Ab in den Regen/ ab in die Traufe/ as you like it!

I.

Kommen die Leute heute häufiger vom Regen in die Traufe als früher?

Ich habe es nicht gezählt, aus hoffentlichen einfachen Gründen. Am sogenannten Vermehrungsdiskurs habe ich zwar ein starkes Interesse, aber vor allem in Bezug auf die juridischen Kulturtechniken, mit denen man solche Situationen zählt und auf dieser Weise dabei kooperiert, Recht und Rechte wahrzunehmen.

Ich will wissen, wie der Vermehrungsdiskurs gebildet wird, gebildet ist und wie und was er bildet. Mein Forschungs- und Lehrgebiet ist die Bild- und Rechtswissenschaft, auch im Sinne von Gilbert Simondon, der die Bilder als Objekte einer operativen Ontologie fasst und insoweit von Ontogenese spricht. Bilden ist älter als die die Bildbegriffe und sogär älter als jene Bilder, zu denen man solche Bildbegriffe definiert hat Außerdem kann das Bilden umbilden, was ein Bild ist. Das Bilden kann Bilder umwandeln, simulieren und dissimulieren, es kann Bilder kontrafaktisch, artifiziell, rhetorisch oder künstlich wiederholen, also auch mit Austauschmanövern an den Elementen und dem Bestand von dem, was ein Bild sein soll. Bilder generieren etwas, sie werden auch generiert. Bilder sind Wiederholungen, sie übertragen und teilen etwas. Ein Bild ist manchmal ein Objekt, manchmal ein Subjekt, manchmal eine Person, manchmal ein Ding. Bilden ist eine juridische Kulturtechnik. In der Moderne empfiehlt zum Beispiel Josef Esser in seinen Institutionen, seinen Lehrbüchern, diese Technik. Der war mal im Westen, mal im Osten, es kommt auf die Perspektive an. Bilden ist eine juridische Kulturtechnik, in deren Moderne die Antike nachlebt.

Vor diesem Hintergrund interessiere ich mich also für so etwas wie einen Vermehrungsdiskurs und unter anderem für das Bild der Situation, in der die Leute vom Regen in die Traufe kommen.So ein Diskurs kann man ein Wissen nennen, ich spreche allerdings von Wahrnehmung, gerade weil ich mich für Her- und Darstellungsprozesse interessiere. Spreche ich von Wahrnehmung, dann im Sinne von (a) Einbildung und Vorstellung, (b) Erfahrung und Perzeption, (c) Übung und Ausübung (exercise/ Praxis und Poiesis). Vermehrungsdiskurse lassen Vermehrung wahrnehmen, zum Beispiel die Wahrnehmung, dass es immer mehr Bilder geben soll oder immer mehr Situationen, in denen die Leute vom Regen in die Traufe kommen.

Das Zählen, die Statistik, das Staatswissenschaften, Leibniz‘ gewisse Staatstafeln: so etwas interessiert mich sehr, auch wenn mich der „Lauf der Dinge“ (Fischli und Weiss) mindestens so stark interessiert wie der Stand der Dinge in Sachen Staat, Status, stasis, Stand und Beständigkeit, selbst wenn ich mich noch stärker für Unbeständigkeit interessiere als für Beständigkeit.

Ich will wissen, wie man diese Situationen zählt. Insoweit bin ich hochmotiviert, etwas vom Zählen solcher Situationen zu wissen. Aber diese Situationen selbst zu zählen, da ist meine Motivation arg beschränkt. Schließlich geht es doch um Situationen, in denen die Leute vom Regen in die Traufe kommen. Da werden die Auswirkungen und Veränderungen eventuell minimal relevant sein – und der Aufwand der Zählung könnte zu groß sein.

Zählen ist eine juridische Kulturtechnik, die kommt mit juristischen Methoden und ohne juristische Methoden vor. Für diese juridische Kulturtechnik muss ich mich interessieren, denn das ist mein Job am MPI, dafür werde ich bezahlt. Selbst zählen? Tue ich mit eher geringer Motivation. Ich arbeite schon zeitfüllend zur Geschichte und Theorie des Zählens. Vermehrungsdiskurse, die interessieren mich in technischer, also artifizieller Hinsicht. Ich zähle nicht viel, gut so. Bin eine Randfigur, im Regen und in der Traufe. Das reicht mir im Alltag.

