Es gibt keine Kulturtechnikforschung, außer man tut sie.

I.

Eine Geschichte zur Theorie der (Kontra-)Signaturen: erschienen vor vielen, vielen Jahren (2016) im Archiv für Mediengeschichte (et in Weimar ego). Ich präsentiere die Publikation noch einmal auf wordpress, weil man hier aus Texten und Bildern eine Präsentation machen kann, die wordpress passenderweise eine Diashow nennt. Eine Diashow ist die Schau oder das Schauen von etwas, was nicht unbedingt Text und nicht unbedingt Bild, nicht unbedingt Sprache und nicht unbedingt sprachlos, nicht unbedingt sichtbar und nicht unbedingt unsichtbar, nicht unbedingt lesbar oder unlesbar sein soll. Das Objekt der Diashow ist das Dia, das ist englisch ein slide. Das ist unbedingt ein unruhiges oder beunruhigendes, unbeständiges oder (aus- und ver-)wechselndes Objekt (wie das vexillum eines ist), ein schlitterndes (schlatterndes, schlotterndes und daneben sogar nach den Grimms ’schlutterndes‘), ein schlinge(r)ndes Objekt. Dieses Objekt schlängelt sich durch. Das Objekt der Diahow kann ein vagues, polares, meteorologisches Objekt sein und kann so mit und zwischen Ruhe und Unruhe, zwischen den Beständen, zwischen Text und Bild, Sprache und Stummheit, Lesen und Schau kippen und schwanken.

Hier kann ich die Publikation von damals kommentieren, das ist hilfreich. Ich kann sie besser mit den anderen Texten assoziieren. Zum Beispiel mit der Serie zum stock character exchange. In der Serie zu Hogarth& Hoadlys A Rake’s Progress erscheinen auf Blatt 3 nämlich zum Beispiel schwarze Flecken und Kerben, die für die Figuren auf dem Bild signifikant sein sollen. In der Literatur zu der Bilderserie werden diese schwarzen Flecken und Kerben häufig erwähnt. Das Blatt ist eine Graphik, da gibt es freilich viele schwarze Flecken und Kerben, das Bild wird durch sie, seien sie nun Punkte oder Linien, zusammengesetzt. Es gibt gibt aber auch jene besonderen schwarze Flecken und Kerben, die eine Reihe der abgebildeten Figuren im Gesicht haben. Die Form des Bildes wiederholt etwas, was sich auch in dem Aufsatz aus dem Archiv für Mediengeschichte wiederholt: nämlich schwarze Flecken und Kerben. Schwarze Flecken und Kerben produziert nämlich auch der Autopen, er wiederholt damit auch, was (Kontra-)Signaturen auszeichnen soll. Die (Kontra)Signaturen sollen Fleck und Kerbe sein. Bei Hogarth und in der Praxis des Autopen sind schwarze Flecken und Kerben signifikant. Bei Hogarth sollen sie übrigens für epidemische Übertragung, genauer gesagt für die Ansteckung mit Syphilis signifikant sein, beim Autopen sollen sie für die Signatur signifikant sein. Wenn hier etwas weit hergeholt ist, dann müsste es jetzt nahe liegen, denn sonst wäre es ja nicht weit hergeholt. Die Ferne schließt die Nähe nicht aus, auch nicht die Übertragbarkeiten. Wenn hier etwas assoziativ ist, dann ist es jetzt assoziiert. Ist es verbindlich? Kann man es verbinden? Es ist verbunden, so ist es auch verbindlich. Die Form ist der Norm ein vollständiges Synonym.

Inzwischen ist viel passiert. „Es ist mal wieder“ , so klingt mir dauerhaft ein Satz von Simon Brenner im Ohr, „was passiert“. Helmut Lethen, unter anderem durch seine Beiträge zu Carl Schmitt einer der Rechts- und Kulturwissenschaftler, ist gestorben, und Christan Geyer hat in einem Nachruf in der FAZ Lethens Leitfrage mit einer Essenz der Kulturwissenschaft in Verbindung gebracht, ich zitiere, inclusive eines Zitats im Zitat: „Und so gehörte die Kältelehre für Lethen zur Essenz von Kulturwissenschaften, nämlich als Ratgeber für soziale Spielformen, „mit denen sich die Menschen nahekommen konnten, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen konnten, ohne sich zu verletzen“. Ich lese das als Beitrage zu dem Recht und dem Regen, mit denen man unweigerlich zu tun hat, wenn man sich mit dem Distanzschaffen und der Verleibung befasst.

Juridische Kulturtechniken operieren in einer Welt und an einer Welt, in der alles mit allem und alles mit nichts zu tun hat, nur nicht von selbst. Alles ist entfernt, es erscheint schließlich dank und durch juridische Kulturtechniken. Alles, auch jede Nähe und jede Ferne sind messbar, skalierbar, stratifizierbar und musterbar. Alles daran kann unterschieden werden, geschichtet werden. Darin gibt es Dynamik und Bewegung. Die Maße stehen dauerhaft nicht fest. Alles wird größer, alles wird kleiner, wenn auch nicht gleichzeitig. Nicht alle juristischen Methoden fassen das Zu-Tun-Haben als beständige Architektur eines Logos. Es gibt auch juristische Methoden, etwa die der Systemtheorie, ökonomischer oder ökologischer Theorien, die Verbindungen und Verbindlichkeit an Kreisläufen festmachen, die keine beständige Architektur haben. Das nimmt eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ebenfalls in Betracht. So sind die schwarzen Flecken und Kerben also weit hergeholt, wenn sie dann nahe liegen. Sie liegen nahe, wenn sie weit hergeholt sind. Die Nähe und die Ferne sind relativ. Das Recht, die Regeln, der und das Regen, mit denen man nahe kommen und (sich) entfernen kann, sie mögen eine Essenz von Wissenschaften sein. Das sollen sie auch, wenn auch nicht nur von Wissenschaft, am besten von allen Formen der Wahrnehmung.

Aby Warburg schreibt während seiner Zeit im nicht unbedingt totalen, aber unbedingt luxuriösen und dennoch qualvollen Asyl, dass die ganze Welt schizoid sei. Er schreibt das, auch weil man am Ende des ersten Weltkrieges ihn für verrückt und Europa sowie den Rest der Welt nicht für verrückt erklärt hat. Das Schizoide ist ihm pathologisch und normal. Juridische Kulturtechnik operiert darin und daran: an dem, was Pathologisch und Normal sein kann (denn es operiert sowieso an allen Unterscheidungen). Was an juridischer Kulturtechnik rekursiv, mimetisch und kreuzend ist, das ist auch (elliptisch) kreisend und kursierend. Das Schizoide ist nicht nur normal (so spricht man auch durchaus gerne von Vernetzung) und pathologisch, es ist auch dynamisch.

Hinterlasse einen Kommentar