Bildökonomie, Bildökologie, Eikonomie und Echographie: Vier windige Formulierungen, die aus allen Richtungen kommen und in alle Richtungen gehen.
Bilder bestreiten etwas, also sollen sie bestritten werden. Bilder werden bestritten, also sollen sie etwas bestreiten. Bilder unterhalten, also sollen sie auch unterhalten werden. Von den vier windigen Formulierungen lassen wir eine für alle stehen: Bildökonomie.
Die Bildakte(n) wie zum Beispiel das ‚Ideogramm der Kanzleien‘ (Vismann) oder die Bilderlisten, Tafeln und Tabellen, die Aby Warburg als Elemente seiner Bild- und Rechtswissenschaft vorstellt, die sind Elemente bildökonomischer Verfahren. Diese Verfahren gehen mit einer ’normativen Kraft des Kontrafaktischen‘ (d.i. ein Kreuzendes) einher; mal hemmt sie, mal gibt sie Schub, mal ist sie stark, mal schwach; sie kann sich dumm und klug entfalten.
Bilder sind Elemente von Regeln und Fiktionen, sie kommen doch selbst als Regeln und Fiktionen vor. Bildern haben Formen, sie sind selber auch Form. Bilder bilden das Material, sie sind dieses Material auch selbst. Bildern haben Körper, sie sind auch welche. Sie haben das, was man Geist oder Geister, wit, Witwen und Witwehen, Viswetter, Wüste oder Vase nennt. Sie sind auch, kurz gesagt: Geist(er). Bilder kommen in juristischer Methode und in juridischen Kulturtechniken zum Einsatz. Das ist die Kurzfassung meiner Forschung und Lehre am Max-Planck-Institut für Rechstgeschichte und Rechtstheorie, sowie an allen den Stellen, wo ich sonst noch arbeite. Eine dieser Stellen möchte ich besonders herzlich hervorheben, das ist Arraias in Tocantins, Brasilien. Diese Stelle hebe ich herzlich hervor, weil dort der hausbauende, sensationelle Helfer sitzt, Ricardo Spindola. Er hat der brasilianischen Vismannrezeption einen Raketenschub gegeben. Das war sein kleiner Schub. Einen noch viel größeren Schub hat er der deutschen Vismannrezeption gegeben. Das ist, anhaltend und durchhaltend, Spindolas großer Schub. Wir machen jetzt aus Sils Maria das Arraias von Graubünden.
Die folgenden Überlegungen zum Stock Character Exchange sind wiederum durch Thomas Vestings Arbeiten zur Formation des Subjekts deutlich, allzu deutlich inspiriert. Dem großzügigen, fleissigen ,freiheits- und romliebenden‘ Lehrer sei von tiefem und hohem, immer wüst und wildpochendem Herzen mit Rückgaben gedankt. Staatsrechtslehrer schlagen sich, Staatsrechtslehrer vertragen sich. Das ist das genealogische Pack.
Meine untrainierten Algorithmen (es gibt glücklicherweise immer noch schlechte Übersetzerapps und man kann sie noch frisch installieren) übersetzen den englischen Begriff stock character mit Aktiencharakter. Das ist wohl noch keine gute Übersetzung, weil der stock character aus dem Theater, der Dramaturgie, insbesondere der Komödie stammt. Er ist der feststehende Charakter, der immer wieder auftaucht. Er ist keine Aktie, aber Actor und Akt schon. Er ist Klischee, aber kein in Drucktechnik hergestellter Schein, es sei denn, wir übertragen den Sinn und die Sinne. Der stock character kursiert schwankend durch die Szene. Er ist komisch, wie Dante Polantini (Moritz Hosenmacher), das ist das Geheimnis seines Erfolges, sein Talent, seine Gabe. Also noch ist diese Übersetzung schlecht. Was nicht ist, kann ja noch werden, denn schon was ist, ist ja auch was geworden. Vielleicht wird diese Übersetzung irgendwann gut. Aktiencharakter? Je länger ich nachdenke, desto besser finde ich die Übersetzung. Sogar richtig gut! Obwohl? Kurscharakter wäre auch nicht schlecht.
