfie begriffen hat, einer gewissen Beliebtheit erfreut.6 Man kann die Welt aber auch so kartographieren, wie Aby Warburg es tut, also mit pendelnden Verkehrswegen und mit Konstellationen, die elliptisch kreisen. Damit leugnet man nicht, dass es Fragmente und Fragmentierung gibt, sie taugen dann aber nicht so gut als Signatur von Historiographie und Geographie eines noch im Bruch und durch Bruch konturierten, beständigen Objektes. Wieso nicht von Zerstreuung und Verzettelung reden, so, wie es fabianistische Kulturtechnikforschung und der Krajewskiismus tun?7 Zerstreuung und Verzettelung taugen nicht viel besser, um westliche Moderne zu qualifizieren. Vorübergehend geht es durchaus. Aber wenn man das auch nicht begehrt, wozu sollte man das auch tun? Wenn man kein Weber des 21. Jahrhunderts sein will, muss man ja kein Weber sein.

Der Vestingismus und der Fabianismus, sie kontrahieren, distrahieren, extrahieren, abstrahieren – und sie trahieren, wie noch die Pfeifen und die Bilder das tun. Was trahiert, das traktiert auch. Der Vestingismus ist eine Weise des Tragens und Trachtens, nicht nur der Übertragung, sondern auch des Betragens und Betrachtens, des Vertragens nicht zuletzt. Er kann sich von allem Möglichen abgrenzen und immer wieder sagen, was er nicht tun will. Er kann sagen, dass bisherige Wissenschaften die Welt verkürzt hätten und es nun gelte, sie zu verlängern. Er tut es ja, er kann es, also geht es auch. Wir können auch anders.

Zu sagen, was man nicht tut, das verfolgt ein Schreiben und eine Lektüre. Die Aussage, dass man nicht tue, was andere tun, ist also ein verfolgtes Schreiben. Liest man diese Aussage, dann ist das ein verfolgtes Lesen. Man sagt, so ein verfolgtes Schreiben und so eine verfolgte Lektüre wiederhole zensierte und censierte Graphien und Lektüren. Nach Parmenides hat man es dann mit Kulturtechniken zu tun, die unter anderem Pferde reiten oder von Pferden geritten werden.8 Man hat es dann mit Kulturtechniken zu tun, die kehren, wenden und kippen können, zum Beispiel wie Saulus oder Paulus, sprich: Die Technik kann damit einhergehen, vom Pferd zu fallen und sich dann wieder neu auf das Pferd zu setzen.

Kulturtechnik der Betrachtung vor Bildern (Anfängerübung vor Originalen),
hier: Positionswechsel eines Mediums mit Standbein und Spielbein vor Pieter Bruegels Bekehrung des Saulus zum Paulus (Wien, 2026)

  1. Der vergleichende Meteorologe Immanuel Kant schreibt in der Einleitung (III) der Kritik der reinen Vernunft_ „Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte
    die Vorstellung fassen, dass es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde.“
    ; dazu u.a. Okko Behrends, Kants Taube und der luftleere Raum, in GS Mayer Maly, S. 53ff. ↩︎
  2. Ich beziehe mich auf ein zurecht vielbeachtetes, erstaunliches Vismannecho bei Thomas Vesting, Rechtssubjektivität und Erzeugung des Neuen als Kulturtechniken des Rechts, in: Gaderer et al. (Hg), Recht als Kulturtechnik – Kulturtechniken des Rechts (2024); sowie daran sehr gut anschlussfähig Philip Schimchen, Recht als Praxis, 2026 (open acces). ↩︎
  3. Fabian Steinhauer, Regel und Fiktion. Zur normativen Kraft des Kontrafaktischen (Uni. Diss. Wuppertal 2001). ↩︎
  4. Zum kurulischen Stuhl u.a. Fabian Steinhauer, Voraussitzungen, RG 32 (2023), S. 305-307 ↩︎
  5. Fabian Steinhauer, Bildregeln. Studien zum juristischen Bilderstreit, ↩︎
  6. Christiaan Lucas Hart Nibbrig/ Lucien Dällenbach, Fragment und Totalität, Frankfurt 1984 ↩︎
  7. Vergleich zwischen Schmitt und Warburg bei Fabian Steinhauer, Medienverfassung, ZMK Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Medien des Rechts, Jg. 2. (2011), Nr. 2, S. 157–171. ↩︎
  8. Andreas Hiepko (Hg.), Leo Strauss, Alexander Kojève, Friedrich Kittler, Kunst des Schreibens, Berlin 2009. ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar