Erster echographischer Satz: Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Esel! Zweiter echographischer Satz: Wie malt man Seide? Aus Kreide! Dritter echographischer Satz: Wie ist man gebildet? Künstlich!


1.
Diesen Sommer bilde ich mich bildökonomisch fort. Anlass dafür ist Marietta Auers hoch und hitzig hergehendes Forschungskolloquium, in dem es um Law and Political Economy geht. Wir haben Gäste, Jannis Lennartz, Emil Buschmann, Sam Rezwami, Tristan Wißgott, um nur die Jungs zu nennen (nicht, dass sie wieder zu kurz kommen!). Die Gruppe, ein multidisziplinärer und internationaler Haufen.
Mein Interesse gilt dabei in den letzten 14 Tagen der Palindromologie, die durchaus auch mit Sarah Palin, aber nicht nur mit Sarah Palin zu tun hat.
Mit Sarah Palin hat die dann zu tun, wenn in der Palindromologie Sarah Palin zu Einsatz kommt, zum Beispiel, um Law and Political Economy aufregend oder abregend zu machen. Der Einsatz Palins in der Palindromologie kann sein, muss aber nicht sein, denn Palindromologie ist eine juridische, graphische Kulturtechnik, in der alle möglichen Personen zum Einsatz kommen können. Die Personen sind unbedingt wichtig und ebenso unbedingt austauschbar. Das ist nicht unbedingt eine Bedingung der Generalisierung, es ist unbedingt eine Bedingung der Wiederholung. Palindromologie ist eine automatische, wenn man so will autopoietische Technik, eine écriture automatique, ein lettristisches, dadaistisches (nach Carl Schmitt buribunkologisches) und surreales Schreiben, weil darin die Personen so unbedingt wichtig wie vollständig austauschbar sind.
Die Palindromologie ist bildökonomisch gedacht eine rekursive und mimetische Technik, die Bilder erstens nehmen und geben lässt. Palindromologie lässt also auch Bilder wiederholen, zirkulieren, teilen und übertragen. Das Besondere an der Palindromologie ist ihr zweites, ihr Sekundäres. Sie operiert nämlich in zwei Richtungen, vorwärts und rückwärts. Dogma: I am God ist in der Rechtstheorie und Rechtsgeschichte das bekannteste Lehrbuchbeispiel für Palindromologie. Daraus bastelt Aby Warburg auf Tafel 79 und aus Anlaß einer Doktorantenfeier im August 1929 den Witz, den der deutsche Kulturtechnikforscher, Bild- und Rechtswissenschaftler Horst Bredekamp den Witz des schwimmenden (baden gehenden) Souveräns nennt. Warburg macht aus Hoc est corpus meum den Satz Hoc meum corpus est. Auf Tafel 78 bereitet Warburg diesen Witz schon im Protokoll vor: Erst gründen wir Rom, dann Autohäuser! Dieses Protokoll legt Warburg an. Brillanter Bild- und Rechtswissenschaftler Warburg.
Hochhitziges Tropenkolloquium bei Marietta Auer, also gut, wenn man darin souverän schwimmen kann. Das übe ich, indem ich dazu forsche und lehre. Ich bin auch unbedingt wichtig und vollständig austauschbar. Jeder ist nämlich Kulturtechnikforscher, besonders die Neugeborenen, aber auch die Dackel, die Tauben und die Adler, die Bullen und die Bären. Sogar die Schafe tun’s. Alle Wesen, die FAQs haben, also in Frequenzen und Sequenzen gestellte Fragen, die sind Kulturtechnikforscher. Kulturtechnikforschung ist nämlich eine Sache der Wiederholung und dabei sowohl Kundenverkehr als auch Verkehrskunde, womit wir auch wieder bei der Palindromologie sind.
Der Titel dieses Beitrags ist übrigens palindromologisch geschrieben. So konzipiert Aby Warburg auch Tafel 79, also die letzte Tafel seines Atlas, den Kommentar zu den Lateranverträgen. Aby Warburg ist darin gut trainiert, er liest nämlich von klein auf sowohl von rechts nach links als auch von links nach rechts. Er ist in römischer (lateinischer) und hebräischer Lektüre und in beidem Schreiben ausgebildet. Er liest und schreibt, wie man im Westen liest und schreibt, nämlich Richtung Osten, und wie man im Osten liest und schreibt, nämlich Richtung Westen. Schreiben und Lesen sind für Aby Warburg pendelnde, kreisende Techniken. Kultur ist in dem pendelnden, kreisenden Sinne kein Rivale und kein Doppelgänger für Gesellschaft, Gemeinschaft, Volk oder Ethnie. Kultur ist nur ein Attachment, ein Anhängsel, wie in der Antike und wie vor dem Moment, in dem dieser Begriff modern zum Rivalen großer Assoziationen aufstieg. Man kann zwar von westlicher oder südlicher Kultur sprechen, aber in der Perspektive dieser Forschung sind das auch pendelnde Kulturen. Zum Beispiel ist der Westen dann das, was von Osten her und nach Osten pendelt. Kulturtechnikforschung hat in dem Sinne nicht unbedingt einen nur großen Begriff von Kultur, unbedingt aber einen auch kleinen Begriff. Diese Forschung soll schließlich Kultur groß und klein machen, zum Beispiel nachvollziehen oder zeichnen, signieren oder gegenzeichnen können. Man soll zum Beispiel was von Patriot Acts und Autopens erfahren (siehe dazu Steinhauer, Archiv für Mediengeschichte, das Heft zu den Medien der Bürokratie).