Ich bin allerdings selbst versucht, die These aufzustellen, dass in den letzten Jahren vermehrt von Vermehrung die Rede sei. Es gäbe mehr Bilder, sagt man, sicher schon lange. Aber heute heißt es auch, die Leute würden mehr von Bilder sprechen, mehr darüber schreiben und mehr darüber wissen, sogar mehr Gesetze und mehr Regeln würde sie zu diesen Bildern aufstellen. Oder, das schreibt Thomas Duve in seinem neuen Buch zu Historischen Normativitätswissenschaft: „Tatsächlich mehren sich auch die Stimmen, das zu tun.“ Welche Stimmen? Diejenigen, die die sogenannte Translationsperspektive für die Rechtshistorie und die Rechtsgeschichte für geeignet halten. Die Stimmen, die das Verhältnis zur westlichen Moderne verändern und in Bewegung bringen, auch das legt Duve in dem Buch nahe, vermehren sich.

Damit sind wir beim Thema, nämlich bei Thomas Duves neuem Buch. Ich hatte eine Rezension versprochen, da ist sie, mit Drall in Richtung Replik und Reaktion.

Vom Regen in die Traufe, d.i. unter der Traufe und unter dem Regen.

II.

Jetzt setzt es was, das ist eine Übersetzung. In den Vorbemerkungen zur der Rezension hatte ich es schon erwähnt: Das Buch gibt Schub und Stoß in die Richtung meiner Forschung. Darum tauchte in der Lektüre anfangs die Frage auf, ob dieser Schub und die Stöße auch Schläge ins Gesicht sein sollen. Das ist rhetorisch gesagt. Sanfter geht es also auch (weil alles, was rhetorisch ist, artifiziell und auf diese Weise auch skaliert, stratifiziert, gemustert, gemessen und ‚vagierend‘ ist, alles kann sanfter oder härter gesagt sein): Ist die Stoßrichtung des Buches ein sanfter Klapser, damit die Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken auf den ‚geeigneten Bahnen‘ bleibe oder wenigstens in den letzten Jahren vor der Verrentung noch auf geeignete Bahnen komme? Jetzt setzt es was: das sagt sagt man so, bevor man solche Schläge oder Klapser verteilt. Übersetzer sollten das auch öfters sagen, vielleicht tun sie es sogar vermehrt.

Auf die Frage, ob die Stoßrichtung seines Buches mit Schlägen oder der Klapsern einhergeht, habe ich jetzt eine Antwort. Ja, das tut sie. Und nicht nur das ist die Antwort. Sie lautet weiter: Duves (Über-)Setzen, das ist auch eine geeignete, sogar erforderliche und im engeren Sinne angemessene Maßnahme in Sachen Forschung und Lehre. Es setzt was, also übersetzt was.

Raus aus dem Konjunktiv. Das Buch gibt Anstöße, weil nicht nur der Schreiber, sondern auch der Leser widerständig und insistierend ist. Wäre der Leser das nicht, ginge der Anstoß in die Leere. So wird er zu Lehre, hoffentlich auf ökonomische, ökologische und echoartige Weise. Das Buch ist ein Buch von der Situation, in der man vom Regen in Traufe kommt. Das Buch gibt zu wissen, was es heißt, als Rechtstheoretiker und Rechtshistoriker vom Regen in die Traufe zu kommen. Und selbst wenn es nicht ratsam sein sollte, vom Regen in die Traufe zu kommen, ist es ratsam zu wissen, wie man am besten mit so einer Situation umgeht, falls dann doch passiert. Ich lerne von dem Buch etwas, vereinzelt kann ich hoffentlich etwas zurückgeben, nämlich professionelle Erfahrung mit dem Problem, auf das dieses Buch so reagiert, wie ich auf dieses Buch. Diese professionelle, langährig in Forschung und Lehre gesammelte Erfahrung betrifft die juridischen Kulturtechniken, die mit Übertragung, Bildern und Bildung zu tun haben. Diese Rezension ist eine Reaktion, eine Replik und eine Kooperation.

III.

Duves Ausgangspunkt, so lese ich das Buch, ist eine Erklärung gegenüber einer Fachcommunity. Das ist eine Erklärung gegenüber einem Imago, einem Imago, das auf deutschen Rechtshistorikertagen auftauchen könnte (allein schon dadurch, dass Duve dort mit diesem Imago auftauchen kann).

Ein Imago ist auch ein Bild, es auch gebildet und bildet auch etwas. Man kann das Wort Imago als nomen actionis lesen. Wo ein Imago ist, das ist Nachahmung, da sind Vorbilder und da ist, so legen es die Literaturen nahe, sogar Wetteifer, ein Messen und ein Missen (im Sinne von Begehren). Das Buch, so lautete also meine These, ist eine Erklärung an ein Imago, so ist die Rede von der Fachcommunity in dieses Buch geraten. So redet Duve in der ersten Person Plural. Das ist nicht so sehr der Majestätsplural, das ist eher ein Appell.

