Gegenproduktion: Mach‘ nicht Ernst, mach‘ entweder Hoffnung oder Zuversicht oder aber Kredit (2026).
Wenn das nicht geht, dann organisiere Deinen Pessimismus, zum Beispiel mit Polarforschung. Im Bild: Benjamin Berndt, der Blogger von unscripted, der mit Björn Höcke sprach und hier ein Gesicht macht.

I.

1991, das war jenes Jahr, in dessen Verlauf es noch 10 Jahre dauern sollte, bis endlich 2001 war.

Das ist das Jahr Polarforschung 1991. Polarforscher S. ist damals auch als Bild- und Rechtswissenschaftler in Niederbayern unterwegs. Er ist dort sogar eingeschriebener Student. Im Frühjahr 1991 schreibt er auf der Grundlage der Prüfungsordnung seiner Fakultät die erste Hausarbeit im öffentlichen Recht. Er wird nach zehn Jahren nicht mehr den Sachverhalt und die Lösung dieser Hausarbeit auswendig aufsagen können, dafür hat er aber Zettelkästen, er könnte nachschauen. Was er nach 35 Jahren noch auswendig aufsagen kann, das sind die ‚Schreibszenen‘ (so nennt das Cornelia Vismann in ihrem Buch zu den Akten), durch die er ging, als er seine Hausarbeit schrieb. Demokratie ist nicht erst seit dem Augenblick auch Memokratie, seitdem Wolfgang Ullrich sein wie immer am Puls der Zeit pulsierendes Buch zur Memokratie vorgelegt hat. Die Kulturtechniken sind älter als die Begriffe, die sie hervorbringen (Thomas Macho). Die Szene ist also in Passau, es ist 1991, die Woche nach Aschermittwoch.

Es ist Golfkrieg, das ist so normal wie pathologisch, damals wie heute. Polarforscher S. stehen die Szenen vor Augen, sie sind vor Augen geladen. Sie stehen also, aber dieses Szenen, weil sie vor Augen geladen sind, stehen nicht still. Sie sind geladen mit dem, was in rhetorischen Institutionen sowohl energeia als auch enargeia genannt wird. Die Szenen sind geladen, sie stehen, aber sie stehen nicht in edler Einfalt und stiller Größe. Und nicht nur das. Diese Szenen können kippen. Diese Szene adressieren den Polarforscher, sie sprechen ihn nämlich auch nach 35 Jahren noch an – und sie kleiden ihn sogar, sie bekleiden und begleiten ihn (englisch vesting) kooperativ. Sie hängen ihm an, wie ein (z.B. Leder-)Mantel und Taschen es tun. Man erkennt ihn sogar daran: ihn, seine Mantik und seine Semantik. Man erkennt ihn als Speicher durch seine Wiederholung: sein Gestikulieren, sein Fuchteln, sein Starren, sein Schreiben, sein Reden. Die Szenen seiner Erinnerung, seines Entsinnens, die adressieren ihn also auch, weil sie ihn wahrnehmbar, erkennbar, aufsuchbar und auffindbar machen. Was uns adressiert, das gibt uns eine Adresse. So funktioniert übrigens auch der Datenhandel in der Bildökonomie. Wir klicken, uns erreicht die Werbung. Fetische sind nicht unbedingt immer Objekte, Fetischisten nicht unbedingt die Anderen.

Das Gedächtnis des Polarforschers ist aber auch kurz oder stolz. Das Gedächtnis schreibt Briefe, kurze Schreiben und kleine Literaturen. Das Gedächtnis ist klamm, leuchtend, rauschend. Es rauscht. Sogar Mnemosyne ist anhaltend und durchgehend klamm, sie ist begehrenswert, weil man von ihr nie genug bekommt. Sogar der Mnemosyne-Atlas von Aby Warburg ist kurz und klamm, man findet in ihm weniger als 79 Tafeln. Das Gedächtis kommt zwar aus der Fülle, aber es ist dennoch klamm, man bekommt nie genug davon.