Nelson Goodman hat zur viel beschworenen Krise der Ähnlichkeit ( in Bezug auf die Gestaltung des Rechts spricht man in solchen Krisen von Ähnlichkeitsunruhe und Unähnlichkeitstruhen) Pablo Picasso zitiert. Auf den Hinweis hin, dass das Portrait von Gertrude Stein keinerlei Ähnlichkeit mit ihr habe, antwortete er: Macht nichts, es wird. Wenn der das kann, dann schaffen wir das auch, den Verkehr, die Kinder können das doch auch. Mit dem Projekt zum Stock Character Exchange mache ich das Angebot und die Einladung, Vestings Inspirationen zu Recht, Medien und Formationen bildökonomisch weiterzuführen. Einladung ist wie immer dasjenige, was nicht angenommen werden muss.


Darf ich vorstellen? Thomas Rakewell, kurz: Tom. Der Name spricht, das tut er immer, dafür ist er da. Thomas ist eine zweifelhafte Figur. Rakewell ist einer, der reicht, also der reich ist und den man satt hat. Von dem Rakewell ist man gut gespiesen. Das Gerücht geht allerdings um, Thomas Rakewells Vater sei geizig, sehr geizig gewesen. Indizien dafür (z.B. das heruntergekommende Zimmer, versteckte Münzen, billiger Brennstoff) zeigt Hogarth im Bild. Andere nennen die Eigenschaft des Vaters nicht Geiz. Sie sagen , er habe immer auf die Kosten geachtet und sich wohl überlegt, ob er sie tragen will. Thomas Rakewell wiederum ist der Sohn jenes, hier vornamslosen Vaters, der schon im ersten Bild der Geschichte auf eine Weise entfernt ist, dass er nur als Bild-im-Bild, also nur über die Form des Kommentars erscheinen kann. Rakewell Vater ist nämlich in Thanatos‘ Reich, oder aber Unterwelt, das ist ein chthonisches Reich.
Manche halten den Vater für tot, andere sagen, er würde im Element des schwarzen Geistes (manche sagen Saft, andere nenne es bitter Humor) nachleben, und die Form, die Hogarth dafür wählt, die ist das schon erwähnte Bild-im-Bild, also jene Form des Kommentars, von der Wolfgang Kemp sagt, sie sei eine Heteroglosse. Der Vater sitzt im Bild, er sitzt am Tisch, er sitzt in der Tafel an einer Tafel. Er zählt, sowieso. Was er zählt, das ist bare Münze. Wieviel er zählt, das ist ungewiss, darin liegen Chancen. Soweit erst mal zur unreinen Rechtslehre meiner Disziplin.
Thomas, Sohn Rakewell, ist eine unbeständige Figur der Rage, der Rache und des Rasens. Rakewell ist eine Reizfigur, an der man sich abzuarbeiten hat, und das auch noch ab urbe condita, also seitdem auch Rom reizend und gereizt ist, auch weil es dort Bilder und Rechte gibt. Rakewell Sohnemann, der soll nicht geizig, dafür aber wie gesagt unbeständig und verschwenderisch im Sinne der Wüsten, Witzbolde und Vasen sein. Was daran wie stimmen könnte oder zumindest einem passend wäre, das wird Hogarth listig und listend in Schritten, mithin algorithmisch entfalten.
William Hogarths fertigt zwischen 1733 und 1735 zu Thomas Rakewell eine Bilderliste, eine Sequenz und Frequenz aus Bildern und Texten an. Zuerst enstehen 6 plus 2 Leinwände, die Stationen im Leben des Erben Thomas zeigen, auffällig oft sind das Treppenszenen. Das ist die Malerei, also Gemälde, die sind ein Gemelde, ein Meldung-Machen, dessen Dogmatik darin besteht, etwas zu schildern und so die Welt zu erfahren. Das ist die Dogmatik, von der Maximilian Herberger, selbstverständlich einer der durch Informatik und Kybernetik gebildeten Rechtswissenschaftler, ein Standardwerk für die Kulturtechnikforschung geschrieben hat, weil Dogmatik dort Erfahrungtechnik ist. Nach der Erstellung der Gemälde hat Hogarth alle Bilder in Graphiken übersetzt, um eine Textleiste (Legende oder subscriptio) ergänzt. Diese Graphiken sind auf dem Markt zu Bestsellern geworden, und die pendeln auch heute durch die Welt. Heute kreisen oder kursieren seine Bilder auf unseren kleinen, wischbar visuellen, tastbaren Handtäfelchen und Bildschirmen.
