I.
Zeit für die nächste ‚Diashow‘. Diesmal ist es ein alter Text (2015) über den Stil des Rechts, der in die Form von Dias oder slides, auf jeden Fall in die Form unruhiger oder unbeständiger Objekte gebracht wird. Der Text ‚Verankerungen und Verhäkelungen‘ ist ein Kommentar zu dem Buch „Vom Stil des Rechts“ von Heinrich Triepel. Er basiert auf einem Vortrag, der um 2014 herum auf Einladung von Jörn Reinhardt im ZiF in Bielefeld gehalten wurde (dolle Architektur und Karin und Axel Brandi war damals noch gleich um’s Eck lebendig). Erschienen ist der Text später in der Zeitschrift Rechtsphilosophie. Das ist der Text, den Marietta Auer zufälligerweise gerade gelesen hatte, als wir uns ebenso zufällig im Grüneburgpark trafen (ich war zwar arbeitslos, aber frisch gebügelt und gewaschen). Der Text ist also nicht unbeteiligt daran, dass ich heute dort arbeite, wo ich arbeite.
Fun Fact! Das Editorial dieses Themen- Heftes stellt das Thema vor und erwähnt alle Autoren mit ihnen Beiträgen. Alle Autoren? Ein schwarzgalliger Autor fehlt. Mir wurde (nicht das erste mal) gesagt, man hätte vergessen, auch zu meinem Text noch was im Editorial zu sagen, man hätte mich und diesen Text übersehen. Kein Problem, liebe Herausgeber! Kenne ich gut, allzu gut, diese Situation! Die Situation ist mir sogar zutiefst vertraut, anders kenne ich es gar nicht. Das bedient meine Noia (d.i. auch mein Nölen und Nöseln, also das Rauschen und Treiben meines Schreibflusses). Diese Situation ist ein Server dieser Noia (wie in Schifanoia und Paranoia). Ich nehme die Welt und die Welt nimmt mich nicht richtig und nicht vollständig war, also bin ich, und zwar Forscher.
Eine These meines Ururgroßvaters Hermann Brandi (das ist der Vater von Karl Brandi) lautete, dass zu den größten Inventionen des 19. Jahrhunderts die Anästhesie gehöre. Er kam nicht auf die Idee, Baumgartens immer noch neue Disziplin, die Kantianische Urteilskraft und Autonomieästhetik oder Hegels Ästhetik zu diesen großen Inventionen seines Jahrhunderts zu zählen. Die Anästhesie sei es. Er konnte sich noch gut an die Schreie der Soldaten erinnern, denen ohne Betäubung ein Glied amputiert wurde. Herman Brandi dachte in der Nähe einer Rechtstheorie, für die heute der Name Laurent de Sutter steht. Der belgische Rechtstheoretiker Laurent de Sutter hat die Anästhesie erstens mit den Inventionen Emil Kraeplins und zweitens mit dem Begriff des Narcokapitalismus assoziiert, er stellt sich in die Anästhesie als eines von zwei Modellen (das zweite wäre die Analyse mit ihrer Wiener und Pariser Gebäudetechnik), die Neuigkeiten in Sachen Wahrnehmung gebracht hätten. Ich würde in Sachen Anästhesie allerdings noch vor Kraeplin ansetzen, und ich halte eventuell noch mehr von Kraeplin, als Laurent de Sutter es tut (weil Kraeplin daran beteiligt war, Warburg nach Hamburg zurück zu bringen). Mehr noch: die Anästhesie, ob sie nun das Übersehen, selbst eine Form der Übersicht oder die Betäubung ist, ist nicht unbedingt das schlechteste an dem, was auch Rechtsästhetik genannt werden könnte. Das immer offene Auge trocknet aus. Ohne shutter kein Kino. Ab Braque und Picasso verstand sich die Avantgarde ohnehin auch über die Camouflage.1 Wenn wir modern gewesen sind, dann auch so, also mit dem Verständnis, dass Wahrnehmung Deckung bietet. Davon geht Dogmatik aber auch vor der Moderne schon aus. But now to something completly different.