In rhetorischen Institutionen assoziiert man energeia und enargeia mit dem Begriff decorum. Das Gedächtnis ist eine Musterung, es mustert auch seinen Träger. Das Gedächtnis ist dezent, es geht immer, und sei es schief, auftsteigend, absteigend, oder vorüber. Die Szenen adressieren den Polarforscher, sie geben ihm sogar eine Adresse. Die Schreibszenen seiner Biographie, die ihn zum Juristen fabrizieren wird, sie sprechen ihn nicht nur an, sie machen in ansprechbar, noch für andere Leute. Das Gedächtnis, das den Polarforscher macht, das macht ihn seiner Umgebung so anziehend wie abstoßend. Die gespeicherten und übertragenen Szenen des Polarforschers S. sind nicht nur adressierend und adressiert. Sie sind nicht nur ansprechend, sie sind auch polarisiert. Und sie polarisieren auch.

Es begab sich zu dieser Zeit, dass ein Gebot ausging. In der Woche, von der jetzt die Rede ist, traf sich dort in Passau die DVU unter ihrem damaligen Vorsitzenden Gerhard Frey. Frey war unter anderem Auftraggeber und Verleger von Theodor Maunz. Der war ein gewöhnlicher deutscher Staatsrechtslehrer, also jemand wie Du und Ich. Der war, anders als Polarforscher S., sogar Mitglied in der Vereinigung deutscher Staatsrechtslehrer. Eine kleine Ungenauigkeit ist jetzt und hier unterlaufen: Polarforscher S. war 1991 noch kein MItglied dieser Vereinigung, heute ist er es auch nicht mehr, zwischendurch wurde er einmal schwach, da war er dann rasch vorübergehend Mitglied der Vereinigung der deutschen Staatsrechtslehrer. Heute ist er Gesellschafter der zwar bereinigten , aber immer noch unreinen internationalen Helferlein und Kulturtechnikforscher.

Anders als der Polarforscher S. veröffentlichte Theodor Maunz auch in der Zeitschrift „Der Staat“. Noch eine Ungenauigkeit! Auch das hat der S. getan, er ist kein Engel, er hat auch im Staat veröffentlicht. Das Argument der Redaktion, dass man die Zeitschrift dicht machen könnte, wenn man seine Forschung dort publizieren würde, außerdem könne dann ja jeder kommen, das hat den S., zaudernd wie er ist, langsam aber sicher restlos überzeugt. Seit dem schreibt er nicht mehr für diese Zeitschrift, obschon er es gut findet, wenn Zeitschriften dicht sind und jeder kommen kann. Aber weil die Redaktion das mit der Ablehnung seiner Antrittsvorlesung (das ist einForschungsmanifest für die Jahre bis zum Tod) verband und weil man Leuten entgegenkommt, die gute Argumente vorbringen, stört er sie nicht mehr. Maunz schrieb dies und das, nicht nur im Staat, für solche und solche, das ist so normal wie pathologisch, das macht der Polarforscher S. auch. Darüber hinaus war Theodor Maunz ein Lehrer von Roman Herzog, der in der Zukunft dieser damaligen Woche Bundespräsident werden sollte. Theodor Maunz, das war dem Polarforscher S. besonders wichtig, war Herausgeber eines Kommentars zum Grundgesetz. Daran arbeitete der S. in der Hausarbeit. Also ist Polarforscher S. schnurstracks aus dem Klostergebäude, in dem damals die juristische Fakultät lag, in für ihn gerader Linie, allerdings stadtplanerisch schräg über den Schotterplatz, vorbei an den lieben Kollegen von der Antifa, vorbei an den lieben Kollegen unter den Polizisten, vorbei an den nervösen und privatuniformierten Skinheads (der private Saalschutz der DVU), durch das Tor der Nibelungenhalle auf den Parteitag gegangen, um selbst mal zu hören, was der Gerhard Frey so zu sagen hat. Eventuell, so dachte er sich das im Moment des Betretens und Betreten-Seins, versteht er dann besser, warum Theodor Maunz sich in dessen Dienst gestellt und von ihm hat bezahlen lassen. Kurz zusammengefasst: Ja! Auf jeden Fall! Das Verhältnis von Theodor Maunz zu Gerhard Frey, das hat der Polarforscher S. damals sehr gut, sehr sorgfältig und ziemlich gründlich im Detail verstanden, auch wenn sich ihm dort ein Abgrund auftat, gerade weil sich der Abgrund auftat. Die Wirklichkeit ist immer die größere Übertreibung. Das Reale ist die größte Hyperbolie.

II.

