
I.
Was man im Bild sieht: ihn, einen Freund. Was man im Bild nicht sieht: Eine zur selben Zeit reibende und pressende, dazu noch aus tiefem Körper aufsteigende und herzlich singende Stimme, die sogar physisch an einem, sogar in einem bleibt, auch wenn er schon wieder aufgebrochen ist.
Wie damals, als er nach dem Dinner in der Sophienstraße dann doch noch um 4.00 Uhr mit Cristina aufbrach, um vor dem nächsten Arbeitstreffen noch ein bisschen zu schlafen und die Stimme nicht nur am Körper, nicht nur im Körper, sondern in der Wohnung zurückblieb, um dort in den Räumen noch mehrere Tage und Nächte nachzuhallen, bis sich ihre Reste vollständig an unsere und in unsere Körper zurückgezogen, also dauerhaft eingenistet hatte. Seine Stimme hatte gerade einen Song von Spliff gesungen („Deja Vu“), die Wendung vom roten Hugo wiederholte er an dem Abend immer wieder; jetzt, das ist der Moment, in dem das Foto entstand, singt diese Stimme „Über den Wolken“. Die Szene ist in Frankfurt. Es ist das Jahr 2018. Es ist so lustig, Leute von entfernten Orten um sich zu haben, die in irgendwas aus Deutschland, und sei es sogar Deutschland selbst, anhaltend verliebt sind. Dementsprechend lustig war dieser Abend.
Dieser Abend war erst der zweite Tag, an dem ich ihn überhaupt kannte. Erst einen Tag vorher hatten wir uns deutsch-staatsrechtslehrertypisch bei einem Italiener zum Kennenlernen verarbredet. Da empfing und adressierte er mich von der ersten Sekunde wie einen alten, vertrauten Freund. Er sagte „Hallo Fabian, endlich“, wies dann auf einen zweiten Herrn am Tisch und sagte weiter: „Fabian, das ist Robert Alexy, der hat zwanzig Ehrendoktorwürden“. Alexy erhob den Zeigefinger und fügte hinzu: „23!“.
Seit dem ersten Abend: in allem exzessiv, noch in der Wahl der geehrten Leute, die er zum Essen mitbringt. Diesem ersten Abend folgte darum gleich die Einladung in die Sophienstraße, zum Dinner, bei der er diesmal allerdings nicht Alexy, dafür aber seine Gitarre mitbrachte. João Mauricio, mit dem zauberhaften Talent ausgestattet, auf ansteckende Weise zu genießen, und zwar alles, die Worte, die Gesten, das Essen, das Reden, das Trinken, das Wissen, die Musik, das Denken, die Menschen, die Städte: was eigentlich nicht?
Auf diesem Bild hier schiebt sich sein Unterkiefer leicht nach vorne, links und recht beult sich leicht etwas aus. Für so eine Erscheinung brauchte Marlon Brando in dem Film „The Godfather“ Wattebäusche. Die brauchte er nicht. Noch da, wo er künstlerisch talentiert war, war er auch natürlich. So erscheint jetzt die Stimme von Brando als Nachahmung von João Mauricio oder aber des Typen João Mauricio; denn auch dazu hatte er besonderes Talent: vorbildlich zu wirken und weiter noch vorbildlich zu sein, selbst wenn er mal bei irgendwas nachträglich kam. Römisch, Patron und Godfather war er sowieso auf die spezifisch brasilianische Art.
Cristina hat er dafür gewonnen, mit ihm das Leben zu teilen. Das heißt nicht nur einiges, das heißt etwas ganz besonders, auf diese Anerkennung kann er besonders stolz sein. Akademisch wurde er ohnehin haufenweise anerkannt. Man sieht sie, die tolle Frau, nicht im Bild, rechts neben dem Bildrand sitzt sie (mit der ich wiederum die irre Leidenschaft in Bezug auf das Val Catimbau teile); mit ihr hat er zwei engelsgleiche Töchter in die Welt gesetzt (ein paar Jahre vor mir, ungefähr zu der Zeit, als das Foto entstand, wurden die beiden schon Großeltern). Mein Vater ist mir arg früh weggestorben, seitdem unterlaufen ältere Männer bei mir einem Vatervergleich, da kam João Mauricio gut weg, teilweise wegen besonderer Ähnlichkeiten zu meinem Vater, wie etwa in dem, was man einen ‚fröhlichen Nihilismus a la James Last‘ nennt und wegen der zwar nicht maßlosen, aber nahezu maßlosen Ambition, die Familie verwöhnen zu wollen.
Letztes Jahr haben wir einen Workshop zur Rhetorik und zu Kreuzungen brasilianischer und deutscher Rechtstheorie am MPI gemacht – und danach sind wir gleich ab nach Mainz, das war auch eine Zeitreise für ihn und Cristina. Da habe ich es nochmal besonders und leider das letzte Mal betrachten können: den Mann, der nur darum, weil er erwachsen geworden ist, nicht aufgegeben hat, Kind zu sein. Das hat die Verständigung zwischen uns beiden noch einmal leichter gemacht.
Und nun? Da ist der Stich, der einem ausgerechnet dann flüstert, da sei jetzt ein Verpassen, wenn Menschen gehen, mit denen jeder Moment intensiv war. Ich habe geheult. Denke ich jetzt an einen geteilten Moment oder spreche gegenüber irgendjemandem etwas aus, was mit ihm zu tun hat, geht es wieder los. Da ist noch und bleibt noch die tiefe, schwammartig organisierte Traurigkeit. Mit jedem Tod nimmt man mehr von dieser Traurigkeit auf, man sammelt sie und gibt dann bei jedem nächsten Tod ein bisschen mehr von dem mehr oder weniger metaphorischen Trauerwasser ab. Man gewöhnt sich an nichts vom Tod, kein Fitzelchen, das Gegenteil ist Fall. Jedes mal wird’s schlimmer, nicht weil er näher rückt, weil er sich so schwammartig sammelt. Aber in keiner Sekunde habe ich aufgehört, dankbar zu sein und die Fröhlichkeit im Hintergrund mitlaufen zu lassen – auch das war etwas, was man von ihm, dem Freund, lernen konnte. Ich habe ihm Viertel in Recife vorgestellt, in denen er nicht nur nie war, von denen er auch nie gedacht hätte, dass sie überhaupt für ihn betretbar sind, insoweit war er dann noch nicht maßlos, er war situationsbedingt penthousebezogen, das ist in Recife nicht maßlos. Das freut mich: eine Kleinigkeit Underworld oder Niedrigwelt, nämlich ein subtiles Detail aus solchen niederen Vierteln, den eigentlichen Hafenvierteln, konnte ich ihm, der mich mehrfach reich beschenkt hat, zurückgeben.

Gestern ist er also über die Wolken gezogen, dahin, wo die Freiheit ebenfalls grenzenlos ist. Wie gesagt: seine Stimme hat sich aber sogar physikalisch hier, an meinem und in meinem Körper eingenistet. Wie immer gilt: Der Tod ist eine verdammte Schweinerei. „Wer ein Wort des Trostes spricht, der ist ein Verräter“ (Bazon Brock).

Hinterlasse einen Kommentar