Jetzt ist der Text über die Verankerungen und Verhäkelungen auch eine Diashow und kann von mir weiter mit Anmerkungen versehen werden. Wenn es der Wahrheitsfindung dient!
II.
Es ist keine schlechte Idee, die Anmerkungen zu dem Text mit Bildern zu beginnen, die im Oktober 1926 von einem der damals führenden Pressefotografen Berlins, von Georg Pahl, aufgenommen wurden. Im Oktober 1926 wird Heinrich Triepel Rektor an der Universität in Berlin. Man kann das den Höhepunkt einer Karriere und den Höhepunkt öffentlicher Wirksamkeit und Wahrnehmbarkeit nennen. So ein Moment wird mit Recht stilisiert, darunter würde ich eine rhetorische, skalierte, stratifizierte und gemusterte Gestaltung verstehen. Der Höhepunkt soll wahrgenommen werden, er soll vorgestellt, erfahren und ausgeübt werden. Wenn Ästhetik der Name einer (akademischen) Disziplin oder von Techniken ist, dann könnte sie sich mit den drei Bereichen befassen: (1.) Vorstellung oder Einbildung (2.) Erfahrung oder Perzeption und (3.) Ausübung oder Übung, d.i. ‚graphische Züge machen‘. Triepel und seine Leser, ich und meine Leser, die werden ein unterschiedliches Verständnis davon haben, was der Begriff Wahrnehmung meint und wie weit er sich mit dem der Ästhetik. Mein Verständnis von Wahrnehmung habe ich gerade angerissen. Kulturtechniken wechseln und verwechseln etwas. Man sagt, die Leute würden nicht richtig sprechen aber etwas falsch übersetzen, wenn sie fragen würden, ob jemand etwas realisiert hat. Sprechen ist nicht Sprache, kleine Literaturen sind nicht nationalisierten Sprachen. Ich denke, dass das Sprechen eine praktische, poietische Angelegenheit ist. Die Leute sprechen nicht unbedingt falsch, wenn sie so nach Wahrnehmung fragen, sie kommen sogar meinen Verständnis von Wahrnehmung nähe. Wahrnehmung ist teilweise eine Sache der Aisthesis, teilweise der Ästhetik. Man nimmt aber auch Gelegenheiten und Rechte wahr: das ist (Aus-)Übung.
Pahl nimmt die Szene auf, in der Triepel seinen Eid ablegt, und er nimmt ihn, kurz davor oder danach, im Rektor-Ornat sitzend in seinem Amtszimmer auf. Während Triepel den Eid ablegt, steht er auf einer Bühne der Aula und hat erst eine Reihe von Flaggen (d ist eine Bilderlisten, ein vexillum mindestens, da lebt die Notitia Dignitatum nach, da leben antike Akten nach) dann ein Gemälde von Arthur Kampf (seit 1912 Arthur von Kampf) im Rücken. Dieses Gemälde ist 1915 gemalt worden und zeigt Fichtes Rede an die deutsche Nation. Die wiederum wurde 1807 gehalten, 1808 publiziert. Der Sommer der Bildökonomie ist jetzt vorbei, wir sind seit gestern im Herbst. Aber bildökonomisch ist die Situation, in der Pahl den Triepel 1926 während des Eides aufnimmt auch, und das fällt auch im Herbst noch auf.
Das Bild zeigt ein Kreisen und Kursieren, und es ruft in Schichten historische Konstellationen auf, die der polis und auch dem polos/ polus assoziiert sind. Sie sind der Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden assoziiert. 1807, sagt man, sei Berlin von fremden Mächten besetzt gewesen, also habe Fichte in seinen Reden die Nation aufgerufen (zum Text und zum Digitalisat der Erstausgabe von 1808 hier). 1915 ist diese Nation im Krieg, da malt Kampf das Bild. 1926 ist eine Zeit, die man seit 1939 Zwischenkriegszeit nennt, die sich aber damals auch als eine Zeit verstanden haben kann, die den Krieg nicht bewältigt hat. Was der Völkerrechtler vor den Verstrickungen dieser Szene in der Szene wahrgenommen hat, das können wir jetzt nur spekulieren. Was er am Ende des Krieges zur Ästhetik des Rechts sagt, das hat er veröffentlicht.