Die Bilder kursieren scheinbar kostenlos, also wie Luhmanns Forschungsprojekte in Bielefeld. Wenn ihr Kurs kostenlos ist, dann dank billigen Stroms, billigen Wassers, billiger Immobilien für Serverfarmen und billiger Arbeitskräfte, die das alles Instandhalten. Dank Werbe- und Propaganda-, Coaching- und Beratungsindustrie. Dank Rohstoff- und Datenhandels und dem, was in der privaten Praxis öffentlicher Dinge eine Censur ist. In dieser Praxis ist Censur Datensammlung, Vermessung oder Musterung. Jetzt aber gratis, endlich gratis! Dank an die unsichtbaren Hände, dank den ‚Helferlein‘, aber auch ihren Chefs, wir müssen ja nicht gleich mit unseren Händen sichtbar auf den Balkons klatschen, wie zu Covids Zeiten .
Hogarths Bilder von Rakewells Fortschritt bilden eine Serie, das sind Bilderlisten. Die Serie ist in Sequenzen und Frequenzen angelegt. Bilderlisten sind spätestens seit der Notitia Dignitatum, also seit antiken Akten, mit dem vexillum, dem Banner, der Flagge, der Standarte, dem Digma, dem Schildzeichnen oder aber dem Fähnchen im Wind assoziiert. Das vexillum ist ein gewagtes, gefährliches oder riskantes Bild. Bilderlisten machen, was römisch mit dem Verb vexo explizit gemacht wird, sie reizen stark, sie wechseln was aus, sie wackeln oder wichsen. Sie flattern eventuell auch deswegen, weil sie einen Sog erzeugen, nicht nur, weil sie dem Wetter ausgesetzt sind. Hogarths Bilderliste zu Thomas Rakewell sei nun, unter dem Gesetz, eine Serie dazu gewidmet, was ein Stock Character Exchange sein könnte. Joseph Vogl ist bereits Assoziationen zwischen Kapital und Ressentiment nachgeganen. Das lohnt sich eventuell, wir werden sehen.
Vorläufig bitten wir um Kredit.
Bild 1 der Bilderliste zeigt Thomas Rakewell als Erben, der vermessen ist und der vermessen wird. Der Begriff der Schulden und der Schuld, der ist im deutschen Recht treffend an die Pathologie (also an den Logos, das Lex und die Lesbarkeit des Pathos) sowie an die Einsichtsfähigkeit gebunden. So steht das zumindest in § 20 StGB, wenn dort von der seelischen Störung, der Seelenstörung oder aber der Störung der Seele (Anima) im Sinne beider Genitive, vor allem aber auch in Bezug auf Aktiva und Passiva, also technisch mittels doppelter Buchführung die Rede ist. Diesen Schuldbegriff, den man den echographischen Schuldbegriff nennen kann, den nehmen wir uns zu Herzen, nur diesen, denn im übrigen bleiben Schuldfragen hoffentlich das Irrelevante dieser Welt.
Hogarth liefert zu der juristischen Methode, einen abstrakten Begriff auslegen zu können, die juridischen Kulturtechniken, mit denen man Schuld und Schulden einsehen, sichten, kreditieren kann. Es gibt zwar juridische Kulturtechniken ohne juristische Methode, aber keine juristische Methode ohne juridische Kulturtechniken, nicht, solange Recht und Rechte wahrgenommen werden sollen. Schuldfragen sind insoweit auch Schildfragen. Hogarth ist der Graphiker der Bildakte(n) und Bildliste von Rake’s Progress. Er ist einer derjenigen, der den Engravers Act angestossen hat, man nennt diesen Akt den Hoghart-Akt, das ist ein zweites Urheberechtsgesetz dieser Welt. Wir Kulturtechnikforscher gehen darum davon aus, dass William Hogarth ein Bild- und Rechtswissenschaftler ist. Juristen wissen recht gut, was es mit den Bildern auf sich hat. Wem es hilft, das anders zu sehen, der soll es tun.