Hätte man einen mehr oder weniger begabten Dokumentarfilmer oder einen drittklassigen Hollywoodregisseur oder gleich den berühmten Warschauer Regisseur und Hamletdarsteller Joseph Tura (schlecht oder gut) dafür bezahlt, diesen Parteitag zu inszenieren und hätte er alles exakt so ins Bild gesetzt, dazu noch gefilmt, wie es sich dort in der Nibelungenhalle zutrug, dann hätten die Auftraggeber des Regisseurs, obschon sie doch ein Geld investiert hatten, den Film unverzüglich (d.i. ohne schuldhaftes Zögern) entweder im Archiv belassen oder aber gleich vernichtet, wegen der anfallenden Lagerkosten. Nicht, damit nichts ans Tageslicht kommt. Sie hätten den Film im Archiv gelassen, weil dieser Film das Tageslicht gewesen wäre und es wenig gebracht hätte, ihn ans Tageslicht zu bringen. So etwas, wie die Bilder vom Parteitag der DVU hält niemand für glaubwürdig, sobald er es im Film sieht, man hält so etwas für zu ausgedacht, aber nur, weil es dann Film ist. Ohne das Medium Film, also im Medium des Alltags, fällt es nicht so auf. Der Alltag ist auch ein Film. Im Alltag ist auch alles mögliche ausgedacht, aber der Leser weiß hoffentlich, was ich meine.

So ein produzierter Film kann durchaus ans Tageslicht kommen, aber entweder will das dann niemand sehen oder niemand ist bereit, für so etwas zu zahlen oder die Kosten zu tragen. Wenn der unterbezahlte und vollständig untalentierte Regisseur dort in der Nibelunenhalle gefilmt hätte, oder wenn der Polarforscher S. dort Bilder gemacht hätte, dann wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Realslop (der slop vor dem künstlichen slop), zeigt, gestiegen, einfach weil dieser Realslop mitgezeichnet worden wäre und damit sein Medium ausgewechselt hätte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Betrachter gefunden hätten, die bereit wären, die Kosten für das, was sie sehen, zu tragen, die wäre gesunken. Alles kann durchaus ans Tageslicht kommen, aber die Frage bleibt immer, ob die Leute wirklich alles sehen wollen und ob sie bereit sind, die Kosten dafür zu tragen. Die Einschätzung des Polarforscher S. lautet seit damals und bis heute: das wäre nicht der Fall gewesen. Polarforscher S. befasst sich inzwischen weiterhin mit S und O, mit Regen, Recht und Regierung. Er war da, bei Rückfragen steht er zur Verfügung.

Auch das ist Zensur: die Leute verhalten sich im Alltag wie immer, und ihnen ist prinzipiell herzlich egal, wie absurd das ist, es sei denn, sie solllen auch die Kosten dafür tragen. Das ist keine staatliche Zensur, das ist die private Zensur, ich rede auch von jener Censur, die seit der Antike eine private Praxis öffentlicher Dinge ist. Davon lebt der Reiz des Videos vom deutschen Hut- und Wutbürger. Wo sich die Verwechslung von Demo- und Memokratie in deutlicher Censur zeigt, da entstehen Meme, wie die vom Wut- und Hutbürger. Wer ist der Hüter der Verfassung? Wer ist der Hüter der Wut? Unter anderem der, ein alltäglicher und bürgerlicher Avantagardist der Hütewut. Aber kein vertun: wir alle wollen entweder unter einen Hut oder aber dass alles und jeder unter einen Hut zu bringen ist und wir davon frei seien, besonders von den Kosten. Wenn die Würde des Menschen unantastbar ist, dann wohl auch, weil seine Bereitschaft, Kosten zu tragen, inklusive derjenigen der Würde, limitiert sind. Die Leute demonstrieren sich, sie zeigen sich in der Öffentlichkeit politisch, aber schauen Reporter vorbei um sie bei ihren demokratischen Rechten zu filmen, werden sie wütend und rufen nach Censur, Kamera aus, Klappe zu. Diejenigen, die da einen Film drehen , die würden alles verdrehen. Das kann sein, das machen Wasseroberflächen und anderen spiegelnde Flächen aber auch, wenn man sie anschaut. Die Leute sind die Objekte des Laokoon, das wußte schon der Bild- und Rechtswissenschaftler Vergil.

III.