Ich habe also zwei Fotos ausgesucht, eines aus der Aula vom Eid und das zweite, das zeigt Triepel im Zimmer des Rektors. Er sitzt auf einem Stuhl, einer gothischen Madonna ähnlich, nur ohne Kind im Arm. Sein Mantel wirft mit expressiven, spitzen Kanten Falten. Naheliegend wäre bei diesen Falten an das Bühnenbild von Dr. Caligari zu denken. An diesem schweren Mantel fliesst nichts, alles wirft sich. Man ist auch versucht zu sagen, dass das Ornat eher darauf angelegt ist, im Stehen oder Gehen getragen zu werden. Für Gewandstudien (zu denen Cornelia Vismann einen uns grundlegenden Text geschrieben hat) mag man darin auch sitzen.2 Triepel erscheint in dem schweren Mantel, der unterhalb der Handgeste einer „complicatio manuum“ und über den Knien zusammengeschlagen ist, dem byzantisches Protokoll entsprungen zu sein.

Im Bundesarchiv ist das Bild mit einem kurzen Text versehen:
„Die feierliche Einführung des neuen Rektor, der Berliner Universität ! Der neue Rektor der Berliner Universität Geh. Justizrat Prof. Dr. Heinrich Triepel Ordinarius für öffentliches Recht, wurde auf ein Jahr zum Rektor gewählt und feierlichst eingeführt.
Der neue Rektor der Berliner Universität, Prof. Dr. Triepel im vollen Rektor-Ornat.“

„Die feierliche Einführung des neuen Rektor, der Berliner Universität ! Der neue Rektor der Berliner Universität Geh. Justizrat Prof. Dr. Heinrich Triepel Ordinarius für öffentliches Recht, wurde auf ein Jahr zum Rektor gewählt und feierlichst eingeführt.
Der neue Rektor legt in der Aula der Universität den Eid ab. Neben ihm stehend der alte Rektor Professor Dr. Pompecki.“
Der Eid wird auf einer Bühne abgelegt. Im Rücken hat Triepel dabei nicht nur das große Historiengemälde der Aula. Das stammt von Arthur von Kampf und zeigt Fichte bei seiner Rede an die deutsche Nation. Triepel hat aber nicht nur dieses Bild und diese Kunst im Rücken. Er hat auch Aufstellung von lauter Flaggen (die Flagge ist ein vexillum) im Rücken, die in diesem Moment ganz ohne Wind auskommen und schlaff herab hängen müssen.
Georg Pahl, von dem die beiden Fotos stammen, ist ein bekannter Pressefotograf gewesen. Er war Gründer der A-B-C-Aktuelle-Bilder-Centrale und ist dadurch berühmt geworden, dass ihm 1923 die ersten Pressefotos von Adolf Hitler gelangen (der sich damals auch aus rechtlichen Gründen nicht fotografieren liess; die Geschichte wird unter anderem von Claudia Schmölders in ihrem Buch über Hitlers Gesicht erzählt). Georg Pahl gehörte 1926 zu der Top-Riege der Berliner Pressefotographen. Wenn Pahl drei Jahre vor diesem Foto, und das unter großem Risiko, ein Foto Hitlers veröffentlicht hatte, dann kann man davon ausgehend, dass der Faschismus und der Nationalsozialismus schon mindestens ein Elephant im Raum dieser Aula gewesen sein kann. In diesem Oktober sprach Triepel über Staatsrecht und Politik, dann wird das erst Recht gelten. Ein Jahr später erwähnt Triepel während der Übergabe des Rektorats an Norden übrigens den Mantel und sagt: „Er ist schwer, aber weil er es ist, kann kein Rektor ihn nach dem Winde hängen.“ Muss er auch nicht, wenn in diesem Mantel Antike nachlebt und gerade weil der Mantel dadurch viel Schwere unterschiedlicher Intensität mitbringt ( inklusive von Leichtheiten in Details). Dann ist der Mantel auch in Windstille schon polar. Dann könnte jede Energie, jede Dynamik, jede Regung auch ohne aktuellen Wind in diesem Mantel, dem mantischen Objekt, vor kommen Dann kann der Mantel mit allen seinen Sinnen, mit sämtlichen Sinn auch ohne Wind in alle Richtungen sich wenden und senden, auf Sendung gehen.