Duve vertritt die These, dass die Gemeinschaft der Rechtshistoriker in deutschsprachigen Ländern eng an eine bestimmte Vorstellung gebunden seien, die wiederum in einem bestimmten Rechtsbegriff gefasst oder verfasst sei. Wenn diese Rechtshistoriker Recht sagen würden und von Recht sprechen würden, dann meinten sie ein Recht der westlichen Moderne. Die Erklärung und der Appell zielen darauf, ein historisches Normativitätswissen zu erforschen, das von diesem Rechtsbegriff nicht umfasst sei. Die Adressierten sollen umlernen. Duve schreibt von vorne bis hinten gegen Universalisierung an. Man kann jedes Buch dumm oder klug lesen. Liest man es dumm, dann würde man seine These zu Bindung der Rechtshistoriker an die westliche Moderne als These zum Universalen/ Universellen lesen. Dann würde man sie so lesen, als würde Duve sagen, alle Rechtshistoriker seien bisher Rechtshistoriker gewesen und die seien alle an die westliche Moderne gebunden gewesen, die gesamte westliche Moderne sei in diesem Universum die gesamte westliche Moderne gewesen. Das wäre die dumme Lektüre. Die kluge Lektüre liest ihn so, dass er die Begriffe nicht wörtlich meint, nicht einmal den Begriff des Begriffes.

Die Rechtshistoriker? Der Westen? Die Moderne? Das ist nicht wörtlich gemeint, Duve notiert keine Universalien, wenn er diese Buchstaben und dieses Schriftbild auftauchen lässt. Duve liefert mit der Erklärung und dem Appell eine Formel, mit der ein Wandeln, ein Wenden, ein Wechseln – und in seinen Worten Translation und Inkommensurabilität gehändelt werden sollen. Dieses Wandeln, Wenden und Wechseln muss nicht ein Schritt von einem alten Zustand zu einem neuen Zustand, von alter Zeit in neue Zeit sein. Es kann sich um das handeln, was in der Literatur auch Kehre/ Kehren genannt wird oder was Friedrich Nietzsche, Aby Warburg und Walter Benjamin zu einer Gravitationsfeld ihrer Historiographie machen. Das heißt, dass Duves Buch nicht nur eine Erklärung und ein Appell ist, das ist auch eine Adressierung und Polarisierung. Mit dem Vokabular der Forschung zu Bildregeln, Bildregimen und juridischen Kuulturtechniken gesprochen sind die Erklärung und der Appell eine Musterung, eine Messung. Sie sind Akte, die Vismann auch als Ideogramme der Kanzleien, als velum verstanden hat. Zu seiner Erklärung und seinem Appell liefert Duve einen Apparat, den nennt Duve eine ‚Perspektive‘, er nutzt also den Begriff aus der Geschichte bildgebender Verfahren, einen Begriff, den Leon Battista Alberti schon einmal berühmt gemacht hat (und der eine Übersetzung des Begriffes velum ist)

Das Buch hat drei Hauptkapitel, eines zur Rechtsgeschichte in der Moderne, eines zur Rechtsgeschichte jenseits der Moderne und eins zur Methodik. Die Titel sind deutlich und sorgfältig gewählt. Das erste Kapitel kommt ohne Fragezeichen daher, es kommt nicht in der Form einer Fragestellung daher. Rechtshistorie in der Moderne, nicht in der Form einer Fragestellung. Das zweite Kapitel kommt mit einem Fragezeichen: Das Jenseits der Moderne in Form einer Fragestellung. Das dritte Kapitel, wieder ohne Frage, eines zu dem, in dem Methode auch Technik ist, so deute ich den Begriff Methodik (als habe dieser Begriff schließlich die Endung und Wendung der techné). Die Stoßrichtung des Buches: Universalismus, der durch gemeinsame Sprache gezügelt wird. Oder aber Analye und Kritik am Universalimus, die sich ‚translativ‘ nicht treiben, dafür umso geeigneter diszipliniert betreiben lassen. Kann man das so sagen? Ich habe es gerade gesagt, also kann man das wohl auch. Die Stoßrichtung ist eine geeignete Disziplin, die konstruktiv sein soll, aber nicht unbedingt im Dienst des Rechts stehen soll. Klingt schon mal gut.

IV.