William Hogarth gilt mit seinen Helden als einer derjenige, der für die englische Gesellschaft dem „modern moral subiect“ ein Bild gegeben haben, das in sich listend/ listig, gerissen/reizend und wie ein vexillum flatterhaft sein soll. Dieses Subjekt ist ambuige, es schillert. Das sind vermutlich alle Subjekte, denn dafür könnten Subjekte da sein: Ihre Passion in Aktion zu übersetzen und ihre Aktion in Passion zu übersetzen. Die Ambiguität so eines Subjektes legt sich auf eine fault lines. Das sind die Risse einer Zeit, die diesem Subjekt zwar zeitgenössisch sein soll, aber auch Bewohnern ganz anderer Jahrhunderte, sogar anderer Orte zeitgenössisch sein kann. Das moderne Subjekt kann insofern auch ein anderes antikes Subjekt sein, immerhin war die Antike sich auch modern. Das Subjekt des Westens kann ein anderes Subjekt des Ostens sein, das des Südens ein anderes des Nordens. Bei manchen dieser Subjekt, die nennen wir auf Puter ils Randulins, ist dabei das Pendeltalent eventuelle ausgeprägter als bei anderen. Das sind die Schwalben, sie machen alleine keinen Sommer. Was das Subjekt an Formen hat, das betrachten wir mit Aby Warburg als Formeln, die pendeln können, seien es Pathosformeln, Kontingenzformeln oder sogar Transzendenzformeln.
I.
Eine ‚Funktion des Fiktiven‘ beschreiben Michael Podro und Max Imdahl durch den Dialog, den sie vor einigen Jahren innerhalb der Vordertaunusgruppe Poetik und Hermeneutik um dasjenige geführt haben, was im römischen Recht tabula picta genannt wird. Auf diesen Dialog wird in der Serie zum Stock Character Exchange zu sprechen kommen sein. Vorab aber: Tabula picta ist im römischen Recht ein zweischichtiges und damit zwielichtes Objekt, im Grunde genommen so etwas wie Vater und Sohn Rakewell. Man kann dieses Objekt als ein gespaltenes Objekt, aber auch als ein doppeltes Objekt begreifen. Die Literatur des römischen Rechts braucht zwei Wörter, um den Begriff zu bilden – noch schärfer gesagt: Zwei Begriffe bilden den Begriff, und sie machen das technisch, auch als technisches Objekt, denn der Begriff steht auch auf Tafeln, Karten, Zettel oder Papier und bezeichnet insoweit nicht nur sich selbst, er zeichnet sich selbst, er sitzt sich auf. Dieser Begriff ist in dem technischen Objekt, durch das er erscheint, sich selbst Signatur und Kontrasignatur. Wenn man jetzt über das Verhältnis zwischen Wort und Begriff sich streiten will, dann ist man schon mitten in dem Problem, das dieser Begriff aus Begriffen oder Worten gar nicht lösen soll, er soll auf das Problem hin orientieren, das Problem bestreiten, händeln oder aber: operationalisieren. Juristen arbeiten in dem Amt, das der Kunst- und Rechtsprecher Bazon Brock das Amt zur Arbeit an unlösbaren Problemen nennt.
Aus widersprüchlichen Passagen, die man im römischen Recht zu diesem Objekt namens ‚tabula picta‘ findet, entfalten die Kommentatoren und Glossatoren (oder aber der sogenannte ‚Renaissance-Effekt‘ ihres Tuns) jene Kunst der Fiktion, die der ‚Verkehrsfähigkeit eines Objektes‘ dient.
Das Objekt hat zwei Schichten, man betrachtet es mit zwei Händen und zwei Augen in mindestens zwei Lichtern. Es besteht aus der Tafel und demjenigen, was der Tafel aufliegt, aufsitzt, angepinnt oder eingeschrieben, eventuell eingekerbt, an- oder aufgebracht ist. Das Objekt ist bekleidet, es wird begleitet, indem es sich bekleidet. Dieses Objekt ist schon eine Kooperation. Das Objekt hat etwas vom Phryne-Akt bzw von der Phryne-Akte (Vismann), denn die ist im Akt und sogar als Akt teilweise auch bekleidet und sie wird auch begleitet. Das Objekt hat dazu etwas etwas vom Vesting-Akt oder der Vesting-Akte, denn sie bekleiden und begleiten so, wie sie bekleidet und begleitet sind. Schon in kleinster Anzahl ist dieses Objekt ein Kooperationsobjekt, nicht anders, als das bei Quasi-Objekten, bei boundary-objects oder Grenzobjekten der Fall sei soll.