Eventuell war Triepel naiv, eventuell auf stabile Weise zuversichtlich und meinte (so oder so), dass die Schwere das Mantels Schutz vor dem Tosen und der Täuschung bietet. Vielleicht schreibt er gerade darum später den Text vom Stil des Rechts. Vielleicht war er nicht naiv und hatte nur strenge und starke Erwartungen, die später enttäuscht werden solltenVielleicht ruft er mit seinen Bemerkungen zum Gewicht des Mantels etwas auf, was Luhmann später mit der Formel von der kontrafaktischen Stabilisierung zu fassen suchte.

Dieses Gemälde ist mit dem virtuellen Stadttor dem pomerium, der vorgeschobenen und doch ziemlich gründlichen, römischen Linie assoziiert. Auf dieser Linie stehen nämlich solche Tore, seien es nun reale Stadttore oder virtuelle Abbildungen solcher Tore. Die Wand ist ein Echo (eine Echographie!) dieser vorgeschobenen Linie und selbst eine vorgeschobene Linie.
Die Linie, die diese Wand bildet und den Realraum vom Scheinraum unterscheidet, gleichzeitig die Redner im Raum mit Reden an die deutsche Nation assoziiert, ist durch das weitere Kreisen dieser immer vorgeschobenen Linie gebaut und gebildet, gebildet und gebaut. Logon echon: Sprache haben, etwas zu sagen haben, hier in einer Situation mit so einer Linie im Rücken. Kein Sprechen ohne Wiederhall. Notwendig ist nichts daran, kontingent alles. Was daran natürlich ist, ist zu seiner Wiederholung auf Technik angewiesen; was hier real ist, ist an Symbolen und am Imaginären real.
Die Szene ist rhetorischen Institutionen und einem rhetorischen Ensemble assoziiert – und assoziiert noch die Akteure und Passanten vor ihm. Triepel ist der Rhetorik nicht nur im Oktober 1926 assoziiert. Sein Text vom Stil des Rechts (um 1944 fertig gestellt) ist ebenfalls der Rhetorik assoziiert – und damit ‚Systemen vor den Systemen‘ um 1800. Der feierliche Akt ist darin nicht nur Akt, kein reiner Akt. Er geht mit Pathosformeln, mit Passion/ Passivität und Pathologie einher.
Arthur Kampf (Sohn des Elberfelder Hoffotografen August Kampf) wurde 1912 geadelt. Das Gemälde im Rücken wird im zweiten Weltkrieg zerstört.

Es gibt zahllose Fotos von Heinrich Triepel und seiner Welt. Ich habe Fotos der Szene mit Triepel herausgepickt, die in hohem Stil inszeniert wurde und einen Höhepunkt seiner Arbeitsbiographie markiert.
Wie es der Zufall so will, wurde Heinrich Triepel ein Jahr später (turnusgemäß) in dem Amt des Rektors von dem Alterstumswissenschaftler Eduard Norden abgwechselt. Norden ist ein Warburg-Buddy, der dem Antiken der Moderne nachgegangen ist. Dazu .a. beachtens- und lesenswert (und mit weiteren Fotos der Zeremonie, in der Triepel ein Jahr später den Stab an Norden weiterreichte) Hildegard Cancik-Lindemaier und Hubert Cancik (das sind wiederum die Eltern von Pascal Cancik, der Juristin): „Berliner Konstellationen am Ende der Weimarer Republik. Eduard Norden und die Altertumswissenschaft in Jerusalem“ (Link hier).