Dieser Erklärung und der Appell, das ist die Situation, in der man vom Regen in die Traufe kommt. Auch das kann man dumm oder klug verstehen. Man kann darin Differenz und Wiederholung, man kann darin Unterschiede und das Selbe sehen. In der Traufe regnet es ja auch, entweder mehr oder aber weniger, man wird dort entweder schneller nass oder langsamer. Man kann das dumm und klug verstehen. Wie sehe ich das? Grundsätzlich halte ich es für klüger, Texte klug zu lesen. Duve macht Schleifen weiter, er legt eine produktive Schlingen aus, er macht produktiven Knoten. Wo Imagination ist (und das ist bei Erklärung und Appelle an ein Imago wohl der Fall) da ist Invention.

Ich habe vielleicht zuviel oder zuwenig gesagt, darum möchte ich das Gesagte an einer Passage erläutern, in der Duve auf China zu sprechen kommt. Wie für die Forschung zur juridischen Kulturtechniken üblich, beschreibe ich nicht nur, was es sagt, sondern wie er es sagt, welche juridische Kulturtechnik dabei kooperiert, in dieser Passage etwas ’sagbar‘ und ’sichtbar‘, mithin wahrnehmbar zu machen.

Die Passage findet sich auf Seite 146, und nicht nur das. Sie findet sich auch nur zwei Seiten hinter der ersten Abbildung des Buches, einer Graphik, einem Diagramm und einer Tafel, die unter anderem im Profil einen Menschenkopf zeigt. Diese Passage steht also erstens in der Nähe eines Bildes. Sie ist aber auch aus Bildern gebildet. Die gesamte Schrift dieses Buches hat nämlich auch ein Schriftbild, sie ist auch visuell. Dieses Passage, in der es erstens darum geht, den Austausch der Begriffe vom Recht und von der Normativität zu erklären und zweitens deutlich gemacht werden soll, wie wichtig eine Beschäftigung mit Transaltion und Inkommensurabilität sei, lässt das Problem, um das es in diesem Buch geht, zur Oberfläche kommen, undzwar aus der Tiefe. Duve macht Schelifen weiter, er legt Schlingen aus, er knotet. Wie macht er das und wozu? Wenn der Schreiber Schleifen, Schlingen und Knoten macht, dann soll der Leser das mitmachen, also mache ich das mit, mit der Erfahrung aus der Forschung und Lehre zu juridischen Kulturtechniken:

Es gibt Thesen, unter anderem im Westen und in der Moderne, außerhalb aber auch, dass Schrift und Bild getrennt seien und diese Trennung groß sei, weil sie sich nämlich in einer großen, geradezu monumentalen Anzahl andere Unterscheidung wiederholen würde. Die Trennung zwischen Schrift und Bild wiederhole sich zum Beispiel in der Unterscheidung zwischen Antike und Moderne, weil die Antike eher bildlich, zum Beispiel durch Mythos, und die Moderne eher schriftlich, zum Beispiel durch logos operiert habe. Die Trennung von Bild und Schrift wiederhole sich in der Trennung zwischen Westen und Osten, weil im Westen eher schriftlich und im Osten eher bildlich operiert würde. Wenn der Westen Recht schreibt, dann meine er das auch so. Im Osten sei aber das Schreiben des Rechts eher im bildlichen, metaphorischen oder übertragenen Sinne zu verstehen, eigentlich gäbe es da so etwas wie Recht nicht. Die Trennung zwischen Schrift und Bild und sei auch auch deswegen groß, weil sie sich in der Trennung von Sprache und Stummheit, von Begriff und Metapher, von Normativität und Suggestivität, von Multinormativität und Vieldeutigkeit wiederhole (weil Schrift multinormativ operiere und die Bilder vieldeutig operieren). Solche Thesen kursieren. Sie kreisen.

Manche Verwendungen der Thesen vom Iconic turn hängen an solchen Thesen, die mit dem Begriff und dem Dogma der großen Trennung assoziiert werden. Diese Passage, um die es mir geht und die ich gleich endlich zitieren werde, die nimmt einen auffälligen Wechsel in der Schrift vor. Neben der lateinischen Schrift tauchen nun auch chinesische Schriftzeichen auf. Es gibt Thesen, wieder mal im Westen und in der Moderne, außerhalb aber auch, die behaupten, das chinesische Schriftzeichen kein Alphabet seien und dass sie sich nicht die Trennung zwischen Schrift und Bild vollzogen hätten, die die lateinische Schrift vollzogen hätte.