Dieses spezifische Objekt namens Tabula Picta hat ein ‚Oben‘ und ein ‚Unten‘. Es steht damit auch für skalier- und stratifizierbare Unterscheidungen zur Verfügung, deren Anzahl bisher noch nicht abschließend gezählt wurde. Form/ Materie; Inhalt/ Form; Substanz/ Akzidenz; Innerlichkeit/Äußerlichkeit; Realität/ Fiktion; Signatur/ Kontrasignatur, Materie/ Geist, Sachenrecht/ Urheberrecht, Operationsfeld/ Operation: viele solcher Unterscheidungen können an diesem Objekt getroffen werden. Sie würden vermutlich alle von dem Objekt mehr oder weniger jubilierend begrüßt, zumindest unterstützt. Das Objekt würde sich nicht wehren, es bliebe davon sogar würdig unangetastet, es ist schließlich ein Kooperationsobjekt. Sein Widerstand und seine Insistenz würde solchen Unterscheidungen die ‚Physik der Medien‘ zur Verfügung stellen. Darin ist das Objekt namens ‚tabula picta‘ Norm und Form.
II.
Diese beiden Schichten des Objektes können unter Umständen (eigentums-)rechtlich zwei unterschiedlichen Subjekten zugeordnet werden. Ein Subjekt kann der Eigentümer der Holztafel sein, ein anderes Subjekt der Eigentümer dessen, was angepinnt ist. Wem dieser zwei Subjekte ist dann das eine, verbundene Objekt zuzuordnen? Im römischen Recht, dort wiederum in einer Schicht, die auch wegen dieses Objektes als höhere, nämlich abstrakte oder sogar begriffskonstruktivistische Schicht (aber unter Umständen auch völlig anders) betrachtet werden kann, nämlich in der Satzsammlung des Corpus Iuris Civilis gibt es dazu eine Reihe von lehrhaften Sätzen. Die Antwort der römischen Juristen, das hat Marta Madero in kleinen Details und großen Bögen rekonstruiert, ist immer scharf und immer präzise: es kommt auf das Verkehren und das Begehren an. Jemand zeichnet, bild- oder schriftförmig, eine Idee auf die Tafel eines anderen: mal gehört dann das so entstandene Objekt dem Zeichner, mal dem Eigentümer der Tafel. Das Objekt steht für Rückfragen zur Verfügung.
Die Lösung liegt im Detail, im Fall und der Kasuistik. Sie liegt nicht im Allgemeinen, sondern in der Wiederholung der Details, die auch deswegen Details genannt werden, weil umstritten ist, ob in ihnen der Teufel oder der liebe Gott steckt. Die Details sind Details, weil sie die Risse der Welt und gleich auch ihre kleinsten Gassen und größten Trassen sind. Wenn es auf die Frage, wem die tabula picta eigen ist, keine allgemeine und erfüllte Antwort gibt, aber vielleicht so etwas wie eine Supervision, wenigstens ein Manual, um die Deutung anzuleiten, dann liegt diese Supervision graphisch anspruchsvoll vorbereitet in den Kommentaren oder aber in einem Atlas. Das wäre ein Atlas wie derjenige von Aby Warburg, der eine Kartographie mit Seismographie und Echographie verbindet. Auch das, das graphische Operationsfeld der Kommentare und der Atlas von Aby Warburg, sind dann ‚Ideogramme der Kanzleien‘ in Cornelias Vismann Sinne, die bilden dann Raster oder aber, im Sinne Martin Warnke II., sogar ein Modell names Large Language Kabbala. Aus zuerst kleinen und kleinsten Details, die verstellbar sind, wird in Sequenzen und Frequenzen der Bogen, der Kurs und die Kurve der Lösung eines Fall. Diese eine Lösung verbraucht sich im Einzelfall, sogar restlos. Lösungen dienen dann aber immer noch dazu, für die Zukunft anstössig zu sein, sei es, dass man sie völlig falsch findet oder aber andere sie völlig richtig finden und man im beiden Fällen Meinungen bestreiten soll. „Ja, aber umgekehrt würde ich auch sagen!“ (Ino Augsberg). Im übrigen bleibt das Sekret, das Sekretariat oder aber der Lauf der Akte(n) im künstlich intelligenten, algorithmischen, rekursiven und mimetischen Verfahren der ars boni et aequi bestehen. Die Juristen sind künstlich eloquent, nicht erst seitdem sie Meta nutzen und nicht erst, seitdem Meta aus der Metaphysik der Sitten in die ‚Physik der Medien‘ (Walter Seitter) umgezogen ist (wozu? Zur Miete!).