Auf dem Parteitag der DVU findet man selbstverständlich alles das, was man auch außerhalb dieses Parteitages findet. Ist slop jetzt salonfähig? Der Salon ist immer zu allem fähig. Sind wir schon wieder so weit? Wir, das sind die ausschlagenden Wesen, wir sind immer so weit. Man findet überall Freunde und Feinde von allem, auch von allem, was sich damals im Frühjahr 1991 in der Nibelungenhalle beim Auftraggeber und Verleger von Theodor Maunz fand. Da ging es damals divers zu, sogar queer. George Bataille beschreibt in seinem Text zur psychologischen Struktur des Faschmismus so eine Szene als homogene und heterogene Szene, das stimmt. Man findet dort u.a. Freunde und Feinde der schwulen Fetischszene, SA-Boys in Fantasyuniformen, wie in Berlin, wenn Motzstraßenfest ist. Man findet in allen Nibelungenhallen Freunde und Feinde des deutschen Spießers, wie wenn am Feiertage in der Pfalz eine neue Wein- oder Wurstkönigin gekrönt wird. Man findet in Nibelungenhallen Freunde und Feinde des Nationalkapitalismus. Der treue Auftraggeber und treue Verleger von dem obertreuen Kommentator des Grundgesetzes Theodor Maunz schrie damals, Zitat: „der Araber ist der einzige Freund des Deutschen im Kampf gegen das internationale Finanzjudentum“, und der Saal tobte, es soll auch Freude dabei gewesen sein. Die Leute sprangen auf die Tische und sangen exakt das, was die Jugend der AfD heute so gerne singt. Frey schrie, der Saalschutz solle für Ordnung sorgen, weil doch der Verfassungsschutz im Raum sei. Der Saalschutz, das waren die, die auf den Tischen tanzten und genau das gesungen haben, was heute die jungen Leute von der AfD zu den Melodien von Gigi D’Agostino singen. Und die Führungsfiguren der rechtsextremen Szene, so lautet der böse Witz nicht erst seit dem NSU-Prozess, erkennt man entweder an den Mitgliedsausweisen des Verfassungsschutzes oder daran, dass ihnen vom Verfassungsschutz ihre Mitgliedsbeiträge für die DVU finanziert werden. Kein vertun: auf den Tischen sangen diese Leute exakt den Text, der heute zum Shitstorm von Kampen und bei Jugendfeiern der AfD gesungen wird. Andere Melodie, gleicher Text. Das nennt man eine Kontrafaktur. Das ist nicht nur die normative Kraft des Kontrafaktischen, das alles ist auch kontrafaktisch stabilisiert.

Nach dem Besuch in der Nibelungenhalle musste Polarfoscher S. zum Abschluss seines Jurastudiums dringend, wirklich dringend etwas über Regeln und Fiktionen schreiben, denn sonst wäre er inzwischen morgens um halb Elf in Deutschland mit dem Geräusch eines brechenden Knoppers implodiert, oder er hätte sich schon längst, wer weiß, in eine wunderschöne Toffifee verwandelt.

Polarforscher S. kann unterstellen, dass heute in Situationen ein Nachfolger Gerhards Freys schreit, dass der Jude der einzige Freund des Deutschen im Kampf gegen das internationale Arabertum wäre. Er, der S., tut das zumindest, er unterstellt das, also kann er es auch. Vermutlich wäre dann heute in den hochfidelen Treuearchitekturen dieser Welt ein Toben im Raum, das dem Toben von 1991 hochaffin bis verwandt wäre. Man kann das Noise oder Rausch nennen. Man findet in den Nibelungenhallen dieser Welt Freunde und Feinde des Bundes deutscher Mädchen. Man findet in den Nibelungenhallen des uns bekannten Kosmos Freunde und Feinde des Bundes deutscher Medien. Man findet in allen Nibelungenhallen Freunde und Feinde des Nationalsozialismus. Die meisten Morde passieren in solchen Nibelungenhallen (es gibt keine anderen Nibelungenhallen, alle Nibelungenhallen sind diese Nibelungenhallen), und seien das die Häuser der Familien. Nazis killen nicht nur Antifaschisten und werden nicht nur von denen gekillt. Sie killen sich selbst und werden von ihresgleichen gekillt.

Das ist absurd. Die hochfidele Übertragung (schon wieder so ein vesting!) ist absurd, anders gesagt: die hochfidele Übertragung ist die tanzende Oberfläche atlantischer Ozeane. Jedes Detail des Kosmos ist absurditätstauglich, darum heißt es vermutlich Detail. Und das, was man eventuell sogar verzweifelt Mensch oder gar Gesellschaft nennt, reproduziert und wiederholt sich doch, unter anderem, weil jeder zensieren und censieren kann. Jeder kann sich ein Bild machen und dieses Bild bestreiten und unterhalten. Auch das ist Bildökonomie. Und dennoch, gerade so, ist nichts und niemand zu verwechseln. Das ist absurd, das ist doll. Will man dennoch glauben, dennoch vertrauen? Da muss man sich erforschen, dann kann man vielleicht darauf antworten.