Diese Thesen gehören zum Dogma der großen Trennung. Hofentlich ist keine Leser und keine Leserin meiner Rezenzion so kindisch, dass ich verschweigen müsste, dass diese Thesen strittig sind und damit Teil des Bilderstreites sind. Auch die lateinische Alphabetschrift hat mimologische, ideologische und ideographische Elemente, die historisch ausgiebig genutzt wurden und genutzt werden, nicht nur in der Gegenreformation, nicht nur von Jesuiten, nicht nur in der Moderne und nicht nur von Lettristen, Dadaisten, Carl Schmitt und Situationisten. Die lateinische Schrift ist abstrakt und konkret noch dazu. Sie wiederholt die Unterscheidung zwischen Schrift und Bild, ohne die allgemeine Ordnung dieses Unterschiedes zu sein oder diesen Unterschied allgemein mediatisieren, technisch reproduzieren oder vermitteln zu können. Wiederholen kann sie alle Unterschiede, auch technisch reproduziert, mediatisiert, vermittelt, rhetorisch und artifiziell. Die lateinische Schrift ist sichtbar, soweit sie die Unterscheidung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit wiederholt. Sie wiederholt die Unterscheidung zwischen Sprache und Stummheit. Sie wiederholt sogar die Unterscheidung zwischen Stabilität und Zerfall. Nur, weil ich nicht mehr mit dem Apparat der Systemtheorie arbeite, heißt das nicht, dass ich nicht fasziniert davon bin, wie dort das Kalkül der Formen und Theorien der Kommunikation genutzt werden. Auch wenn ich die Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken eher zu den Operationswissenschaften als zu dem Medien- und Kommunkationswissenschaften zähle, höre ich nicht auf, das Kalkül der Formen zu nutzen.

Auch die chinesische Schrift hat ‚alphabetische Elemente‘, wenn man unter einem alhabetischen Element einen Graphismus versteht, dessen Form mit der Form eines Lautes, einem Morphem assoziiert ist. Die Bindung zwischen Graphem und Morphem, die man mit dem Begriff Alphabetschrift assoziiert, die gibt es auch in der chinesischen Schrift, nur auf eine anderen linguistischen Ebene oder aber auf einer anderen linguistischen Schicht. Darum kann Duve das erste chinesische Schriftzeichen auch mit dem lateinschen Alphabet assoziieren (er macht es ja und schreibt nicht nur die chinesischen Schriftzeichen, sondern auch li, fa und zhi). Ich behaupte nicht, dass es keinen Unterschied zwischen lateinischer Schrift und chinesischer Schrift gibt. Ich arbeite aber mit einer anthropologischen Erfahrung, nach der alles das, was hier vorkommt, auch da vorkommt, nur in andereren Frequenzen und Sequenzen. Die Unterscheidung zwischen lateinischer Schrift und chinesischer Schrift ist ein Beispiel für den Einsatz juridischer Kulturtechnik in juristischen Methoden. Noch bevor man den Rechtsbegriff definiert hat, kooperieren schon andere Scheidekünste, nämlich die Kunst, chinesische Schrift von lateinischer Schrift oder linguistische Ebenen und Schichten zu unterscheiden und damit Bilderstreit zu führen, sei es, weil man behauptet, dass die eine Schrift abstrakter und bildloser sei als die andere oder weil man verneint, dass es so sei. Man kann für den Unterschied zwischen China und Westen sagen, was in der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken und zur Bild- und Rechtswissenschaft zum Unterschied zwischen Deutschland und Italien gesagt wird. Der Unterschied zwischen China und Westen kommt in China und im Westen vor, qua Wiederholung, aber nicht in allgemeiner Ordnung. In meiner Kritik an Möllers heißt es, dass die Grenzer einer Norm mitten durch die Norm ging. Die Grenze einer Form geht mitten durch die Form. Diese Umstand ist der Geschichte und Theorie des Bilderstreites assoziiert. Es gibt dazu ein Standwerk, das sich allerdings nur dann als Standardwerk zeigt, wenn man es übersetzt. Ich rede von Marie-José Mondzains, Image, Icon, Economy: The Byzantine Origins of the Contemporary Imaginary, inbesondere von den Passagen zur Linie und zum Umriss. Friedrich Balke hat einmal in einem Band zu den Bildregimen und immer wieder in Texten zu Bachofen und Klossowski kommentiert, wie sich die Grenze der Form in dem Verhältnis von Linie und Umriss wiederholt und dann die Imaginationen und Inventionen des antiken Bilderstreits ebenfalls wiederholen. Die Frage nach der Kenosis ist nicht aus der Welt, wenn die Frage nach der Technik in der Welt ist. Die Frage nach anderen und dem Anderen, nach Alterität und Kontingenz ist nicht aus der Welt, wenn die Frage nach der Übersetzung in der Welt ist. Mit jeder dieser Fragen manövriert man einen Austausch der Situation des Regens und der Situation in der Traufe.