Seit rhetorischen Institutionen wird dieses Verfahren der Eloquenz explizit als künstliches und kreisend bestreitendes Verfahren, also auch als polares Verfahren oder Polemik (Dreh- und Drechseltechnik, str.) verstanden. Sagen wir so: Wenn die Künstlichkeit Technizität ist, die sich nicht in Technizität erschöpft, dann liegt das wohl daran, dass das kreisende Bestreiten Rekursion mit Mimesis und Mimesis mit Rekursion anstiftet. Quintilian, dem wir eine ausführliche Passage zu der Frage nach der Künstlichkeit verdanken, liefert mit dieser Passage ja auch ein technische Objekt, das wieder unter den Begriff tabula picta fällt, und das, wie ein Echograph, in immer neuen Schichten, bis heute, etwas von der römischen Welt Quintilians und seiner rompendelnden Leser, seiner Übersetzer und seiner aktuellen Follower aufzeichnet. Man findet, seit dem 15. Jahrhundert nur noch im Renaissance-Effekt, diese Passage in den echographischen Übersetzungen seines Manuals für Ratgeber, Stellvertreter und Akteure, Mimen (denn so soll man orator übersetzen) und freilich für den stock character, der Subjekt sein will.
Meta, meine wunderbare Helferin im Alltag, ist so hilfreich skrupellos, wie ich das bisher nur aus der Anwaltspraxis kannte, die sucht mir immer schnell ein paar Erinnerungen hier, ein paar Entsinnungen da. Meta ist dem technischen Objekt nach eine Juristin. Klar, die haben ja auch Meta trainiert, nicht nur sie, die aber auch – und das besonders lange und scharf, seit der Antike. Das Unbewußte sei seinem Wesen nach Jurist, das sagt Pierre Legendre. Ob es stimmt? Für Meta ist mir plausibel, das anzunehmen. Diese Wendigkeit, die Routinen im Umgang mit Lettern: hilfreich!


Wir waren jung und brauchten das Geld (2011). Wohin damit? Wohin? Nach Golgatha, das ist verdeutschet (laut einer Passion) Schädelstätt‚ oder aber Kreuzberg. Denkerei macht Staatsrechtslehre im Modus ‚too much, too soon‘ (Rudolf Wiethölter).
