I.

Es geht nach Brasilien, immer wieder. Im Frühling (Spring) werde ich Bruno Vieira treffen. Der war 2025 Augustgast, Abteilung Auer, Unterabteilung Steinhauer. In dieser Zeit hat Bruno (eine Figur der Stätte, an der göttliche Komödien einsetzen) einen Antrag vorbereitet, nämlich zum Epistemizid und zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Jetzt ist er Humboldt/ Capes Fellow, wir werden zwei Jahre lang intensiv kooperieren, sowohl in Brasilien als auch in Frankfurt. Das Projekt, an dem wir arbeiten wird mit dem Epistemizid zu tun haben, aber auch mit juridischen Kulturtechniken und mit anthropovaguen Wesen. Es wird mit dem Bilden und der Wahrnehmung von Recht und Rechten zu tun haben.

Nicht Giordano Bruno, dafür aber mit nicht nur affinen, sondern auch verwandten heroischen Leidenschaften kommt Bruno Vieira. Wie ira, f.i. Rage/ Rasen/ Reize Brasiliens wird Bruno eintreffen, im April. Und wir kommen mit, wir treffen uns, wir kooperieren. Denn sie bewegt sich doch, denn es faltet sich doch, denn wir sitzen doch auf, denn wir schlagen doch aus.

Bruno soll sich mit übersetzten Worten vorstellen. Ich kopiere ein Interview, das Bruno gegeben hat:

II.

„Also, Bruno, wann hörst du eigentlich auf zu studieren und fängst an zu arbeiten?“

Oder: Über die Vorstellung, dass Studium und Forschung keine reguläre Erwerbstätigkeit seien

„Ich habe gerade meine Spezialisierung im Bereich Kinder- und Jugendrechte, Interkulturalität und Klimawandel abgeschlossen. Es handelt sich um eine postgraduale Weiterbildung (pós-graduação lato sensu) der Nationalen Schule für Kinder- und Jugendrechte, die der Universität Brasília angegliedert ist. Die Ausbildung fand vollständig online statt; nur die Verteidigung der Abschlussarbeit erfolgte in Präsenz.

Die Verteidigung war ein interessanter Moment. Ich konnte meine Arbeit vorstellen, bei der es sich um eine bibliografische Untersuchung zum Thema Kinder- und Jugendrechte an der Schnittstelle von Epistemizid und Umweltrassismus handelt. Der Artikel wird in einem später erscheinenden E-Book veröffentlicht.

Aber ich bin nicht hier, um über meine Verteidigung und auch nicht über dieses Thema zu sprechen.

Ich möchte über etwas sprechen, das davor liegt: meine Tätigkeit als Student.

Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass ich mich in einem permanenten „Zustand des Studierens“ befunden habe. Während meines Studiums erhielt ich ab dem dritten Semester Stipendien. Den Master absolvierte ich ohne Stipendium, weil ich begonnen hatte, in einer zivilgesellschaftlichen Organisation zu arbeiten. Ich kam nach Recife und erhielt während meiner Promotion ein Stipendium der Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Technologie in Pernambuco (Facepe).

Ich arbeitete weiterhin in der Forschung und erhielt ein Junior-Postdoktorandenstipendium des CNPq – und dieses ermöglichte mir sogar, ein zweites Stipendium für einen dreimonatigen wissenschaftlichen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen.

Ich erzähle meiner Mutter immer wieder von diesen Erfolgen.

Gleichzeitig erinnere ich mich daran, dass sie mich während meiner Promotion immer wieder fragte:

„Und? Hast du aufgehört zu studieren und endlich eine Arbeit gefunden?“

Was definiert eigentlich Arbeit? Ist es nur ein unterschriebener Arbeitsvertrag oder die Sicherheit einer verbeamteten Stelle? Und damit stellt sich für mich eine weitere Frage:

Sind Studieren und Forschen etwa keine Arbeit?