Die Szene von 1926 ist nicht die Szene der Zeit, in der Triepel den Text fertig gestellt hat. Sein Text erscheint 1947 das erste mal. Der Text wurde am Ende des Krieges fertig gestellt. „Vom Stil des Rechts“ ist eine Altersschrift, eine letzte Schrift, und sie hat apologetische Elemente, also Merkmale einer Verteidungs- und Rechtfertigungsschrift. Ich würde den Text um so mehr zwischen der Szene vom Oktober 1926 und der Szene ‚Mai 1945‘ platzieren. Ich würde den Text zwischen zwei Szenen platzieren. Wenn der Oktober 1926 in Bezug auf diesen Text eine Eröffnungsszene (den Schuss) geliefert hat, dann liefert der Mai 1945 eine Gegenszene, den Gegenschuss.
Aus beidem heraus oder aber zwischen diesen beiden Szenen bildet sich das, was Triepel erstens fragwürdig und zweitens verteidigungs- und rechtfertigungsbedürftig erscheint. Für den Mai 1945 lägen zahlreiche Bilder, und das sogar weltweit vor, die man als Gegenbild aufstellen könnte. Insbesondere die vier Fotografien, die unter anderem durch den griechischen Juden Alex (der Nachname ist mir nicht bekannt), David Smuleswki und Helena Dáton (sie schmuggelt den Film aus dem Lager) in Auschwitz aufgenommen und an die Öffentlichkeit gebracht wurden sind mit der Katastrophe assoziiert, an die Heinrich Triepel bei der Niederschrift seines Textes denkt. Insofern sollte man Triepels Text vom Stil des Rechts zusammen mit einem Text über dieses vier Fotos lesen. Ich würde dazu George Didi-Hubermans Text „Bilder trotz allem“ dazu lesen, weil dieser Text sorgfältig mit Fragen der Wahrnehmbarkeit und ihrer Limits umgeht – und am deutlichsten eine Debatte angestoßen hat, die auch betrifft, was Rechtsästhetik sein könnte. Zwei Szenen, eventuell sind es Pole (mir wären sie es im Rahmen meiner Vorstellungen von juridischen Kulturtechniken).

Der Text ist in der Vorstellung zwischen zwei Szenen zu situieren, von denen eine durch in der Aula der Berliner Universität inszeniert wird. Die andere Szene kann mit einer Reihe von Bildern assoziiert werden, u.a. mit den vier Fotos, über die Georges Didi-Huberman in Bilder trotz allem geschrieben hat. Aus dieser Situation heraus, aus so einer Rahmung (einem Werken und Wirken) heraus, wird dem Heinrich Triepel, so meine These, der Stil des Rechts fragwürdig, rechtfertigungsbedürftig und verteidigungsbedürftig.
III.
Wenn Heinrich Triepel 1945 einen Text über den Stil des Rechts fertig gestellt hat und darin der Begriff der Ästhetik eine Rolle spielt, dann lautet eine der zahlreichen Fragen, wie sich der Text zu den Systembildungen verhält, die duch das 19. Jahrhundert gegangen sind. Wie verhält sich seine Begriff von Ästhetik dazu, dass sich ab 1750, seit dem und druch das Erscheinen von Alexander Gottlieb Baumgartens Buch Aesthetica eine philosophische Disziplin und dann ein philsophisches System gebildet haben soll?Mein Standpunkt lautet, den Text nicht unter dem Dogma der großen Trennung zu lesen, also nicht mit der Vorstellung zu lesen, dass sich das Recht, die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft und die Religion ausdifferenziert hätten. Mein Vorschlag lautet also, den Text nicht nur im Rahmen dessen zu lesen, was erstens Recht und zweitens systematisch sein soll. Der Text soll nicht nur im Rahmen dessen gelesen werden, was zum Proprium des Rechts gehöre (auch wenn dieses Proprium bei einer Reihe von deutschen Rechtswissenschaftler phantasmatisch so besetzt ist, wie Crêpes mit Nutella auf deutschen Weihnachtsmärkten). Dieser Vorschlag ist kein Vorschlag, der Triepels Position ermitteln soll. Ich will nicht wissen, inwieweit Triepel Weberianer oder Systemtheoretiker war. Dem sollen andere nachgehen. Ich frage nicht nach Fragment und Totalität, sondern nach Kontraktion und Distraktion.