Dieser Ausgangspunkt, mit dem nicht nur Norm und Form als vollständige Synonyme, sondern als Elemente einer operativen Ontologie und des Bildes/ der Bildung, der Bildnahme und der Bildgebung gedacht werden, ist Ausgangspunkt für die Kritik, die ich mit der Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken u.a. an Thomas Vestings Projekt übe. Sein Projekt ist nicht falsch, es ist eine Geschichte und Theorie permanter Reformation und eine Apologie von präzisen, auch präzise konditionierten Versionen von Liberalismus im Westen und in der Moderne (man kann das geographisch und historiographisch präziser bestimmen als ich es hier sage). Diese Kritik soll Vesting nicht widerlegen, sie soll ihn deuten und möglichst nicht auf sein Verkürzen verkürzen. Um Vesting geht es jetzt nicht, es geht um Duve. Aber dieser Schlenker ist mir wichtig, um zu erläutern, inwieweit ich die Situation schätze, in die uns Duve mit der Passage bringt. Dieser Augangspunkt trägt auch meine Rezension. So komme ich nämlich zum den Zeilen, um die herum dieser Rezension kreist.

IV.

Jetzt endlich das Zitat, das kurz hinter der erste Abbildung auf Seite 146 sich findet. Jetzt endlich die Zeilen.

Würden wir es sinnvoll finden, dass man unsere Rechtsgeschichte anhand der Grundbegriffe li (理 sowie 礼), fa (法) oder zhi (制) strukturiert? Wohl kaum. Deswegen sollten wir so etwas auch nicht in Bezug auf andere Regionen und Kulturen versuchen.

Diese Passage führt, wie das gesamte Buch vom Regen in die Traufe. Sie macht es besonders eindrucksvoll, auf besonders deutliche Weise. Sie lässt das Problem auf die Oberfläche kommen, aus Tiefe. Eine Reihe von Repliken liegen nahe, in ungeordneter Auflistung etwa die: (1) Ich würde es für sinnvoll halten, unsere Rechtsgeschichte anhand solcher Grundbegriffe zu strukturieren, (2) das wird auch getan, (3) seit der Antike, (4) man soll das in Bezug auf (5) andere Regionen und (6) Kulturen tun und (7) tut es auch schon seit (8) längerer oder (9) kürzerer Zeit, (10) noch in dieser Passage selbst tut Duve das. (11) Wenn das Grundbegriffe sein sollen, warum wählt Duve gerade die aus? Würden Chinesen nicht andere wählen, andere vielleicht sogar bevorzugen? Woher nimmt er das Maß, wenn er li, fa und zhi Grundbegriffe nennt und dazu diese Schriftzeichen auswählt? Übersetzungen setzen was, sie gehen mit Stoßrichtungen einher. Irgendwo ist die Stelle, an denen die Übersetzung selbst übersetzt, und zwar von ihrem ökonomischen Element in ihr ökologisches Element; von ihrem ökologischen Element in das, was Echo ist (Nymphe/ Widerhall/ Wiederholung); von dem, was echi ist, in das was Tropos, polis, polus ist. Irgendwo ist die Stelle, das setzt die Übersetzung in ihr polemisches und dann ihr polemousophisches Element über. Irgendwo ist in der Überseztung die Stelle, an der die „Übersetzung“ vom Begriff zur Metapher und von der Sprache ins Stumme übersetzt, et vice versa. Irgendwann kommen die Tropen in die Tropen. Da ist bei jeder Übersetzung eine Trennung, eine Assoziation und ein Austauschmanöver. Übersetzungen sind graphische Züge oder Operationsketten, die man nur in Auszügen wahrnimmt.