IV.

Was Gesprächspartnerwalter Benjamin Berndt macht, das ist nicht unbedingt selbstverständlich, aber den Polarforschern, also auch dem Polarforscher S. (und damit mir höchstpersonlich), ist so etwas unbedingt selbstverständlich. Was der Benjamin tut, das ist auch mein Job. Das soll getan werden, nicht von jedem, sondern von denen, die es können. Das sind die, die das vertragen können und die bereit sind, die Kosten dafür zu tragen. Man sollte das Coase-Theorem noch eimal auslegen, jeden Tag auf’s Neue, solange man die Kosten dafür tragen kann. Auf diesen Benjamin, auch so ein Walter von Thesen, auch so eine Beitrag zur Walter Benjamins Kritik der Gewalt, bin ich einmal gestoßen, als ich mich mit der Geschichte der Gedächtniskunst, mit Lettern und mit Shibari und Semenewa befasst habe. Die Gedächtniskunst heisst unter anderem Rekorderkunst, das ist Aufzeichnungstechnik und Technik der Erinnerung und des Entsinnens, aber auch Kunst des Fesselns und Bindens. In der neuen Frühzeit blühen dazu graphische Innovationen auf, die Buchstaben als gefesselte und fesselnde Körper zeichnen, damit man nicht nur liest, sondern sich auch daran erinnert – und das alles mit Lust tut. Benjamin Berndt hat einmal Mie Neko interviewt, die eine berühmte Lehrerin dieser Bindungs- und Fesselkunst ist – und die ich auch für eine begabte Rechtswissenschaftlerin halte, nicht nur wegen Deleuze, nicht nur wegen der Rechtsgeschichte der Renaissance und das Manierismus, vor allem wegen ihr, also wegen Mie Neko. Seit diesem Interview verfolge ich so, was der macht. Benjamin Berndt ist ein hochbegabter Polarforscher. Das hat etwas mit der Gabe zu tun, Phobien oder das Begehren zu händeln. Benjamin Berndt ist vieles, aber eins sicher nicht: In seinem Begehren blockiert, der instituiert auch, das geht immer mit Substitution einher.

In der privaten Presse gibt es einen Tendenzschutz. Das ist nicht nur Medien- und Verfassungsrecht, das ist auch gut so, dass eine Zeitung ihre Journalisten entlassen kann, wenn der Austausch, die Rivalität und Konkurrenz, wenn das Testen, Proben, das Scheiden, Schichten, Skalieren, Messen, Missen und Mustern nicht blockiert wird. Wäre doch seltsam, wenn ich einen Journalisten einstelle, ihn bezahle und der dann nicht das liefert, was ich von ihm erwarte. Oder wenn er nicht liefern würde, ich ihn aber trotzdem weiterzahlen müsste. Das ist bei Bäckern und Polizisten doch auch so. Sogar Beamte können ihren Status verlieren, wenn sie nicht ihrem Status entsprechen, daran hat die französische Revolution doch nicht gerüttelt, wozu auch? Wenn die private Presse funktioniert, findet der Journalist gleich darauf einen Job, gerade weil ihm gekündigt wurde. Journalisten werden bei der taz, bei der Bild rausgeschmissen – und die finden gleich andere Geldgeber, weil ihnen von der taz oder der Bild gekündigt wurde – das kann funktionieren, das kann Öffentlichkeit offen halten, zumindest geht davon das Medienrecht und das Verfassungsrecht aus. Es gibt ein privates und ein öffentliches Medienrecht. Auch die Täter spielen Opfer, das wissen schon die Todler, seitdem sie Toddler waren. Nach Luhmann wird das Recht nicht einmal nach Anpassung gefragt, die Medien nicht zweimal .Funktionieren Rechte oder Medien nicht, suchen sich die Leute andere Rechte oder andere Medien. Das gilt sogar für die Zensur: Funktioniert die staatliche Zensur nicht, dann censieren sich die Menschen selbst. Trump ist dafür ja kein schlechtes, sondern das beste Beispiel, sagt heute hü und hat es morgen nicht gesagt, jetzt heißt es hot, das hieß hü aber auch schon gestern, und die Abweichung vom Moment der eigenen Gegegenwart nennt man Fake News. Seit Parmenides, seit der Antike, sagen darum manche, die Menschen würden nicht nur Pferde reiten, sie würden auch von Pferden geritten – und diese Pferde, das seien sie doch zum Teil selbst.