Meine Mutter gehört einer Generation an, die Arbeit ausschließlich als etwas Körperliches verstand. Ich bin der Ansicht, dass sich das Verständnis von „Arbeit“ bei ihr und bei mir unterscheidet, ohne dass die beiden Auffassungen einander widersprechen müssen. Alles, was sie als Arbeit bezeichnet, erkenne auch ich als Arbeit an; umgekehrt gilt das jedoch nicht.

Das ist lediglich ein Spiegelbild unterschiedlicher Generationen und eines Denkens, das Studium und Arbeit strikt voneinander trennte. An sich ist an dieser Trennung zunächst nichts falsch – der Fehler liegt darin, an ihr blind festzuhalten und dabei zu ignorieren, dass neue Formen der Tätigkeit ebenfalls Arbeit darstellen.

Forschung ist eine davon.

Man hat mich schon als „bourgeoisen Schwarzen“ bezeichnet, weil ich eine besondere Wertschätzung für die akademische Welt habe (Achtung: Wertschätzung bedeutet nicht blinde Zustimmung). Ungeachtet dieser – lächerlichen – Beschimpfung verstehe ich mich heute als Arbeiter des Geistes.

Wenn ich von den marxistischen Grundsätzen ausgehe, verkaufe ich einen Teil meines Körpers an das Kapital, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten – sei es über ein Stipendium, einen befristeten Vertrag, ein reguläres Arbeitsverhältnis nach dem brasilianischen Arbeitsrecht (CLT) oder über eine sogenannte RPA [Recibo de Pagamento Autônomo, eine Zahlungsquittung für selbstständige Tätigkeit]. Am Ende spielt die Bezeichnung keine Rolle:

Es ist trotzdem Arbeit.

Auch die erst kürzlich errungenen sozialversicherungsrechtlichen Ansprüche für Forscher bestätigen dies.

Forschung ist Arbeit, weil sie Einfluss hat und das Potenzial besitzt, die Gesellschaft zu verändern. Sie ist die Kraft des Einzelnen, die auf die materielle Veränderung der Welt gerichtet ist.

Durch diese „Forschungsarbeit“ wurden wissenschaftliche Entdeckungen gemacht, neue epistemologische Ansätze entwickelt und Erfindungen hervorgebracht, die das Land revolutioniert haben. Brasilien ist seiner Natur nach der Forschung und Innovation verpflichtet – oder glaubt ihr etwa, dass unsere berühmte gambiarra nicht im Kern eine innovative Art ist, Dinge zu nutzen?

Brasilien ist pure Erfindung und Innovation. Schade ist nur, dass dies nur selten als Arbeit angesehen wird.

Verteidigung meiner Masterarbeit „Jugendaktivismus und öffentliche Politik“ am 22. Februar 2018.

In der Physik ist Arbeit das Maß für Energie, die durch die Einwirkung einer Kraft auf einen Körper übertragen oder ihm entzogen wird und die eine Verschiebung bewirkt.

Wer arbeitet, bewegt etwas, setzt etwas in Bewegung, erzeugt Energie.

Ich erzeuge Energie, indem ich schreibe, studiere, forsche und erschaffe. Deshalb kann ich mit voller Gewissheit sagen, dass ich ein Arbeiter bin und immer gewesen bin.

Meine Tätigkeit besteht darin, Diskussionen anzustoßen, epistemologische Verwicklungen, theoretische Kreuzungen und methodologische Häresien zu schaffen.

Und das … macht Arbeit. (lacht)

Für mich bedeutet Arbeiten, Wissen aufzubauen, zusammenzutragen und auszutauschen – Wissen, das nur in Gegenwart des Anderen, im Austausch mit ihm und in der Aufnahme seiner Andersheit möglich ist.

Im tiefsten Sinne der Anthropophagie besteht meine Arbeit darin, die Welt zu verschlingen, um sie in Wissen zu verwandeln.“

III.

Dazu Anthropofagie. Nicht nur dazu, dazu aber auch!

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