Woher nimmt Duve das Maß, wenn er China eine Kultur oder eine Region nennt? Die Übersetzungsfragen hören nicht auf, wenn man den Begriff des Rechts gegen den der Normativtät austauscht. Die Rechtswissenschaft ist nicht nur eine Wissenschaft des Rechtsbegriffes. Vielleicht sind li fa und zhi keine Grundbegriffe? Vielleicht sind Metaphern in China keine Metaphern? Vielleicht ist China eine Metapher? Diese Passage ist nicht einfach eine Schleife, eine Schlinge, ein Knote. Diese Passage ist auch für alles anderen Passagen, wie für das gesamte Projekt von Duve wie für das anivisierte Problem und den Umgang damit entweder repräsentativ oder symptomatisch oder eine Wiederholung. Man kommt nicht aus der Übersetzung raus, nicht aus der Setzung. Man kommt aus den Stössen und den Richtungen nicht raus. Ist es ein Trost, wenn man an Kafka erinnert und darauf verweist, dass man aber auch nicht in die Setzung, nicht in die Übersetzung, nicht in den Stoß und nicht in die Richtungen kommt, weil man nie, und auch nicht in seinen Operationen, die allgemeine Ordnung ist, dafür aber Unterscheidungen wiederholt. Man kommt nicht aus der Form, aber auch nicht in die Form. Man kommt nicht aus dem Regen, nicht in den regen, nicht in das Regen. Denn da ist Element, keine Passage und keine Stelle, die nicht die Unterscheidung von aussen und innen wiederholt. Man kann nicht aus dem Universalismus hinaus, nicht hinein. Man bleibt kosmologisch, kosmographisch und kosmotechnisch. Man wiederholt die Musterung, das Messen, Missen, das Scheiden, Schichten und Skalieren. Mit noch etwas operiert Duve, nicht nur mit Schriftezeichen. Er operiert mit Formen, durch die ein Regen (Bewegung/ Animation) geht, in dem Fall auch jenes Regen, das in rhetorischen Institutionen mit den Begriffen energeia, enargeia und evidentia assoziiert wird. Duve präsentiert eine Selbstverständlichkeit. Was er präsentiert, ist vielleicht nicht jedem Selbstverständlich, ihm aber schon, Die vielen Einwendungen, die tauchen bei ihm gar nicht auf, statt dessen die Form(el): Wohl kaum! Das ist eine Formel der Selbstversändlichkeit: ihm ist es verständlich. Das Schreiben hat ihm geholfen, jetzt soll es auch dem Leser helfen. Was es tut, egal ob es ihm selbstverständlich ist oder fremd bleibt.

Im Detail wiederholt sich, was im Buch nicht ganz wird und selbst im Buch keine allgemeine Ordnung hat, dafür aber Wiederholungen. Der Unterschied zwischen dem Rechtsbegriff und dem Begriff der Normativität: wo und wann soll dieser Unterschied zu sich gekommen sein? Wo und wann soll eine Technik, die rekursiv, mimetisch und kreuzend (kontrafaktisch) operiert, endlich zur Eignung reif geworden sein? Man muss nicht gleich verlangen, dass sich Rekursion und Reflexivität vollendet decken, dass alles blinden Flecken sehend werden und eine symmetrische Wissenschaft, handele sie nun vom Recht oder von der Normativität, ihre Limitierung verlieren würde. Wenn man aber von Vermehrung spricht, dann sollte man allerdings eine Reifung verlangen. Tut das Duve? Wie hält es denn duve jetzt genau mit dem verhältnis zwischen Universalismus und gezügelter Sprache? Ich lese Duves Buch jetzt klug, nicht dumm. Ich lese es so: Eine Reifung, mit der sich Rekursion und Reflexion geeignet decken könnten, die verlangt er gar nicht. Die Rede von der Vermehrung, das ist ein Werben, für das es gute Gründe gibt, aber keine Offenbarung von Wahrheit. Zugespitzt ausgedrück: das meint er gar noicht so, dass sich in den letzten Jahren was in Sachen westlicher Moderne in die die Richtung entwickelt hätte. Das ist eine Formel, so etwas wie ein Pathosformel, eine Kontigenzformel oder Transzendenzformel. Das ist eine Form, um Formen der Übersetzung und Formen der Inkommensurabiliät wiederhoeln zu können. Das Buch instituiert, substituiert und restituiert. Was es konstituiert, das sollen andere rezenzensten sagen, das beschäftigt mich nicht. Diese Buch bringt auf kluge Weise vom Regen in die Traufe, stellt auf übersetzte Weise auch die Frage, die eine Leitfrage der Forschung zu Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken sein kann, nämlich: how to reign the rain?

Meine Kritik lautet dem Buch lautet nicht, dass Duve Schleifen ‚weitert‘, Schlingen legt und Knoten bildet. Das ist der Vorzug des Buches. Das Buch ist so attraktiv, weil es in den Passagen, in denen die Probleme aus der Tiefe zu Oberfläche kommen, dringend und drängend ist. Die Kritik lautet aber schon, dass es davon ausgehend Inkonsequenzen gibt, die sich aus der Konzeption als Erklärung und Appell an das Imago deutscher Rechtshistoriker ergeben. Duve spricht in wiederholten Passagen von Geeignetheit und Ungeeignetheit. Es gibt Passagen, die ich mit dem Begriff der entsetzlichen Schriftsätzlichkeit assoziieren würde. Ist der Feind wirklich die eigenen Frage als Gestalt? Soll man sich hetzen?