Alain Pottage hat in einem liebenswürdigen und instruktiven Kommentar zu Yan Thomas, dem Historiker des römischen Rechts, auf die Bedeutung der Arbeiten von Cornelia Vismann verwiesen. Die sieht er unter anderem darin, dass Vismann die Betrachtung auf Objekte jenseits des Textes gerichtet habe, zum Beispiel auf Türen, Tische oder dasjenige, was wir in der Kulturtechnikforschung die rhetorischen Ensemble, das sind Konstellationen pastoraler oder urbaner Denkräume, also schlicht Elemente von Landschaften (Ackerfurchen zum Beispiel) und Städten (Triumphögen zum Beispiel) nennen. Entweder arbeiten die römischen Juristen nicht nur am Text, am Begriff und in der Schrift, oder man verwendet diese Begriffe als Tropen, Schemen/ Schemata, Figuren und Metaphern. Die römischen Juristen arbeiten auch an und mit Objekten, und das sogar, so schreibt Vismann das vor mehr als 25 Jahren, digital tippend und tastend, nämlich algorithmisch. Wie Niklas Luhmann in seinem Buch zur Kunst der Gesellschaft angelegt hat: sogar der Fußball ist, neben dem König, ein rekursiv gehändeltes Objekt römischen Rechts, nämlich der ars, die auch ius ist (zum Beispiel für den Atlas, Nemesis, Fortuna und Occasio). Die Juristen sprechen und schreiben nicht nur. Sie treten, kicken, tasten, tippen und fingern auch. Ihr Wissen und Denken ist auch Körpertechnik, die trainiert werden kann. Vor allem aber fingieren diese Juristen, sie operieren kontrafaktisch: sie kreuzen in der Welt und durch die Welt und mit der Welt. Sie streichen was. Sie mahlen und malen, sie melden und zeichnen. Alles, was sie tun, ist Wiederholung, auch ihre Unterscheidungen sind das. Und nicht nur das. Alles was sie machen, was ihre Kunst des Handelns und Händelns ist, das ist nicht nur Wiederholungen, es wird auch wiederholt. Alles, was sie, die Juristen, was ihre Handlungen und was ihre Dinge tun, das ist auch bildökonomisches und echographisches Tun, sowohl theoretisch als auch praktisch.
Das ist der Stand der Dinge, also der Lauf der Dinge. Michael Podro und Max Imdahl nehmen in einem alten Band der Gruppe Poetik und Hermeneutik, wie Yan Thomas und Cornelia Vismann, die Funktionen des Fiktiven in Betracht, am Beispiel des Verhältnissen von Kreide und Seide. Das erste Beispiel seiner, Podros Vorgabe (seinem Aufsatz in dem Band Poetik und Hermeneutik), entnimmt Podro der Bilderliste William Hogarths, dem Bild zur Orgie.
Gut gewählt, schon weil die Orgie mit O beginnt, auch ein Kreisen, das als technisches Objekt wieder über die Tabula Picta zu uns gekommen ist, zudem ein Mahl und eine klamme Sendung bildet, ein Buchstabe und ein Brief ist, manche Kinder sehen darin den geöffneten Mund, den die Griechen Chaos nennen. Touché! Alles da: Bildökonomie, Echographie, Tabula Picta, Austausch und Verwechslung, Kreide und Seide. Alles da: zweischichtige und zwielichtlige Objekte, Vater und Sohn Rakewell sowieso. Alles da, sogar die Censur, also die private Praxis öffentlicher Dinge, mit der Daten gesammelt und alles vermessen und gemustert wird, die malt Hogarth im Bild der Orgie mit der ihm vertrauten satyrischen Gesellschaftsanalyse.
Zu Podros und Imdahls Dialog über Kreide und Seide kommen wir aber erst später, nämlich genau zum richtigen Zeitpunkt. Noch etwas ist hier und jetzt wichtiger: Dem kanonischen Recht nach arbeitet William Hogarth nicht nur mit juridischen Kulturtechniken, er arbeitet auch mit juristischer Methode. Gratian zählt nämlich das Lex Satyrica zum kanonischen Recht und die satyrische Bildung zur juristischen Methode. Unabhängig vom kanonischen Recht und Gratian gilt uns die Satyre aber ohnehin als juridische Kulturtechnik. Die Institutionen, die das kanonische Recht liefert, sind ja auch Substitutionen, da ist es hilfreich, wenn man mit ihnen auskommt, ohne sie aber auch.