Am Text soll nicht nur das rausgefiltert werden, was dem Recht eigen sei und seine Autonomie tragen könne. An dem, was den Text bewegt und was der Text bewegt, soll nicht nur das herausgefiltert werden, was die Eigenkraft des Rechts sein sollte. Meines Erachtens ist jede Frage nach dem System auch eine Frage nach Zeit und Raum, also auch eine Frage nach der und dem Geschichte – und nach den seismischen Aktivitäten und Passionen der Formen.
Mein Vorschlag lautet, dem nachzugehen, was zum Beispiel Bruno Latour in seinem Buch zu Verfassung der Moderne („Wir sind die modern gewesen) eine Vernetzung, ein Akteur-Netzwerk oder Ameise (ANT) nennt. Der Vorschlag lautet, den Ameisenwegen (das sind kontingente Lektüreerfahrungen und dezentrale Wahrnehmungen) nachzugehen (zum Beispiel: den Trassen, auf denen die Ameisen mit dem Laub laufen, also mit Blättern, die abgeworfen wurden).
Der Vorschlag lautet, den Diagonalen und den Transversalen über die Grenzen von Systemen und Disziplinen hinweg nachzugehen. Solche Diagonalen sind in den ‚Operationsketten‘ nachverfolgbar, durch die Wiederholungen und Übersetzungen stattfinden – und durch die Recht und Rechte wahrnehmbar werden. Am Oktober 1926 kann man nachverfolgen, wie ein prachtvoll besticktes Gewand einem Völkerrechtler übergeworfen wird und er darin einen Eid ablegt. Diese Operationskette hält sich nicht an die Grenzen von Kommunikationssystemen. Die Szene vom Oktober 1926 wird nicht gesprengt, auch nicht dann, wenn jemand im Raum saß, der an Max Weber glaubte. Auch im Nachhinein wird die Szene vom Oktober 196 nicht dadurch gesprengt, dass jemand an Niklas Luhmann glaubt. Die Szene von Mai 1945, in der ohnehin der Sprung und der Riss unverkittet und unverfugt wahrnehmbar wird, wird nicht zusammenhängender, wenn man sie mit dem Glauben an formale Rationalisierung und Ausdifferenzierung betrachtet. Latour hat beschrieben, warum er den Vernetzungen nachgeht; die Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken macht nichts anderes, auch wenn deutsche Juristen nicht folgen können, Aby Warbug ist nicht anders vorgegangen. Ich glaube, dass Friedrich Nietzsches Begriff der Verhäkelung so eine Forschung schon nahelegt.
Mein Vorschlag lautet, diesen Text von Triepel als eine Wiederholung zu lesen. Alles an ihm ist Wiederholung und kommt insofern auch außerhalb dieses Textes, sogar außerhalb des Rechts vor. Dieser Text ist eine Wiederholung und eine Übersetzung, er teilt und überträgt etwas. Mit Aby Warburgs Worten gesprochen: dieser Text ist gependelt und er pendelt weiter. Darum lässt sich auch leichten Herzen sagen, dass man aus ihm Dias oder slides machen könne. Dieser Vorschlag ist ein Vorschlag zu Beiträgen, nicht zu Widerlegungen. Was ich vorschlage, schlage ich nicht vor, weil ich andere Fragen und andere Vorgehensweisen für sinnlos, falsch oder wenig zielführend halte.