Diese Passagen tauchen dann auf, wenn Duve in Katogieren von Schulbildung und Disziplin operiert. Muss man für rechtshistorische Forschung in Deutschland ein Curriculum entwickeln? Sind die Mittel so knapp, dass man den Forscherinnen und Forschern sagen muss, welche Forschung geeignet und welche ungeeignet ist, vor allem in Situtioen, wo das Setzen mit dem Übersetzen einhergeht und sich der Regen und die Traufe treffen? Die Tendenz, andere auf ihr Verkürzen zu verkürzen, die kommt in diesem Buch am Rande vor, aber wird es am Rande besser? Ist man selbst einer am Rande, na ja, eben Regen und Traufe. Ich weigere mich jetzt, Duve auf sein Verkürzen zu verkürzen. Die Quellen sind selektiv, ja was denn sonst? Jede Seite lese ich so, wie die Leute bei einem Fußballspiel zuschauen, manchmal schiesst es mit durch den Kopf, er solle jetzt abgeben und einen Pass zu einer Autorin oder einem Autor machen, die mit nahe und am Herzen liegen. Tolles Buch! Mehr davon!

Die Erklärung an das Imago geht in einer Passage damit einher, die Metaphorologie für ‚ungeeignet für analytische Rechtsgeschichte‘ zu erklären, weil Metaphern vieldeutig und suggestiv seien. Das ist eine Randerklärung. In einem Buch, das sich den Fragen nach der Translation und der Inkommensurabilität verschrieben hat, irritiert das den Leser, der ich bin. Das wirft Fragen auf: Geht es Duve nur um Analyse, nicht auch um Kritik, eignet sich Metaphorologie also eher für eine kritische Historiographie und die Translationstheorie eher für analytische Historiographie? Ist der Begriff der Suggestivität eventuell eine Übersetzung des Begriffes Normativität? Ist der Begriff der Vieldeutigkeit nicht ein Übersetzung für Multinormativität? Wie das eben so ist. Die Frage nach der Übersetzung, nach Translation und Inkkomensurabilität stellt sich ja nicht erst dann, wenn man nach China aufbricht. Die stellt sich in der kleinsten Stelle. Die Geheimnisse der alten Ägypter waren den alten Ägyptern selbst ein Rätsel. Die Welt wird nicht erst in der Fremde fremd. Der andere ist anders, aber nicht total anders.

Eventuell ist das Imago der Fachgemeinschaft eine Tafelassoziation, keine Tischgemeinschaft. Mir fällt es noch schwer, das Wissen so zu bündeln, wie Duve es tut. Aber geübt werden soll es. Das Buch weitet Schleifen, es legt Schlingen, es knotet. Dieses Buch operiert mimetisch, rekursiv und kreuzend. Es ist tautologisch und widersprüchlich. Gut so. Damit fangen die Probleme an – und mit Büchern, die etwas anfangen lassen, kann ich was anfangen. Das Buch wird noch wiederholt durchzuarbeiten sein, dem Leser mindestens.

Mit allen Arbeitsvorschlägen, die in dem Buch gemacht bin ich sofort einverstanden! Mit allen Vorschlägen zur Forschung und zur Methode: sofort einverstanden! Apothekerweisheit: Viel hilft! Ob das, was im Buch als zwingend vorgestellt wird, wirklich zwingend ist, das weiß ich nicht, aber es es ist irrelevant, weil auch das helfen kann, was nicht zwingend ist. Ob das, was im Buch als schützend bezeichnet wird, wirklich schützend ist, das weiß ich nicht, ist miir aber auch irrelevant, weil ich diesen Schutz gar nicht brauche. Ich wüsste jetzt nicht, wieso ich oder meine Arbeit vor Dichotomien, Reifizierungen und vor Annahmen zur Statik geschützt werden müsste (vgl. S. 166). ICh wüsste nicht einmal, warum ich oder meine Arbeit vor Stereotypen geschützt werden müsste. Man kann auch mit Stereotypen doppelt sehen und dann andere und den Anderen, als kleine und große Trennungen, Assoziationen und Austauschmanöver vornehmen. Für ein Manifest ist dieses Buch recht lange, die lässigen Wiederholungen wiederum passen zum Manifestcharakter wiederum gut.

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