Hogarths Bilderliste ist graphisch, Leben durchzieht sie, sei es auch auf die Weise des Nachlebens, einem chthonischen Archiv, in dem die Geister und Säfte, der Humor und der Witz hausen, und zwar exakt so, wie man in einem contubernium haust, sogar dem contubernium, von dem es in der Notitita Dignitatum heißt, dass sein Name Rom und seine erste Adresse die Kreisstadt Rom sei, „Quid est Roma? Contubernium Romanorum!“, das ist eine der FAQs aus jener Akte und aus den Bilderlisten, die für die Kulturtechnikforschung markieren, was unterhalb der Schwelle des Recht liegt und dennoch dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen. Hogarths Bildliste ist in dem Sinne künstlich konditioniert, wie von ventilierenden Klimanalagen, nämlich von der Biographie, die dem Hogarth immerhin insoweit eigen ist, als dass das Künstler- und Juristensubjekt in diesem Hogarth die Biographie dank und durch seine technischen Objekten als die Welt im Rücken greift und betrachtet. Hogarth kann sich wohl als Fall, als Symptom, sogar als Exempel oder sogar Vorbild verstehen. Dazu soll er zurückblicken, auf einen Verlauf, der passend als jugendliches, das ist u.a. jüngstes, aber auch kleines misfortune/ Unglück beschrieben wird, zum Beispiel in diesem gerade auch wegen des englischen Akzents hilfreichen Lehrvideo zur Entstehung von A Rake’s Progress. Glück und Unglück sind der Form und der Technik nach nicht das Gleiche. Sie sind dasselbe, wie im Fall der Melancholie, die ebenfalls der Druck und der Zug ist, die Bremse und der Schub, die Betrachtung und ihre Lüftung, der Niederschlag und das Heben.
III.
Wenn man was satt hat und das einen stört, man darum etwas ändern will: dann immer den Fabian Steinhauer fragen, aber nur persönlich, damit nur die Maske adressiert wird und dieser fiktive Fabian Steinhauer seine technischen Antworten liefern kann. In Sachen Kanonisches Recht und Lex Satyrica ist dieser Fabian Steinhauer (ich schreibe jetzt mit Schreiben-im-Schreiben, also kommentarförmig und heteroglossatorisch) inzwischen gut darin geübt, Personen, Dinge und Handlungen satt zu haben. Der ist durch und durch saturiert. Eins bringt diesen reichen und satten Fabian Steinhauer immer wieder in reizend rasende Rage und Unbeständigkeit: die bedingte Universität und die Vorstellung, dass das Recht nicht eine Wiederholung von allem dem sei, was auch ohne Recht passiert. Fabian kooperiert sowieso, unabhängig davon, ob man ihn um Hilfe und Rat fragt, oder aber nicht.
John Hoadlys Verse unter dem Bild machen deutlich, dass hier eine Bildserien beginnt, die auch als Bilderliste zu lesen ist, weil sie die Verwaltung der Seelen betrifft, genauer gesagt die Erziehung zum sittlichen Halt. Ist das unbedingt ein Rat zur Askese? Ideal scheint das Haus des Vaters auch nicht bewirtschaftet zu sein, Hoadly schildert die Ökonomie des vornamslosen Vaters sogar als Gegenteil eines idealen Hauses, er nennt die Stätte missbräuchlich, er spricht von abuse. Der Verhältnis zwischen Askese und Exzess, das stellt Hogarth in das elliptische Kreisen und Kursieren ein, in dem alles schwankt, auch die moralischen Positionen. Der Vater ist nicht das Vorbild. Das dürfte einen Teil von Hogarths Erfolg erklären. Das jugendliche Element erscheint in Hoadlys Versen als junges bis jüngstes, schwaches bis schwächstes, kleines bis kleinstes Element. Bald schon werden wir davon erfahren, dass Hogarth so einem Element den Weg zeichnet, subtil auch Sinne von niedrig und im übrigen sowieso wüst und verschwenderisch zu sein; Tom hat die Karte gezogen, zu einem Protagonisten zu werden und Subjekt zu bleiben, auch wo ihm vorgeht und ihn bestimmt, was ihn bildet und was er bildet.
O Vanity of AGE! untoward,
Ever spleeny, ever froward!
Why those bolts, and massy chains,
Squint suspicious, jealous pains?
Why, thy toilsome journey o’er,
Lay’st thou in an useless store?
Hope along with Time is flown,
Nor can’st thou reap the field thou’st sown.
Hast thou a son? — In time be wise.
He views thy toil with other eyes.
Needs must thy kind, paternal care,
Lock’d in thy chests, be buried there;
Whence then shall flow thy friendly ease,
That social converse, homefelt peace,
Familiar duty without dread,
Instruction from example bred,
Which youthful minds with freedom mend,
And with the Father mix the Friend?
Uncircumscrib’d by prudent rules,
Or precepts of expensive schools;
Abus’d at home, abroad despis’d,
Unbred, unletter’d, unadvis’d;
The headstrong course of youth began,
What comfort from this darling son?

Hinterlasse einen Kommentar