Wenn das Vertrauen nicht blockiert wird, wenn der Zweifel nicht blockiert wird, wenn das Begehren nicht blockiert wird, dann sind die Probleme nicht gelöst, dann fangen sie an, entweder zu sprechen, oder sich zu zeigen. Wenn die Menschen verstummen, das ist ein Diktum der Frankfurter Schule, Abteilung Benjamin, dann beginnen die Steine zu sprechen. Dann beginnen die Sterne zu flirren. Dann leuchtet der Bolide beim Eintritt in die Atmosphäre auf. Dann leuchtet sogar Giordano Brunos Schmetterling auf, wie Giordano Bruno auf dem römischen Blumenmarkt. Benjamin Berndt bringt die Leute nicht zum Sprechen, seine Gäste sprechen sowieso viel und sowieso gerne. Er bringt dieses Sprechen in den Strom und in die die Form der digitalen Bildökonomie, dafür (für diese Bildkdökonomie) ist das auch wichtig, wenn man wissen will, was Bilderstreit und was digitale Bildökonomie ist.

Ob die Leute das sehen wollen, oder ob sie die Kosten für das Sehen und das Gesehene tragen wollen, das ist durch das Sehen nicht gesagt. Die sozialen Medien bündeln, akkumulieren und amplifizieren auch die geballte Bedeutungslosigkeit, und das in der geballten Bedeutung. In den Likes, den Kommentaren, den Zahlen der Followers steckt die Bedeutung der Person, die so rhetorisch ist, wie sie technisch, fiktiv und kontrafaktisch ist und wie sie im Barock als eine locker sitzende und leicht abfallende Maske dargestellt wurde. Die Leute folgen millionfach Influencern, warum auch nicht, das kostet sie scheinbar nichts. Ich bin fasziniert von Benjamin Berndts Podcast, ich bin von der ganzen Welt fasziniert. Und der Parteitag der DVU in Passau, meine erste Einsicht in die Spitzenkräfte deutscher Staatsrechtslehre, das war ja nur Anfang meiner Polarforschungssucht, inzwischen kann ich gar nicht anders. Ich sehe im Alltag die Abgründe, die Katastrophen, die Risse. Ich sehe die Apokalypsen, ich sehe all‘ die Siege und Triumphe, alle paar Saisons und Episoden gibt es mal wieder ein ‚Ende der Geschichte‘, ein ‚Ende der Kunst‘ und ‚Deutschland ist kein Staat mehr‘ um es jetzt mal wieder mit Berliner Staatsphilosophen zu sagen. Jede Woche wird etwas ausdifferenziert, jede Woche Abwechslung, was es diesmal ist. Ich sehe in den sechs venerischen Monaten alles Produktive aller Details, in den sechs saturnalischen Monaten sehe ich die wüsten Verschwindungskräfte. In den sechs marisianischen Monaten sehr ich die Dreh- und Drechsel-, die Trampelstrategien – mit jeweils rauschhafter Intensität, dafür sorgt mein Melancholietalent. So ein Zyklus, das sind 18 Monate. Der Mensch überlappt sich, im aufsitzenden Wesen überlappen sich schon mal die Zeiten, die Episoden tun das auf jeden Fall. Ich habe eine ausgeprägte Botenstoffproduktion in meinen Körper, das ist für Polarforscher hilfreich, für andere wohl Leute nicht so. Ich sehe nur die Details, die mich anblicken und adressieren, das ist dem Subjekt in mir sein anhaltender und durchgehender Kosmos, also alles, was dieses Subjekt hat, auch wenn es ihm fehlt. Um die Triumphe und die Niederlagen zu sehen, dafür muss ich nicht in die Totalidylle von Passau und muss nicht auf den Parteitag von völkischen Totalitätsphantasten wie Frey und Höcke. Alles das, was hier passiert, passiert auch da.

V.