Palindromologie ist eine kehrende oder verkehrende juridische Kulturtechnik. Sie verkehrt die Richtung der Technik, nicht nur die Richtung des Schreibens und des Bildes. Sie verkehrt auch das Aktive und Passive der Technik, das interessiert Aby Warburg besonders. Der kommt aus dem Kreditwesen, kennt die Tabellen doppelter Buchführung, weiß sogar auch, was Aktiva und Passiva sind. Die Palindromologie ist auch bildökonomisch, weil das eine Technik ist, mit Sichtbarkeiten hauszuhalten, wenn diese Ökonomie auch eine Ökonomie leidenschaftlicher Interessen und damit von Imaginationen und Innovationen ist. So etwas interessiert nicht nur ihn, auch Walter Benjamin, unter anderem in seinem Trauerspielbuch und in dem Haufen seiner geschichtsphilosophischen Zettel, den berühmte Thesen (denn wer, wenn nicht Benjamin, ist Walter von Thesen!).
Die Palindromologie nimmt und gibt Potenz, sie nimmt und gibt Begehren, sogar Macht nimmt und gibt sie. Insoweit kann sie dabei kooperieren, die Wahrnehmung von Rechten zu nehmen und zu geben. Palindromologie ist eine echographische Technik, sie ist responsiv – und kann auch dogmatisch sein, vor allem dann, wenn wir über Dogmatik im Sinne juridischer Kulturtechniken sprechen. Dann meint Dogmatik nämlich das Verfahren, das Begehren dezent (er-)scheinen zu lassen, ihm dezent Form zu nehmen und zu geben, ihm akzentuiert (mit großem oder kleinem Rausch) Form zu nehmen und zu geben.
2.
Methode der Forschung und Lehre zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken: Kein Dia ohne graphische Züge, keine Linien ohne Wellen, keine Wellen ohne Falten. Während ich in der vergangenen Woche die Texte zu Law (Lov, Love), zur Politik, zur Ökonomie und zu Bilder lese, weht mir das tropenrechtliche Wetter der Mittsommernacht ein Foto über den Tisch, das von mir sofort als Pressefoto der Woche in den Zettelkasten kommt, man soll dieses Foto palindromologisch betrachten, was dieses Foto in zeitlicher Hinsicht nicht nur zum jüngsten, sondern auch zum ältesten Foto meiner verzettelten Bildgeschichte macht:

Wozu Bilder noch künstlich generieren, wenn doch alles schon vorliegt?
Mein Pressefoto der Woche, passend für Tropenrechtler. Diese Details! Die mit süffisantem Lächeln gerahmte Wutsimulation, das Pferd der italienischen Autoarbeiter, die Ballung, die Pathosformeln, die Abwesenheit jeden schattenspendenden Baums, die industriell hochgerüstete Polizei, der ICE, das Eis, the cuckoo’s eye und die Fähnchen im Wind: Hier ist unheimlich viel Gegenwart in einem Bild, von dem man darum, gerade wegen der unheimlich viel auftauchenden Gegenwart, auch meint, es müsste mit künstlicher, generativer Intelligenz gegeben worden sein. Wurde es ja auch. Das sind doch Personen, weil sie die Dinge beherrschen, also routiniert mit allem umgehen können, sogar alles umgehen können.
Das Bild ist künstlich, dafür braucht es keine Computernetzwerke, nicht eine eine App. Die Verwechslung von Demokratie und Memokratie (Wolfgang Ullrich) ist älter als 10 Jahre, älter als 20, älter als 30 Jahre. Ziemlich alt! Pretty, pretty old!
Dieses Pressefoto hätte nicht einmal digital fotografiert werden müssen, um Effekt jener Akte(n) zu sein, die mimetisch und rekursiv, mithin algorithmisch und doch polar operieren. Das sind Akte(n), denen Adolf Reinach, Aby Warburg, Cornelia Vismann und Marietta Auer ihre Aufmerksamkeit schenken. Me too! Der liebe Gott steckt im Detail, in den Algorithmen der digitalen Bildökonomie lebt Antike nach. Make small great again, et vice versa (und die Laster verkehren es versiert). Das Wort Gemälde kommt übrigens von der Meldung, das Wort malen meint auch mahlen, das ist ein Streichen, wie zwischen Mühlrad und Stein. Wer bildet, produziert auch Mehl und Staub. Aber, wem sage ich das?
Das wissen schon die Todler, auch jene, die Toddler sind. Das wissen schon die Samen, auch jene, die was versäumen.

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