Mein Kommentar zu Triepel ist auch kein allgemeiner Kommentar. Das ist ein Kommentar der sich für Rhetorik interessiert, weil ich die Rhetorik für die archäologische Fundgrube einer Bild- und Rechtswissenschaft und einer Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken halte. Wenn ich mit einem Begriff Nietzsches ankomme, dann auch deswegen, weil der ein Baseler Archäologe ist und weil der neben Aby Warburg einer der Autoren ist, die im Recht das Nachleben der Antike zum Thema machen (das sind nicht unbedingt zwei Gründe, kann auch ein und derselbe Grund sein). Die Leitfrage einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken lautet in meinen Augen schließlich, was unterhalb der Schwelle des Rechts liegt und dennoch dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen. Die Voraussetzung, von der ich ausgehe, lautet insoweit, dass die Wahrnehmung und das Wissen vom Recht immer stratifiziert und skaliert sind. Keine Personen, Dinge und Händel/ Handlungen ohne Stratififikation und Skalierung. Wo etwas emergent ist, das ist etwas gebaut oder gebildet. Kein Sinn und keine Sinne ohne Stratifikation und Skalierung. Kein graphischer Zug ohne Skalierung und Stratrifikation. Keine Operation ohne Operationsfeld. Alles, was wahrgenommen und gewußt wird, hat etwas Tragendes und etwas Getragenes. Alles was wahrgenommen und gewußt wird, hat ein Maß und kommt dann auch größer und kleiner vor.
Der Text zu den Verankerungen und Verhäkelung ist aber freilich kein Text zu juridischen Kulturtechniken, das ist der Kommentar zu einem ganz bestimmten Text von Heinrich Triepel, eben zu dem Buch Vom Stil des Rechts.
IV.
Inzwischen liegt in der deutschsprachigen Literatur ein Buch vor, dass zum Standardwerk der Literaturen geworden ist, die sich in Deutschland mit Rechtsästhetik befassen. Das ist Daniel Damlers Buch Rechtsästhetik.

Daniel Damler ist ein Kollege vom Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt. Das ist das Institut, das ich hier und da das Institut für wahrscheinliches und unwahrscheinliches Recht nenne. Dieses Institut unterstützt eine Forschung, die die Grenzen der Rechtswissenschaft nicht leugnet, sich damit aber auch nicht begnügt. Dieses Institut ist vom Eigenen des Rechts nicht besessen – und nimmt die Rede von der Ausdifferenzierung nicht für bare Münze. Dass das Recht geteilt und übertragen werden muss und dass die Rechtswissenschaften historisch zu allem etwas gesagt haben und allem Wissen, allen Methoden und Techniken assoziiert waren, das ist hier selbstverständlich. Die Formel, bisher hätte die Rechtswissenschafller und Juristen nichts von ihrer Umgebung gewußt, sie seien alleine wie man es von Schustern fordert bei ihren Leisten geblieben, sie hätten ein epistemisches Monopol inne gehabt und es gelte nun endlich, die Rechtswissenschaft zu öffnen (ihr die Augen, Ohren, Nasen und Hände zu öffnen), die wird hier mild und freundlich belächelt, das sagt man halt so. Die Rede von den sogenannten Nachbarwissenschaften wird freundlich lächelnd aufgenommen, im Kopf notiert, dass man nachschauen wird, wo eigentlich die epistemischen Katasterämter ihren Sitz haben und wo man all‘ die Jägerzäune produziert.
- U.a Roy Behrens, Camouflage, Cubism and Creativity: The Dissolution of Borders, The Journal of Creative Behavior (1977) ↩︎
- Friedrich Kittler/ Cornelia Vismann, Vom Griechenland, Berlin 2001. In diesem Band findet man zwei Texte von Cornelia Vismann: (1.) Vor ihren Richtern nackt und (2.) Gewandstudien, die auch als Texte zur Rechtsästhetik zu lesen sind, vor allem wenn man Triepels Text als Wiederholung und Übersetzung begreift. Dann kommt es nicht unbedingt darauf an, dass Rechtsästhetik unter oder mit dem Begriff der Rechtsästhetik erscheint. Nicht nur wo Ästhetik drauf steht, ist Ästhetik drin. Rechtsästhetik muss nicht nationalisiert begriffen werden. Zugespitzt: Die Theorie muss Fichtes Aufruf von 1807 keine Folge leisten und sie muss auch nicht davon ausgehen, dass nur die nationalisierte Sprache klar, sicher und frei wäre. ↩︎
















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