Polarforscher S. ist inzwischen auch Öffentlichrechtler, Medienrechtler, Rechtstheoretiker, Rechtshistoriker, Bildwissenschaftler. Er arbeitet glücklicherweise jenseits deutscher Staatsrechtslehre in einer privaten Praxis öffentlicher Dinge. Das ist für alle Beteiligten das Beste. Benjamin Berndt erledigt des Polarforschers Job, er macht ihn. Und er macht das erfolgreich und lehrreich, mal aktiv lehrreich, mal passiv lehrreich. Wie jeder Mensch macht BB Fehler, er irrt sich, widerspricht sich, er redet Quatsch, ist mal zu grob, mal zu fein, er feiert seine Triumphe und soll die Kosten, sogar die Kosten seine Katastrophen tragen. Sein großer Erfolg (er spricht am Rande vom bevorstehenden Sieg) ist vorbeigehend die Widerlegung der These, dass wir von bösen Mächten erfolgreich unterdrückt werden. Er widerlegt aber nicht die These, dass die Menschen zu den aufsitzenden, ausschlagenden, guten und bösen Wesen gehören, die unter anderem auch ihr eigenes Wesen ausschlagen, sich also auch selbst verneinen und vernichten können.

Die Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ist nicht unbedingt Teil einer juristischen Methode. Ihre Gegenstände, zum Beispiel die Bildökonomie, gehören aber zur Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, seit der Antike, nicht erst seit Deleuze. Nicht erst seit Deleuze wissen Juristen und Rechtswissenschafler, wie und warum Mie Neko eine wichtige Lehrerin der juridischen Gedächtniskunst ist und warum ihre Methode sogar historisch in juristischen Verfahren genutzt wurde. Solche Dinge, die nicht nur fesseln und das Begehren händeln, das aber auch, die sind unbedingt Teil von juridischen Kulturtechniken.

Als ich in Recife zum Protokoll geforscht und gelehrt habe, hatte ich einmal plötzlich eine Knarre am Kopf und bin dann in einer selbst für Favelas peinlich schäbigen Seitengasse mit der Holzlatte eines weggeschmissenen Ikeasofas verprügelt worden. Gedächtniskunst, nicht schön, aber hilfreich, wenn man es überlebt. Ophelia Lindemann vertritt überzeugend die These, dass Polarforscher S. in Sachen Polarforschung Extremist ist, da hat sie leider recht. Mir tut das teilweise auch leid, anhaltend leid. Bildung empfiehlt sich. Nicht um damit zu kokettieren, sondern um möglichst lange zu überleben, weil es nämlich im Himmel so schön wie auf Erden eventuell nicht ist. Das Begehren lässt sich nicht tricksen, aber: es ist und bleibt artifiziell, gebildet schon seit der Antike. Das Begehren ist immer schon gezüchtet und gezähmt, und es bleibt dennoch wild. Das Begehren ist das, was Luhmann wohl mit dem Wort vague meint. Das Begehren ist eine Vase: die ist nicht unbedingt leer, die ist unbedingt wüst.

Was die Benjamins dieser Welt noch nicht wissen, das kann man ihnen sagen, dafür sind sie ja Benjamins, kleinste und jüngste Nachfolger. Gute Kunst kann verbessert werden. Je aurora, desto voran. Nur eins wird, da ist sich Polarforscher S. inzwischen ziemlich sicher, nicht aufhören: Das Absurde und das wesentliche Talent, zu censieren. Auch da ist Benjamin Berndt sehr, nämlich auf instinktivem Level begabt, er kann sich widersprechen und muss es nicht bemerken, auch nicht anmerken. Insofern ist jede Empörung, sogar die über die SPD, artifiziell. Es ist doch so normal wie pathologisch, dass die Exekutive exekutiert, dass Parteien parteilich sind und dass Regierung regieren. Was sollen sie denn sonst tun? In einem nüchternen und treffenden Kommentar hat Sebastian Eder den Benjamin Berndt als Don Quichotte bezeichnet (der BB sei kein Gladiator), immerhin soviel Schillerndes gibt also auch die nüchterne Analyse der bildökonomischen Situation noch her.

Jetzt wird es nicht unbedingt hoffnungslos, aber unbedingt nicht ernst! Wenn man als Wissenschaftler versucht, schlauer als die anderen zu sein, dann ist das nicht unbedingt das Ende der Wissenschaft, aber unbedingt der Anfang jenes Witzes, der sie ist.

Ernst Mach: Wozu hat der Mensch zwei Augen?

Damit (a) ihm alles augenblicklich evident ist und (b)damit er palindromologisch, vorwärts und rückwärts denken kann.

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